31.01.2005

MEDIZINExzesse mit der Spritze

Mit Kathetern und Spritzen versprechen geschäftstüchtige Mediziner Bandscheibenpatienten Linderung. Mögliche Nebenwirkungen: Lähmung und Tod.
Als Thomas Grumme den Weg zur Wirbelsäule mit dem Skalpell eröffnet hatte, erblickte der Augsburger Neurochirurg etwas, das dort nicht hingehört: Aus dem Spinalkanal sickerte rahmig-gelber Eiter.
Ein gewaltiger Abszess saß in der engen knöchernen Röhre, in der das Rückenmark verläuft. Die Notoperation rettete der 41jährigen Patientin das Leben. Doch die raumgreifende Eiterbeule hatte die im unteren Abschnitt des Rückenmarks verlaufenden Nervenfasern schon zu lange abgequetscht: Für den Rest ihrer Tage muss die einst lebensfrohe Blondine im Rollstuhl sitzen und Pampers tragen.
Neurochirurgen an deutschen Uni-Kliniken registrieren seit einiger Zeit einen beängstigenden Anstieg von lebensbedrohlichen Spinalinfektionen. In Essen, Rostock und Augsburg berichten die Ärzte sogar von Patienten, die an den gefährlichen Komplikationen verstorben sind. "Plötzlich taucht ein Krankheitsbild auf, das wir früher nur selten gesehen haben", berichtet Jürgen Piek, Neurochirurgiechef an der Uni-Klinik Rostock.
Der Grund: Eine kleine Gruppe von niedergelassenen Medizinern versteht es blendend, bandscheibengeplagten Patienten CT-gesteuerte Spritzen oder minimalinvasive Katheteroperationen als Hilfe gegen ihr Leiden aufzuschwatzen.
Wahre Spritzenexzesse finden dabei offenbar in manchen Praxen statt. Dutzende Male wird in nur kurzen Abständen hintereinander die Nadel unter Röntgen- oder CT-Kontrolle direkt an die eingeklemmten Nervenwurzeln geführt und diese mit Kortison und Schmerzmitteln umspritzt ("periradikuläre Therapie").
Doch das mit Infektionsrisiken verbundene Verfahren schadet oft mehr, als es nutzt: Durch die Spritzen entstehen Verklebungen und Vernarbungen im Fett- und Bindegewebe innerhalb der Wirbelsäule (Epiduralraum), die erst recht auf die Nervenwurzeln drücken. Ein Teufelskreis kommt dadurch in Gang: Weitere Injektionsserien sind notwendig, um die von den vorangegangenen Spritzen verursachten Probleme zu bekämpfen. "Bei mehr als drei Injektionen greift das Prinzip nicht mehr", erklärt Jan Hildebrandt, Schmerztherapeut an der Uni-Klinik Göttingen.
Dennoch sind Patienten mit bis zu 30 Einstichen pro Jahr keine Seltenheit. "Das ist reine Abzocke von geldhungrigen Medizinern", schimpft Dietmar Stolke, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie.
Tausenden Patienten wollen niedergelassene "Wirbelsäulenspezialisten" bereits mit dem "Racz-Katheter" geholfen haben. Bei dem vom texanischen Schmerztherapeuten Gabor Racz entwickelten Verfahren wird ein bleistiftminendicker Katheter vom Kreuzbein her durch den Spinalkanal bis zur eingeklemmten Nervenwurzel vorgeschoben (siehe Grafik). Ein angeblich "intelligenter" Medikamentencocktail soll dort Vernarbungen lösen und drückendes Bandscheibengewebe zum Schrumpfen bringen. "70 bis 80 Prozent aller offenen Bandscheibenoperationen", tönen die Adepten des Verfahrens, könnten durch diese "minimalinvasive" Methode überflüssig gemacht werden.
Nichts als blühender Unsinn. "Die Behandlung ist nachgewiesenermaßen nicht wirksam", erklärt der Günzburger Neurochirurg Hans-Peter Richter. Bei der bisher einzigen größeren Untersuchung war der Erfolg für die Patienten nach dem Katheter-Verfahren geringer, als wenn die Ärzte auf einen Eingriff verzichtet hätten. An der Göttinger Uni-Klinik wurde eine Pilotstudie mit dem Racz-Katheter bereits vor Jahren wegen "geringen Nutzens" und "unverhältnismäßig hoher Risiken" vorzeitig abgebrochen. Die angeblich "intelligenten" Medikamente sind für die Anwendung im Spinalkanal zum Teil gar nicht zugelassen.
Die Schäden, welche die Sondenkünstler anrichten, sind erschreckend. In weit über 60 Fällen, so zeigt eine interne Umfrage unter den neurochirurgischen Zentren der Republik, trugen Patienten schwere Komplikationen davon - sie erlitten Querschnittslähmungen, lebensbedrohliche Spinalinfektionen mit Abszessen und Hirnhautentzündungen oder Blutungen im Epiduralraum. In einem Fall fanden die Notoperateure die abgerissene Spitze des Katheters im Rückenmarkskanal.
Racz selbst hatte 1997 vor den "potentiell verheerenden Folgen" von nicht erkannten Spinalinfektionen gewarnt, die bei der Katheter-Methode auftreten können. Die am Geld interessierten deutschen Mediziner ficht das nicht an: Pro Behandlung berechnen sie ihren gutgläubigen Privatkunden bis zu 5400 Euro - dreimal so viel, wie die gesetzlichen Kassen für eine herkömmliche Bandscheiben-OP bewilligen.
Auch beim Erfinder des Verfahrens bleibt ein Teil des Reichtums in der Familie hängen: Die Söhne des Texaners sind Mehrheitseigner der Firma, die die Katheter weltweit vertreibt. GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 5/2005
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