17.01.2005

BENEFIZ„Ein täglicher Horrorfilm“

Der irische Rockstar Bob Geldof über den Sinn von Wohltätigkeitskonzerten 20 Jahre nach dem „Live Aid“-Spektakel und die Unterschiede zwischen Katastrophen in Asien und Afrika
Geldof, 53, organisierte 1985 die erfolgreichste Benefizaktion aller Zeiten: Zwei Milliarden TV-Zuschauer in aller Welt verfolgten damals die "Live Aid"-Konzerte, bei denen Popstars wie David Bowie, Paul McCartney und Bob Dylan zugunsten der Hungernden von Afrika auftraten. Insgesamt sammelte Geldof bisher rund 140 Millionen Euro für Afrika.
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SPIEGEL: Mr. Geldof, ist es nicht Zeit für ein neues "Live Aid"-Konzert - diesmal für Asien?
Geldof: Nein.
SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären.
Geldof: Es wurde schon jetzt mehr als genug Geld für Asien gespendet, um mit den Konsequenzen der Flutkatastrophe klarzukommen. Die Hilfsorganisationen können diese Riesenmengen gar nicht so schnell verteilen.
SPIEGEL: Der Tsunami vom zweiten Weihnachtstag gilt als Jahrhundertkatastrophe. Da kommt es doch auf jeden Euro an.
Geldof: Die persönliche Tragödie der verunglückten Deutschen, Briten und vor allem der betroffenen Küstenbewohner wird ewig dauern. Kein Geld der Welt kann sie je beenden. Aber sonst ist es eine Tragödie des Moments. Ich glaube, in drei bis sechs Monaten haben sich die betroffenen Länder wieder gefangen. Thailand ist kein armes Land, und Fischerboote können ersetzt werden.
SPIEGEL: Zum Beispiel mit Hilfe von Spenden und mit den Einnahmen aus Benefizkonzerten. Was haben Sie dagegen?
Geldof: Das Desaster in Asien verstellt den Blick. Die wahren Katastrophen finden in Afrika statt. Dort schlagen, bildlich gesprochen, die Todeswellen jeden Tag zu.
SPIEGEL: Ein kühner Vergleich.
Geldof: Ich vergleiche gar nichts. Die eine Tragödie - die in Asien - war ein Akt Gottes, die andere - die in Afrika - ist das Ergebnis menschlichen Handelns. Beide töten, aber die eine war nicht vermeidbar, die andere ist es sehr wohl. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin sehr traurig über das, was in Asien passiert ist. Aber das, was jeden Tag in Afrika geschieht, regt mich auf. Afrika ist ein täglicher Horrorfilm.
SPIEGEL: Den will im Moment aber offenbar kaum jemand sehen. Die grauenhaften Bilder aus Asien dagegen haben auf der ganzen Welt Mitleid ausgelöst.
Geldof: Das darf aber keine Entschuldigung dafür sein, Afrika nicht zu helfen. Der internationale Handel, Agrarsubventionen und Schutzzölle in den Industriestaaten sowie korrupte afrikanische Staatslenker sind verantwortlich für Armut und Hunger, Krankheiten, Kriege und millionenfachen Tod. Wir wissen das und ändern trotzdem nichts daran. Die westlichen Staaten, insbesondere die Deutschen, haben Afrika vergessen.
SPIEGEL: Immerhin ist Bundespräsident Horst Köhler kurz nach Amtsantritt nach Sierra Leone, Benin und Äthiopien gereist. Warum ist solches Interesse für Afrika eher die Ausnahme?
Geldof: Es fehlt der Schock wie bei der Flut, dass auch Deutsche und Briten betroffen sein können. Wenn die Trockenheit im Sudan Deutsche in Gefahr bringen würde, wäre Berlin sehr interessiert an der Gegend.
SPIEGEL: Aber die Europäer spenden doch nicht in erster Linie für ihre von der Flut betroffenen Landsleute, sondern für die zerstörten Regionen.
Geldof: Großartig, nicht wahr? In Asien kann man sicher sein, dass die Hilfe wirkt. Schulen und Städte werden wieder aufgebaut, und irgendwann wird es dort so aussehen wie vor der Flut. In Afrika dagegen folgen auf jede Katastrophe zehn neue.
SPIEGEL: Eben. Seit über 40 Jahren verteilen die reichen Länder Geld in Afrika, aber der Kontinent fällt trotzdem immer weiter zurück. Wundert es Sie da, dass viele Menschen am Sinn der Afrika-Hilfe zweifeln?
Geldof: Nein, aber das dürfen wir nicht zulassen. Das ist nicht allein eine Frage der Moral: Denken Sie nur an Einwanderung, an Terrorismus. Afrika ist gerade mal 14 Kilometer von Europa entfernt!
SPIEGEL: Wie wollen Sie Afrika wieder ins Blickfeld holen?
Geldof: Wir werden in diesem Jahr ganz besonders laut die Trommel für Afrika schlagen. 2005 hat Großbritannien den Vorsitz der G-8-Staaten, also der wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt; außerdem übernimmt es im Juli den Vorsitz der Europäischen Union. Das heißt, Großbritannien wird politisch sehr einflussreich. Premierminister Tony Blair und Schatzkanzler Gordon Brown, die in diesem Jahr bestimmt wiedergewählt werden, sind so alt wie ich und wurden mit den "Live Aid"-Konzerten sozialisiert. Ich will sie dazu bringen, etwas Entscheidendes für Afrika zu tun.
SPIEGEL: Das klingt reichlich nebulös.
Geldof: Es geht um Schuldenerlass, um die Folgen von ungerechtem Handel, Korruption, Sklaverei, Kolonialismus. Das sind die Probleme, das wissen wir seit Jahren, das ist langweilig. Nicht langweilig ist aber, dass diese Menschen nicht arm sein müssten. Das ist das Abenteuer, das wir bestehen müssen.
SPIEGEL: Sind Sie eigentlich noch Rockstar oder längst Politiker?
Geldof: Ich tue, was ich kann. Ich bin ein Musiker, der manchmal zum Lobbyisten wird. Als Musiker muss man vor allem gute Musik machen, sonst hat man versagt. So wie mein Tischler zuallererst meine verdammte Tür zu reparieren hat; seine soziale Ader interessiert mich erst einmal herzlich wenig. Aber ich finde es gut, wenn er in seiner Freizeit auch etwas anderes im Kopf hat als Türen. Verstehen Sie? Ich denke eben auch nicht nur an Musik.
SPIEGEL: Sie untertreiben. Ihr Engagement hat Ihnen den Spitznamen "Der heilige Bob" eingetragen.
Geldof: Es ist wohl eher ein Spottname. Aber es ist mir herzlich egal, wie die Leute mich nennen. Wichtig ist nur, dass Afrika auf der Agenda steht. Es braucht allerdings manchmal sehr viel Kraft, damit dies auch so bleibt.
INTERVIEW: JAN PUHL, MARTIN WOLF
Von Jan Puhl und Martin Wolf

DER SPIEGEL 3/2005
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