24.01.2005

FLUTKATASTROPHEEin Bier auf das Paradies

Ein paar deutsche Aussteiger gehören zu den Überlebenden auf Ko Phi Phi. Sie waren auf der Trauminsel, weil sie der kalten, engen Welt ihrer Heimat entkommen wollten. Jetzt suchen sie in den Trümmern ihrer Häuser nach den letzten Spuren ihres Traums. Von Alexander Osang
Die heiße Luft schmeckt nach Staub und Verwesung, aber JP redet von Naturdärmen, Schinken und Kasseler, als laufe er durch eine virtuelle, heile Welt. Er sucht seinen Räucherofen. Er war schwer wie eine Lokomotive, sagt JP. 400 Kilogramm mindestens, in nullachter Stahl gewandet, so was verschwindet doch nicht einfach. JP folgt den Trümmern seines Restaurants die kleine verwüstete Geschäftsstraße hinunter, wobei er kurz in den Laden seines Nachbarn Heinz Oswald schaut, den sie sieben Tage nach der Flut unter einem Geröllhaufen fanden, so zerschunden, dass man nicht mal mehr die Tätowierungen erkennen konnte. Und Heinz hatte große Tätowierungen, sagt JP. Am Ende der Straße, 200 Meter von seiner Kneipe entfernt, findet er in der Ruine eines Reisebüros ein farbiges Betonstück aus seiner Bar.
"Beton", sagt JP.
"Wasser hat Kraft. Dit darf man nich untaschätzen", sagt Mister Blue, der neben ihm steht, eine Flasche Singha Bier in der Hand, die er vor zwei Minuten aus einem Schuttberg gezogen hat. Die Flasche ist halb leer. Es ist mittags, um die 30 Grad warm, und es ist nicht sein erstes Bier heute. Bier hat Blue gewissermaßen das Leben gerettet. Am Morgen, als die Welle kam, wollte ihn sein Kumpel Matten überreden, runter zum Frühstück in den Ort zu gehen, aber Mister Blue sagte: "Bier is ooch Frühstück", riss sich ein Heineken auf und blieb auf der Terrasse seines kleinen Bungalows am Berg. Deshalb lebt er noch, sagt er.
JP läuft zurück zur Ruine seines Hauses, um die paar Dinge zusammenzusuchen, die es lohnt, von der Insel mitzunehmen. Zweieinhalb Wochen nach dem Unglück
ist er noch einmal nach Phi Phi Island zurückgekehrt, um sich von seinem Traum zu verabschieden.
Es könnte sein, dass der Massentourismus auf Ko Phi Phi an dem Tag begann, an dem Jens Peter Marsch auf die Trauminsel in der Andamanensee setzte. Eine kleine Insel mit zwei grünen Felsen, die durch einen schmalen, mit hohen Palmen bestandenen Streifen weißen Sandes verbunden sind. Etwa 200 Leute lebten damals auf Phi Phi. Das ist etwa 15 Jahre her. Marsch war knapp 30, ein Koch aus Darmstadt, den sein Job bei der Lufthansa-Versorgungsgesellschaft in Frankfurt langweilte und dem das Wetter in Deutschland nicht mehr gefiel. Phi Phi schien das Gegenteil von Deutschland zu sein. Alles schien noch möglich. Anfang der achtziger Jahre kamen die ersten Ausländer auf die Insel, meist Taucher, die in bescheidenen Bungalows wohnten. 1992 baute Marsch sich in der Nähe des kleinen Hafens eine Hütte, nannte sie "Top Ten Burger" und begann sein Leben in Thailand. Die Taucher mochten seinen Imbiss. Sechs Jahre später, als der Raum zwischen den Palmen fast vollständig mit kleinen Bungalows gefüllt war, eröffnete JP mitten im alten Zentrum das Restaurant "Fatty's". Der Name war seinem Nachbarn Heinz Oswald eingefallen, einem österreichischen Tauchlehrer, der etwa zur gleichen Zeit wie Marsch Phi Phi entdeckte.
