05.02.2005

POLENSprit spezial

Dieselpanscher haben in Niederschlesien große Mengen von Giftstoffen entsorgt - in illegalen Kohlengruben.
Es war zu vorgerückter Stunde in der Heiligen Nacht, als Feuerwehrkommandant Andrzej Marzela aus Walbrzych (früher Waldenburg) in Niederschlesien einen Zipfel des mutmaßlich schlimmsten Umweltskandals der polnischen Nachkriegsgeschichte zu fassen bekam. Er musste mit seinen Männern ausrücken, um auf den "Halden von Wieslaw" vor der Stadt 70 Tonnen Schadstoffe zu bergen, die dort in ein Erdloch gepumpt worden waren.
Es war eine lilafarbene Masse, zäh wie angedickter Himbeersaft. Der Fund erwies sich als mit Kalk und Schwefelsäure versetzte Treibstoffbrühe, wie sie bei der Rückverwandlung von Heizöl in Dieselkraftstoff übrig bleibt.
"Was wir gesehen haben, war schaurig", sagt Roman Kierkus, Chef des Umweltamts des Kreises Walbrzych. Sie brauchten drei überschwere Lastwagen, um den Inhalt der Grube zu entsorgen. Sein Fazit: "Wir müssen damit rechnen, dass nicht unbeträchtliche Teile der Gegend um Walbrzych verseucht sind."
Die Bevölkerung weiß davon aber nichts. Ihr Trinkwasser kommt weiterhin aus den Wasserwerken, die das Grundwasser aus dem Boden der verseuchten Gebiete pumpen und aufbereiten.
Die 70 Tonnen Gift waren, wie sich herausstellte, Abfallerzeugnisse zweier Fabriken in Czarny Bór und Jelenia Góra, die mindestens drei Jahre lang illegal 30 000 bis 50 000 Liter Heizöl täglich in Diesel verwandelt hatten.
Diesel hat im Wesentlichen die gleichen Eigenschaften wie Heizöl. Er wird aber - ebenso wie in Deutschland - vom Fiskus wesentlich höher besteuert. Deshalb kostet ein Liter leichtes Heizöl in Polen zurzeit 42 Cent, ein Liter Diesel dagegen 85 Cent.
Damit die zwei Substanzen besser zu unterscheiden sind, fügt man dem Heizöl einen roten Farbstoff bei, der später von den Steuerbetrügern wieder herausgefiltert wird. Den gefälschten Diesel gibt es größtenteils an regulären Tankstellen zu kaufen. Unter dem Markenzeichen "Sprit spezial".
"Das hier ist eine Sache, die man nicht kontrollieren kann", sagt Kommandant Marzela. Unkontrollierbar ist die Sache auch deshalb, weil Kontrolle vielfach nicht erwünscht ist. Die perforierte Landschaft an der Peripherie der Stadt ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor von Walbrzych. Hier bauen Tausende stellungsloser Bergleute auf eigene Faust Steinkohle ab. Für den Bergbau gilt die Gegend zwar als ausgekohlt, aber für 3000 Kohlespechte aus den Walbrzycher Arbeitervierteln würde es noch 40, 50 Jahre reichen.
Die Stadtverwaltung hat schon mehrfach angekündigt, dass sie dem gesetzlosen Treiben ein Ende machen werde. Das letzte Mal Anfang vergangenen Jahres, kurz vor Polens Beitritt zur Europäischen Union. Der Kraut-und-Rüben-Bergbau ist natürlich nicht vereinbar mit den ordnungspolitischen Prinzipien der Brüsseler Eurokratie.
Mit einer Hundertschaft Polizei könnte man den ganzen Püttwildwuchs schlagartig stilllegen. Nur, dann müssten auch die Beamten im Walbrzycher Rathaus, die ihren Brennstoff zum halben Preis aus den "Biedaszyby" (Armengruben) beziehen, im Winter frieren. Und die Arbeitslosenrate stünde vermutlich nicht bei 27, sondern wieder bei 38 Prozent wie vergangenes Jahr.
Von den Kumpels hat keiner Anstoß genommen an den gigantischen Umweltsünden, die hier passiert sind. Natürlich haben sie alles gesehen. "Aber wir haben keine Zeit, uns für die Umwelt zu interessieren", sagt der große, hagere Mann mit der speckigen Lederkappe, der am Fuße der Halden von Wieslaw im Süden der Stadt gesiebte Nusskohlestückchen in gelbe Kisten schaufelt. "Wir müssen unsere Familien ernähren und sonst gar nichts." Der Schwarzbergbau bringt dreimal so viel ein wie ein ABM-Job bei der Stadt.
In den Camps der Bergarbeiter herrschen Zustände wie früher im sibirischen Gulag. Nur die Verpflegung ist besser. Über kleinen Lagerfeuern brutzeln fette dicke Schweinswürste. Dazu gibt es heißen Tee mit Wodka.
Die Dieselproduzenten mussten keine Entdeckung fürchten. Die ausgekohlten Stollen vor der Stadt waren sichere Deponien für ihren schmierigen, giftigen Abraum. Die Polizei fuhr zwar täglich Streife in den Wäldern. Sie hat aber von den Giftmülltransporten angeblich nichts bemerkt.
Anderswo waren die Ermittler aufmerksamer. Im ganzen Land wird gegen 2135 Alchemisten, Schieber, Tankwarte und Kraftfahrer ermittelt, die alle in dem Verdacht stehen, in Affären um illegale Dieselproduktion verwickelt zu sein. Die Giftmüllverklappung ist dabei noch nicht erfasst.
Im Südwesten von Polen sieht man besonders deutlich, dass die polnische Wirtschaft mit dem Anschluss an die EU enorme Probleme hat. Die alten industriellen Strukturen im Kreis Walbrzych sind auf breiter Front zusammengebrochen. Alle 26 Zechen sind abgewickelt, der niederschlesische Bergbau ist am Ende.
Obwohl die EU hier eine Sonderwirtschaftszone genehmigt hat, ist Ersatz nicht in Sicht. Außer krimineller und halbkrimineller Grauzonenwirtschaft - wie Dieselpanscherei und Schwarzbergbau.
ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 6/2005
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