10.01.2005

TENNISZwischen Court und Knast

Als Profi hat der Amerikaner Roscoe Tanner fast alles erreicht: Erfolge bei Grand-Slam-Turnieren, Sieg mit dem Daviscup-Team, Millioneneinkünfte aus Werbeverträgen. Die zweite Hälfte seines Lebens ist jedoch bestimmt von Selbstbetrug, Gefängnisstrafen und der Flucht vor Gläubigern.
Wenn nach der sportlichen Karriere sein Leben normal weitergegangen wäre, dann würde Roscoe Tanner kommende Woche seine Tennis-Akademie irgendwo an einem sonnigen Flecken der USA für ein paar Tage verlassen, Businessclass nach Australien jetten und dort beim Grand-Slam-Turnier in Melbourne seinen guten Namen vermarkten: als Kolumnist einer Zeitung, als Kommentator fürs Fernsehen oder als Repräsentant eines Sportsponsors. Schließlich hat Tanner 1977 die Australian Open gewonnen, er war berühmt für seinen gewaltigen Aufschlag, und in der Weltrangliste spielte er sich bis auf Rang vier.
Aber das Leben des Roscoe Tanner, 53, ist nicht normal verlaufen. Es hat zuletzt Jahre gegeben, da verbrachte der Amerikaner mehr Zeit in Rechtsanwaltsbüros, Gerichtssälen und Gefängnissen als auf jenem Terrain, für das er geboren scheint, dem Tennisplatz. Er gehört zu jener Sorte Berufssportler, die Millionen mit ihrem begnadeten Talent verdient haben, die außerhalb der Arena jedoch keine Ordnung in ihr Dasein bringen konnten.
Roscoe Tanner ist ein Hochstapler und mit fast einer halben Million Dollar verschuldet. In drei US-Staaten ist er nur auf Bewährung auf freiem Fuß.
Einer der letzten Weggefährten, die sich von Tanner haben täuschen lassen, sitzt am Konferenztisch seiner Anwaltskanzlei in Pforzheim: Rainer Schubert, 56, kann sich gut erinnern, wie er hier mit dem Tennis-Champion hockte, im Frühjahr 2003. Die beiden spielten gemeinsam Doppel für die Seniorenmannschaft des TC Wolfsberg. Und plötzlich lag bei der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe ein Auslieferungshaftbefehl aus Florida vor, wegen Scheckbetrugs, schweren Diebstahls und Urkundenfälschung. Schubert fragte seinen Teamkollegen, was an den Vorwürfen dran sei. Tanner beteuerte, er könne seine Schulden bezahlen, überhaupt sei alles in Ordnung, Ehrenwort.
Schubert beißt sich auf die Unterlippe. Er hat seinem Doppelpartner damals geglaubt, und nun sagt er: "Roscoe war eine fröhliche Erscheinung, nett, ohne Allüren." Es klingt wie eine Entschuldigung. "Inzwischen weiß ich, Roscoe hat gelogen."
In Karlsruhe steckte man den Tennisspieler zunächst sechs Wochen hinter Gitter, dann wurde er ausgeliefert, und man brachte ihn für vier Monate in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Pinellas County, Florida. Die Hände an die
Taille gefesselt, überführte ihn die Justizbehörde anschließend nach Somerset, New Jersey. Dort brummte er weitere fünf Monate ab, bis April 2004.
Ein gefallener Held. Sein vielleicht größtes Match spielte Tanner 1979, da duellierte er sich im Wimbledon-Finale mit dem Schweden Björn Borg fünf Sätze lang. Er verlor, aber der Unterhaltungswert der Partie war groß. Selbst Borg konnte die Richtung von Tanners Aufschlag, der bis zu 246 Stundenkilometer schnell war, kaum enträtseln. Die kurze Ausholbewegung lernte der US-Boy, indem er als Junge im Wald den Schläger gegen fallendes Laub schwang.
Der Linkshänder gewann 16 Profiturniere und 1981 den Daviscup. Mit den blonden Locken und den feinen Gesichtszügen sah Tanner aus wie ein Filmstar aus Hollywood. Sein Charme machte ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. An der französischen Riviera traf er sich mit Fürst Rainier von Monaco auf einen Drink, Ronald Reagan lud ihn ins Weiße Haus ein. Tanner, der in Stanford studiert hat, machte Reklame für Seife und saß in der Jury zur Wahl der "Miss USA". Er verdiente 1,7 Millionen Dollar Preisgeld, aber noch viel mehr kassierte der smarte Tennisheld mit Werbung.
