24.01.2005

Weltverbesserer im Weißen Haus

Von Bednarz, Dieter; Beste, Ralf; Follath, Erich; Ilsemann, Siegesmund von; Mascolo, Georg; Spörl, Gerhard

Nimmt George W. Bush Anlauf zu einem neuen Krieg? Der Präsident will unter allen Umständen verhindern, dass Iran zur Nuklearmacht aufsteigt. Er misstraut den diplomatischen Anstrengungen der Europäer und schärft seine militärischen Optionen.

Bevor er sich zum zweiten Mal vereidigen ließ, stattete George W. Bush dem Nationalarchiv einen Besuch ab. Dort lagern die wichtigsten Dokumente der amerikanischen Geschichte, von der Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776 und der Verfassung bis hin zu ausgesuchten Devotionalien großer Präsidenten.

Bush wirkte entspannt, die Hände in den Hosentaschen, als er durch die enorm ausladende Rotunde flanierte. Er lauschte fast andächtig den Erklärungen des Archivars und schaute sich neugierig die Bibel an, auf die George Washington am 30. April 1789 seinen ersten Amtseid geleistet hatte. Damals hatte dieser erste Präsident der jungen Vereinigten Staaten wunderbare Sätze aus dem Geist persönlicher Demut und Bescheidenheit gesprochen: Jemand wie er, sagte Washington, "den die Natur mit minderen Begabungen ausgestattet hat und dem es an Erfahrung in Regierungsgeschäften mangelt, tut gut daran, sich seiner Mängel besonders bewusst zu sein".

Bush versenkte sich für einige Augenblicke in die Rede, die unter Glas in einer Vitrine ausgelegt ist, sagte dazu, er verspüre die Bedeutungsschwere dieses Tages, und verließ das säulenbewehrte Gebäude an der Constitution Avenue.

Wenn den 43. Präsidenten je Selbstzweifel überkommen sollten, etwa über Zweck und Nutzen der Irak-Invasion, dann vergräbt er sie in seinem Inneren. Öffentliche Selbstreflexion hält Bush für Selbstschwächung. An Erfahrung mangelt es ihm

nach vier Jahren im Weißen Haus und nach zwei Kriegen allerdings nicht mehr. Und der Mangel an Begabung hat ihn auf Dauer keineswegs beeinträchtigt, zumal andere sich verleitet fühlten, ihn immer wieder zu unterschätzen. Das kam ihm gelegen, das hat ihm ermöglicht, die Schwäche in Stärke zu verwandeln. Inzwischen ist Bush ein Regent aus eigenem Recht, der ernst genommen werden muss, im Guten wie im Schlechten.

Er mag grauer geworden sein und Gewicht zugelegt haben, seitdem er nicht mehr joggen darf. Aber er ist ungebrochen so, wie ihn die Welt in den vergangenen vier Jahren kennen gelernt hat. "Ich habe bei meiner Wiederwahl politisches Kapital gewonnen, und ich gedenke, es auch einzusetzen", hat er gesagt. Aber wozu will er es einsetzen?

So wie es aussieht, will er nicht innehalten, um die nächsten Jahre zu genießen, sondern vorwärts drängen wie gehabt. Er denkt nicht an Stabilisierung oder Konsolidierung, sei es im Irak oder in Afghanistan

oder auch daheim in Amerika. Er ist weit davon entfernt, fürs Poesiealbum der Nation zu posieren. Er ist ein radikaler Präsident im Weißen Haus, ein Weltverbesserer, den Stillstand langweilt.

Der Irak mag für den Rest der Welt ein abschreckendes Beispiel für die Anwendung militärischer Gewalt im 21. Jahrhundert sein. Die Ausbreitung der Demokratie im Nahen Osten ist ihm nach wie vor große Risiken wert. Und dabei schweifen seine Gedanken offenbar über Bagdad hinaus: hin zu Iran, wo die Mullahs regieren.

Als er am vorigen Donnerstag unter dem winterlichen Himmel vor dem mächtigen Kapitol seine Rede hielt, sagte er einen Satz, der tief aus dem amerikanischen Idealismus kommt, aber aus seinem Mund unheilvoll klingt: "Die Ereignisse und der gesunde Menschenverstand haben uns zu dieser Schlussfolgerung veranlasst: Das Überleben der Freiheit in unserem Land hängt zunehmend vom Erfolg der Freiheit in anderen Ländern ab. Die Hoffnung auf Frieden in der Welt wächst mit der Ausdehnung der Freiheit auf der ganzen Welt."

Alle amerikanischen Präsidenten schöpfen aus dem Fundus nationaler Rhetorik, wenn sie in ihr Amt eingeführt werden. Doch die Welt, die an solchen Tagen immer starken Anteil nimmt, weil der Mann im Weißen Haus nun einmal über den Lauf der Ereignisse entscheidend bestimmt, tut gut daran, genau hinzuhören: "In einer Welt, die sich auf die Freiheit zubewegt", fuhr Bush wie in einem halbreligiösen Manifest fort, "haben wir uns dazu entschlossen, die Bedeutung und das Versprechen der Freiheit unter Beweis zu stellen."

