11.01.1947

Gegen einen Hitler-Gegner

Deutsche Politiker sind heute in der demokratischen Kampffront wie Schießbudenfiguren, auf die jeder Dreigroschenjunge knallen kann", antwortete Ernst Lemmer, der 48jährige zweite Vorsitzende der Ostzonen-CDU und dritte Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, auf die Angriffe, die der Berliner SPD-"Telegraf" gegen ihn erhob.
Charles Roesmer, Auslandskorrespondent des "Telegraf", hatte in Brüssel die gesammelten Ausgaben des Goebbelsschen "Soir" durchgeblättert, eines Nazi-Propagandablattes für die Belgier, das während der deutschen Besetzung publiziert worden war. Er war dabei auf Aufsätze eines Herrn Ernest Albert Lemmer gestoßen, des damaligen Berliner Spezialkorrespondenten des "Soir".
In diesen Artikeln, schreibt Charles Roesmer, habe Lemmer im Jahre 1941 seine unerschütterliche Zuversicht auf ein gutes Ende des Rußlandfeldzuges geäußert, im März 1941 habe er die "unehrliche Indienpolitik der Engländer" angegriffen, in Leitartikeln die ökonomischen Aufgaben Deutschlands im Osten behandelt und erklärt, daß Rosenberg die bolschewistische Frage radikal und ohne Sentimentalität lösen werde.
Roesmer berichtete darüber an belgische, französische, schwedische und Schweizer Blätter und an den Berliner "Telegraf", und der "Telegraf" druckte den Aufsatz "aus demokratischer Verantwortung" ab, um die deutsche Oeffentlichkeit von den Vorwürfen zu unterrichten, ehe sie aus der Auslandspresse bekannt wurden. Gleichzeitig schickte der "Telegraf" eine Abschrift an Lemmer persönlich, um ihm Gelegenheit zur Verteidigung zu geben."
Lemmer antwortete zunächst in dem der CDU nahestehenden "Abend". Seine Berichte aus Berlin seien immer nur ein Spiegel der "offiziellen Ansichten" gewesen, wie die bei allen anderen neutralen und unabhängigen Journalisten auch.
Der CDU-Vorstand erklärte, Lemmers Tätigkeit als Korrespondent während der Hitler-Jahre sei ihm selbstverständlich bekannt, sie könne aber nicht nach einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten gewürdigt werden. Doch will die CDU Lemmers politische Gesamttätigkeit noch einmal eingehend überprüfen. "Er hat sich gerade während der Hitler-Jahre das Vertrauen der antinationalsozialistischen internationalen Presse erworben."
Lemmer war 1933 in die Schweiz gegangen und konnte 1934 als Auslandskorrespondent der "Neuen Züricher Zeitung" und des "Fester Lloyd" zurückkehren unter gleichzeitigem Dauerverbot jeglicher Mitarbeit an deutschen Zeitungen.
"Niemand war verpflichtat, dem Ausland offizielle Ansichten des Propagandaministeriums zu vermitteln", bemerkte der "Telegraf" hierzu.
Die Gewerkschaften stellten sich hinter ihren dritten Vorsitzenden, der 1922 bis 1933 Generalsekretär der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften war.
Der zweite Vorsitzende, Bernhard Göring, brachte zum Ausdruck, es habe den Anschein, als ob "internationale Kräfte diesen ersten Vorstoß gegen einen Mann führten, der das neue demokratische Deutschland so entschieden vertrete". Auch die "Neue Zeit" der CDU hatte den
Angriff des "Telegraf" (er erscheint mit britischer Lizenz) als von einer Zeitung kommend bezeichnet, die einer Besatzungsmacht nahesteht.
Der "Telegraf" entgegnete, Lemmer habe vor Abdruck des Artikels einen Abzug erhalten und diese Geste nicht zu würdigen gewußt. "Dagegen haben führende Männer der CDU es fertiggebracht, diesen Abzug einer Besatzungsmacht vorzulegen, um sie zu veranlassen, auf den "Telegraf" einzuwirken. Diese Männer mußten erst von der betreffenden Besatzungsmacht belehrt werden, daß sie keine Möglichkeit sehe, den "Telegraf" zu hindern, den Artikel gegen Lemmer zu veröffentlichen."
Zu diesem Angriff erklärte Ernst Lemmer: "Wir leben in einer Verleumdungs-Psychose, die den notwendigen Zusammenhalt unseres leidenden Volkes gefährdet und das, Ansehen der mit Mut und Optimismus im deutschen Chaos wirkenden Persönlichkeiten herabsetzt."
"Wozu sollte es führen, wenn nun von allen Personen, die während der Nazi-Zeit irgendwo etwas veröffentlichten, zusammenhanglose, tendenziös zusammengestellte Zitate bekanntgegeben würden? Auch die Redaktion des "Telegraf" und ihr nahestehende Persönlichkeiten würden dann ihr blaues Wunder erleben. Ich verzichte darauf, mich auf diese Weise zu revanchieren."
"Wir wollen gerne glauben", erwiderte der "Telegraf", "daß Lemmer neben seiner offiziellen Tätigkeit als Verbreiter der Nazi-Politik im Ausland den ausländischen Journalisten in Berlin Geheiminformationen geliefert hat, die ihn bei Bekanntwerden der Quelle ins KZ gebracht hätten. Es kann aber niemals daraus ein Anspruch hergeleitet werden, daß jemand, der, im besten Falle, auf "beiden Schultern" getragen hat, befähigt ist, am Neuaufbau eines ehrlichen demokratischen Staates mitzuwirken. Im Gegenteil, fort mit solchen "Finasseuren, die einen ehrlichen Willen nur suspekt" machen können!"
Berlin hat wieder eine Sensation, die Zonen haben wieder etwas zu schreiben. Die Bevölkerung in Berlin und in den Zonen aber ermüdet angesichts der Quertreibereien zwischen Leuten, die ihre antifaschistische Gesinnung erwiesen haben.
Auf beiden Schultern? Ernst Lemmer

DER SPIEGEL 2/1947
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