24.01.2005

Angeknackste Moral

Die Folterfotos aus Basra zerstören die Illusion über einen sauberen Krieg der Briten.
Nun ist auch diese Hoffnung weggebrochen - die der moralischen Überlegenheit über die amerikanischen Alliierten im Irak-Krieg.
Sicher, auch vor diesen Fotos hatte es Irritationen gegeben. Ein verstörender Report von Amnesty International war im Verteidigungsministerium gelandet und dort "vergessen" worden. Die Sache versandete.
Letztlich setzte sich immer wieder die Überzeugung durch, dass sich, neben den amerikanischen Soldaten, "rekrutiert aus dem Müll von Wohnwagenparks" ("Daily Mail"), die weltoffeneren, klügeren Briten als Gentlemen im Krieg erweisen würden.
Die Gewissheit hatte in die selbstgerechte Grundstimmung gepasst, mit der Premier Tony Blair die Insel in den vergangenen sieben Jahren als Führernation eines "neuen" Europa präsentierte, als moralisch streitbare Macht gegen die ewigen Zauderer aus Brüssel, Paris und Berlin.
Doch die völkerrechtlich zweifelhafte Intervention im Irak erwies sich als verhängnisvollster Fehlgriff der Ägide Blair, sowohl militärisch wie moralisch, und nun sind da diese Fotos - ein PR-GAU wie vor einem Dreivierteljahr die aus dem Bagdader US-Gefängnis Abu Ghureib.
Sie zeigen britische Soldaten, die grinsend irakische Gefangene misshandeln. Sie zeigen erzwungene homosexuelle Geschlechtsakte und Fellatio. Sie zeigen das Prügeln Gefesselter, Quälereien mit Gabelstaplern und immer wieder das "Okay"-Zeichen, das die Ohnmächtigen in die Kamera ihres Peinigers zu winken hatten.
Es ging da nicht etwa um Terroristen und Mörder, an denen sich einzelne Soldaten rächen wollten, sondern um bessere Eierdiebe, die man aus keinem anderen Grund quälte als dem, dass man die Möglichkeit dazu hatte.
Plünderer - amerikanische Soldaten hatten ihnen eher passiv zugesehen. "Solche Dinge passieren eben", meinte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld damals salopp. In den britisch kontrollierten Sektoren wurde dagegen die Operation "Ali Baba" angeordnet: "hartes Durchgreifen".
Das war von manchen britischen Soldaten ganz offenbar als Lizenz zur Folter angesehen worden, eine Art halböffentlicher Spaß auf dem Stützpunkt. Einer der Soldaten brachte die Fotos am 28. Mai 2003 im heimatlichen Tamworth zum Entwickeln, als handelte es sich um Urlaubsschnappschüsse. Es war die schockierte Fotohändlerin dort, die die Polizei alarmierte.
Über die Täter, allesamt aus dem renommierten "Königlichen Füsilier-Regiment" (Motto: "Für England und St. George"), war vergangene Woche vor dem Militärgericht in Osnabrück zu vernehmen, dass sie sich alle durch besondere Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet hätten. Junge Burschen eben, die "nur Befehlen gehorcht" hätten. Denen wird nachgegangen.
Der Imageschaden für die britischen Truppen ist nicht zu ermessen. Die durch ihre Enthauptungen berüchtigte Sarkawi-Bande drohte bereits mit Racheakten. Durchaus bewegend beeilte sich Premier Tony Blair im Unterhaus vorige Woche, seinen Abscheu auszudrücken und zu betonen, dass die 65 000 britischen Soldaten im Irak-Einsatz von diesen schändlichen Einzelfällen abgesehen tadelfrei seien.
Er erntete bleierne Zustimmung in sämtlichen Fraktionen. Alle, so war es in den Gesichtern zu lesen, sind inzwischen kriegsmüde. Schon vorvergangene Woche war die Zustimmungsrate der Briten auf 29 Prozent gesunken - von einstmals 64 Prozent.
Wohl keine britische Militärgeschichte musste in so kurzer Zeit so oft in immer neuen Versionen erzählt werden wie dieser Waffengang, und jedes Mal fällt sie düsterer und armseliger und empörender aus. Was mit einem moralisch selbstgewissen Blitzzugriff zum Diktatorensturz begann, ist ein fragwürdiger, mörderischer Besatzerkrieg geworden, bei dem ein Ende nicht in Sicht ist.
Entsprechend erschüttert zeigen sich die moralischen Grundgewissheiten in diesen Tagen. Das kollektive Selbstgespräch auf den Britischen Inseln ist zweifelnder geworden. Nach der Katastrophe um die Fotos von "Nazi-Harry" titeln die Groschenblätter nun zum zweiten Mal in nur einer Woche "Schamlos" oder "Großbritanniens Schande!"
Als "selbstgerecht" sehen Kommentatoren wie Paul Gilroy vom "Guardian" den bisherigen Umgang mit der eigenen Geschichte. "Unsere Mentalität war: zwei Weltkriege, ein Weltcup." Historiker wie Niall Ferguson präsentierten schönende Interpretationen zum "guten Empire" der Briten, die sich prächtig verkauften.
Immer häufiger wird nun auch hier die Gegenrechnung aufgemacht. Im "Independent" konfrontierte die Buchautorin Caroline Elkins die Insel mit ihrer brutalen Vergangenheit als Kolonialmacht, etwa mit dem britischen "Gulag" im Kenia der fünfziger Jahre, mit seinen anderthalb Millionen Inhaftierten, den über hunderttausend Toten.
Die Insel, so Paul Gilroy, habe "den Verlust ihres Empires nie richtig verarbeitet". Liegt hier ein Schlüssel zu Blairs Interventionismus, seinem missionarischen Hurra-Abenteuer im Irak, der einst zum britischen Weltreich gehörte?
Mit den Folterfotos aus Basra stellt sich die Insel erneut Fragen. Sie lernt sich neu kennen, ihre unbearbeitete Geschichte, ihre skandalösen Geschichten. Kein Zweifel, sie liegt auf der Couch, und sie fühlt sich elend.
MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 4/2005
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