Was heißt das? Welchen Entschluss hat das Weiße Haus gefasst? Worauf muss sich die Welt einstellen? Kann man sich vorstellen, dass der Präsident, trotz aller ernüchternden Erfahrungen im Irak, auf ein zweites missionarisches Abenteuer aus ist?

Man muss es sich vorstellen, auch wenn vieles dagegen spricht, vor allem das Fiasko im Irak. Man muss es für möglich halten, nach aller Erfahrung mit dem 43. Präsidenten, der bislang stets gemeint hat, was er gesagt hat. Bush hat einen langen Atem, er bereitet sein Land und die Außenwelt auf seine Vorhaben vor. Er macht keinen Hehl aus seinen Absichten. Am Ende mag sich die Verwirklichung seiner Ziele lange hinziehen, sie wird vielleicht sogar aufgeschoben, aber nicht vergessen. Man tut deshalb gut daran, ziemlich unverhohlene Warnungen ernst zu nehmen.

Wem die "Demonstration der Freiheit" zuallererst gelten könnte, ist spätestens seit voriger Woche kein Geheimnis mehr: Bush zielt diesmal auf Iran, der sich möglicherweise anschickt, die Atombombe zu bauen und damit den Nahen Osten, in dem sich ohnehin jede Menge explosiver Konflikte ballen, in ein noch größeres Pulverfass zu verwandeln. Nicht zufällig war ja Iran ein integraler Bestandteil der "Achse des Bösen", neben dem Saddam-Irak und Nordkorea, das den Vorzug genießt, nicht im Nahen Osten und nicht im Bereich der

größten Erdölreserven zu liegen. Im Grunde knüpft der Präsident dort wieder an, wo er nach dem 11. September 2001 angefangen hat, als für ihn und die USA ein neues Zeitalter anbrach.

Wenn man Seymour Hersh Glauben schenkt, dann ist Amerika in seinen Vorbereitungen auf einen möglichen militärischen Schlag viel weiter gediehen als gedacht. Hersh ist 67 Jahre alt, eine Koryphäe im investigativen Journalismus, ein Einzelgänger im amerikanischen Mediengewerbe, das eher auf affirmative Betrachtung der laufenden Ereignisse ausgerichtet ist. Er hat das My-Lai-Massaker im Vietnam-Krieg aufgedeckt. Er hat als Erster über die Folter im irakischen Gefängnis von Abu Ghureib berichtet. Er gilt zu Recht als Autorität, weltweit.

Vorige Woche veröffentlichte Hersh im "New Yorker", einem ebenso renommierten wie vorsichtigen Blatt, einen Artikel über erste Vorbereitungen auf einen Schlag gegen Iran, der Schockwellen vor allem in Europa auslöste. Danach versucht das Pentagon seit vorigem Sommer geheime militärische Kommandos im Inneren des Landes, nukleare wie chemische Arsenale aufzuspüren und auch Raketenfabriken ausfindig zu machen (siehe Seite 113). Der Zweck liegt nahe: Vorbereitung für einen militärischen Angriff, um die Massenvernichtungswaffen zu zerstören.

Selten hat ein einzelner Journalist mit einem einzigen Artikel ein ähnlich gewaltiges Echo weit über sein Land hinaus erzeugt. Selbst Präsident Bush, der Dementis sonst seinen Untergebenen überlässt, nahm Stellung: Alle Optionen lägen auf seinem Tisch, auch die militärische, ließ er wissen. Natürlich fügte das Weiße Haus hinzu, Hershs Artikel beruhe auf Spekulationen und Gerüchten. Wenn dem wirklich so wäre, hätte der Präsident den Artikel mit Missachtung gestraft, anstatt ihn mit einem lauen Dementi zu adeln.

Für eine angemessene Erklärung seiner Beweggründe und Absichten, so meinte Bush vor kurzem, sei Condoleezza Rice zuständig. Es fügte sich, dass die künftige Außenministerin vorige Woche im Senat stundenlang Rede und Antwort über die Prioritäten der zweiten Amtszeit stehen musste. Der Irak müsse "eine Erfolgsgeschichte werden", sagte sie. Und Iran? "Es ist ausgesprochen schwierig, Gemeinsamkeiten mit einer Regierung zu finden, die der Auffassung ist, Israel müsse ausgelöscht werden", gab Rice gut vorbereitet zu Protokoll. "Es ist ausgesprochen schwierig, Gemeinsamkeiten mit einer Regierung zu finden, die Hisbollah und andere terroristische Organisationen unterstützt, die alles tun, um den Frieden im Nahen Osten, auf den wir aus sind, zu unterminieren."

Vizepräsident Richard Cheney zählt von jeher zu den treibenden Kräften, wenn es um die militärische Projektion amerikanischer Macht geht. Dabei treibt ihn die Sorge, dass Terroristen Massenvernichtungswaffen von sympathisierenden Staaten bekommen könnten: "Man sieht sich in der Welt um", sagte Cheney nach der Vereidigung, "und Iran steht dann gleich an der Spitze der Liste."

Seither weiß der Rest der Welt, dass Amerika Iran besondere Aufmerksamkeit zollen möchte. Denn Präsident Bush will unter allen Umständen verhindern, dass der Mullah-Staat zur Nuklearmacht und damit zur Vormacht im Nahen Osten aufsteigt. Dabei weiß er die Europäer, anders als im Irak-Krieg, sogar auf seiner Seite.

