24.01.2005

DEBATTE

KLIMA INSZENIERTER ANGST

VON HANS VON STORCH UND NICO STEHR

Von Stehr, Hans von Storch und Nico

Vorbei die Zeiten, in denen Klimaforscher in ihren mit Supercomputern vollgestellten Elfenbeintürmen hockten. Ihr Sujet eignet sich mittlerweile zum Thriller, sie selbst sind zu deren Hauptdarstellern aufgestiegen. So heiß umkämpft ist das Thema, so spektakulär die Prognosen, dass nicht mehr nur die Medien darüber berichten; die Profis des inszenierten Weltuntergangs haben angebissen. Im vergangenen Jahr setzte Roland Emmerich in seinem Film "The Day After Tomorrow" einen vom Menschen hervorgerufenen Klimakollaps in Szene. Seit voriger Woche gibt es das belletristische Pendant in deutschen Buchläden, den Roman "Welt in Angst" des Bestsellerautors Michael Crichton.

Der Thriller handelt vom gewalttätigen Konflikt zwischen nüchternen Klimarealisten und radikalen Klimaidealisten. Den Idealisten dient die organisierte Furcht vor dem abrupten Klimawandel als Waffe. Jedes irgendwie ungewöhnliche Wetterereignis deuten sie als Beweis der vom Menschen gemachten globalen Erwärmung. "Du musst deine Information so strukturieren, dass sie immer bestätigt wird, ganz gleich, welches Wetter wir haben", empfiehlt der PR-Berater der Umweltorganisation. Die Realisten, die beteuern, die Beweislage für durch Menschen verschärfte meteorologische Extreme sei dünn, stehen da auf verlorenem Posten. Ihre spröden wissenschaftlichen Erkenntnisse vermögen sich nicht gegen die farbigen Horrorvisionen der Klimaidealisten zu behaupten.

In gewisser Hinsicht ähneln sich Film und Roman. Während Emmerich eine drohende Klimakatastrophe in Aussicht stellt, prophezeit das Buch einen Wirtschaftskollaps. Beide Male sind von Menschen produzierte Treibhausgase die Verursacher - im Falle des Films, weil die Emissionen selbst, im Falle des Buches, weil die Ängste vor ihnen zu groß sind. So besessen sind die Idealisten von ihrer Mission, dass sie schließlich, um die Öffentlichkeit aufzurütteln, die zuvor prophezeiten Katastrophen selbst herbeiführen.

Trotz mancher sachlich falschen, dafür aber bedeutungsschwangeren Verdichtung hat Crichton die Dynamik der Kommunikationswege zwischen Wissenschaft, Umweltorganisationen, Staat und Zivilgesellschaft durchaus richtig beobachtet. Denn es gibt in der Tat ein ernstes Problem für die Naturwissenschaften, und zwar die öffentliche Darstellung und Wahrnehmung der Klimaveränderung. Die Forschung gerät in eine Krise, weil ihre öffentlichen Akteure sich auf dem hart umkämpften Markt der Themen durchsetzen, indem sie diese überverkaufen.

Der vom Menschen verursachte Klimawandel ist ein wichtiges Thema. Aber ist es wirklich das "wichtigste Problem des Planeten", wie ein US-Senator meint? Sind nicht der Frieden oder die Überwindung der Armut ähnlich große Herausforderungen? Und was ist mit dem Bevölkerungswachstum, der demografischen Wende oder den ganz normalen Naturkatastrophen?

In den USA kann man nur noch wenige für den Treibhauseffekt interessieren. Ende der achtziger Jahre war das noch anders. Da gab es die große Dürre von 1988, die Mississippi-Flut 1993, und eigentlich hätten damit die Klimakapriolen erst so richtig losgehen sollen. Das taten sie in den USA aber nicht, und das Interesse versiegte. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders CBS vom Mai 2003 rangierten Umweltprobleme nicht mehr unter den wichtigsten sechs Themen; und selbst innerhalb der Umweltprobleme fand sich das Klimathema erst an siebter Stelle. In Deutschland wird das bisher noch anders gesehen. Aber wie lange noch?

Um das Thema "Klimakatastrophe" - übrigens ein Begriff, den es außerhalb des deutschen Sprachraums nicht gibt - weiter im Zentrum des öffentlichen Interesses zu halten, glaubt man genau wie die Protagonisten in Crichtons Thriller, das Thema immer wieder "etwas attraktiver" gestalten zu müssen. Anfang der neunziger Jahre - gerade waren schwere Orkane durchs Land gefegt - konnte man in den deutschen Medien lesen und hören, dass es mit den Stürmen immer schlimmer werde. Seitdem sind die Stürme in Nordeuropa seltener geworden. Aber das findet kaum Beachtung. Auch dass die Barometerschwankungen in Stockholm seit Napoleons Zeiten keinerlei systematischen Wandel in der Häufigkeit und Heftigkeit von Stürmen ausweisen, wird übergangen. Stattdessen spricht man nun von Hitzewellen und Überschwemmungen. Ganz im Sinne von Crichtons Organisatoren der Angst heißt es nun, alle Arten von Extremereignissen nähmen zu. Dann passen selbst Dürre in Brandenburg und Sintflut an der Oder ins Bild, ohne sich zu widersprechen.