Jens Peter Marsch, 44, nennt sich JP, seit er hier lebt. Er spricht es englisch aus, weil der Name Jens Peter Marsch zu der kalten, engen Welt gehört, die er zurücklassen wollte. Mister Blue heißt eigentlich Bernd Kunkel, aber auch das klingt viel zu sehr nach der Polizeiverwaltung in Berlin-Tempelhof, wo er vor über 30 Jahren mal die einzige Ausbildung seines Lebens begann. Er brach sie ab, weil er mit Kartenspielen an einem Abend mehr Geld verdiente als ein Verwaltungsbeamter in einem Vierteljahr. Blue wanderte im Himalaja, er fischte zwei Jahre lang vor Neuseeland, bestieg den Kilimandscharo und kannte jede wichtige Bar in Südostasien, bevor er hier ankam. Er mietete sich auf Ko Phi Phi eine kleine Hütte mit Dusche am Berg, kaufte sich ein altes Boot, baute es auf, nannte es "Electric Blue" und ging mit Touristen fischen.
"Ick jage den Blue Marlin, deswegen heiß ick Blue", sagt er.
JP steht unentschlossen vor seinem wackeligen Holzhaus, neben ihm liegt das Fatty's-Schild, er hebt eine halb leere Flasche Amaretto auf, dreht den Verschluss auf, riecht, dann stellt er die Flasche wieder vorsichtig ab. Seltsam, dass es der Likör überstanden hat, nicht aber der Ofen. JP zeigt den Platz, auf dem der große Räucherofen stand. Die Welle hat das Haus seiner Nachbarn in den Biergarten gespült.
JP kämpfte seit Jahren einen Kleinkrieg gegen die muslimische Familie, der ein Teil des Grundstücks gehört. Die Familie erreichte vor zwei Jahren, dass der Zaun von Fatty's Biergarten ein Stück zurückgesetzt wurde. Man kann sich nur schwer vorstellen, was die Nachbarn empfanden, wenn JP seine Schweineteile in den Ofen hing. Er sagt, die Nachbarn haben seinem Geschäft geschadet, weil sie ihren Dreck auf den kleinen Weg kippten, der ihr Haus von seinem trennte.
"Das stank erbärmlich. Die haben gelebt wie die Tiere. So, als hätten sie noch nie irgendwas von Tourismus gehört. Na ja, jetzt
sind sie weg. Die hatten hohe Verluste, ein paar von ihnen lagen tot in unserem Gastraum", sagt er. Man fragt sich, ob er noch immer unter Schock steht. Er schaut auf den Haufen aus Brettern und Wellblech, der von seinem Nachbarhaus übrig geblieben ist.
"Es gibt eine Überbevölkerung in dieser Religionsgruppe auf Phi Phi", sagt JP. "Meine Beschwerden beim Bürgermeister haben nicht viel gebracht, weil der ja über drei Ecken mit denen verwandt ist. Wie alle hier."
Aus dem Dunkel seiner Hausruine tritt ein glatzköpfiger Mann, der eine Kaffeemaschine in der Hand hält, die nicht aussieht, als würde sie noch funktionieren. Das ist Florian Asmussen, ein 27-jähriger Gärtner aus dem Allgäu, der seit zwei Jahren auf Phi Phi als Tauchlehrer arbeitet. Sie nennen ihn hier Floh, er hat als Roadie beim Jägermeister-Festival in Wolfenbüttel gearbeitet, bevor er nach Thailand zog. Floh wohnte in einem der winzigen Gästezimmer unterm Dach von Fatty's, als die Welle kam.
"Und?", fragt JP.
"Nicht viel übrig", sagt Floh.
Es kostet JP 20 Minuten, festzustellen, was er noch gebrauchen kann.
Zwei Türen, ein Deckenstrahler, ein paar Kleider seiner Frau und ein Stapel T-Shirts, auf die das Motto seines Restaurants gedruckt ist: "Beer Forever".