England, Frankreich und Deutschland verhandeln seit Monaten mit Iran, stillschweigend geduldet von Bush. Ihr Ziel ist es, das Land zum Einlenken zu bewegen. Das ist ziemlich schwer, weil die uneingeschränkte Nutzung der Nukleartechnologie für die Iraner zu einer Sache der nationalen Ehre geworden ist, unabhängig davon, ob sie auf Seiten der Mullahs stehen oder die religiöse Diktatur loswerden wollen. Immerhin rangen die drei den Machthabern in Teheran ein Moratorium ab, die "freiwillige" Aussetzung der für die Bombenproduktion so wichtigen Urananreicherung. Das ist ein Teilerfolg, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das könnte aber auch ein guter Grund sein, nicht

ausgerechnet jetzt mit Militärschlägen zu drohen.

Noch besitzt im Nahen Osten Israel das - offiziell nie eingestandene - Monopol auf atomare Massenvernichtungswaffen. Sollte auch Iran waffenfähiges Spaltmaterial erzeugen und sich so in eine Nuklearmacht verwandeln, ist ein Rüstungswettlauf in der ganzen Region die zwangsläufige Folge. Alte Rivalitäten würden sich verschärfen.

Saudi-Arabien, das ebenfalls vom pakistanischen Atomschmuggel-Netzwerk profitiert haben dürfte, könnte die Konsequenz ziehen, dass eigene Atomwaffen nötig sind, um Iran Paroli zu bieten. Ägypten müsste gleichziehen, will es seine herausgehobene Stellung im arabischen Raum behalten. Syrien und selbst Algerien, das zwei Forschungsreaktoren besitzt, könnten versucht sein, es den anderen nachzumachen.

Entweder ein Iran mit Atomwaffen, der Terrororganisationen sponsert, oder ein Angriff der Weltmacht Amerika auf Iran mit unkontrollierbaren Folgen - ist das die Alternative? Zwei konkurrierende Alpträume, die im günstigsten Fall durch Diplomatie vermieden werden können, während die Drohung mit Krieg als letztem Mittel eventuelle Kompromisse verbauen kann.

Deshalb halten die europäischen drei, die keine Illusionen hegen und wissen, dass letztlich fast alles von Amerika abhängen wird, nichts vom Einsatz militärischer Mittel. Der europäische Weg sei eine "bessere Strategie als die Alternative", sagte der britische Außenminister Jack Straw. Er stellte klar, dass sein Land in einem Kriegsfall, anders als im Irak, für Amerika kein unverbrüchlicher Verbündeter wäre. Straw ist ebenso wie Joschka Fischer der Auffassung, dass die latente Drohung mit militärischer Macht den Verhandlungen dienlich sein kann. Bereits im Herbst warnte Fischer deshalb die Mullahs vor "Fehleinschätzungen". Der Klartext war verständlich, ohne dass Fischer ihn ausbuchstabieren musste: Wenn Teheran Washington weiter provoziere, laufe es wirklich Gefahr, dass die USA irgendwann militärisch reagieren. Nie offen davon reden, damit die Iraner immer daran denken, ist die Logik dieser Doppelstrategie.

Der anschwellende Konflikt mit Iran ist so etwas wie ein Déjà-vu-Erlebnis. Wie damals vor dem Irak-Krieg geht es eigentlich um ein geschicktes Spiel mit vielen Bällen, dem der amerikanische Präsident mit seiner Vorliebe fürs Entweder-oder allerdings wenig abgewinnen kann. Wie vor dem Regimewechsel in Bagdad sind es die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, die Kontrollgänge unternehmen. Sie wollen wohl im Frühjahr wieder einen Bericht über den Stand der Dinge vorlegen: ob die Iraner, wie sie behaupten und kaum jemand glaubt, Reaktoren ausschließlich für die zivile Nutzung der Atomenergie bauen.

Wie vor dem Irak-Krieg ist der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Forum, in dem Amerika einen Antrag auf Ausweitung der Sanktionen oder auf Androhung dramatischer Konsequenzen stellen kann. Kaum zu glauben aus heutiger Sicht, dass sich eine Mehrheit für eine Resolution fände. Gut möglich, dass der Gegensatz zwischen Europa und Amerika noch weiter auseinander klafft als im Fall Saddam. Gut möglich aber auch, dass Bush dann einen neuen Alleingang unternimmt. Denn wie mit dem Saddam-Irak verbindet Amerika mit dem Mullah-Iran eine komplizierte gemeinsame Geschichte.

Persien - das mag das Land sein, von dem amerikanische Touristen träumen, von seinen Plätzen in Isfahan, von seinen Kunstschätzen in Persepolis, von seinen Palästen in Teheran, von seinen Basaren in Täbris mit all den fremdartigen Gewürzen, geheimnisvollen Speisen und kunstvoll geknüpften Teppichen. Persien: Dieser Name steht bei historisch interessierten US-Intellektuellen für eine prachtvolle, bewunderungswürdige Zivilisation.