1984 trat Tanner zurück, wegen einer Verletzung am Ellbogen. Er wurde Kommentator beim TV-Sportkanal ESPN. "Es schien, als hätte er den Absprung ins neue Leben geschafft", sagt sein früherer Tenniskollege John McEnroe. "In meinen wildesten Träumen habe ich nicht für möglich gehalten, dass bei ihm etwas schief läuft. Roscoe hat alle getäuscht."
Es gibt einige Profis aus Tanners Generation, die nach ihrer Karriere abgestürzt sind: Sein Landsmann Vitas Gerulaitis schnupfte Kokain und rauchte Haschisch, er starb mit 40. Der Deutsche Uli Pinner griff zur Flasche, der fünfmalige Wimbledon-Sieger Borg versuchte, Unterhosen und Parfum zu verkaufen - und verbrannte so seine Millionen.
Sie alle dachten, das wahre Leben sei wie ein großes Match, und so wie sie auf dem Platz ihr Gegenüber dominiert haben, so wären sie auch überall sonst Herr der Lage.
Tanners Stärke war, abgesehen vom Aufschlag, die Konstanz; selten verlor er mehrmals nacheinander. "Niederlagen habe ich sofort zur Seite gefegt", sagt er. "Die anderen Profis haben analysiert, warum sie verloren haben - ich nicht. Ich bin einfach zum nächsten Turnier gefahren."
Das ist das Leichte am Sport. Abseits des Tenniscourts kann die Arglosigkeit zum Verhängnis werden.
So wie in Tanners Leben, das die US-Zeitschrift "Sports Illustrated" mit einem Gemälde von Hieronymus Bosch verglich. Tanner war überfordert, als ein geplatztes Immobiliengeschäft ihn in den Ruin trieb und als die ersten Mahnungen kamen, weil er mal wieder den Unterhalt für seine Töchter aus zweiter Ehe nicht überwiesen hatte; als die Polizei ihn deswegen im Mai 2001 während eines Seniorenturniers nahe Atlanta auf dem Platz verhaftete und als er die zehn Meter lange Yacht "Nora's Cruisin'" mit einem ungedeckten Scheck über 35 595 Dollar bezahlte - immer ging er mit ernsten Situationen um wie mit einer Niederlage. Er dachte nicht dar- über nach.
"Das ist es doch, was Tennisspieler machen, oder? Sie lassen sich von nichts und niemandem ablenken", sagt Tanner.
Jürgen Faßbender, in Wimbledon zweimal Doppel-Halbfinalist, kennt Tanner seit 30 Jahren. Als Profis haben sie fünfmal gegeneinander gespielt, seither haben sie sich immer mal wieder getroffen und miteinander telefoniert. Faßbender nennt Tanner einen "Mountain Man", einen Mann aus den Bergen. "Roscoe ist ein unbedarfter Kerl, so wie ein Skispringer aus Thüringen", sagt Faßbender. "Er kommt aus wohlbehütetem Haus, Glitter und Glamour - das liegt ihm nicht."
Leonard Roscoe Tanner III. wuchs auf in einem Vorort von Chattanooga, Tennessee, einer der reichsten Gegenden Amerikas. Die Familienwurzeln sollen bis ins britische Königshaus zurückreichen. Sein Vater war ein erfolgreicher Anwalt, der von seinem Sohn verlangte, die Eltern mit "Ma'am" und "Sir" anzusprechen.
Als Tanner 1997 zum ersten Mal ein Richter im Nacken saß, half sein Vater ihm noch mit einer großzügigen Spende und juristischem Beistand aus der Klemme. Doch als der Sohn erneut verurteilt wurde, da stellte Tanner senior nicht mal die Kaution.
Der Vater ließ seinen Sohn in den Knast wandern, damit der seine Lektion lernt. "Er hat einen Fehler gemacht, er muss ihn ausbaden", sagte er.