Zudem treten neben normale Fluten und Stürme andere, dramatischere Bedrohungsszenarien - das Umkippen des Golfstroms und eine damit verbundene Abkühlung weiter Teile Europas etwa oder auch das schnelle Abschmelzen des Grönlandeises. Schon wird öffentlich gerätselt, ob sich nicht sogar die Flutwelle in Asien irgendwie dem desaströsen Wirken des Menschen zuschreiben lasse.

Lange wird das die Öffentlichkeit nicht fesseln können. Bald wird man sich auch an diese Mahnungen gewöhnt haben und zu den Themen des Tages zurückkehren: Arbeitslosigkeit und Hartz IV, der EU-Beitritt der Türkei oder die Chancen des BVB, die sportliche und finanzielle Katastrophe abzuwenden. Insofern werden wir erleben, wie die Propheten des Untergangs die Klimagefahren in noch grelleren Bildern zeichnen. Man kann die zukünftigen Schreckbilder schon ahnen: das Abbrechen des westantarktischen Schelfeises, was den Wasserstand noch viel stärker steigen lassen wird, und nach einigen Jahrzehnten unkontrollierten Kohlendioxid-Ausstoßes dann ein abrupter Temperatursprung, der uns eine lebensfeindliche Atmosphäre wie auf der Venus beschert. Können solche Perspektiven, wie sie längst in der Öffentlichkeit sind, nicht mühelos konkurrieren mit den Hollywood-Bildern Emmerichs?

Der Preis für das Schüren von Angst ist hoch. Denn geopfert wird das ansonsten so gepriesene Prinzip der Nachhaltigkeit. Eine knappe Ressource - öffentliche Aufmerksamkeit und Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Wissenschaft - wird verbraucht, ohne dass sie durch eine Praxis positiver Beispiele erneuert würde.

Was aber denken Klimaforscher selbst, wie gehen sie mit Medien und Bevölkerung um?

In öffentlichen Äußerungen namhafter deutscher Klimaforscher wird der Eindruck erweckt, als seien die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimaproblems im Wesentlichen gelöst. Demnach habe die Wissenschaft die Voraussetzungen geschaffen, nun zielgerecht zu reagieren. Zielgerecht heißt dabei, die Emissionen von Treibhausgasen so weit wie möglich zu reduzieren.

Dies entspricht durchaus nicht der Situation in der Wissenschaftlergemeinde. Denn ein maßgeblicher Teil der Klimatologen ist noch keineswegs davon überzeugt, dass die grundlegenden Fragen ausreichend behandelt sind. So ergab im letzten Jahr eine Umfrage unter Klimaforschern in aller Welt, dass immerhin ein Viertel der Befragten noch Zweifel am menschlichen Ursprung der jüngsten klimatischen Veränderungen hat.

Die Mehrheit der Forscher ist in der Tat der Meinung, dass derzeit ein vom Menschen gemachter globaler Klimawandel stattfindet, dass er sich in Zukunft beschleunigen und dabei klarer hervortreten wird. Dieser Wandel wird einhergehen mit höheren Temperaturen und höherem Wasserpegel. Für die fernere Zukunft, also in etwa 100 Jahren, wird bei einem erheblichen Zuwachs der atmosphärischen Treibhausgase zudem mit stärkeren Niederschlagsereignissen in unseren Breiten gerechnet; in einigen Gebieten kann es auch stärkere Stürme geben, in anderen dagegen schwächere.

Aber es gibt immer wieder Wissenschaftler, denen das, gemäß der Maxime der Alarmisten in Crichtons Buch, nicht dramatisch genug klingt. Immer öfter stellen sie deshalb aktuelle extreme Wetterereignisse in Zusammenhang mit dem vom Menschen gemachten Klimawandel. Dies wird in der Regel zwar vorsichtig formuliert; Interviews hören sich dann so an: "Ist das Hochwasser an der Elbe, der Hurrikan in Florida, der diesjährige milde Winter nun der Beweis für die Klimakatastrophe?" Antwort: "Das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Aber manche sehen das so." Keiner dieser Sätze ist falsch. Zusammengeführt aber legen sie den Schluss nahe: Natürlich sind die Wetterereignisse der Beweis. Nur wagt man nicht, dies auch explizit so zu sagen.

