Von Matussek, Matthias
Was für ein Foto: der Drink, die Kippe, das Hakenkreuz, richtig cool.
Moment. Hakenkreuz? Der Prinz mit der Nazi-Binde? Der Schnappschuss aus dem Partykeller der britischen Jeunesse dorée wäre eine Beiläufigkeit geblieben, hätte ihn nicht eines der Kids an die "Sun" verkauft, die größte Flüstertüte der Insel.
So steht er für einen radikalen Perspektivwechsel.
Nun stehen deutsche Kommentatoren an der Seitenlinie und schütteln den Kopf. Über den englischen Umgang mit Hakenkreuz und Holocaust. Und die Massenpresse ist mit ihnen.
Bisher pflegte es umgekehrt zu sein.
Bisher waren die Deutschen - auch 60 Jahre nach Kriegsende - die ewigen Mörder-Knatter-Chargen im englischen Alltag. Die Groschenblätter nutzten jede Gelegenheit, über die Nazi-Fritzen herzuziehen. Die Krauts sind Zielscheiben endloser Witze, Geschmacklosigkeiten, Rüpeleien. Das ging so weit, dass zehnjährige deutsche Kinder als "Krauts" durch den Park gejagt wurden.
Und nun? Nun hängt Prinz Harry, Dritter in der Reihe der Thronfolger, mit Hakenkreuz-Armbinde und Phantasie-Wehrmachts-Hemd lässig auf einer Party ab. Das Emblem des Judenmordes, ein Gag. Wie peinlich.
Fast wäre es übrigens eine SS-Uniform geworden, gab die 78-jährige Maud Franklin von Maud's Cotswold Costumes zu Protokoll: "Das hätte dann wohl noch mehr Aufsehen erregt." Aber die Jacken seien alle eine Nummer zu klein gewesen. Unter den Royals, meinte sie, sei ihr Laden "durchaus sehr beliebt".
Der Skandal ist wohl genau diese Beiläufigkeit. Das Foto zeigt kein politisches Statement, keinen Stechschritt, sondern Partygeschnatter. Der Skandal ist diese Zahl: 60 Prozent der englischen Jugendlichen wissen nichts mit Auschwitz anzufangen.
Nun zeigt sich: Man prügelte die Deutschen nicht aus Abscheu über zurückliegende Verbrechen, sondern weil man Lust am Prügeln hatte. Von den Verbrechen selbst hatte man keine Ahnung, es genügte, dass man notorisch auf der Seite war, die Recht hatte.
Prinz Harry bediente sich ganz umstandslos aus dem Fundus dieses selbstgerechten ideologischen Milieus. Er trug eine Bundeswehrjacke zur Nazi-Binde. Seine Botschaft auf diesem Kostümball: Deutsche, Nazis, Krauts, alles das Gleiche. Das neue demokratische Deutschland: absolut uninteressant. Eine knappe Schulterbewegung, und die Hülle fällt ab, und drunter wird der Nazi-Mörder sichtbar. Den man nicht ohne dunkle Faszination spazieren führt. Gruselgrusel.
Wie wenig man in der Woge der mehr oder weniger geheuchelten Empörung auf der Insel den Spaß an der Hitler-Witzelei verloren hat, zeigt die "Sun". Sie titelte nach dem Super-GAU über den Zorn (fury) von Prinz Charles: "Mein Fury" - was doch, kicherkicher, eine hübsche Lautähnlichkeit zu "Mein Führer" hergibt.
Wie auch immer: Mit dem Partyfoto von "Nazi-Harry" gilt eine neue Zeitrechnung zwischen den beiden Ländern. Ab sofort sind es die Briten, die Probleme mit der Aufarbeitung der Vergangenheit haben.
Professor David Cesarani vom Royal Holloway College sieht nach dem Harry-Vorfall einen enormen Aufarbeitungsbedarf in der britischen Gesellschaft. "Von dem Moment der Machtergreifung Hitlers an haben die Briten immer mit großer Ambivalenz auf den Nazismus reagiert."
Die Hitler-Begeisterung des Adels in den dreißiger Jahren, der Antisemitismus, all diese "Tendenzen" seien unaufgearbeitet geblieben nach dem Krieg, weil England "einen guten Krieg" gekämpft habe. Das habe, nach dem Krieg, "zu Selbstgerechtigkeit und Ignoranz" geführt.
Bisher war es ja so, dass sich britische Kommentatoren bei jeder Gelegenheit - zuletzt anlässlich Bernd Eichingers Film "Der Untergang" - über den Brustkorb des deutschen Volkskörpers beugten und nach antisemitischen Nebengeräuschen horchten. Mancher englische Leitartikel-Doktor räusperte sich dann besorgt und murmelte: "noch nicht reif für die Wiederaufnahme in die menschliche Gesellschaft".