Es ist nicht so, dass Tanner auf der Überholspur lebt, er trinkt nicht, zockt nicht, fand an Drogen keinen Geschmack. Sein Problem sind die Frauen, er ist zum dritten Mal verheiratet. Als er sich von seiner zweiten Frau Charlotte scheiden ließ, war er bereits wieder verlobt - die Rechnung
für die vorgezogenen Flitterwochen im Hilton Waikoloa Village auf Hawaii beglich er per Scheck, einem ungedeckten. Weil Tanner kaum Alimente für Charlotte zahlte, verkaufte sie seine Pokale. Für die Daviscup-Trophäe bekam sie läppische 1900 Dollar.
Auch Connie Romano, die Mutter seines unehelichen Kindes, fühlt sich von ihrem Ex im Stich gelassen. Sie verklagte ihn auf Unterhalt, er stimmte einem außergerichtlichen Vergleich zu. Die vereinbarte halbe Million Dollar hatte Tanner aber gar nicht.
Als sich das Netz aus Lügen und Schulden unheilvoll zuzog, flog Tanner mit seiner jetzigen Frau Margaret und deren beiden Kindern nach Europa. Er bestreitet, dass er vor der Polizei geflohen sei, er habe vielmehr "eine neue Erfahrung" gesucht.
Tanner gab Trainerstunden in England und Frankreich, und Ende 2001 stand er plötzlich bei Jürgen Faßbender in Karlsruhe vor der Tür. Mit seiner Familie und drei Koffern. "Er hat mir erzählt, er suche Arbeit", erinnert sich Faßbender. Sein alter Kumpel zog bei ihm ein.
Faßbender bestritt ein paar Schaukämpfe gegen Tanner, vermittelte ihm einen Job als Trainer und stellte den Kontakt her zu Rainer Schubert vom TC Wolfsberg. Für rund 3500 Euro Gage pro Saison wurde der Altmeister die Attraktion des in der Regionalliga Süd-West startenden Seniorenteams. Schubert besorgte Tanner ein kleines Haus in der Altstadt von Ettlingen.
Der Jurist dachte sich nichts dabei, als Tanner sein Konto bei der Sparkasse Pforzheim überzog. Auch nicht, als Tanners Frau zu ihm kam und sagte, es sei "ein kleiner Betrag" offen, etwa 10 000 Euro. Schubert vereinbarte mit dem Gläubiger eine Ratenzahlung, "und immer wenn ich von Roscoe 500 Euro eintreiben wollte, hat er sie mir gegeben".
Aber dann holten ihn seine Schulden in den USA ein. Der Verkäufer der "Nora's Cruisin'" zeigte Tanner an, und die Karlsruher Polizei erhielt einen Haftbefehl. Anwalt Schubert handelte mit dem Staatsanwalt aus, Tanner nicht umgehend einzusperren. So gewann der Tennisstar Zeit, die säumige Summe doch noch aufzubringen. Es half nichts. Am 16. Juni 2003 wurde Tanner in seinem Haus in Ettlingen festgenommen. Er lag noch im Bett, als die Polizei kam.
Heute arbeitet Tanner als Tennistrainer in Laguna Niguel, Kalifornien. Seine Pension, die er von der Spielergewerkschaft ATP bekommt, hat er verpfändet. Er ist überzeugt, sein Leben in den Griff zu kriegen. "Ich war auf einer guten Schule, ich bin eigentlich ziemlich intelligent. Aber guckt mich an: Ich habe kein Geld, keinen Kredit", sagt er. Dennoch betont er, jetzt glücklicher zu sein als zu seiner aktiven Zeit. "Weiß ich, wie das alles enden wird? Nein. Aber ich weiß, ich komme da durch."
Die Menschen, die mit Tanner von Amts wegen zu tun haben, würden das gern glauben. "Aber es ist immer dasselbe mit dem Kerl", sagt Bob Lang, Staatsanwalt in New Jersey. "Er stimmt den Auflagen zu, hält sie nicht ein und verschwindet." Vergangenen September wurde er noch einmal vorübergehend festgenommen, er war einem Gerichtstermin ferngeblieben.
Schubert hat zuletzt im November mit Tanner telefoniert. "Er sagte, er habe im Gefängnis viel nachgedacht, sei ein neuer Mensch." Schubert gräbt die rechte Hand in den Vollbart, seufzt: "Er muss sich schon arg geändert haben, wenn er es ernst meint."
Dennoch überlegt er, Tanner für die Saison 2006 wieder zu engagieren. Der Amerikaner hat für Wolfsberg kein einziges Spiel verloren. MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 2/2005
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