DER SPIEGEL



Ein Kerl, der nie aufgibt

Von Evers, Marco

Der Schauspieler Jamie Foxx, 37, der für seine Darstellung in dem Film "Ray" als Oscar-Favorit gilt, über den amerikanischen Helden Ray Charles, dessen Drogensucht und wildes Liebesleben

SPIEGEL: Mr. Foxx, Ihr Auftritt in "Ray", wo Sie die im Juni 2004 verstorbene Musikerlegende Ray Charles verkörpern, fällt in eine Zeit, in der Hollywood eine ganze Reihe von Biografien über amerikanische Künstler und Erneuerer herausbringt. Ist es wahr, dass keines der großen Studios "Ray" finanzieren wollte?

Foxx: Ja, das gesamte Budget in Höhe von 40 Millionen Dollar hat ein einziger Mann zur Verfügung gestellt, Philip Anschutz aus Colorado, ein Ray-Charles-Fan. Er hat mit dem Regisseur Taylor Hackford ausgehandelt, wie der Film seiner Meinung nach aussehen sollte.

SPIEGEL: Philip Anschutz ist weiß, milliardenschwer, streng religiös und konservativ. Hat er Ihnen vorgeschrieben, was Sie in einem Film über einen heroinsüchtigen Casanova zeigen dürfen?

Foxx: Ja, das hat er. Aber diese Dinge hat er nicht mit mir, sondern mit dem Regisseur verhandelt. Ich habe nur gesagt: Ich mache, was ihr wollt. Lasst mich wissen, wann ihr euch einig seid.

SPIEGEL: Sie haben sich auch mit Ray Charles selbst noch getroffen. Hat der Ihnen Vorschriften gemacht?

Foxx: Nein. Als wir uns kennen lernten, wusste er, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hat. Er hat mich auf die Probe gestellt, meine Hände befühlt und gesagt: "Aha, kräftige Finger." Dann saßen wir am Klavier, und er sagte: "Wenn du den Blues spielen kannst, dann kannst du alles." Wir spielten den Blues, und er war zufrieden. Aber dann spielte er ein Stück Thelonious Monk, und das war höllisch schwer. Ich brauchte eine Weile, mich hineinzufinden. Als ich es raushatte, rief er: "Du hast es, du bist ein Kerl, der nicht aufgibt." Das war für mich wie ein Ritterschlag - ohne den hätte ich Ray Charles niemals spielen können.

SPIEGEL: Für Ihre Rolle in "Ray" gelten Sie in Hollywood als Oscar-Favorit. Wie lange hat es gedauert, bis Sie die Mimik und Körpersprache von Ray Charles so beherrschten?

Foxx: Sicher ein Jahr. Ich wollte mehr sein als nur ein Ray-Charles-Imitator, ihn in all seinen Nuancen zeigen: wie er gegangen ist, wie er ein Messer gewetzt hat oder zum Telefon gegriffen hat. Ich habe zahllose Stunden vor dem Spiegel gestanden und geübt. In diesem Fall war es besonders schwer, denn jeder kennt Ray Charles. Da darf man nicht danebenliegen.

SPIEGEL: Wie viel Zeit haben Sie mit Ray Charles selbst verbracht?

Foxx: Nur wenige Tage. Er war schon nicht mehr ganz fit. Wenn ich mir Eigenheiten von ihm abgeschaut hätte, dann hätte ich den 73-jährigen Ray Charles eingefangen. Aber ich brauchte den 18-jährigen. Darum habe ich mir lieber alte Filmdokumente von ihm angeschaut und mit Leuten gesprochen, die ihn schon als jungen Mann kannten.

SPIEGEL: Sie haben ihn also aus Bruchstücken zusammengesetzt?

Foxx: Ja, wie ein Archäologe. Quincy Jones hat mir ein Tonband gegeben. Da hört man zum Beispiel eine Interviewerin sagen: "Ray, lassen Sie uns über Drogen sprechen." Und Ray Charles, ein notorischer Heroin-Junkie, fängt mit hoher Stimme an zu stammeln und auszuweichen. Das haben wir im Film benutzt. Da windet er sich jedes Mal, wenn er von einer Frau zur Rede gestellt wird, wenn Vorwürfe auf ihn niederprasseln oder er Verantwortung für etwas übernehmen soll. Ich habe solche Fundstücke benutzt wie DNS, um jeden Aspekt seines Lebens zu rekonstruieren.

