17.01.2005

FRÜHGEBORENE„An der Grenze des Machbaren“

Psychologe Dieter Wolke von der Universität Bristol über seine Nachuntersuchung von Frühchen, die vor der 26. Schwangerschaftswoche entbunden wurden
SPIEGEL: Sie haben erstmals extrem Frühgeborene bis ins siebte Lebensjahr verfolgt. Was war Ihr Ergebnis?
Wolke: 80 Prozent dieser Kinder sind leichtgradig bis schwer behindert. Nur jedes fünfte lebt ohne größere Probleme.
SPIEGEL: Bei fast der Hälfte der Kinder bezeichnen Sie die Behinderungen als mittel bis schwer. Was bedeutet das?
Wolke: Neben Spastizität, Lähmungen, Blind- oder Taubheit, die wir in zwölf Prozent der Fälle gefunden haben, lag die Hauptschwierigkeit im Lernbereich: Die Kinder haben Aufmerksamkeits- und Lernbehinderungen. Bei den extrem Frühgeborenen haben 41 Prozent einen IQ unter 70. Bei reif geborenen Kindern gilt das gerade einmal für zwei Prozent.
SPIEGEL: Die Kinder haben außerdem offenbar Schwierigkeiten bei der "ganzheitlichen Informationsverarbeitung". Wie drückt sich das aus?
Wolke: Sie tun sich schwer, mehrere Reize gleichzeitig zu verarbeiten. Deshalb kommen sie zum Beispiel später weniger gut mit Gleichaltrigen zurecht. Denn gerade in Gruppensituationen muss man oft mehrere Dinge simultan berücksichtigen.
SPIEGEL: Lösen sich solche Probleme nicht im Laufe des Lebens?
Wolke: Die Studien, die es gibt, deuten darauf hin, dass es sich um ein eher bleibendes Handicap handelt. Die meisten Kinder mit solchen Lernstörungen landen auf Sonderschulen.
SPIEGEL: Bisher gibt der Fortschritt der Medizin vor, welche Frühgeborenen überleben. Ist dabei zu wenig berücksichtigt worden, was aus den Kindern später wird?
Wolke: Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Flasche halb voll oder halb leer ist, je nach Perspektive: Etwa 50 Prozent der extrem Frühgeborenen haben keine oder nur leichtgradige Behinderungen, sie können mit Sicherheit Schulabschlüsse machen und selbständig leben. Die andere Hälfte ist vermutlich lebenslang auf Hilfe angewiesen. Was wir jetzt brauchen, ist eine informierte Diskussion auf der Grundlage dieser Daten. Die darf aber nicht von den Medizinern allein geführt werden.
SPIEGEL: Lässt sich die Grenze des Lebens noch weiter nach vorn verschieben?
Wolke: Das wäre Experimentalmedizin. Ich glaube, wir sind an den Grenzen des Machbaren angelangt.

DER SPIEGEL 3/2005
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