Aber Iran - das hat einen ganz anderen Klang. Iran weckt bei der überwältigenden

Mehrheit der Amerikaner stark negative Assoziationen: islamistisch besessen, politisch fanatisch, abstoßend, bedrohlich. Iran, das sind die Bilder von US-Diplomaten, die nach dem Sturm auf die Botschaft 1979 mit Augenbinden vorgeführt und 444 Tage gedemütigt wurden; Eindrücke von einem hasserfüllten Revolutionsführer Ajatollah Chomeini, der die Vereinigten Staaten als "großen Satan" bezeichnete, der die antiwestliche Revolution im gesamten Nahen Osten verbreiten wollte; Alpträume von iranischen Politikern, die an der Atombombe basteln, um das von ihnen als "zionistisches Gebilde" diffamierte Israel in ein Höllenmeer zu verwandeln.

Amerika, auf der anderen Seite: Das mag das Land sein, von dem iranische Studenten träumen und dessen Hollywood-Filme und Rapmusik sie, streng abgeschirmt von den Revolutionswächtern, in den eigenen vier Wänden genießen. Amerika steht in den Augen vieler Teheraner Intellektueller auch für eine eindrucksvolle demokratische Tradition mit historischen Größen wie George Washington und Abraham Lincoln, einer freien Presse und der Trennung von Staat und Kirche: Errungenschaften, denen es nachzueifern lohnt.

Aber die USA - das hat einen ganz anderen Klang. Es weckt bei den allermeisten Iranern Assoziationen ganz anderer Art: machtbesessen, militaristisch, arrogant, aufdringlich. USA: Das sind CIA-Agenten, die 1953 den in freien Wahlen an die Macht gekommenen linksnationalen Premier Mohammed Mossadegh stürzten und den korrupten Washington-Freund Schah Mohammed Resa wieder inthronisierten; das ist das Land, das dem Angreifer Irak in den achtziger Jahren im Krieg gegen Iran Waffen lieferte, und das ist der beleidigende Bush-Satz von der "Achse des Bösen".

So kommt es, dass Washington nach Teheran blickt, und Teheran blickt nach Washington, und beide sehen spiegelbildlich dasselbe - den Teufel, den Erzfeind.

Einmal allerdings gab es eine kleine Chance zur Annäherung: In Teheran hatte es nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 spontane proamerikanische Demonstrationen gegeben. Die iranische Führung dürfte mit al-Qaida und ihrem aus Saudi-Arabien stammenden Chef kaum sympathisiert haben. Der fanatische Sunnit Osama Bin Laden hält das Schiitentum für einen Irrweg innerhalb des Islam - weltweit bekennen sich rund zwölf Prozent als solche "Parteigänger Alis", in Iran allerdings sind es 90 Prozent (und im Irak gut 60 Prozent). Mehrere hochrangige Qaida-Mitglieder befinden sich nahe Teheran unter Hausarrest.

Irans Regierung leistete den Amerikanern hinter den Kulissen logistische Hilfe bei der Bombardierung von Qaida-Stellungen in Afghanistan. Die fanatischen Glaubenskrieger der Taliban hatten Chatami, Chamenei und Co. schon bekämpft, als die US-Regierung noch Erdgas-Deals mit ihnen machen wollte. Einige Experten sprachen bereits von einem einsetzenden Tauwetter zwischen Washington und Teheran, der möglichen Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Doch der US-Einmarsch im Irak machte alle noch bestehenden Hoffnungen zunichte. Saddam Hussein war in Iran zwar stets als Aggressor verhasst, aber er galt durch die Uno-Sanktionen als geschwächt und ungefährlich - ein bequemerer Nachbar als die Besatzungsmacht USA. Durch die Invasion hatte der "große Satan" in Teherans Augen mit seiner geballten Militärmacht Iran von allen Seiten umzingelt: Er hatte sich in den Nachbarländern Afghanistan, Pakistan, in der Türkei und im Irak festgesetzt. Die ohnehin xenophoben Mullahs fühlten sich eingekreist - und sahen wohl nur einen Ausweg: die Atombombe.

War nicht Israel schon in den sechziger Jahren ohne große Gegenwehr heimlich zur Nuklearmacht aufgestiegen? Hatte sich die westliche Welt nicht nach den Kernwaffentests 1998 auch schnell mit Indiens und Pakistans Ambitionen abgefunden? Und fasst Washington in diesen Tagen nicht die mutmaßliche Neu-Atommacht Nordkorea mit Samthandschuhen an - die Bombe also eine Art Überlebensgarantie für das Regime?

Die Invasion im Irak haben amerikanische Politiker hauptsächlich damit begründet, dort produzierte oder gelagerte chemische und biologische Massenvernichtungswaffen zerstören zu müssen - und Saddams Zugriff auf die Atombombe zu verhindern. Der Krieg basierte, wie man heute weiß, auf dreisten Lügen, zumindest aber auf groben Übertreibungen.

Völlig unterschiedlich ist heute die Situation in Iran: Wenn denn Ambitionen in Richtung Atombombe Bush einen Kriegsgrund oder einen Vorwand für einen Angriff liefern sollten - auch den Friedfertigsten in Europa fällt schwer, es nicht zuzugeben: Teheran hat ihn schon so gut wie geliefert. Tricksen, tarnen und täuschen, das war seit der Machtübernahme der Mullahs vor 26 Jahren das unerklärte Motto gegenüber den Uno-Kontrolleuren von der IAEA. Die Iraner haben die Weltgemeinschaft zum Narren gehalten und internationale Vereinbarungen gebrochen.

