DER SPIEGEL



VERBRECHEN

Alptraum der Fahnder

Von Ulrich, Sven Röbel Andreas

Obwohl die Polizei dem mutmaßlichen Kindsmörder Marc Hoffmann auf der Spur war, soll er noch einmal getötet haben. Ermittler hatten auf eine falsche Fährte gesetzt.

Für große Fälle ist die Polizeiinspektion Rotenburg an der Wümme schlicht zu klein: ein gedrungener Klinkerbau, der sich unauffällig zwischen die Vorstadteigenheime einer Tempo-30-Zone einreiht. "Polizei Niedersachsen - so interessant wie das Leben" steht auf einem Plakat am Eingang. Daneben wirbt eine Theatertruppe für William Shakespeares "Komödie der Irrungen".

Für die Sonderkommission "Felix" reichte der Platz längst nicht mehr aus. Schon im November vorigen Jahres mussten die 40 Ermittler, die der Entführung des seit dem 30. Oktober vermissten Felix W. aus Neu Ebersdorf nachgingen, in einen eigens angemieteten Bürokomplex umziehen - mitsamt 1600 Spurenakten, Asservaten und Tatortfotos. Vieles davon ist nun bedeutungslos geworden, denn es gibt eine grausige Gewissheit: Die Leiche des achtjährigen Grundschülers wurde gefunden, nachdem der vermeintliche Täter überraschend gestanden hatte. Er ist derselbe, der bereits die Tötung der gleichaltrigen Levke S. aus Cuxhaven-Altenwalde gestand.

Für die Fahnder wurde damit ein Alptraum Wirklichkeit: Der mutmaßliche Kindstöter war greifbar nah, die Spur lag direkt vor ihnen - doch sie kamen zu spät. Als der kleine Felix am 30. Oktober entführt worden war, hatten Kollegen der Soko "Levke" seinen mutmaßlichen Mörder längst im Visier - verfolgten aber hartnäckig eine falsche Fährte. Man hielt eine Verbindung zwischen beiden Fällen für "höchst unwahrscheinlich". Eine Tragödie der Irrungen, wie sich nun zeigt.

Denn der entscheidende Tipp auf den Gelegenheitsarbeiter Marc Hoffmann, 31, findet sich bereits sieben Wochen vor dem Mord an Felix in den Spurenakten der Soko "Levke". Aus ermittlungstechnischen Gründen jedoch wurde er zurückgestellt.

Nachdem ein Pilzsammler am 23. August 2004 am Biggesee bei Attendorn die Leiche des Mädchens entdeckt hatten, schlossen die Fahnder: Der Täter musste sowohl Bezüge zum Tatort der Entführung südlich von Cuxhaven als auch zum Versteck der Leiche im Dickicht eines Waldstücks bei Attendorn haben. Jemand, der mobil ist, ein Handelsvertreter vielleicht, ein Urlauber oder einer, der hier früher mal gewohnt hat.

Dieses Täterprofil traf auf mehr als 100 Personen zu; dazu kamen 420 polizeibekannte Sexualstraftäter und die Mitarbeiter von elf Firmen, die geschäftlich zwischen den beiden Regionen pendelten. Mit diesem Raster wäre man Marc Hoffmann schnell näher gekommen. Doch die Soko hatte eine andere heiße Spur: eine dunkle Limousine mit Siegburger Kennzeichen, die Zeugen in der Nähe von Levkes Schule gesehen haben wollten. Der Fahrer soll Kinder angesprochen haben.

Die Beamten entschieden sich, dieser Spur mit Hochdruck nachzugehen - eine Entscheidung, die enormen Arbeitsaufwand bedeutete. Die Autobeschreibung passte auf rund tausend Fahrzeuge, deren Halter ermittelt werden mussten und um eine Speichelprobe gebeten wurden, um DNA-Fragmente, die man auf dem Schulranzen von Levke festgestellt hatte, abgleichen zu können. Zusätzlich wurden Faserproben der Autositze gesichert.

Während die Fahnder - in bester Absicht - dem Siegburger Phantom nachjagten, meldete sich Anfang September ein alter Bekannter Hoffmanns bei der Kripo. Sein Kumpel, erzählte der Anrufer, habe früher in der Nähe von Attendorn gewohnt und sei dann an die Küste gezogen, das könne doch passen.

Fast alle Profilkriterien trafen zu: Marc Hoffmann war tatsächlich 1995 aus Nuttmecke nach Bremerhaven gezogen. Und er war wegen Vergewaltigung einer Anhalterin 1994 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Auf Hoffmann war aber kein Auto zugelassen - die Spur wurde als "wichtig", nicht aber als "herausragend" eingestuft.

So verstrich kostbare Zeit, in der - im Nachhinein betrachtet - das Leben des kleinen Felix womöglich hätte gerettet werden können. Zwar versuchten Polizeibeamte mehrfach, Marc Hoffmann in Bremerhaven zu besuchen - ohne Erfolg. Weder morgens, abends noch an Wochenenden sei der alleinerziehende Vater angetroffen worden, notierten die Fahnder. Und so gingen sie wieder.

Nach etlichen Fehlversuchen luden sie Hoffmann schriftlich vor. Der erschien wie gewünscht am 16. November zum Verhör - da lag Felix wahrscheinlich schon seit zwei Wochen auf dem Grund des Flusses Geeste, nur wenige Kilometer von seinem Elternhaus entfernt.

Als das Alibi, das Hoffmann vorlegte, platzte, nahmen die Ermittlungen endlich die richtige Wendung. Nach einer Hausdurchsuchung gestand er die Tötung von Levke und bald darauf - völlig überraschend - die von Felix. Inzwischen will die Polizei "gar nichts mehr ausschließen" - nicht einmal den Verdacht, dass der am 8. Dezember festgenommene Hoffmann gar ein "Serienmörder" sein könnte.

Vergangenen Freitag entschied die Polizei in Niedersachsen und Bremen, sämtliche ungeklärte Kindesmorde im Weser-Ems-Dreieck von nur noch einer Sonderkommission untersuchen zu lassen und auch andere Fälle in ganz Deutschland auf eine mögliche Täterschaft Hoffmanns zu überprüfen. Das war der Tag, an dem Felix beerdigt wurde. SVEN RÖBEL

ANDREAS ULRICH


DER SPIEGEL 3/2005
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