17.01.2005

VERBRECHENTod eines Münchners

Rudolph Moshammer, eines der schillerndsten Originale der Münchner Schickeria, wurde ermordet. Das Leben des bizarren Modeunternehmers endete so traurig, wie es einst begann.
Der Tod", sagte Rudolph Moshammer mal in einem Interview, "kann auch ein Freund sein." Das habe er bei seiner Mama erlebt, der über alles geliebten Mama. Und darum fürchte er sich nicht mehr vor dem Tod, nur noch vor dem Sterben.
Sein Sterben allerdings war fürchterlich. Und völlig überraschend. Mit einem Telefonkabel wurde er von hinten erdrosselt, ohne eine Chance der Gegenwehr, in der Nacht zum vergangenen Freitag. Irgendwann nach Mitternacht, als der Münchner Luxusvorort Grünwald im Schlaf lag, muss der Mörder das Kabel, das er aus einer Telefonbuchse gerissen hatte, um den Hals des schwergewichtigen Modezaren zugezogen haben.
Moshammer, vollständig bekleidet mit feinstem Tuch, sank im Flur im ersten Stock seiner Villa zu Boden, nebenan im Schlafzimmer wartete seine engste Begleiterin: Daisy, die Hundedame.
Der Chauffeur fand den millionenschweren Edelschneider tot, als er wie meist gegen neun Uhr eintraf, um Moshammer zu dessen Boutique in der Maximilianstraße zu bringen. Kurz danach stand München unter Schock: schockiert, weil der brutale Mord im Villenviertel wieder einmal den Vorhang zerriss, hinter dem die Schickimickis von der Isar all die traurigen Stunden ihres Privatlebens verbergen. Weil die Schreckensmeldung mitten in die Zeit der schönen Feste und flippigen Events zwischen Silvester und Aschermittwoch platzte, mitten hinein in die Tage also, in denen die Maskerade der Schönen noch viel greller funkelt als sonst.
Und weil die Tat womöglich dahin führen könnte, wo Fahnder vor mehr als 14 Jahren schon das blutige Ende des Volksschauspielers Walter Sedlmayr aufklären wollten: ganz unten ins Milieu der Homosexuellen. Ganz weit weg vom öffentlichen Leben des bizarren Münchner Modemachers Moshammer.
Sedlmayr war in seiner Schwabinger Wohnung mit einem Messer sehr schwer verletzt und mit einem Hammer erschlagen worden. Die Spur führte ins Stricher-milieu, doch am Ende wurden der Geschäftspartner des Schauspielers und dessen Halbbruder verurteilt - wegen Mordes aus Habgier.
Ein Motiv, für das die Polizei im Fall Moshammer am Freitag keine Indizien hatte. Also sucht die Soko der Kriminalpolizei den Mörder dort, wo der Promi-Schneider nie gesehen werden durfte: an den Treffpunkten junger Männer, die auf Freier warten. Denn Moshammer könnte den Täter selbst mit nach Hause gebracht haben am späten Donnerstagabend.
In die Villa wurde nicht eingebrochen, es wurde offenbar nichts gestohlen. Vor dem Haus glänzte der schwarze Rolls-Royce, mit dem der Modezar vorher noch in der Innenstadt gekreist war, rund um den Hauptbahnhof, rund um das Milieu der Wittelsbacherbrücke, wo nachts billige Liebe aller Art gefunden werden kann.
Kurz zuvor tafelte Moshammer mit einer Bekannten in einem feinen Restaurant in Grünwald. Danach suchte er offensichtlich halbseidene Gesellschaft. Für ältere Männer mit dicker Geldbörse seit je eine riskante Sache.
Es scheint, als hätte Moshammers Leben so traurig enden müssen, wie es begann. Aufgewachsen in Armut in München, tagelang fast ohne Essen, mit einem
Vater, der soff und die Familie bedrohte, hatte der kleine Rudolph nur einen Gedanken: die Mama zu schützen. Der Knirps übernachtete im Sitzen vor der Schlafzimmertür, immer auf der Hut vor dem heimkehrenden Vater.
Daraus wurde Besessenheit. Besessen voneinander und von dem haltlosen Drang nach Leben und Reichtum, bauten sich Rudi und Mama Else ein Modeimperium auf, das weniger von tollen Entwürfen und mehr von einem begnadeten Vermarktungstalent der beiden profitierte.
