10.01.2005

EUROPÄISCHE UNIONHilferuf per SMS

Drei Wochen nach der kontroversen Debatte der europäischen Regierungschefs, ob Brüssel die Türkei nun endlich zu EU-Beitrittsgesprächen einladen solle oder nicht, offenbart sich einmal mehr die Dramatik des entscheidenden Gipfeltreffens. Erst die letzten drei Stunden hätten den Erfolg sichergestellt, so die türkische Zeitung "Sabah", die jetzt die hektische Verhandlungsdiplomatie hinter den Kulissen dokumentierte:
Freitag, 17. Dezember, 7.00 Uhr: Ankara sieht seine Einwände gegen die Forderungen der Europäer unberücksichtigt; die niederländische Ratspräsidentschaft hat am Morgen den Text der beabsichtigten Erklärung sogar weiter verschärft.
8.30 Uhr: Erdogan trifft mit dem niederländischen Ratsvorsitzenden, Jan Peter Balkenende, zusammen. Der besteht darauf, dass Ankara sofort das Zusatzprotokoll in Sachen Zypern unterzeichnet. Die Griechen feiern bereits die "Anerkennung Südzyperns", ihres eigenen Inselteils. Doch Erdogan lehnt ab.
10.30 Uhr: Der niederländische Außenminister Bernard Bot legt das nach Meinung der Türken bisher negativste Angebot vor, als "unsere endgültige Entscheidung": "Ohne die Anerkennung Zyperns können die Beitrittsverhandlungen nicht begonnen werden", heißt es. Erdogan verabschiedet sich mit einem englischen "Thank you ... Good bye". Er lässt das Flugzeug zur Abreise bereitstellen und eine Pressekonferenz anberaumen.
In seiner bereits vorbereiteten Rede will er den europäischen Regierungschefs eine "Denkweise der Kreuzzüge" vorwerfen. Sein außenpolitischer Berater Cüneyd Zapsu verschickt zugleich drei SMS-Nachrichten: an den britischen Botschafter Peter Westmacott, US-Botschafter Eric Edelman und an den deutschen Kanzlerberater Reinhard Silberberg. Der gleichlautende Text: "Es ist aus, wir fliegen!"
10.57 Uhr: Die Empfänger reagieren. "Ich glaube, es ist immer noch möglich", schreibt der Brite zurück. Um 11.04 Uhr ruft auch Silberberg an: "Bitte reist nicht ab. Der Ministerpräsident soll keine Pressekonferenz abhalten." Erdogan trifft sich in einem Zimmer mit Blair. Auch Schröder, Berlusconi und der Niederländer Bot stoßen hinzu. Ankara präsentiert noch einmal Vorschläge für die Zypern-Passage. Doch Bot winkt ab: "Der Text wurde schon geschrieben und kann nicht mehr geändert werden." "So was Bescheuertes gibt es nicht", fällt ihm Schröder ins Wort.
12.08 Uhr: Die türkischen Einwände werden nun ernst genommen. Die Türken holen Außenminister Fischer und seinen britischen Kollegen Straw hinzu, auch der Belgier Karel De Gucht erscheint.
13.31 Uhr: Ein Erdogan-Berater teilt per SMS nach draußen mit, die Lage verbessere sich. Schließlich wird der letzte Entwurf des Papiers an alle 25 Mitglieder zur Abstimmung weitergeleitet - in jener Form, wie ihn die Türken wollten; die Anerkennung Zyperns erfolgt nur indirekt. Das Telefon von Erdogans Berater Zapsu klingelt, Schröder ist am Apparat: "Ist der Ministerpräsident bei dir? Die Texte wurden akzeptiert. Ihr könnt beruhigt sein. Jetzt kann gefeiert werden."

DER SPIEGEL 2/2005
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