Das Muster ist stets dasselbe: Die Bedeutung einzelner Ereignisse wird mediengerecht aufbereitet und geschickt dramatisiert; beim Zitieren von Zukunftsperspektiven wird unter allen möglichen Szenarien stets dasjenige mit den stärksten Zuwachsraten an emittierten Treibhausgasen - und folglich mit den drastischsten Klimafolgen - ausgewählt; ebenso plausible Varianten mit deutlich geringeren Emissionszuwächsen bleiben unerwähnt.

Wem nützt das? Man unterstellt, dass Angst bewegt, vergisst aber, dass sie immer nur kurzfristig mobilisiert. Klimaveränderungen erfordern jedoch langfristige Reaktionen. Die Wirkung auf die Öffentlichkeit mag auf kurze Sicht zwar "besser" sein, und damit auch eine positive Wirkung auf Reputation und Forschungsmittel haben. Aber damit das auf Dauer funktioniert, muss die jeweils neueste Behauptung über die Zukunft des Klimas und des Planeten immer noch etwas dramatischer sein als die vorhergehende. Nach apokalyptischen Hitzewellen kann man mit dem klimabedingten Aussterben von Tierarten keine Aufmerksamkeit mehr erregen. Da muss schon das Umkippen des Golfstroms her. So ergibt sich eine Spirale der Übertreibung. Jeder einzelne Schritt mag harmlos erscheinen; in der Summe aber wird das in die Öffentlichkeit transferierte Wissen um Klima, Klimaschwankungen, Klimawandel und Klimawirkung dramatisch verzerrt.

Leider versagen die Korrekturmechanismen in der Wissenschaft selbst. Öffentliche Zweifel an den gängigen Beweisen der Klimakatastrophe werden wissenschaftsintern oft als unerfreulich betrachtet, schaden sie doch der "guten Sache", zumal sie "von den Skeptikern missbraucht" werden könnten. Die scheibchenweise Dramatisierung wird hingenommen, eine Korrektur der Übertreibung aber als gefährlich angesehen, da politisch inopportun. Zweifel werden nicht öffentlich gemacht; vielmehr wird ein solides Wissensgebäude vorgegaukelt, das nur noch an den Rändern zu vervollständigen sei.

Am Ende dieser Selbstzensur in den Köpfen der Wissenschaftler steht eine Taubheit gegenüber neuen, überraschenden Einsichten, die in Konkurrenz oder gar Widerspruch zu den herkömmlichen Erklärungsmustern stehen; Wissenschaft verkommt zu einem Reparaturbetrieb gängiger, politisch opportuner Wissensansprüche. Nicht nur wird sie so steril; sie verliert auch ihre Fähigkeit, die Öffentlichkeit objektiv zu beraten.

Ein Beispiel ist die Diskussion um den sogenannten Hockeystick, eine Temperaturkurve, welche angeblich die Entwicklung der letzten 1000 Jahren abbildet, und deren Verlauf der Form eines Hockeyschlägers ähnelt. Diese Kurve wurde 2001 vom Intergovernmental Panel on Climate Change, dem von der Uno eingesetzten Gremium von Klimaforschern, voreilig zum ikonenartigen Symbol für den menschengemachten Klimawandel institutionalisiert: Die am Ende eines über Jahrhunderte stabilen Temperaturverlaufs nach oben abknickende Keule des Hockeyschlägers stellt den menschlichen Einfluss dar.

Im Oktober 2004 konnten wir in der Fachzeitschrift "Science" zeigen, dass die methodischen Grundlagen, die zu dieser Hockeyschläger-Kurve führten, fehlerhaft sind. Damit wollten wir die Spirale der Übertreibungen etwas zurückdrehen, ohne indes die Kernaussage - dass es einen vom Menschen verursachten Klimawandel gibt - zu relativieren. Die Reaktion prominenter Vertreter der Klimaforschung bestand dann aber nicht in einer sachlichen Auseinandersetzung. Vielmehr machten sie sich Sorgen, dass der guten Sache des Klimaschutzes Schaden zugefügt worden sei.

Andere Wissenschaftler verfallen in einen Eifer, der geradezu an die Ära McCarthy erinnert. Methodenkritik ist für sie die Ausgeburt von "konservativen Think Tanks und Desinformanten der Erdöl- und Kohlelobby", die sie glauben entlarven zu müssen; eine Dramatisierung des Klimawandels dagegen wird als gesellschaftspädagogisch sinnvoll verteidigt.

Wie auch in anderen Wissenschaften sollte für die Klimaforschung gelten: Der Dissens ist Motor der Fortentwicklung, Meinungsunterschiede sind keine unerfreuliche Familienangelegenheit. Das Verschweigen von Dissens und Unsicherheit zugunsten einer politisch guten Sache verbraucht Glaubwürdigkeit, denn die Öffentlichkeit ist aufgeklärter als gewöhnlich unterstellt. Die angeblich so zweckdienlichen Dramatisierungen erreichen langfristig das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen.

Damit aber hätten beide, Wissenschaft und Gesellschaft, eine Chance vertan.


DER SPIEGEL 4/2005
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