24.01.2005

LITERATURKohlhaas in Bad Kleinen

In seinem neuen Roman erzählt Christoph Hein kaum verschlüsselt vom Kampf der Eltern des RAF-Terroristen Wolfgang Grams gegen die Behörden - weil Polizei und Justiz angeblich verschleiern, wie Grams 1993 zu Tode kam. Hein fragt mit leisem Pathos: In welchem Land leben wir?
Die junge Frau wird von einem Polizeikommando überrascht und ergibt sich ohne Gegenwehr - und danach lassen die Mächtigen des Staates sie als Terrorismusverdächtige in eine Einzelzelle werfen und genehmigen nur das Allernötigste an menschlichem Beistand. Sie fürchte sich davor, "in den Wahnsinn abzustürzen, der meine kleine Zelle von allen Seiten umschließt", bekennt die junge Frau in Christoph Heins neuem Roman. Ihr Name ist Katharina Blumenschläger.
"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" heißt ein literarisch eher grobschlächtiges, aber berühmtes Buch von Heinrich Böll, das vor mehr als 30 Jahren erschien und vom rüden Polizeizugriff und von der publizistischen Hetzjagd auf die "Mörderbraut" eines "lange gesuchten Banditen" erzählt. Im Vorspruch zu seiner Erzählung, die vor allem die damaligen Machenschaften der Springer-Presse (er selbst sah sich als Terrorsympathisant verleumdet) heftig attackierte, schrieb Böll, Ähnlichkeiten mit realen Vorgängen seien "weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich".
Man kann die Wahl des Namens Katharina Blumenschläger arg neckisch finden, doch egal: Sehr deutlich stellt Christoph Hein, 60, seinen neuen Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" in die Tradition des einst bitter umstrittenen Böll-Buchs*. Der in Berlin lebende Schriftsteller belebt ein viele Jahre lang stark vernachlässigtes Genre neu, in dem sich zuletzt nur noch Rolf Hochhuth (etwa im Drama "McKinsey kommt") und Martin Walser ("Finks Krieg") äußerst fruchtlos abrackerten: das der aufs reale politische Leben abzielenden, sogenannten engagierten Literatur.
Fast immer trompeten solche Bücher ja eine Anklage hinaus in die Welt, den Zorn über einen echten oder vermeintlichen Miss-
stand: Das gibt ihnen im besten Fall Wumm und lässt ihre Autoren als tapfere Kämpfer erscheinen, im schlimmsten Fall wirken beide (Buch und Autor) ein bisschen lächerlich. Dass aber ausgerechnet der notorisch stille, ja bedächtige Autor Hein sich nun einem hitzig umkämpften Kapitel deutscher Geschichte widmet und ganz schön grimmig nach Aufklärung verlangt, ist die wohl größte Überraschung dieses Buchs. Aber der Reihe nach.
Wie Böll seinerzeit schildert Christoph Hein die Kollateralschäden einer Jagd auf linke Terroristen. Zu Bölls Zeiten nannte man sie noch "Baader-Meinhof-Gruppe",
später heißt ihr Verein überall "Rote Armee Fraktion", kurz RAF.
Bölls Katharina Blum ist eine fiktive Person, die unschuldig ins Mahlwerk einer Hysterie gerät. Heins Katharina Blumenschläger und ihr Kampf- und Liebesgefährte Oliver Zurek dagegen sind beide realen Figuren nachgebildet, die, nach allem, was man heute weiß, im Namen der RAF gemordet haben: dem Paar Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams.
Das düstere Gravitationszentrum von Heins Roman ist das Geschehen am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Ortes Bad Kleinen: Beim Versuch einer Spezialtruppe aus über 50 GSG9- und MEK-Beamten, Hogefeld und Grams zu verhaften, kommt es zu einer Schießerei. Sowohl ein GSG9-Mann als auch Grams werden durch Schüsse tödlich verletzt. Über die Frage, wer durch wessen Kugel starb, gibt es schnell höchst widersprüchliche Aussagen, Medienberichte (natürlich auch im SPIEGEL), Gutachten und Gegengutachten. Der damalige deutsche Innenminister Rudolf Seiters tritt zurück; auch der Generalbundesanwalt und oberste Terroristenjäger Alexander von Stahl gibt sein Amt ab.
