17.01.2005

EXZENTRIKERAngriff der Kirmes-Karnickel

Der Regisseur Wenzel Storch gilt als Deutschlands seltsamster Filmemacher - und wird diesem Ruf mit seinem neuen Kinowerk „Reise ins Glück“ lässig gerecht.
Wie er seine Miete bezahlen soll, wenn "Die Reise ins Glück" an den Kinokassen scheitert, "das male ich mir lieber nicht aus", sagt der Regisseur Wenzel Storch. An seinem dritten Langfilm hat der Underground-Filmer acht Jahre verbissen gearbeitet - und alles für ein neues kommerzielles Debakel getan.
In seinem kunterbunten Fantasy-Abenteuer lässt er sprechende Tiere und rauchende Kinder auftreten, er zeigt explodierende Köpfe, rammelnde Kaninchenmutanten, einen leibhaftigen König und ein schneckenartiges Raumschiff. Dies alles ist knallhart geschnitten und mit psychedelischer Kirmesmusik unterlegt. Storchs pompöses Splatter-Märchen muss sich seine Zuschauer zweifellos suchen.
Der erste Publikumstest ist indes schon bestanden. Beim "FanTasia"-Filmfest 2004 in Montreal, dem größten nordamerikanischen Festival für den phantastischen Film, errang das Werk eine Auszeichnung im Wettstreit um den "most groundbreaking film". Die kanadische "National Post" lobte den "Mix aus Münchhausen, Caligula und Sesamstraße". Das Berliner Stadtmagazin "Zitty" urteilte: "Einer der durchgeknalltesten, liebevollsten Filme der letzten Jahre. So originell, wie Kino nur sein kann."
Die Handlung ist solide vertrackt, selbst Storch hat die Story "nur in Ansätzen präsent". So viel ist sicher: Schneckenschiffkapitän Gustav strandet auf einer einsamen Insel, wo er gemeinsam mit einem Bär, einer Eule und fünf Fröschen den Kampf gegen den sadistischen König Knuffi und dessen Hofschranzen aufnimmt. Der Film ist, wie seine Vorgänger "Der Glanz dieser Tage" (1989) und "Sommer der Liebe" (1993), ein introspektivisches Selbstporträt des Verleihers, Produzenten, Drehbuchautors, Regisseurs und Kameramanns Wenzel Storch, 43.
Ihm verdanken wir nie gesehene Bilder: den Wim-Thoelke-Gedächtnis-Ofen und die sparsam anzuwendende Glaubenssalbe, glatzköpfige Kühe, popelsammelnde Päpste und die Behauptung, dass man Willy Brandts Nasenhaare rauchen könne: "Darfste nicht zu viel von nehmen", warnt einer in "Sommer der Liebe", "sonst kommste nicht wieder von runter."
Der Künstler Storch, ein hagerer, milde gestimmter Herr mit Alt-Punk-Frisur, ist tätig und aufgewachsen in der Bischofsstadt Hildesheim, die bisher kaum als Weltmetropole der Subkultur aufgefallen ist. Dort durchlitt der gelernte Messdiener, bewehrt mit Topfschnitt und Kassenbrillengestell, die grauen sechziger und bunten siebziger Jahre; dann boten erste Drogenerfahrungen die Möglichkeit, das bis dahin aufgesogene Bildmaterial in aufwendigen Kopffilmen zu verarbeiten. "Ich wollte immer nur das abbilden, was ich auf Trip gesehen hatte", sagt Storch.
So entstand "Der Glanz dieser Tage", die Chronik eines komischen Kauzes, der gern katholischer Priester werden möchte und aus Sorge wegen des Zölibats vorsorglich seine Frau anzündet. Und so entstand, lange vor dem Siebziger-Jahre-Revival und fern jeder Guildo-Horn-Dumpfmeisterei, die grandiose Hippie-Klamotte "Sommer der Liebe". Alle Filme haben denselben Hauptdarsteller: den charmant sächselnden Fernfahrer Jürgen Höhne.
Storchs Filme sind im besten Sinne selbstgemachte Bildberichte über die Kon-
kursmasse des postindustriellen Zeitalters: Als Orpheus in der Plunderwelt präsentiert er handgefertigte Schrott-Kunstwerke, in denen der Abfall der Kultur- und Konsumindustrie noch einmal in bombastischem Glanz erstrahlt, bevor er endgültig entsorgt wird. Die Reste von Storchs hyperbarocken Filmsets werden von Gastronomen und Auto-Tunern eingelagert - Filmmuseen zeigten sich überfordert.
Zwei volle Jahre lang hat Storch gemeinsam mit seinen Ausstattern Ralf Sziele, Christine Schulz und Matthias Hänisch Bauernhöfe abgeklappert, Fabriken geplündert und Fahrgeschäfte abgeschleppt. Dann bastelte er in abermals mehrjähriger Fronarbeit aus Rübenrodern, Zahnarztstühlen, Mähdreschern und Teppichklopfern ein glitzerndes Horrorpanoptikum zusammen.
Storch hat aus staatlichen Filmsubventionstöpfen kaum nennenswerte Zuschüsse bekommen: Ein Durchschnittsbudget hierzulande liegt bei etwa 2,5 Millionen Euro, der Hildesheimer Extremfilmer musste sich für sein neues Werk mit einem Zehntel dieser Summe als Fördergeld begnügen und die restlichen 160 000 Euro in Form von Bank- und Privatdarlehen aufnehmen.
Low-Budget-Filmerei à la Storch ist anstrengend und langwierig, mit großen Mühen und Ängsten verbunden. Aber auch mit schönen Hilfsaktionen.
Zur Stärkung des Budgets fanden landauf, landab "Wenzel-Storch-Benefiz-Galas" unter anderem mit den Schriftstellern Thomas Kapielski und Max Goldt statt. Der Chansonnier Max Raabe sang gratis Storchs hitverdächtigen Song "Tellerlip Girl", der im Film von schwarz angemalten Musikern in Baströckchen dargeboten wird. Die Vortragskünstler Harry Rowohlt und Horst Tomayer synchronisierten allenthalben auftretende Braunbären und Karnickel, und der Splatter-Regisseur Jörg Buttgereit besorgte die pyrotechnischen Spezialeffekte - die allerdings mussten, wie sich Storch schweißnass erinnert, "ohne Genehmigung und ohne jede Versicherung" gedreht werden, denn für dergleichen reichte das Geld nicht.
Nun ist "Die Reise ins Glück" in zehn Kopien in Deutschlands Kinos angelaufen und macht den Fantasy-Blockbustern "7 Zwerge" (777 Startkopien) und "Der Polarexpress" (860) Konkurrenz.
Storchs Film zeigt, dass man digitale Trickwelten auch von Hand basteln, dass große Filmkunst auch in Hildesheim entstehen kann. Und vielleicht lässt sich ja sogar der Vermieter des Künstlers mit Kinogutscheinen hinhalten.
OLIVER MARIA SCHMITT
* Mit Darsteller Holger Müller.
Von Oliver Maria Schmitt

DER SPIEGEL 3/2005
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