Das Duo machte sich zum Star, zum Gesamtkunstwerk, man zeigte sich schon mal mit einem lebendigen Gepard an der Hand. Der Bub trug die schwarzgelackten Haare bald wie König Ludwig, die Mama färbte sich lila, das Volk applaudierte. Moshammer blieb eine Marke, auch als die Reichen der Welt nicht mehr so üppig shoppen gingen in dem Edelschuppen gegenüber der Staatsoper, sondern sich Touristen in Wanderschuhen die Nase platt drückten an den Schaufenstern des Designers.
Als Mama Else 1993 starb, galt die Bessessenheit Moshammers dem Yorkshire-Terrier Daisy. In Wahrheit hatte er, der Clown von Oktoberfesten und Ballnächten, niemanden, der ihm näher war als dieser Hund. Ein tragischer Mann, der nicht einmal älter werden durfte: "Mosi", 64, gab sein Alter beharrlich fünf Jahre jünger an.
Dabei liebten ihn die Münchner. Er war ihr vielleicht letztes Original, war mehr königlich als krachledern, mehr unmoralisch als katholisch. Er war ein gnadenlos schlechter Sänger und Schauspieler - präsentierte sich dennoch ohne geringste Selbstzweifel auf den Bühnen des Lebens - Brillanten an den fleischigen Fingern, goldbestickte Röcke über den stattlichen Bauch geknöpft, den Hund in der Armbeuge.
Der Schneider schrieb Bücher über Mama und Daisy, die keiner lesen wollte und die doch viele kauften. Wo man ihn nicht haben wollte, wie etwa bei der großen Gala des König-Ludwig-Musicals in Füssen, da erschien er trotzdem und hielt Hof im pelzverbrämten Umhang. Hauptsache ein Foto in der Boulevardpresse. Der bayerische Mime Ottfried Fischer nannte ihn wegen solcher Auftritte "eine Art lebendes Neuschwanstein".
Moshammer war ein Ärgernis für Ästheten und doch ein Gutmensch, auch im Stillen. Weil sein Vater obdachlos und alkoholkrank elend zugrunde ging, schenkte der Modezar reichlich Geld an die, die nichts mehr haben, nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Er stand Pate für die Obdachlosenzeitung "Biss", verteilte Essen und warme Decken und wollte in wenigen Monaten eine Herberge für die Stadtstreicher einweihen. Und er verteilte Wärme. Hatte ein gutes Wort für jeden, der im Rinnstein saß und auch einmal seinen Rolls-Royce berühren wollte.
Trotzdem hatte der selbstgemachte Star Angst. Wer mit ihm sprechen wollte, musste sich ausweisen, wurde von gutgewandeten Leibwächtern und Sekretären geprüft. Auch die Furcht vor einem Einbruch soll den reichen Münchner umgetrieben haben. Nachdem immer häufiger Diebe die Nachbarschaft heimgesucht hatten, wollte er eine Dauerbeleuchtung auf seinem Grund installieren, zum Ärger der Anwohner, die es nachts lieber duster haben.
Dabei gab es vieles, was Mosi selbst im Dunkeln ließ. Sein steter Begleiter Silvio Belli etwa hatte keinen Platz bei öffentlichen Auftritten. Und galt als sein enger Vertrauter. Doch auch das sollte niemand wirklich wissen.
Die Münchner Presse lancierte wenige Stunden nach dem Mord an Moshammer, der Modezar habe sich mit Belli bei einer Weihnachtsfeier im Traditionslokal "Hundskugel" heftig gestritten und ihm erklärt, er wolle ihn nie wieder sehen in seinem Leben. Belli sagt dazu nur: "Mir wurde mein liebster Mensch genommen." Zu einem Streit wollte er sich gegenüber der Presse angeblich nicht äußern. War der Luxusschneider danach deshalb auf der Suche nach anderen Partnern?
Dutzende Münchner trauerten am vergangenen Freitag mit feuchten Augen vor der Moshammer-Boutique, legten Rosen nieder und letzte Grüße. Sie mochten den Wohltäter der Armen, wie immer er war.
Ein Stadtstreicher saß am Nachmittag auf dem Bürgersteig der Maximilianstraße neben den noch immer weihnachtlich geschmückten Auslagen. Er hatte auf ein Blatt Papier gepinselt: "Moshammer ist tot - sehr traurig - Gott hilf".
BETTINA MUSALL, CONNY NEUMANN
Von Bettina Musall und Conny Neumann

DER SPIEGEL 3/2005
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