Anders als etwa Israel ist Iran dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten, und zwar schon 1970: Das Land musste also über sein Nuklearprogramm detailliert Auskunft geben. Teheran hat immer behauptet, seine Atomforschung diene nur friedlichen Zwecken. Stromspendende Meiler sollten den schnell steigenden Energiebedarf der eigenen Bevölkerung abdecken - angesichts der riesigen Erdöl- und Erdgasvorräte im Land ein merkwürdiges Argument. Und immer wieder verschwiegen die Iraner wesentliche Teile ihres ambitionierten Programms.

Verdächtig war zunächst die enge Kooperation mit den Sowjets. 1989 schloss Teheran wichtige Rüstungsabkommen mit Moskau, und sechs Jahre später willigten die Russen dann auch ein, den im Irak-Krieg beschädigten Nuklearreaktor von Buschehr wiederaufzubauen. Immer wieder erreichten die CIA in jenen Zeiten Berichte, die Ajatollahs versuchten, auf dem russischen oder kasachischen Schwarzmarkt vagabundierendes Material für den Atombombenbau einzukaufen - die Vorwürfe blieben ungeklärt.

IAEA-Experten wissen nun, dass Teheran tatsächlich hochgeheime Zentrifugen und Baupläne aus einer anderen Richtung erwarb: Abdul Qadir Khan, Pakistans "Vater der Atombombe", wurde durch präzise Informationen der IAEA vergangenes Jahr so in die Enge getrieben, dass er seine - angeblich

"auf eigene Faust" durchgeführten Schwarzmarktgeschäfte - zugeben musste. Auch Teheran konnte nun nicht mehr leugnen, dass es schon in den neunziger Jahren unangemeldete Atom-Deals gemacht hatte, Khan befindet sich seit Februar 2004 in Islamabad unter Hausarrest. Präsident Pervez Musharraf kann oder will dem als "Nationalhelden" verehrten Wissenschaftler nicht den Prozess machen, liefert aber wohl Informationen an die Amerikaner.

Lange verschwiegen hatten die Iraner auch ihr Programm zur Urananreicherung. Der Bau der entsprechenden Anlage von Natans kam erst durch die Informationen einer Dissidentengruppe ans Licht.

Ob es um ein Zentrifugenprogramm ging, um den Bau einer zunächst nicht deklarierten Fabrik zur Produktion schweren Wassers und eines Forschungsreaktors bei Arak oder um Experimente zur Gewinnung des Bombenstoffs Plutonium - Teheran gab Informationen immer erst frei, wenn es extrem unter Druck gesetzt und mit Dokumenten konfrontiert wurde.

In ihrem neuesten Bericht vom November 2004 kritisiert die IAEA Irans Ausflüchte diplomatisch vorsichtig, lobt aber auch "verbesserte Kooperation" - sie tut mithin alles, um der Regierung die Tür nicht zuzuschlagen, um für die europäischen Vermittler Spielraum zu lassen. "Wir haben noch keinen rauchenden Colt gefunden, keinen letzten Beweis für die Kernwaffenambitionen", sagt der ägyptische IAEA-Chef Mohammed al-Baradei.

Er bezeichnet es als Erfolg, dass Iran Ende 2003 das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat (allerdings hat das Parlament in Teheran diesen Vertrag noch nicht ratifiziert). Damit dürfen die Uno-Kontrolleure unangemeldet alle verdächtigen iranischen Atomanlagen überprüfen. Strittig ist der Komplex von Parchin, südöstlich der Hauptstadt. Die Iraner verweigern hier, wo die USA Teile des Atomprogramms vermuten, den unbeschränkten Zugang; es handele sich um eine militärische, nichtnukleare Anlage.

Schon im vorigen Jahr gab der von den Amerikanern als "zu weich" angefeindete Uno-Chefwaffeninspektor zu, dass die Sicherheitskontrollen an allen Enden und Ecken versagen. Der technologische Fortschritt hat es, anders als vor Jahrzehnten vorausgesehen, vielen Staaten möglich gemacht, den gefährlichen Brennstoffkreislauf zu schließen und für zivile wie waffentechnische Zwecke geeignete "Dualuse"-Techniken anzuwenden.

Baradei möchte die gesamte Herstellung von Plutonium und hochangereichertem Uran nur noch unter multinationaler Aufsicht zulassen. Und er will bald in allen zivil genutzten Kernkraftwerken Vorrichtungen einbauen, die anzeigen, wenn bombengeeignete Stoffe abgezweigt werden.

Die IAEA-Fachleute im zweiten Glied sagen unter der Hand, was der Chef nicht sagen kann: Technologisch sind die Iraner zum Bau der Atombombe in der Lage. Sie haben nach Ansicht von Fachleuten alle Kenntnisse und so gut wie alle Materialien, die sie nur noch durch Testläufe schicken müssen - wohl wieder an der IAEA vorbei. Nach dem Dossier eines westlichen Geheimdienstes soll Revolutionsführer Chamenei als neuesten Trick persönlich den Bau einer geheimen Tunnelanlage nahe der von der Uno überwachten Urankonversionsanlage in Isfahan befohlen haben.