Nun darf man sich dem englischen Patienten zuwenden. Nun kommen all die Argumente, die man sich in den letzten Jahren um die Ohren knallen lassen musste, noch einmal vorbei, aber spiegelverkehrt. Etwa dass man die Kirche im Dorf lassen solle. Da ist sich die linke Oberfeministin Germaine Greer einig mit der herzoglichen Partynudel Sarah Ferguson ("Der arme Harry - ich unterstütze ihn") bis hin zum Holocaust-Leugner David Irving ("Ein harmloser Witz"). Der konservative ehemalige Tory-Abgeordnete Neil Hamilton knurrte: "Schade, dass er sich entschuldigt hat, da sind eine Menge scheinheiliger Idioten unterwegs, die viel Wind um gar nichts machen."
Motto also: Niedrig hängen. "Harry darf noch nicht mal mehr furzen", bedauert Greer verständnisvoll.
Na, na, na, das klingt aber sehr nach Verharmlosung. Ist im Zusammenhang mit dem Holocaust Unnachsichtigkeit nicht mehr als angebracht? Und sollte man als 20-Jähriger nicht wissen, was man tut? Und ist es nicht möglich, dass Harry genau wusste, was er tat, ja, dass dieses Wissen gerade den Reiz der Sache ausmachte?
Es scheint so, als ob die endlosen Serien über den Zweiten Weltkrieg, über den "Blitz" und Churchills Heldentaten und die bösen Deutschen, die jeden Abend in die englischen Wohnzimmer flackern, zu sehr mit dem eigenen Triumphalismus beschäftigt waren - "Britain's finest hour" - und zu wenig mit den Opfern.
Vielleicht sind aber auch genügend Opfer gezeigt worden. Gerade in diesen Tagen, vor dem 60. Jubiläum der Befreiung des KZ Auschwitz, läuft eine Holocaust-Serie an. Vielleicht ist es einfach so, dass den englischen Teenagern die schicken NaziUniformen mehr im Gedächtnis haften bleiben als die Bilder der elenden Opfer?
Das wäre makaber. Die Hitler-Begeisterung des englischen Adels in den dreißiger Jahren kannte immerhin das düstere Ende noch nicht. Dass man es kennt und sich dennoch nicht aus der Partylaune bringen lässt, das ist wohl die makaberste Form von Amnesie.
Doch die scheint ohnehin verbreitet. Die wohlhabenden und sichtbar gelangweilten Oberklasse-Kids, die sich an diesem Abend zur Geburtstagsparty beim Sohn des Military-Olympiasiegers Richard Meade zum Feiern eingefunden hatten, engagieren sich ansonsten für den eher unpolitischen Zeitvertreib der Fuchsjagd.
Sie waren nicht irgendwer. Einige von ihnen stürmten unlängst den Labour-Parteitag und prügelten sich mit Polizisten, um ihr Jagdrecht gegen die Proleten der Blair-Regierung zu verteidigen. Blaues Blut in Wallung!
Die Kids lärmten an diesem Abend zu einem ganz besonderen Motto, das irgendwie mit der eigenen Klassen- oder Standeslage und schwer mit britischer Vergangenheit zu tun hatte: "Kolonialherren und Eingeborene".
Es ist nicht klar, was Dirty Harry sich da mit seinem Rommel-Outfit gedacht hat - irgendwie, fand er wohl, war das die Steigerung eines Kolonialherrn, schon wegen der Stiefel und des Stöckchens und des rassischen Überlegenheitsgefühls.
Immerhin: Harry, der sich für rührende afrikanische Charity-Fototermine gern zur Verfügung stellt, erzählte kürzlich über seine neue Freundin Chelsy, sie sei "keine Schwarze oder so was ...". Erleichterung allerorten.
Für den Themenabend hatte sich Bruder Prinz William übrigens bei Kostümhändlerin Maud sehr für ein Zulu-Kostüm interessiert. Womöglich inspiriert durch den gleichnamigen Film "Zulu", in dem heroische Kolonialherren wilde schwarze Afrikaner abmetzeln und in diesem Genozid durchaus "stiff upper lip" zeigen, also ganz britisch Haltung bewahren.
Der Empire-Motiv-Teppich an diesem Abend hat den Oberklasse-Lümmeln also durchaus die eine oder andere ironische Pirouette erlaubt. Und eben ein paar Ausrutscher auf Knobelbechern.
Nun aber sollte man die britischen Freunde für eine Weile unter sich lassen. Und ihnen Zeit geben für ihre eigene Vergangenheitsbewältigung.
Es gibt viel zu bereden.
DER SPIEGEL 3/2005
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