Sie legen alles auf einen Haufen, dann ziehen die drei Männer über ihre Insel, hier und da finden sie ein Bier, wischen den Staub vom Hals und trinken es schnell. Das Reisebüro, in dem man Mister Blues Gamefishing-Touren buchen konnte, ist vom Erdboden verschwunden. Sein Boot "Electric Blue" lag glücklicherweise im Hafen von Phuket zum Tanken, es ist nur leicht beschädigt worden. Die Straßen, die das Touristendorf teilten, gibt es nicht mehr, nur noch die Schneisen, die die Planierraupen und Bagger auf der Suche nach Toten gezogen haben. 800 Menschen sind auf Phi Phi gestorben, heißt es, mehr als 1900 werden vermisst. Allein in JPs Erdgeschoss lagen zwölf Leichen, sagt er. Er hat dort kurz nach der Welle fotografiert und die Fotos auf eine CD gebrannt, die er "Tsunami Fatty's 2004" nannte.
6000 Menschen bevölkerten in der Hochsaison die kleine Insel, heute treffen Floh, Blue und JP vielleicht 50. Die meisten sind europäische Aussteiger wie sie, die testen, ob es sich lohnt, noch mal anzufangen. Eine deutsche Andenkenverkäuferin, ein französischer Restaurantbesitzer, zwei englische, ein schwedischer und ein österreichischer Tauchlehrer und eine Französin, die Klettertouren organisierte. Sie kamen heute Morgen mit der ersten Fähre und fahren später mit der letzten zurück nach Phuket. Es gibt keinen Strom und kein Wasser auf Phi Phi. Die Einheimischen sind fast alle kurz nach der Katastrophe von der Insel geflohen und nicht mehr zurückgekommen. Viele von ihnen wohnten in dem kleinen Hüttendorf, das mitten in der "Zone 4" liegt, dem Gebiet, in dem die Welle nichts übrig ließ.
Das dreistöckige Phi Phi Hotel scheint am 26. Dezember in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Es ist friedlich und ruhig in den langen Gängen, aber man sieht den Zimmern die Hast an, mit der sie verlassen wurden, überall liegen Schuhe, die Betten sind zerwühlt, auf den Nachttischen liegen noch die Urlaubsbücher. Französische, holländische, deutsche, englische Taschenbücher. In der vierten Etage steht ein leerer schwarzer Rollenkoffer, an dem ein kleines Schild mit der Adresse einer schwedischen Frau hängt. JP prüft den Koffer, dann sagt er: "Den braucht sie ja wohl nicht mehr." Er reißt das Schild ab und nimmt den Koffer mit.
Floh findet eine weiße Kühlbox, die sie mit Bierflaschen vom Wegesrand füllen und am Abend, nachdem die letzte Fähre Phi Phi verlassen hat, zu Blues Bungalow am Berg schleppen, wo sie die Nacht verbringen werden. Als die drei Männer mit der weißen Kühlbox durch die verlassene Trümmerlandschaft laufen, sehen sie aus wie die letzten drei Überlebenden von Phi Phi. Ein beunruhigender Gedanke.
Kurz bevor die Sonne untergeht, hat man von der kleinen Terrasse des winzigen Bungalows einen schönen Blick über das Strandstück der Insel. Noch vor drei Wochen wummerten nachts die Beats aus den Techno-Discotheken durch die Bucht. Blue hat ein paar Kerzen angezündet, und obwohl dort unten Trümmerberge rauchen, kann man sich einen Moment lang vorstellen, wie die Insel vor 20 Jahren ausgesehen hat, bevor die ersten Touristen ankamen. Dann erzählt JP von seinem Weihnachtsmenü, das er am Vorabend der Katastrophe anbot.