Die Israelis verbreiten, dass Teheran binnen eines halben Jahres mit dem Bombenbau beginnen könnte, amerikanische Fachleute rechnen mit drei bis fünf Jahren. Mit Nordkoreas Hilfe könnten die iranischen Machthaber, so das "worst case scenario", auch ihre Raketenentwicklung weiter vorantreiben: die Reichweiten verlängern, die Projektile mit Atomsprengköpfen ausrüsten. 1300 Kilometer fliegen bisher die Schahab-3-Raketen - bis nach Tel Aviv und Haifa, bis ins Nato-Land Türkei oder bis zu einem US-Stützpunkt im Irak.

Bleibt also wirklich nur die militärische Option?

Einmal das Undenkbare gedacht und durchgespielt: die militärische Option. Eine Option, die nach Meinung des britischen Außenministers Straw "nicht existieren" darf. Für seine Skepsis hat er gute Gründe. Denn im Vergleich zu einer Iran-Invasion dürfte der Irak-Krieg ausgesehen haben wie eine Kindergartenübung - fanden jedenfalls die Experten, die das US-Magazin "Atlantic Monthly" im Oktober zu einem simulierten Ernstfall bat.

Ausgangspunkt: Teheran verweigert die weitere Zusammenarbeit mit der Wiener Atomenergiebehörde - eine gefährliche Zuspitzung der Lage. Auf dieser Grundlage entwarf Oberst a. D. Sam Gardiner ein Krisenszenario. Seit mehr als zwei Jahrzehnten konzipiert Gardiner Planspiele am Washingtoner National War College, der Kriegsuniversität, die alle ranghohen US-Offiziere und viele zivile Strategen durchlaufen. Seine militärischen Vorgaben sollen weitgehend den aktuellen strategischen Überlegungen im Pentagon entsprechen.

Der Expertenrunde schienen die von Gardiner vorgetragenen Militärpläne überaus leichtfertig: 20 Vorbereitungstage, 30 Tage für den Regimesturz und die Vernichtung des Waffenarsenals. "Die Iraner könnten im Gegenzug die Destabilisierung des Irak so weit vorantreiben, dass wir nur noch per Hubschrauber aus Bagdads grüner Zone abziehen könnten", sagte David Kay in der Expertenrunde, ein früherer Uno-Waffenkontrolleur im Irak, in Anspielung auf Vietnam.

Sogar der neokonservative Falke Reuel Marc Gerecht, der dem Pentagon nahe steht, hielt einen Entwaffnungsschlag prinzipiell zwar für machbar, einen Regimewechsel jedoch für kaum durchführbar. Selbst ein Präventivschlag könne die iranische Atomrüstung allenfalls verzögern, nicht aber beenden.

Und für den Einmarsch, so die einhellige Überzeugung, fehle es der mächtigsten Militärmacht auf der Welt schlicht an Soldaten. "Die iranische Bevölkerung ist dreimal größer als die des Irak, die Fläche viermal größer, und Iran bietet fünfmal so viele Probleme", urteilte Ken Pollack, der gerade das Buch zum Iran-Krieg "The Persian Puzzle" veröffentlicht hat.

Da eine Invasion derzeit wohl auch für die Pentagon-Falken undenkbar ist, kommt in Wahrheit nur ein gezielter Schlag gegen die iranischen Atomanlagen in Frage. Doch die Iraner haben von Saddam Hussein gelernt. Der hatte seine nukleare Infrastruktur über den gesamten Irak verstreut, nachdem die Israelis 1981 mit einem Nacht-und- Nebel-Angriff das Atomzentrum Osirak zerstörten. Die iranischen nuklearen Anlagen sind an Dutzenden Orten untergebracht.

Wenn aber ein Schlag gegen verschiedene Ziele, womöglich auf einige Tage und Nächte verteilt, ein zu großes Risiko mit sich bringt, wenn der Irak in die Hände der vom schiitischen Religionszentrum Ghom aus aufgehetzten Radikalen fallen könnte - dann gibt es für Washington nur eine Erkenntnis: Die USA haben in Wahrheit wohl gar keine militärische Option.

Vielleicht aber glauben die Israelis über sie zu verfügen. Schon länger rasseln ein paar von ihnen mit dem Säbel. Meir Dagan, Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, nannte das iranische Nuklearprogramm "die größte Bedrohung Israels seit der Staatsgründung". Verteidigungsminister Schaul Mofas sagte, Israel werde "unter keinen Umständen Atomwaffen in iranischem Besitz dulden" - was sein Teheraner Amtskollege Ali Schamchani nicht weniger kriegerisch kommentierte: "Wir werden nicht zögern, einen Präventivschlag gegen den israelischen Atomreaktor zu führen, um eine zionistische Offensive zu vereiteln."

Und dennoch: Falls ein Angriff gegen Iran nicht von amerikanischen Militärs ausgeführt wird, ohne Unterrichtung der USA und ohne stillschweigende Zustimmung durch Präsident Bush wird er nicht stattfinden können. Israelische Flugzeuge und Waffen müssen von Tel Aviv, Haifa oder Dimona aus auf jeden Fall über Luftraum, der indirekt von den USA kontrolliert wird - über Jordanien, die Türkei oder den Irak.

Der Aufschrei in Teheran und der gesamten islamischen Welt wird kaum geringer sein, wenn nicht der "große Satan", sondern der "kleine Satan" am Drücker sitzt.

