18.01.1947

„Entente cordiale“

Großbritannien und Frankreich haben sich über das Prinzip einer engen wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit geeinigt. In Paris spricht man von einer neuen "Entente cordiale".
Ueberraschend ist, daß die Besprechungen, die Leon Blum während seines Londoner Aufenthaltes mit Attlee und Bevin hatte, bereits an einem einzigen Verhandlungstage abgeschlossen werden konnten. Die Mittwoch nachmittag seit 6tägiger Pause zum ersten Male wieder erscheinenden Pariser Zeitungen betonen, daß die Besprechungen ein allseitiges Einvernehmen zeigten.
Der Sonderberichterstatter von "Paris. Soir" kabelt aus London: Leon Blum habe den Weg für eine neue Freundschaftspolitik zwischen Frankreich und England freigelegt. Er habe aber auch der Wiederannäherung der Großmächte, insbesondere Englands und Rußlands, einen konkreten Dienst erwiesen.
Das Ergebnis der Londoner Reise ist in Frankreich im allgemeinen mit großer Befriedigung aufgenommen worden. Das sozialistische Hauptorgan "Populaire" schreibt: "Der anglo-französische Allianz-Vertrag bildet ein Gegenstück zu dem Pakt zwischen Frankreich und Sowjetrußland, dessen Zustandekommen wir im Jahre 1944 aufrichtig begrüßt haben." In kommunistischen Kreisen bedauert man, daß es Leon Blum in London nicht gelungen ist, unverzüglich erhöhte Kohlenlieferungen zu erhalten. Die "Humanité" schreibt, hinsichtlich einer Erhöhung der Ruhrkohlenexporte noch in diesem Jahr nach Frankreich sei kein positives Resultat erzielt worden. Im Gegenteil habe man den Eindruck, daß Frankreich den britischen Standpunkt angenommen habe. Großbritannien scheine nicht die Absicht zu haben, auf seine gegenwärtige Politik zu verzichten, die darin bestehe, erst einmal Deutschland wieder auf die Beine zu stellen.
Vor seiner Abreise aus London erklärte Blum: "Frankreich gibt zu und hält es für notwendig, daß man jetzt und auch noch für eine gewisse Zeit alle Anstrengungen darauf richten muß, die deutsche Produktion wieder in Gang zu bringen. England seinerseits erkennt den geradezu lebenswichtigen Charakter unseres Kohlenbedarfes an und sieht ein, daß die Ausfuhr deutscher Kohle so bald als möglich erhöht werden muß. Der britische Außenminister Bevin hatte deswegen mehrere Telefongespräche mit den britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden in Deutschland. Auf Grund dieser telefonischen Rücksprachen haben wir in Frankreich alle Ursache zu hoffen, daß ab Ende April die Ruhrkohlenexporte wieder aufgenommen werden können."

DER SPIEGEL 3/1947
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