Heins Buch schildert all das aus der Perspektive eines alten Mannes: Der Vater des toten Terroristen heißt im Buch Richard Zurek. Er will wissen, was war - und was Lüge ist: Wurde sein Sohn von einem GSG9-Mann getötet, wie es in einigen Aussagen hieß? Oder stimmt die offizielle Version des Untersuchungsberichts, wonach sich sein bereits angeschossener Sohn selbst tötete, im Rückwärtsfallen aufs Bahngleis mit einem Kopfschuss; was "selbst ein Artist nicht fertig gebracht hätte, wenn er schwer verletzt ist", so der alte Zurek? Stammt die Kugel, die den bei der Aktion getöteten Polizisten traf, aus der Waffe eines Kollegen, wie zunächst behauptet? Oder wurde der Beamte wirklich von seinem Sohn erschossen?
Im Roman lässt Hein die Eltern des toten Oliver Zurek (alias Wolfgang Grams) fünf Jahre nach dem Tod ihres Sohnes nach Bad Kleinen reisen. "Der Bahnhof, auf dem Oliver starb und auf dem sie nun standen, war ihnen merkwürdig vertraut, da sie ihn so häufig auf Fotos und in Filmberichten gesehen hatten." Die alten Leute müssen entscheiden, ob sie eine letzte und sehr aussichtslose Klage anstrengen wollen, um den Tod ihres Sohnes zu klären - und Vater Zurek verkündet: "Ich denke, wir sollten es nicht hinnehmen. Es ist ein so erbärmlicher und trostloser Bahnhof, das sollte nicht der Schlusspunkt sein."
Das Zitat lässt schon ahnen: Es herrscht in diesem Buch oft eine sprachliche Betulichkeit, die stark nach Aktenstaub mieft. Vielleicht aber bringt gerade sie den richtigen Ton in diese Geschichte. Statt sich zu empören oder mit Leidenschaft gleich auf eine Seite zu schlagen, breitet der Autor Hein ruhig und beharrlich die Details eines deutschen Dramas aus - und die verschiedenen, radikal entgegengesetzten Schlüsse, die man daraus ziehen kann.
"Oliver ist nicht als Held gestorben und auch nicht als Märtyrer, das ganz gewiss nicht", sagt die Schwester einmal - und nennt ihren toten Bruder das "Mitglied einer Mörderbande".
Den "falschen Freunden", "falschen Büchern" und "falschen Zeitungen" gibt hingegen der Vater die Schuld, der nicht glauben will, dass sein Sohn tatsächlich zum Mörder geworden ist. Er selbst macht sich jedoch schwere Vorwürfe, weil er nicht verhindern konnte, dass sein Sohn auf einen Weg gekommen ist, "der ihn mitten ins Verbrechen geraten ließ".
Hein hat für sein Buch mit den Eltern des toten Wolfgang Grams gesprochen und auch mit ihrem Anwalt, er hat Akten gewälzt und am Ende, nach Auskunft des Verlags, sogar sein Manuskript den Grams-Eltern zur Prüfung vorgelegt.
Im Roman vermutet Richard Zurek ein ungeheuerliches Komplott: Die Mächtigen verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt. "Es ist nicht allein die Presse. Sie lügen alle. Die Staatsanwaltschaft, die Polizei, die Gutachter, der ganze Staat. Es ist wie eine riesige Verschwörung. Wie eine Eiterbeule", behauptet Zurek in einem Moment des Zorns. Sein Verdacht: dass "sie meinen Sohn, der verletzt und wehrlos am Boden lag, heimtückisch ermordet haben".
Warum interessiert sich ausgerechnet der Schriftsteller Hein, der große Teile seines Lebens in der DDR zugebracht hat, für diesen Fall, für den bundesrepublikanischen Mythos RAF, für den Tod des Wolfgang Grams und den Kampf von Grams'' Eltern? Wer Heins Buch liest, begreift schnell: Hier staunt ein vor nicht allzu langer Zeit in diesem Land angekommener Bürger halb ungläubig, halb fasziniert über die Art und Weise, wie der bundesdeutsche Staat mit seinen Feinden umsprang.
Und natürlich hat einer wie Hein, der das schiefe Rechtssystem der DDR kennen lernen musste, einen geschärften Blick für die Ungerechtigkeiten und Schwächen des angeblich besseren Deutschland, für die Mechanismen des medialen Rufmords, für behördliche Vertuschung. Die zentrale Frage des Buchs formuliert Vater Zurek: "Wo leben wir eigentlich?"
So ist dieser Roman die Geschichte eines modernen Michael Kohlhaas, der nach einer Gerechtigkeit verlangt, die scheinbar niemandem mehr etwas bringt. "Hier ist ein Unrecht geschehen", sagt Zurek, "ein Gericht hat dieses Unrecht als Recht erklärt. Ich kann mich mit einer solchen Entscheidung nicht abfinden."