Bliebe eine letzte, ketzerisch klingende Variante: Iran wird nach allen gescheiterten diplomatischen Versuchen Europas tatsächlich Atommacht - und keiner greift militärisch ein. Worin liegt der Grund dafür, dass die westliche Welt mit einem nuklearen Teheran so viel weniger leben kann als mit einem nuklearen Pakistan, einer durchaus undemokratischen Militärdiktatur, wo ja - teilweise im amerikanischen Auftrag, zur Erforschung von Qaida-Verbindungen - genauso gefoltert wird wie in Iran?

Es gibt zahlreiche Gründe, warum der Westen besorgt sein muss: Allein die Vorstellung,

dass ein fanatischer Ajatollah die Hand am Atomknopf haben könnte, jagt Schrecken ein. Und Teheran mag nicht mit der Qaida zusammenarbeiten, aber es hat lange Zeit den internationalen Terror gefördert. 1994 stellte Argentiniens Regierung fest, dass es iranische Agenten waren, die das Haus des jüdischen Sozialwerks in Buenos Aires in die Luft gejagt haben: 85 Tote. Zuletzt soll Teheran 1996 im saudiarabischen Chobar an einem Anschlag auf eine US-Militärsiedlung beteiligt gewesen sein: 19 Tote. Und Teherans Machthaber befürworten bis heute Selbstmordattentate im israelisch besetzten Gaza-Streifen und im Westjordanland.

Immerhin wird eine solche Politik in Teherans Presse offen diskutiert, auch kritisiert. Iran ist ein Reich islamistischer Scharfmacher und korrupter Mullahs, aufdringlicher Tugendwächter und Folterstrafen, insofern ein "Reich des Bösen". Aber es ist auch ein Land mit vielen unterschiedlichen und auch demokratischen Facetten - weitaus offener als etwa das mit den USA verbündete Saudi-Arabien.

Im feinen Norden der Hauptstadt Teheran haben die Teens und Twens längst die Zeitenwende für sich vollzogen. Hier eröffnen clevere Jungunternehmer iranische Versionen von McDonald''s und Starbucks, halten reihenweise Pizzerien und Internet-Cafés Einzug. Hier können die Mullahs jeden Abend sehen, wonach sich vor allem die Jugend wirklich sehnt: Spaß und Freiheit.

Die jüngeren Leute stellen heute die Mehrheit im Land: Mehr als die Hälfte im 65-Millionen-Volk ist unter 25. Junge Burschen schieben sich den Schirm ihrer Baseballkappen so tief in den Nacken, wie sie es aus den amerikanischen Fernsehserien kennen, die auch im Gottesstaat über die Mattscheibe flimmern. Hunderttausende Zuschauer scheren sich nicht mehr darum, dass die TV-Satellitenschüsseln, mit denen sie den Koran-Litaneien des Staatsfernsehens entfliehen können, verboten sind.

Die jungen Frauen, die an Universitäten mehr als die Hälfte der Lernenden stellen, testen die Toleranzschwelle der religiösen Eiferer: Provozierend dick tragen sie ihr Make-up auf, schminken sich die Lippen rot, schieben das Kopftuch weit nach hinten. Die Sittenwächter prügeln mittlerweile nicht mehr so häufig wie früher "Verirrte" und "Verführte", wie die freie Teheraner Jugend bei den Tugendbolden heißt.

Der Spielraum für die jungen Menschen wächst langsam. Was soll das Mullah-Regime auch machen, wenn sogar die Tochter des früheren Staatspräsidenten Ali Akbar Rafsandschani demonstrativ unter dem Tschador das liebste Kleidungsstück des "großen Satans" hervorblitzen lässt: die Blue Jeans.

Selbst unter einst glühenden Anhängern der Revolution wie Hossein Ali Montaseri, 83, haben die religiösen Herrscher Kredit verspielt. Der hochverehrte Ajatollah hatte einst gehofft, dass der Sturz des Schahs 1979 dem Land die ersehnte Freiheit und Demokratie brächte.

Heute sitzt Montaseri, der vorübergehend zum Nachfolger Chomeinis auserwählt war, in seinem bescheidenen Haus in der heiligen Stadt Ghom und beklagt das Scheitern der Revolution. Von der Geistlichkeit fühlt er sich "abgestoßen", und "die mit dem Knüppel agierende Herrschaft dieser Rechtsgelehrten" verurteilt er scharf. Der schiitische Klerus, der Sauberkeit und Ordnung predigt, steht mittlerweile ebenso im Ruch der Vetternwirtschaft wie einst die Büttel des Schah-Regimes.

Doch die Kritik an "den Bärtigen" und den Flirt mit amerikanischer Lebensart gleichzusetzen mit Sympathie für US-Umsturzpläne wäre töricht. Vielen Iranern ergeht es wohl eher wie der Teheraner Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi: Gern reist die prominente Vorkämpferin für Reformen in die USA und nach Europa, legt ihr Kopftuch ab, sobald sie ihr Land verlassen hat. Eine Nachbildung der Statue of Liberty hat einen Ehrenplatz in ihrem Bücherregal.

Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auf Befreiung durch die Weltmacht Amerika hofft. "Der Kampf muss im Inneren eines Landes und einer Gesellschaft geführt werden", hatte Ebadi bereits vor einiger Zeit gesagt, "jede fremde Einmischung erschwert dieses Ringen um die Freiheit nur. Kein Staat hat das Recht, einem anderen seinen Willen aufzuzwingen, und wäre es, um das Gute durchzusetzen."

Iran besteht heute aus zwei Parallelgesellschaften. In der schwachen Mitte zerreibt sich Staatschef Mohammed Chatami. Er war die Hoffnung der Studenten, der Jungen, der Reste des Teheraner Bürgertums. Er besitzt die moralische Macht. Die reale Macht aber geben die Mullahs nicht freiwillig ab. Am 17. Juni wird ein neuer Präsident gewählt - wie es aussieht, ein Gralshüter des Regimes.

Was aber kann man tun, um Iran vom Weg zur Atommacht abzubringen? Dass die Vereinten Nationen dies noch schaffen, glaubt man nicht einmal in der IAEA-Zentrale in Wien. Die europäische Vermittlung

hat nur dann eine Chance, wenn Teheran tatsächlich an Technologietransfers zur zivilen Nuklearnutzung und an besseren Wirtschaftsbeziehungen mit Europa interessiert ist - Paris, London und Berlin verfügen über wenig Zuckerbrot und keine Peitsche.

Attraktiver wäre ein umfassendes Hilfsprogramm, wenn sich die Amerikaner ihm anschlössen. Wenn sie dem iranischen Regime für atomare Enthaltung ein "great bargain", ein großes Gegengeschäft mit Sicherheitsgarantie, Aufnahme diplomatischer Beziehungen und Ende des Embargos anböten, wie das der Nahost-Kenner Pollack in seinem Buch fordert. Darauf will auch der deutsche Außenminister Fischer, der sich am Dienstag in Washington zu Gesprächen aufhält, dringen: "Je stärker sich die USA politisch und diplomatisch engagieren, desto größer sind auch unsere Erfolgsaussichten", sagt Fischer. "Es besteht eine reale Chance, den Konflikt auf dem Verhandlungsweg zu lösen." Doch daran scheint Bush gar nicht zu denken - er gibt sich derzeit noch entschlossener, noch weniger an Diplomatie interessiert als in seiner ersten Amtszeit.

Einiges spricht dafür, dass Teheran gegenüber den Europäern wie gegenüber der IAEA nur auf Zeitgewinn spielt. Irgendwann wird dann aus Washington - spätestens bis zum Herbst - der Druck so stark werden, dass der "Fall Iran" an den Uno-Sicherheitsrat überwiesen wird. Dort könnten scharfe Wirtschaftssanktionen beschlossen werden, in der Hoffnung, dass ein weiterer Niedergang der iranischen Lebensverhältnisse das Regime zur Besinnung bringt oder zu seinem Sturz beiträgt. Eventuell könnte die Weltgemeinschaft auch Inspektionen erzwingen, mit abgestuften Drohmodellen: Irak, die Zweite.

Ob so etwas im Sicherheitsrat durchzusetzen ist, bleibt allerdings sehr fraglich: Die Vetomacht Russland hat große Wirtschaftsinteressen in Iran. Und vor allem die Vetomacht China weitet gerade ihren Handel mit Teheran erheblich aus. Dass die amerikanische Regierung Anfang Januar dieses Jahres, von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt, einige der größten chinesischen Firmen wegen angeblicher Zulieferungen für das iranische Raketenprogramm mit Strafen überzogen hat, lässt sich auch als erste Warnung Washingtons an Peking verstehen: Vergesst euer Veto, wir fassen euch sonst am Portemonnaie.

Am Ende wird alles davon abhängen, ob Iran die Bombe unbedingt bauen möchte. Und dann wird alles davon abhängen, ob Amerika das unbedingt verhindern will.

Ein genaueres Bild vom tatenhungrigen Präsidenten können sich die Europäer in ein paar Wochen selbst machen. Denn George W. Bush tritt die erste Reise seiner zweiten Amtszeit nach Brüssel zur EU und nach Deutschland an. Eigentlich hatte der Präsident seinen Besuch als Geste des guten Willens und der Konzilianz gedacht.

Eigentlich wollte der Präsident den Europäern demonstrieren, dass die "Zeit der Diplomatie" angebrochen sei, wie es die designierte Außenministerin Rice so freundlich ausgedrückt hat. Nun aber dürfte Iran einen langen Schatten werfen und die alten Gegensätze zwischen Europa und Amerika aufs Neue beleben.

In Deutschland war Bush schon einmal, drei Jahre ist es her. Damals drohte der Krieg gegen den Irak. Nein, nein, versicherte der Präsident damals den kriegsunwilligen Deutschen bei seiner Pressekonferenz in Berlin. Er habe keine "Angriffspläne auf meinem Tisch, und das ist die Wahrheit", fügte er hinzu.

Zehn Monate später begann die Invasion im Irak. DIETER BEDNARZ, RALF BESTE,

ERICH FOLLATH, SIEGESMUND VON ILSEMANN, GEORG MASCOLO, GERHARD SPÖRL

* Während einer Pressekonferenz in Teheran am 21. Oktober 2003.

DER SPIEGEL 4/2005
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