Es gab Entenkeulen, Rinderlende, Kasseler und Truthahn, der mit Schweinemett gestopft war, Kartoffelbrei, Kartoffelbällchen, Rotkohl und Speckbohnen. Floh sagt, dass er ziemlich zugenommen hat, seit er im Fatty's wohnte. JP lächelt stolz. Er hat sein Brot selbst gebacken. 670 Baht hat das Weihnachtsmenü gekostet, rund 13 Euro sind das, ein bisschen weniger als bei HC Anderson, einem dänischen Restaurant mit ähnlichem Angebot. JP hat am 25. Dezember 75 000 Baht eingenommen, 500 000 Baht hatte er insgesamt im Tresor, als die Welle kam. Die hat er retten können.
Blue schaut ihn an. Er hat kein Geld mehr, er weiß nicht, wie er die Reparatur seines Bootes bezahlen soll und seinen Kapitän, der wartet, dass es weitergeht. Er weiß nur, dass er nicht aufgeben wird. Er ist 53 Jahre alt, er hat kein anderes Leben mehr, schon gar nicht in Tempelhof. Auf seinem Tisch liegen ein paar SPIEGEL-Ausgaben, sie sind Jahre alt, immer wieder liest er darin, weil sich ja eigentlich nichts verändert, wie er sagt.
"Ick hätte der Welle gar nicht entfliehen können", sagt Blue. "Ick war ja in den
letzten 30 Jahren um diese Zeit immer irgendwo, wo sie auch war. In Indonesien, auf Sri Lanka, in Malaysia oder hier in Thailand. Ick bin ja Traveler. Dit is ja allet, wat ick bin."
Sie trinken das gefundene Bier aus, später auch noch eine Flasche Whisky. Zwischendurch kocht Blue auf einem Gaskocher immer wieder Tütennudelsuppe, die er mit Thunfisch aus den Dosen verfeinert, die er heute Nachmittag in einem zerstörten Lebensmittelladen gefunden hat. Die Katastrophe verschwindet immer mehr in ihren lustigen Erinnerungen von der Insel, thailändische Frauen geistern durch die Geschichten, aber auch Männer aus Stendal und Stade, deutsche Reisende, von denen sie nur die Vornamen kennen oder die Spitznamen. Matten, Derek, Oli, Lars und Schuppi. Es sind die Geschichten eines endlosen Männerurlaubs.
Am nächsten Tag schleppt JP zusammen mit Floh und Blue seine beiden Türen, die Deckenlampe und den Rollenkoffer der Schwedin auf die Fähre nach Phuket. Sie haben wieder Bier mit an Bord, aber als das Boot langsam aus dem Hafen fährt, scheint die Luft aus seinem dicken, zufriedenen Gesicht zu entweichen.
"Ich hab einen richtigen Moralischen", sagt JP. "Ich hab hier die glücklichsten und die schlimmsten Stunden meines Lebens verbracht. 1995 zum Beispiel hab ich mich hier von meiner ersten thailändischen Frau getrennt, die ich in Frankfurt bei der Lufthansa kennen gelernt hatte. Die hatte ja neun Jahre lang in Deutschland gelebt, da war sie immer lieb und nett. Wir haben in Bangkok geheiratet, sind hierher gezogen, aber dann kam immer mehr die Thailänderin in ihr durch. Sie hat mich ausgenutzt, weil ich ihre Sprache nicht konnte. Es ging nicht mehr. Mein ganzes Leben schien im Sand zu verlaufen. So fühl ich mich jetzt auch ein bisschen."
Was hat er hier eigentlich gesucht?
"Das Glück wahrscheinlich", sagt JP und grinst.
Die drei Männer sitzen auf dem Außendeck, trinken Heineken und sehen zu, wie ihre Insel langsam am Horizont verschwindet. Je weiter sie sich entfernen, desto unversehrter sieht Ko Phi Phi aus.
