18.01.1947

Schmeling darf wieder

Allen anderslautenden Presse-, Rundfunk- und sonstigen Gerüchten zum Trotz wurde Max Schmeling vom Fachausschuß zur Ausschaltung von Nationalsozialisten in Hamburg als unbelastet erklärt und wird in Kürze in Friedrichsruh mit dem Training beginnen: "Ohne Nachhilfe", wie er selbst sagt, einfach auf Grund des in einer dicken Mappe zusammengefaßten Tatsachenmaterials.
Da ist z. B. der holländische Hauptmann (jetzt Major der RAF), dem Schmeling das Leben rettete, als er, von den Nazis zum Tode verurteilt wurde. Da sind die Aussagen prominenter Leute aus der norwegischen und deutschen Untergrundbewegung, denen Max geholfen hat. Da sind die Berichte über seine Bemühungen, die Lebensbedingungen in den Lagern für kriegsgefangene Offiziere zu verbessern. Da ist Goebbels' Verbot, Schmelings Namen weiterhin in der deutschen Presse zu nennen. Da ist seine Versetzung in eine Strafkompanie mit dem Aktenvermerk "Rückkehr unerwünscht". Und da ist noch anderes mehr.
Es war also nichts mit dem "Kz.-Kommandanten von Auschwitz" und "SS-Angehörigen" Max Schmeling. Er ist auch nicht in der Partei gewesen. Auch nicht in der SA, deren Ehrendolch und Rang eines "SA-Führers ehrenhalber" er 1936 "offiziell abgelehnt hatte. Und trotz ihrer Passion fürs liebe Federvieh, der sie mit Leidenschaft auf ihrem einstigen pommerschen Gut Ponickel (jetzt habens die Polen) huldigte, ist die ihm ehelich verbundene Anny Ondra nie irgendeinem NS-Enten-, Gänse- oder Perlhühnerhalterverein beigetreten.
Die kommunistische "Hamburger Volkszeitung" hatte unter dem 6. 1. 1946 geschrieben: "Es ist ein offenes Geheimnis, daß Max Schmeling, der Ehrenführer der SA, den Reichsparteitagen inmitten der politischen Prominenz auf der Tribüne beiwohnte, daß er in Büchern die faschistischen Sportideale propagierte und sich so das uneingeschränkte Vertrauen der Nazi-Sportgewaltigen erwarb."
Tatsache ist, daß der heute 41jährige in einer Nummer des "Völkischen Beobachters" alle Sportsfreunde aufforderte, dem Anschluß Oesterreichs ein freudiges "Ja" zu spenden.
"Viel Feind - viel Ehr!", sagt Max. "Hartsein im Nehmen gehört nun mal zum Beruf." Außerdem ist er seit seinem 25. Lebensjahr gewöhnt, von Zeit zu Zeit den internationalen Zeitungsblätterwald zum Rauschen zu bringen. Damals - 1930 rückte er mit einem sensationellen Sieg über Tom Sharkey in den Brennpunkt des Interesses einer Welt, die noch nichts von Atombomben, Zweizonenabkommen und künstlicher Butter wußte. Ein Deutscher wurde Weltmeister im Schwergewicht.
Es freuten sich seine Freunde und seine Landsleute. Und es freute sich das Finanzamt. 1931 verteidigte Max seinen Titel erfolgreich gegen Stribling, gab ihn aber 1932 in einem heiß umfehdeten Punktsieg wieder an Sharkey zurück. 1933 brachte ihm die Niederlage gegen Baer.
"Im Juli des gleichen Jahres verlor ich außerdem noch meine Freiheit auf Lebenszeit", erklärt Max mit einem zwinkernden Seitenblick auf Anny Schmeling, geb. Ondra, die gerade einen selbstgebackenen Kuchen serviert.
Das Jahr 1936 brachte Schmeling einen ganz großen Erfolg. Es gelang ihm, Joe Louis in der 12. Runde die erste und einzige K.-o.-Niederlage beizubringen. 1938 holte dieser sich die Revanche, und Max verlor. Das alles war in Amerika. 1939 stand Schmeling zum letzten Male im Ring. Es ging um den Titel eines Europameisters. In glänzendem Stil schlug er in Stuttgart Adolf Heuser in einer Minute k. o.