Ein paar Sätze weiter klingt es wie die Anrufung einer göttlichen Macht: "Irgendetwas muss doch möglich sein, um in diesem Staat zu seinem Recht zu kommen."
Doch leider: Das, was Zurek für Recht hält, ist in diesem Land nicht zu haben.
Einfühlsam schildert Hein, wie sich die Eltern im eigenen Haus gleichsam verbarrikadieren; wie die alten Leute bei jedem Einkaufsausflug unter Beobachtung zu stehen meinen; wie die wachsende Wut gegen die Nachbarn, die "Journaille" und den Staatsapparat sie zusammenzwingt. Oft fassen
sich die beiden wortlos an den Händen oder umarmen einander, selbst im Eisenbahnabteil: "Zwei Mädchen, die ihnen gegenübersaßen, kicherten über die Zärtlichkeiten des alten Ehepaars."
Kann sein, dass der Autor Angst davor hatte, dass ihm der sanfte, trauernde Gerechtigkeitskämpfer Richard Zurek zu sehr ins Heiligmäßige verrutschen könnte - jedenfalls zeigt er ihn sehr plötzlich in einer neuen, grotesken Rolle: als untreuen Ehemann. Zurek trifft sich in einem willkürlich eingeschobenen Exkurs mit seiner Ex-Geliebten in einem Café, gemeinsam sinnieren die beiden über eine zwei Jahrzehnte zurückliegende Affäre, von der die ganze Kleinstadt wusste: "Du kamst in mein Zimmer gerauscht, und ich stand in Flammen. Wie ein Schuljunge. So war das." Hanebüchener Unfug ist das.
Bei allen Schwächen aber ist "In seiner frühen Kindheit ein Garten" (der Titel variiert einen Zauberspruch der britischen Poetin Iris Murdoch) ein starkes Buch über das Trauern. Wie der Verlust eines geliebten Menschen das Leben vergiftet, wie jede Verrichtung und sogar das Essen zur Qual wird, wie man sich im Zimmer des Toten vergräbt und Trost sucht in den Dingen und Notizen, die er hinterlassen hat - diese erdrückende, stille Verzweiflung lässt Hein seine Leser mit großer Eindringlichkeit spüren.
Und wo bleibt die Gerechtigkeit? Der letzte Versuch des Vaters Grams (und ganz ähnlich des Romanhelden Zurek), doch noch gerichtlich Klarheit über die Umstände zu erlangen, unter denen sein Sohn zu Tode kam, endete im September 1998 vor dem Landgericht Bonn mit einem abschlägigen Urteil - und einer bemerkenswerten Begründung: "Wir bewegen uns im Dunkeln", sagte der Vorsitzende Richter Heinz Sonnenberger, "wir kommen nicht zu einem erwiesenen Selbstmord und nicht zu einer erwiesenen Fremdtötung."
Hein lässt Richard Zureks Anwalt aus diesem Urteil folgern: "Ihr Sohn, das steht nunmehr fest, ist unschuldig. Er hat auf dem Bahnhof in Kleinen geschossen, doch die Schuld an dem Tod des Polizisten trägt er nicht, jedenfalls wurde es nicht bewiesen. Und da sämtliche Untersuchungen eingestellt wurden, ist er heute vor dem Gesetz völlig schuldlos."
Gibt''s irgendwen, den diese Argumentation wirklich überzeugt?
In "Black Box BRD", dem Buch zum gleichnamigen Film-Doppelporträt des RAF-Täters Wolfgang Grams und des RAF-Opfers Alfred Herrhausen, ist ein Brief von Grams an seine Eltern dokumentiert: "Hört doch auf, das, was hier abläuft, als persönliches Missgeschick oder gar als familiäres Unglück zu begreifen", schrieb er 1978 aus dem Gefängnis, wo er fast ein halbes Jahr einsaß, "ich denk, es wird außer mir noch Leute geben, die euch dabei helfen. Macht''s gut und lasst euch nicht so hängen."
In Christoph Hein haben die Eltern Grams nun einen Helfer gefunden. Die Botschaft seines Buchs lautet: Das Unglück dieser Eltern ist auch eine Tragödie des Staates, in dem sie leben. WOLFGANG HÖBEL
* Christoph Hein: "In seiner frühen Kindheit ein Garten". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 272 Seiten; 17,90 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 4/2005
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