31.01.2005

BERLINIm Haus der Sieger

Ein schwerer Tag im Leben des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer
Es ist kurz vor sieben am Mittwochabend, als Deutschlands Gewerkschaftler Nummer eins den Palast der Sieger betritt, das Konzerthaus in Berlin. Hier, im Großen Saal, feiern Deutschlands Industrielle ihren neuen Präsidenten, sich selbst und diese Zeit, in der vieles möglich ist, was jahrzehntelang in Deutschland unmöglich war. Michael Sommer, der Vorsitzende des DGB, ist hier, um seinem politischen Gegner die Aufwartung zu machen. Es ist der Amtsantritt des neuen BDI-Präsidenten Jürgen Thumann, der Sommer an diesen Ort bringt, unter wagenradgroße Kronleuchter, zwischen goldene Stühle und ein Meer aus roten Polstern, die den Akt zur Inthronisation erheben.
Thumann steht mit seinem Vorgänger Michael Rogowski vor der Bühne und nimmt das Defilee der Gäste ab. Sommer steht im Smoking, mit roter Fliege und weißem Hemd am anderen Ende des Saals. Er ist nicht allein hier, seine Frau begleitet ihn. Sommer blickt auf seine Platzkarte. Es war bisher kein guter Tag für ihn.
Der Tag begann um halb zehn am Morgen, Michael Sommer stand im zweiten Stock der DGB-Zentrale an einem Rednerpult. Vor sich hatte er Berliner Journalisten, hinter sich eine Wand, links hingen die Bilder VII und VIII aus dem Zyklus "Böse Werktage" von Ralf Kerbach. Es war der Beginn der Neujahrspressekonferenz des DGB.
Am Tag zuvor hatte er sich mit den Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften zurückgezogen, zu einer Klausurtagung, und wieder hatten sie darüber nachgedacht, wie sie die ganze Sache drehen können, wie sie ihn stoppen können, den Schwund der Macht. 336 000 Mitglieder hat der DGB im vergangenen Jahr verloren. Hartz IV ist trotz ihres Widerstands Realität, und die kommenden zwölf Monate werden nicht besser laufen.
"Dann wollen wir mal", sagte Sommer eher zu sich als zu seinen Zuhörern und begann vorzutragen, wie der DGB seine Existenzkrise meistern will. "Wir werden die Mitgliederentwicklung zur Chefsache machen", sagte er, "wir haben uns vorgenommen, 2006 die Trendwende bei der Mitgliederentwicklung zu schaffen." Er versprach "eine wirklich neue Dimension der Kommunikation zwischen Gewerkschaftsmitgliedern und den Mitarbeitern". Sommer meinte damit E-Mail.
Das war es. Mehr kam nicht. Aufbruch fühlt sich anders an.
Sommer braucht Hilfe.
Das weiß er selbst auch, deshalb stand er zwei Stunden später an einem anderen Rednerpult in Berlin, vor sich Bundespolitiker, Gewerkschaftler und zwei Professoren, hinter sich eine Wand, auf der in Rot zu lesen war: "Die Zukunft der sozialen Sicherung". Es war ein Kongress, veranstaltet vom DGB, und Sommer stand dort, weil er neue Antworten auf alte Fragen braucht. Er selbst formulierte das so: "Wir müssen uns auch fragen, ob wir gesellschaftspolitisch auf dem richtigen Weg waren." Später, in einer Ecke des Foyers, fügte er hinzu: "Wir haben geglaubt, wir könnten an den Problemen herumreparieren, aber das reicht nicht mehr." Er schien ehrlich ratlos zu sein.
Als erster Referent sprach Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts und politischer Freund Margaret Thatchers. Er sagte, was er immer sagt, unter anderem: "Hartz IV ist noch nicht genug" und "Die Löhne müssen runter". Dann kam Jürgen Kromphardt, er ist Professor an der TU Berlin und kein Freund von Margaret Thatcher. Er sollte sich mit Sinn streiten, so stand es im Programm, denn im Streit entsteht manchmal Neues, Überraschendes. Aber Kromphardt sagte nur "Wir sollen uns ja streiten" und tat es nicht. Es folgte Wolfgang Scholz, Wirtschaftsexperte der "International Labour Organization", der sein deutsches Publikum mit dem Satz deprimierte: "Die Weltbevölkerung ist jung, im Durchschnitt 27 Jahre." Am Ende des Kongresses sah Sommer müde aus. Er ging bald. Er musste den Dreiteiler mit der gepunkteten Krawatte noch gegen den Smoking tauschen.
Und jetzt steht er also im Großen Saal des Konzerthauses, umgeben von seinen politischen Gegnern, den goldenen Stühlen, roten Polstern, und erwartet, dass man ihn, den Vertreter von immer noch sieben Millionen Arbeitnehmern, mit dem gebührenden Respekt behandelt, dass man ihm und seiner Frau einen Platz in der ersten Reihe reserviert hat. Dort, wo der Bundeskanzler sitzt, wo Thumanns Vorgänger Rogowski sitzt und Finanzminister Hans Eichel. Sommer blickt auf seine Karte. Reihe 1, Platz 9 und 10, steht da. Und dann: Rang, Mitte links.
Er könnte jetzt nach oben gehen mit seiner Frau und sich zu Wirtschaftsminister Wolfgang Clement setzen und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er könnte die kleine Gemeinheit seiner Gastgeber einfach übergehen. Aber das geht wohl nicht mehr, nicht nach diesem Jahr, das ihn erschütterte, nicht nach diesem Tag, der nicht eine neue Antwort brachte.
"Rang ist Katzentisch", sagt Sommer und gibt Thumann kurz die Hand: "Ich wünsche Ihnen alles Gute, und im Übrigen gehe ich."
Dann geht er. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 5/2005
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