Ein paar Tage später treffen Blue und JP ihren Kumpel Oli im Schweizer Restaurant "Swiss Delight" am Rand von Phuket. Oli ist heute überraschend in Phuket aufgetaucht, sie haben schon jede Menge Begrüßungsbiere getrunken. Es gibt Rösti, Käsenudeln und deutsches Bier, an den Nebentischen sitzen ältere weiße Männer mit jungen thailändischen Frauen. Oli ist ein später Urlauber. Er heißt Oliver Diehn und stammt aus Arendsee. "Das ist die Perle der Altmark", sagt JP.
Oli erzählt, wie er mit vier anhaltinischen Freunden am 28. Dezember aufbrach, um seine Kumpel auf der verwundeten Trauminsel zu besuchen und zusammen Silvester zu feiern. Sie hatten ihren Urlaub schon so lange gebucht und wollten ihn wegen der Naturkatastrophe nicht absagen. Als sie in Bangkok ankamen, verließ sie aber doch ein bisschen der Mut. Es hieß, auf Phi Phi herrsche Seuchengefahr. In der "Bild"-Zeitung sah er schreckliche Bilder. Sie blieben über Silvester in der Hauptstadt und reisten dann doch lieber erst mal nach Ko Tao, an den unversehrten Golf von Thailand, und von da aus weiter nach Malaysia. Aber nun, drei Wochen nach der Welle, ist er hier, um seine Solidarität zu bezeugen.
Oli Diehn ist 37 Jahre alt, er hat sein Berufsleben als Agrartechniker bei der LPG in Arendsee begonnen, heute montiert er Sprinkleranlagen. Er erzählt, wie er beim Flug von Kuala Lumpur nach Phuket Phi Phi von oben gesehen und fotografiert hat. In gewisser Weise war er auch dabei, soll das wohl heißen. Er symbolisiert hier in der Schweizer Kneipe in Phuket das Mitgefühl der westlichen Welt.
"Ich hatte Tränen in den Augen, als ich erfahren hab, was passiert ist. In Deutschland trauern alle, und ihr macht hier Party", sagt er mit schwerer Zunge.
"Das Leben geht weiter", sagt JP. "Ich hab drei Kinder und 'ne Frau zu ernähren."
"Entschuldigt mal, wollt ihr nicht wenigstens ein Wort über Heinz verlieren?", sagt Oli.
"Wir haben Heinz und seine Töchter in diesem Chaos stundenlang gesucht, mein Lieber. Wir haben mit seiner Witwe geredet. Wir haben genug Tränen vergossen", sagt JP.
Olis kleiner betrunkener Kopf kreist ratlos auf seinen schmalen Schultern. Er erzählt, wie sie noch am Abend des 27. Dezember in seiner Stammkneipe, dem Central Café von Arendsee, einen "Spendenfonds" für die Opfer der Flutkatastrophe ins Leben riefen. 300 Euro sammelten sie. Es war noch nicht ganz klar, welchem Land sie das Geld zukommen lassen wollten, als er abflog. Oli hofft, dass sie sich für Thailand entschieden haben. Es ist das Land, in das er reist, seit ihn vor fünf Jahren seine Freundin verlassen hat. Er war schon sechsmal auf Phi Phi. Dorthin kann er sowohl dem Winter als auch der schlechten Auftragslage entfliehen. Sein Chef hat ihn zwei Monate freigestellt, bezahlt aber die Versicherungen weiter. Sein Rückflug ist am 26. Februar. Thailand ist warm, billig, und es gibt Mädchen.
"Ann und Hue haben es nicht geschafft", sagt Blue.
Oli schaut bestürzt.
"Ann und Hue sind Olis Parademösen", sagt Blue, und Oli lächelt, ein bisschen beschämt, ein bisschen stolz.
"Weißte, was die Regierung mir für mein Restaurant an Entschädigung angeboten hat?", fragt JP plötzlich. "20 000 Baht! Da sind Milliarden gespendet worden, und die finden uns so ab", sagt er und legt einen kleinen Ausweis mit seinem Namen und dem Aufdruck Interpol auf den Tisch.
