04.01.1947

Eine Königin bleibt

Die amerikanische Militärregierung hat über das vorläufige Schicksal eines der schönsten und bekanntesten Werke der Kunstgeschichte entschieden. Es handelt sich um das Steinbild der ägyptischen Königin Nofretete.
Der 30 cm hohe, aus gelbbraunem Sandstein geschnittene Kopf zählt zu den berühmtesten altägyptischen Kunstwerken. Es zählt zu den berühmtesten Kunstwerken überhaupt. Nachbildungen in Originalgröße und en miniature galten bei Leuten, die sich auf ihren Geschmack etwas zugute hielten, als beliebte Geschenkartikel. Abbildungen hingen in Salons unter Glas und Schmückten in Küchen Abreißkalender.
Es gibt kaum ein zweites Kunstwerk, das so populär war. Dichter schrieben Verse über die feinnervige, zarte Schönheit der Linien in dem edlen Gesicht und des geschmeidigen Nackens. "O Schönheit, in Stein geschnitten", dichtete Rabindranath Tagore, der indische Philosoph und Dichter.
Die Kunsthistoriker setzen das Datum der Büste um 1370 v. Chr. an. Es war im alten Aegypten eine Zeit, die mit uralten Ueberlieferungen glaubte brechen zu können. Religionsbräuche und geheiligte Konventionen wurden gestürzt. Man schwor den alten Göttern ab.
Amenophis hieß der König, der von nun an der neue Gott sein wollte und sich Lichthold nennen ließ. Ein Reformator, den die Geschichte freilich bald einen Frevler nannte. Er ließ neue Tempel bauen, eine neue Hauptstadt gründen und berief neue Künstler zu sich.
Doch so plötzlich, wie die neue Zeit angebrochen war, so plötzlich versank sie auch wieder. Schon zwei Jahrzehnte später fielen die neuen Tempel als Amenophis gestorben war und die alten Priester zurückkehrten. Die noch nicht fertige Hauptstadt wurde der Wüste überlassen. Die allermeisten Schöpfungen der neuen Kunst wurden zerstört. Unter denen, die erhalten blieben, war die Büste der Königin Nofretete.
Von dem großen Künstler, der das unsterbliche Bildnis schuf, weiß die Kunstgeschichte den Namen nicht. Allein die Schönheit seines Werkes schenkt ihm Unsterblichkeit.
Die "unbewegliche Schönheit", wie Tagore gesagt hat, blieb "stumm und still allein und abseits". 3000 Jahre später wurde sie von deutschen Gelehrten aus der Tiefe der versiegelten Grabkammer ans Tageslicht gebracht. Im Kaiser-Friedrich-Museum fand sie eine neue Stätte.
Noch einmal sollte sie ein schnell vergehendes Reich erleben. Auch diesmal ging es spurlos an ihr vorbei. Zwar schien es einmal so, als sollte sie in ihr Land zurückkehren. Die nationalsozialistische Regierung kündigte dem ägyptischen König die Rückgabe des Bildwerkes an. Aber dies war nur eines von vielen Versprechen, die nicht gehalten wurden. Aegypten wartete vergeblich. Es blieb bei der Geste.
Als das Ende dieses Reiches nahte, verschwand die Nofretete-Büste in Kaiserroda (Thüringen) unter der Erde, in der Dunkelheit eines Bergwerkstollens. Sie,war in der würdigen Gesellschaft vieler anderer Kunstschätze, welche die Totengräber Deutschlands von überallher zusammengetragen hatten.
Im Frühjahr 1945 trat Nofretete eine neue Reise an. Geleitet von einem amerikanischen Marineleutnant, zusammen mit
mehr als hundert anderen Kunstwerken, kam sie nach Frankfurt am Main und schließlich nach dem Collecting Point der amerikanischen Armee in Wiesbaden. Dort ist sie noch.
Frühjahr 1946 wurde sie in einer Ausstellung gezeigt. Die Zeitungen waren voll davon. Mehr als 200 000 sahen bewundernd die unsterbliche Schönheit.
Kaum aber war bekannt geworden, daß Nofretete wieder aufgetaucht war, da meldete Aegypten Ansprüche auf die königliche Büste an. Seit 1946 verhandelte der ägyptische Erziehungsminister Ashmawi Pascha mit dem amerikanischen Gesandten in Kairo, Pineney Tuck. Gleichzeitig wurde der ägyptische Gesandte in Washington beauftragt, die Angelegenheit zu verfolgen. Im Museum zu Kairo sollte Nofretetes Bildnis seinen endgültigen Platz haben.
Die amerikanische Militärregierung prüfte den Sachverhalt. Sie stellte fest, daß Nofretete nicht zu den Kunstwerken gehört, die von den Nationalsozialisten entwendet wurden. Daß sie vielmehr bereits 1913 von deutschen Archäologen ordnungsmäßig nach Berlin gebracht worden ist. Sie entschied: Die 3000 Jahre alte Plastik der ägyptischen Königin bleibt in Deutschland.
In Aegypten und Thüringen war Nofretete im Dunkel der Erde verborgen

DER SPIEGEL 1/1947
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