Dann kam der Krieg, und Schmeling wurde Fallschirmjäger. Beim Absprung über Kreta sprang er schief und kam in ein Athener Lazarett. Amerikanische Journalisten verlangten den von der englischen Presse totgesagten Exweltmeister zu sehen. Im Beisein eines deutschen Hauptmanns von der Spionageabwehr gab er dem Amerikaner Flannery ein Interview. Gerade hatte Goebbels eine großangelegte Propagandaaktion gegen England gestartet.
"Ist es wahr, daß die Engländer Grausamkeitsakte an deutschen Soldaten begangen haben?", war die erste Frage des Amerikaners.
"Ich habe weder selbst englische Greueltaten gesehen, noch je durch meine Kameraden von ihnen gehört" antwortete Schmeling. "Ich kann nichts anderes sagen, als daß die Kampfesweise der Engländer durchaus fair war. Was ich jedoch gesehen habe, war, daß ein von uns gefangener englischer Arzt sich freiwillig zur Hilfeleistung bei unseren Verwundeten erbot."
Dieses sogenannte "Kreta-Interview" war nicht nur für die Weltpresse, sondern auch für Dr. Goebbels eine Sensation. Der nun folgende Kampf "kleiner Goebbels gegen großen Schmeling" erwies die größere Reichweite des kleinen Goebbels. Schmeling wurde des Hochverrats angeklagt und kam als Wehrmachtsangehöriger vors Kriegsgericht, vor dem er seine Aussage voll aufrechterhielt. Mannschaften, Offiziere und sogar der General Student wurden bemüht, aber keinerlei Beweise für die Goebbelsschen Greuelmärchen konnten erbracht werden. Das Verfahren wurde eingestellt; aber Goebbels sorgte für seine Strafversetzung mit dem Aktenvermerk "Rückkehr unerwünscht". Die deutsche Presse erhielt Anweisung, Schmelings Namen nicht mehr zu nennen, da er sich auf Kreta als Feigling erwiesen habe". Die weitere Boxerlaubnis wurde ihm entzogen, es sei denn, der Erlös würde der Partei zufließen. Als Antwort darauf stellte Schmeling dem damaligen Reichssportführer v. Tschammer-Osten seinen Europameistertitel zur Verfügung und ersuchte um Streichung aus der Mitgliedsliste des Reichsbundes für Leibesübungen. Das war das Ende eines der prominentesten deutschen Sportler im Dutzend-Reich.
Jetzt sitzt das Ehepaar Schmeling-Ondra in einem möblierten Zimmer in einem Hamburger Wohnhaus. Den Versuch eines unplanmäßigen Hausbaus mußte Schmeling mit drei Monaten Gefängnis bezahlen.
Besonders freut Schmeling sich aber immer über das herzliche "Hallo, Max!" der amerikanischen Soldaten, das ihn auf jeder Reise durch die benachbarte Zone begleitet. "Jeepers! He hasn't changed!" beginnt ein spaltenlanger Bericht über ihn in einem amerikanischen Soldatenblatt, und "Wir wollen Max wieder bei uns sehen, auch wenn er nicht als Sieger den Ring verläßt!", schreibt eine andere Zeitung der USA.
"Ob ich noch einmal in den Ring gehen werde? Nun - das hängt einzig und allein von den Trainingsergebnissen ab. Wenn Herz und Beine nicht mehr so wollen wie früher, werde ich Selbstkritik genug haben, auf ein "Come back" zu verzichten. Vor dem Sommer dürfte die Entscheidung darüber wohl kaum fallen, und da ich kein Phantast bin, mache ich vorher auch keine Pläne."
Schmeling schickte ein Jugend-Bild Sein "come back" ist ungewiß

DER SPIEGEL 3/1947
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