Er arbeitet seit ein paar Tagen als Fahrer und Dolmetscher für ein paar Experten des
österreichischen Innenministeriums, die mit der Identifizierung von Flutopfern beschäftigt sind. Einen Monat, glaubt er, kann er das noch machen, denn es gibt ziemliche Schwierigkeiten. Einige Leichen, die anfangs anhand von Fotos identifiziert wurden, sind verschwunden, es herrsche ein ziemliches Chaos. Mehr könne er aber nicht verraten.
Er hat zwei Angebote aus Österreich bekommen, er könnte als Koch in Saisonrestaurants in Tirol arbeiten. Er liebe Österreich, sagt er, schon als Kind sei er gern dort hingefahren. Und die Experten vom österreichischen Innenministerium seien die fleißigsten, ernsthaftesten Arbeiter, die er je gesehen habe.
Will er denn seine Lebensgefährtin und die drei Kinder mitnehmen?
"Nee, nee", sagt JP. "Die bleiben hier. Ich schick denen Geld nach Hause. Die Überfremdung in Österreich hat ja schon bedrohliche Züge angenommen. In den Städten leben ja schon fast so viele Ausländer wie Einheimische."
Sein Weltbild ist mit den Jahren von der Sonne und dem vielen Bier aufgeweicht worden. In diesem Moment weiß er wohl selbst nicht, ob er eher Deutscher ist, Thailänder oder vielleicht sogar Österreicher. Im Herzen. Er will kein Vaterlandsverräter sein, sagt er, und auch, dass er seine thailändische Familie nicht im Stich lassen will. Er will nicht mehr nach Phi Phi zurück, er bewundert an den österreichischen Beamten, wie gut sie mit dem Wetter hier zurechtkommen, und glaubt, dass er seinen Lebensabend eher in Thailand verbringen wird. Letztlich hat er sich in Thailand genau jene Welt eingerichtet, der er vor 15 Jahren entfliehen wollte. Ursprünglich war sein Plan, eine Käserei im Nordosten zu eröffnen, wo er ein Haus gebaut hat. Aber als er erfahren hat, dass eine einzige Kuh dort 160 000 Baht kostet, hat er doch Abstand davon genommen. Oli sagt, dass er zu DDR-Zeiten 1500 Ostmark für ein Schwein bekommen hat und versucht, das in Baht umzurechnen. Er kommt auf 8000 Baht.
Dann fahren sie noch auf ein Bier zu JP, der mit seiner thailändischen Lebensgefährtin Bae und deren drei Kindern ein kleines Haus in einem Wohngebiet am Stadtrand von Phuket gemietet hat.
JP setzt sich auf die Couch neben der Schrankwand, wo der Fernseher läuft. Seine Frau Bae bringt Gläser und Bier und setzt sich dann neben ihn. Ihre 17-jährigen Zwillingssöhne, Wun und Gowit, und Gowits Freundin Naraphan gruppieren sich um den Familienvater. An der Wand hängen zwei Bilder mit nackten Frauen, vor ihm auf dem Tisch steht eine Flasche Kristallweizen, dazu das original bayerische Glas, im Fernseher laufen die Nachrichten der Deutschen Welle. Moshammer ist tot, an diesem Abend finden sie seinen Mörder.
"Moshammer ist tot", ruft JP seiner Frau zu. Sie lächelt, freundlich, aber verständnislos. Sie stammt aus dem Nordosten Thailands. Moshammer. Blue schaut verträumt die bildschöne Freundin von JPs Stiefsohn an, dann erscheint die Wetterkarte. Vier Grad in Hamburg. JP schüttelt sich. Vielleicht ist er in diesem Moment am meisten zu Hause, das Weizenbierglas auf dem Couchtisch, im Fernseher die schlechten deutschen Nachrichten, draußen die lauwarme Nacht und auf seinem Knie die Hand seiner stillen thailändischen Frau.
