24.01.2005

FILM„Liebe ist nun mal körperlich“

Der britische Regisseur Michael Winterbottom, 43, über seinen Sex- und Rock'n'Roll-Film „9 Songs“
SPIEGEL: Mr. Winterbottom, nach eher politischen Filmen wie "In this World" oder "Welcome to Sarajevo" zeigen Sie nun in "9 Songs" ein junges Paar ausgiebig beim Sex und montieren diverse Rockkonzert-Aufnahmen dazu. Wollten Sie beweisen, dass Sie einen Porno abliefern können?
Winterbottom: Nicht wirklich. Mir ist nur aufgefallen, dass mich all die Liebesgeschichten, die ich vorher in meinen Filmen erzählte, ein wenig frustriert haben. Denn der Kern jeder Liebesgeschichte sind nun mal Sex und körperliche Intimität. Die Literatur hat Wege gefunden, diesen Kern zu erzählen, im Kino wird stets drum herumpalavert. Erst hatte ich vor, Michel Houellebecqs Roman "Plattform" zu verfilmen, aber das will Houellebecq nun selbst machen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine eigene Geschichte zu suchen.
SPIEGEL: Ist diese Geschichte, die die Bettszenen einer Affäre zwischen einem britischen Klimaforscher und einer jungen Amerikanerin aneinander reiht und die Konzertbesuche der beiden in der Londoner Brixton Academy, nicht ein wenig banal?
Winterbottom: Am Anfang der Filmarbeit gab es keine Story und kein Drehbuch, sondern nur diese Idee: "Lasst uns zwei junge Leute suchen, lasst sie körperlich intim werden, und lasst uns das Ganze filmen." Ich wollte nicht einen Film in der Art von "Der letzte Tango in Paris" drehen, wo Sex als Ausdruck einer inneren Krise benutzt wird. Ich wollte das zeigen, was Sex meistens ist: der Ausdruck von Zuneigung und Verlangen zwischen zwei Menschen.
SPIEGEL: Was unterscheidet Ihren Film von einem gewöhnlichen Porno?
Winterbottom: Das müssen die Zuschauer selbst beurteilen. Mit Worten ist das schwer auszudrücken. Fest steht, dass kein Mensch, der sich "9 Songs" ansieht, auf den Gedanken kommen würde, dass der Film auch in einem Pornokino laufen könnte.
SPIEGEL: Wo haben Sie Ihre Schauspieler gefunden?
Winterbottom: Wir haben Anzeigen in respektablen Zeitungen und Zeitschriften aufgegeben. In denen hieß es, wir möchten eine Dokumentation über Sex machen und würden nach Teilnehmern suchen.
SPIEGEL: Wie war die Resonanz?
Winterbottom: Schlecht. Es meldeten sich nur 40 Leute, 39 Männer und nur eine Frau. Aber wir hatten gleichzeitig unter Models und Schauspielern herumgefragt. Es war definitiv das Schwierigste an diesem Projekt, Leute zu finden, die sich diese Art Schauspielerei zutrauten. Denn es ging ja nicht allein um Sex, schließlich sollte am Ende ein richtiger Film dabei herauskommen. Zuletzt entschieden wir uns für Margo Stilley, ein Model, das noch nie im Film aufgetreten war, und für Kieran O'Brien, den ich von früher kannte.
SPIEGEL: Warum verknüpfen Sie die Schilderung der Affäre mit den Auftritten der Rockbands?
Winterbottom: Die meisten Songs spiegeln doch die Atmosphäre von Sex und Liebe. Außerdem fanden wir es nötig, dass unsere beiden Hauptdarsteller ab und zu ihre abgetrennte, isolierte Welt verlassen und durch die Musik und die Masse der Leute ein anderes Energielevel erleben sollten.
SPIEGEL: Sex und Musik stellen die wichtigste Verbindung zwischen den beiden dar. Fanden Sie, dass Worte nur stören, oder warum beschränken Sie die Dialoge auf ein Minimum?
Winterbottom: Wenn sich Menschen an eine Affäre erinnern, denken sie an körperliche Intimitäten und nicht an Gespräche über Fußball und Politik. Liebe ist nun mal körperlich. Es kann ja schön sein, wenn man mit Partnern eine Ebene findet, die es einem ermöglicht, sich über diese Dinge zu unterhalten. Aber mit Liebe hat das nichts zu tun.
SPIEGEL: Möglich, aber die Frage ist doch: Kann ein direkt abgefilmter Blow-Job das Gefühl des Verliebtseins besser ausdrücken als zum Beispiel ein flirtendes Gespräch über Politik?
Winterbottom: Vielleicht haben wir es nicht geschafft, das Verliebtsein so auszudrücken, dass auch Sie es empfinden. Aber im Gegensatz zu den Tausenden Liebesfilmen, die von der Liebe handeln, ohne sie zu zeigen, haben wir es wenigstens versucht. Die meisten Leute, denen ich vorher davon erzählte, fanden das Projekt abscheulich, den Film letztendlich aber gar nicht so übel.
SPIEGEL: Planen Sie weitere Projekte dieser Art?
Winterbottom: Nein, im Augenblick nicht. Aber ich finde es notwendig, dass Filmregisseure weiterhin versuchen, Sex im Kino zu zeigen. Wir präsentieren dauernd Gewalt, obwohl wir sie eigentlich aus unserem Leben und der Welt verbannen wollen. Sex dagegen ist für viele Menschen sehr positiv besetzt - und doch finden wir kaum Möglichkeiten, in unseren Filmen davon zu erzählen.
SPIEGEL: In einem neueren deutschen Film, Oskar Roehlers "Agnes und seine Brüder", lernt einer der Hauptdarsteller bei einem Pornodreh eine Blondine kennen, die dann die große Liebe seines Lebens wird. Gibt es von Ihren Hauptdarstellern Ähnliches zu berichten?
Winterbottom: Absolut nicht. Es ist ihnen gelungen, genügend erregt zu sein, dass wir unseren Film drehen konnten. Aber sie wären nie auf die Idee gekommen, hinterher zusammen abzuhauen, um ein gemeinsames Leben zu beginnen.
INTERVIEW: THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 4/2005
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