SPIEGEL: War Ray Charles bereit, mit Ihnen offen über sich zu reden?

Foxx: Nur wenn ich ihn direkt mit Fakten konfrontieren konnte. Aber dann war es oft leicht, mehr zu erfahren, und er hat erzählt, welche Gerüchte über ihn stimmten und welche nicht. Doch wenn ich zum Beispiel fragte: "Ray, hattest du viele Frauen?", erwiderte er: "Ach, nein."

SPIEGEL: Immerhin soll er zwölf Kinder von sieben verschiedenen Frauen gehabt haben.

Foxx: Er war eben ein ganz besonderer Mann, einen wie ihn sieht die Welt nicht wieder. Allein seine Beziehung zu seiner Frau Della Bea Robinson wäre einen Spielfilm wert. Sie war sehr stark und blieb bei ihm, obwohl sie von all den anderen Frauen wusste. In vielem war Ray Charles sehr extrem - so hell sein Yin leuchtete, so dunkel war sein Yang. Aber dafür war er ein musikalisches Genie: Er hat die Musik verändert.

SPIEGEL: Entdeckten Sie Eigenschaften an ihm, die Ihnen zuwider waren?

Foxx: Ich habe alles an ihm gemocht oder Verständnis dafür gefunden. Das gilt auch für seine Heroinsucht. Zu seiner Zeit galten Drogen als Mittel der Inspiration. Einige Musiker haben damals zu Heroin gegriffen, um dann spielen zu können - zum Beispiel Charlie Parker. Was mich wirklich beeindruckt hat, war die Entschlossenheit, mit der Ray Charles nach fast zwanzig Jahren gegen die Sucht angekämpft hat. Er hat sie besiegt, was nur wenigen aus seiner Generation gelungen ist.

SPIEGEL: Neben solchen Tugenden wie Rays Tapferkeit und Härte mit sich selbst zeigt der Film auch Schwächen wie seine Egomanie oder die Fixierung auf Geld.

Foxx: Er ist in großer Armut aufgewachsen. Ich bin selbst Musiker und verstehe deshalb, warum er manchmal hart sein konnte. Denn außer bei der Mafia gibt es nirgendwo so viele Halsabschneider wie im Musikgeschäft. Er wusste, dass er seiner Kunst nur dann treu bleiben könnte, wenn er stets über genügend Geld verfügte.

Wirklich besessen war er nur von der Musik. Das Geld hätte er jederzeit eingetauscht für einen großartigen Song oder für eine Frau, die singen kann.

SPIEGEL: Anders als im Film, wo sich Ray Charles für das Ende der Rassentrennung in den USA einsetzt, hat der echte Ray Charles als einer von wenigen schwarzen Künstlern zu Apartheid-Zeiten in Südafrika gespielt; auch bei Ronald Reagans Amtseinführung hat er gesungen.

Foxx: Ja, er war kein Aktivist. Das bringen die Leute oft durcheinander. Nur weil jemand Sänger ist oder Schauspieler, bedeutet das nicht, dass er immerzu die Welt retten will. Aber unterschätzen Sie Ray Charles nicht. Er ging in die Höhle des Löwen: nach Südafrika oder zu den Republikanern. Und er hat dort sicher vielen Leuten die Augen geöffnet. Rassenkonflikte sind widerlich. Doch Ray Charles lachte oft darüber und spielte Musik für jeden, der sie hören wollte.

SPIEGEL: Hat ihm seine Blindheit Ihrer Meinung nach in gewisser Weise auch größere Freiheiten verschafft?

Foxx: Ich glaube, er hat Dinge gefühlt, die wir leicht übersehen. Blind zu sein hat ihm geholfen, sich stärker auf die Musik zu konzentrieren. Bei den Dreharbeiten habe ich gelernt, wie hart es ist, nicht sehen zu können. 6 Wochen lang trug ich 14 Stunden am Tag Kontaktlinsen, die mich vollkommen blind machten. Es ist ungeheuerlich, wie Ray Charles seine Situation gemeistert hat. Er konnte Braille-Schrift lesen, aber er hat sich stets geweigert, einen Blindenhund oder einen Stock zu benutzen. Trotzdem fand er immer seinen Weg. INTERVIEW: MARCO EVERS


DER SPIEGEL 1/2005
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DER SPIEGEL 1/2005

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