Oli kippt langsam vom Sessel, er kann erst mal bei JP bleiben. Mister Blue steht auf und wankt zur Tür.
"Ick schlaf im Puff in Phuket Town", sagt er.
Er fährt durch die menschenleere Stadt zu einem vergammelten vierstöckigen Haus in der Nähe des Markts. Hier gehen die Einheimischen ins Bordell, sagt Blue. 28 Zimmer gibt es, die meisten sind bereits verschlossen, unten sitzt eine Art Portier hinter einem Schreibtisch. Blue ist bei einer Prostituierten untergekommen, die er seit vier Jahren kennt. Er war hier, wenn sein Boot im Hafen von Phuket lag. Manchmal kam er auch nur, um zu duschen. Sie hat ihn jetzt nach der Flutwelle aufgenommen, obwohl er kein Geld mehr hat, sie zu bezahlen. Er hat ihr ein paar Sachen von der zerstörten Insel mitgebracht, die er fand. Badelatschen, T-Shirts, eine Kette. Sie kocht für ihn und kauft Bier. Blue hat keine Versicherung, die Hilfe der Frau ist die einzige Unterstützung, die ihn erreicht. Am späten Vormittag, wenn die ersten Freier kommen, muss er weg sein.
Die Frau ist vielleicht Mitte vierzig, sie sieht aus wie eine Arbeiterin. Sie hat drei Kinder, irgendwo im Süden an der Grenze zu Malaysia. Sie heißt wahrscheinlich Ya. Das ist alles, was Blue von ihr weiß.
Er hat seinen Fernseher und seine Kaffeemaschine in dem winzigen Zimmer untergestellt. An den Wänden hängen Fototapeten mit Wasserfällen und ein Bob-Marley-Poster. Im Fernsehen läuft "Die Brücken am Fluss" in Thai-Synchronisation. Es gibt ein Bett, einen Fensterschlitz, einen Elektro-Wok, ein paar Töpfe und eine Duschkabine, deren Wände verschimmelt sind. Es ist nicht weit bis zum Hafen, wo sein Boot liegt, sagt Blue. Er nimmt sich eine Dose Bier aus dem kleinen Kühlschrank und reißt sie auf. "Küche, Bad, zwee Zimmer. Eigentlich jeht auch allet in einem Raum", sagt Blue und durchmisst mit seinem glasigen Blick die Kammer. "Manchmal denke ick, dit Leben hat viel mit Ausschmückung zu tun." Er versucht, diesen kleinen Satz in gebrochenem Englisch und mit den Händen für seine Freundin zu übersetzen. Sie sieht ihn an und lächelt.
Womöglich ist das hier das Ende seiner Flucht und auch deren Sinn.
Der Puffwächter schließt das Eisengitter vorm Eingang. Es ist nachts um halb zwei, auf dem Markt von Phuket Town, wo die Einheimischen einkaufen, beginnen die Händler ihre Stände aufzubauen. Kleinlaster mit Obstkisten fahren vor, Eissäcke werden ausgeladen, es riecht nach Fisch und Brot, das Leben beginnt.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 4/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FLUTKATASTROPHE:
Ein Bier auf das Paradies

Video 01:12

Dashcam-Video Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch

  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Streit um Grenzmauer: Das muss gestoppt werden" Video 02:27
    Streit um Grenzmauer: "Das muss gestoppt werden"
  • Video "Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?" Video 01:46
    Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?
  • Video "Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr" Video 48:27
    Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Video "Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: Arroganter Politikerschnösel!" Video 02:21
    Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Video "Wladimir Putin: Malheur beim Judo" Video 00:44
    Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Video "Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger" Video 01:17
    Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger
  • Video "Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht" Video 01:47
    Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht
  • Video "Airbus  A380: Scheitern eines Giganten" Video 02:33
    Airbus A380: Scheitern eines Giganten
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet" Video 05:09
    Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern" Video 02:25
    Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern
  • Video "Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein" Video 00:35
    Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch