03.01.2005

Leben ist an sich ein Risiko

Von Wellershoff, Marianne

Frank Schätzing, 47, Autor des Bestsellers "Der Schwarm", über die Bedrohung durch Tsunamis und Meteoriten und das trügerische Gefühl der Sicherheit in der westlichen Zivilisation

SPIEGEL: Herr Schätzing, in Ihrem Roman "Der Schwarm" beschreiben Sie detailgenau, wie ein Tsunami das nördliche Europa überrollt. Ist es Ihnen unheimlich, dass dieses Horrorszenario nun in Südostasien Wirklichkeit geworden ist?

Schätzing: Nein, denn ich habe mich sehr lange mit dem Phänomen Tsunami beschäftigt. Wenn man sich damit befasst, kommt man automatisch zu der Erkenntnis, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis so eine Katastrophe eintritt. Wir wiegen uns in einer falschen Sicherheit.

SPIEGEL: In der falschen Sicherheit, die Natur könne unserer Zivilisation nichts mehr anhaben?

Schätzing: Die Erdgeschichte vermittelt uns den Eindruck, Naturkatastrophen seien vor langer Zeit passiert und damit Vergangenheit. In Wahrheit leben wir in Pausen zwischen Katastrophen. Das Einzige, was wir sicher wissen, ist, wie lange die Pause schon dauert.

SPIEGEL: Aber nicht, wie lange sie noch dauern wird.

Schätzing: Eben. Ein Meteorit kann auf die Erde stürzen, ein schreckliches Beben kann Land oder Meer erschüttern. Wir müssen uns eingestehen, dass der dünne Schutzschild unserer hochtechnisierten Zivilisation schnell zerbrechen kann, wenn die Naturgewalten zuschlagen. Wir werden durch unsere Fortschrittsgläubigkeit dazu erzogen, auch an unsere Überlegenheit zu glauben. So furchtbare Ereignisse wie der Tsunami in Südostasien holen uns schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurück. Bevor ich den "Schwarm" schrieb, habe ich immer wieder von einer gigantischen Welle geträumt, der man nicht entkommen kann. Während der Arbeit am Roman stand mir dieses Bild der heranrasenden Wasserfront oft vor Augen. Das ist schon grauenvoll.

SPIEGEL: Inwiefern trifft die Menschen Ihrer Meinung nach eine Mitschuld an Naturkatastrophen wie der aktuellen?

Schätzing: Was man der Menschheit vorwerfen kann, ist zum einen, dass wir zu schnell in Systeme eingreifen, die wir nicht hinreichend verstanden haben oder aber vorschnell zu beherrschen glauben; zum anderen Ignoranz.

SPIEGEL: Sollten Politik und Forschung also mehr in Schutzmaßnahmen vor Naturkatastrophen investieren?

Schätzing: Selbstverständlich müssen wir mit Hochdruck daran arbeiten, solche Technologien zu entwickeln, um der Natur begegnen zu können. Man kann zum einen versuchen, mit Hilfe der Technik Katastrophen im Vorfeld zu verhindern. Falls das nicht möglich ist, muss man alles daransetzen, die Auswirkungen zu kontrollieren. Wissenschaftler beschäftigen sich heute mit der Frage, wie man Meteoriten zerstört, bevor sie auf die Erde fallen. Ich bin sehr dafür, diese Forschung voranzutreiben, denn wenn ein Meteorit aufschlägt, ist es schlichtweg zu spät.

SPIEGEL: Mit Hilfe eines Tsunami-Frühwarnsystems in Südostasien hätten vermutlich Tausende von Menschenleben gerettet werden können.

Schätzing: Im Pazifik gibt es so ein Tsunami-Frühwarnsystem, dem sich immer mehr Anrainerstaaten anschließen. Auch wenn die Hawaiianer es mittlerweile müde sind, häufig umsonst ins Innere ihrer Insel evakuiert zu werden - am Ende, wenn tatsächlich die Welle kommt, sind sie dem System dankbar. Natürlich muss man den Regierungen rund um den Indischen Ozean ankreiden, dass sie die Gefahr unterschätzt haben. Weit schlimmer ist, dass der Westen die Region allein gelassen hat mit ihren Problemen. Die meisten Länder dort sind sehr arm. Man hätte Südasien längst so ein Warnsystem finanzieren sollen.

SPIEGEL: Auf Sumatra, wo man mit über 45 000 Toten rechnet, schlug die Welle allerdings schon wenige Minuten nach dem Beben auf die Küste.

Schätzing: Selbst in wenigen Minuten können Sie Menschen vom Strand wegbringen. In den meisten Gebieten dauerte es aber zwei, drei Stunden, bis die Flutwelle heranrollte. Diese Leute nicht gewarnt zu haben, ist ein furchtbares Versäumnis. Es muss leider immer erst das Schlimmste passieren, bevor Politiker anfangen zu handeln. Mal abgesehen davon, dass sich niemand dazu be- kennt, verantwortlich für die Versäumnisse zu sein.

SPIEGEL: 50 Prozent der Menschheit leben an den Küsten. Erscheint Ihnen dies als unverzeihlicher Leichtsinn?

Schätzing: Nein, aber man muss sich, wie dieses Seebeben zeigt, von dem Gedanken verabschieden, in hundertprozentiger Sicherheit zu leben. Leben ist an sich ein Risiko, und das verdrängen gerade die Industrienationen gern. Wenn wir die Natur nutzen wollen, setzen wir uns ihren Gefahren aus, ob im Gebirge oder am Wasser. Wasser bietet viele ökonomische Vorteile - und birgt genauso viele Risiken.

SPIEGEL: Fürchten Sie sich seit Ihrer Recherche für den "Schwarm" mehr vor der See?

Schätzing: Ich habe mich noch nie vor dem Meer gefürchtet, und daran hat sich nichts geändert. Ich werde auch nach dieser Katastrophe gern zum Tauchen fahren. Wir können uns nicht vom Entsetzen lähmen lassen. Da kommt der Menschheit ihre Disposition zur Verdrängung endlich mal zugute. Manche Erfahrungen werden nur ernst genommen, wenn man sie selbst gemacht hat oder wenn sie von einer Person weitergegeben werden, die sie gemacht hat. Spätestens in der vierten Generation werden diese Erfahrungen wieder vergessen. Das kann schlecht sein, siehe Neonazis, und manchmal gut, denn es ermöglicht uns einen unvorbelasteten Neuanfang.

SPIEGEL: Sie würden also in Südostasien Urlaub machen?

Schätzing: Ich war schon zweimal auf den Malediven, auf Thulagiri habe ich meinen Tauchschein gemacht. Damals, Ende der achtziger Jahre, habe ich meinen Urlaub in einem schmucken kleinen Resort verbracht, wer weiß, ob das überhaupt noch existiert. Ich erinnere mich, dass ich am Strand saß und mich fragte, was wohl passieren würde, wenn plötzlich eine Riesenwelle käme. Dann sind wir alle weg, dachte ich. Auf den Inseln gibt es keine

Berge, auf die man laufen könnte, man könnte vielleicht versuchen, auf eine Palme zu klettern. Aber das hat mich nie geängstigt. Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass man auch auf diese Weise sterben kann.

SPIEGEL: Verstehen Sie Ihr Buch als Warnung - so wie der Regisseur Roland Emmerich mit seinem Film "The Day after Tomorrow" auf eine drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen wollte? Oder als Thriller, vergleichbar mit dem Kinofilm "Deep Impact", der einen Meteoriteneinschlag als Actionthema benutzt?

Schätzing: Emmerich hatte von Anfang an eine politische Botschaft. Ich dagegen wollte mit dem "Schwarm" einen spannenden Thriller schreiben. Im Laufe der Arbeit wuchs allerdings die persönliche Betroffenheit. Insofern freue ich mich heute, wenn dem "Schwarm" zugeschrieben wird, dass er in den Köpfen der Menschen etwas bewirkt hat.

SPIEGEL: Das klingt, als wären Sie doch eher ein Optimist.

Schätzing: Ja, aber mit einer Einschränkung: Pessimismus ist der Schatten, den der Optimismus werfen muss, um ernst genommen zu werden. Alles andere ist Naivität.

SPIEGEL: Sind Sie sich der Tatsache bewusst, dass Sie selbst in Köln in einem erdbebengefährdeten Gebiet wohnen?

Schätzing: Natürlich, ich bin bei dem Erdbeben Anfang der neunziger Jahre auch aus dem Bett gefallen. Da sind die Bilder von den Wänden heruntergeknallt, und ein Schrank ist umgekippt. Ich habe intuitiv das Richtige getan und mich unter eine Türzarge gestellt. Dann habe ich meine damalige Freundin an die Hand genommen und wollte mit ihr das Haus verlassen, aber in diesem Moment hörte das Beben wieder auf. Ich hatte vorher gehört, wie das Erdbeben sich näherte: Es gab ein Zittern und ein Geräusch, das wie das Vorbeirattern einer U-Bahn klang. Aber dieses Geräusch wurde immer lauter und schien tief aus der Erde zu kommen.

SPIEGEL: Hatten Sie Angst in diesem Moment?

Schätzing: Ich hatte ein Gefühl der absoluten Ohnmacht. Wenn die Erde bebt, sind wir vollkommen machtlos.

INTERVIEW: MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 1/2005
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