05.02.2005

FUSSBALLDie Akte Hoyzer

Nach dem Geständnis des Schiedsrichters Robert Hoyzer, Spiele manipuliert zu haben, wurde gestritten, geleugnet und vernebelt. Der Wettskandal erschüttert die deutsche Fußballwelt. Dabei zeigt das Protokoll der Staatsanwaltschaft, wie leicht es Schieber haben, die Instanzen zu überlisten.
Es ist nicht leicht, als Schiedsrichter die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gewiss. Aber es scheint auch nicht leicht, als Schieber die falschen Entscheidungen zu treffen. Robert Hoyzer, 25, hat das erfahren müssen bei seinem ersten Versuch als Büttel eines Profi-Zockers.
Ante S., 28, der Wettkönig aus Charlottenburg, und Tomislav C., 21, der Schiedsrichterkumpel von Hertha BSC, hatten Robert Hoyzer in ihrem E-Klasse-Mercedes abgeholt von einem Paderborner Hotel. Das Trio fuhr in ein Café, und Ante S. erteilte gute Ratschläge, etwa gleich zu Beginn "draufzuhauen", damit das Spiel von vornherein in die gewünschte Richtung laufe. Beim Regionalliga-Match SC Paderborn gegen den Chemnitzer FC hatte der Kroate hohe Beträge darauf gesetzt, dass die Ostwestfalen schon zur Halbzeit führen und am Ende gewinnen. Zwei Abwehrspieler der Sachsen, sagte Ante S. noch, seien instruiert. Hoyzer bekam Vorkasse, 16 Scheine à 500 Euro.
Das Spiel lief indes an den Wünschen etwas vorbei: Kurz vor der Pause stand es noch 0:0, da sah Hoyzer nach einem strittigen Zweikampf die Chance, einen Elfmeter für Paderborn zu geben. Doch im Moment nach dem Pfiff machte sich an der Auslinie die Schiedsrichter-Assistentin Inka Müller bemerkbar. Hoyzer nahm die Entscheidung zurück.
Kein Elfmeter, kein Treffer, 0:0 zur Halbzeit, der Deal war geplatzt. Paderborn gewann noch 4:0, ganz reguläre Tore, aber sie fielen zu spät.
Einige Tage danach trafen sich Hoyzer und Ante S. im "Zwölf Apostel", einem italienischen Restaurant. Der Zocker erhob Vorwürfe, 215 000 Euro seien ihm verloren gegangen. Der Schiedsrichter reichte die 8000 Euro zurück.
Immerhin verständigten sich die Geschäftspartner auf einen zweiten Versuch am folgenden Wochenende. Ante S. kam allein nach Wuppertal, wo Hoyzer die Regionalliga-Partie gegen die Amateure von Werder Bremen leiten sollte. Auf dem Hotelparkplatz übergab Ante 3300 Euro. Diesmal sollte nichts schief gehen, deshalb bot Hoyzer seinem Assistenten Felix Zwayer die Mitarbeit an. Für 300 Euro soll der Kollege mit dem Fähnchen den erwünschten 1:0-Sieg des Wuppertaler SV abgesichert haben, was Zwayer indes bestreitet.
Es war ein leichtes Spiel und leicht verdientes Geld. Es war der Anfang einer spektakulären Karriere als Schieber, als Instrument von mutmaßlichen Wettbetrügern.
Und es war der Anfang vom Ende einer aussichtsreichen Karriere als Schiedsrichter.
Für insgesamt 67 000 Euro und einen Plasma-Fernseher verspielte der parteiisch gewordene Unparteiische seine Karriere - und einen Großteil der Glaubwürdigkeit des deutschen Fußballgeschäfts. Übrig geblieben sind 20 Tausender auf Hoyzers Girokonto, der Rest ist seinem Lebensstil zum Opfer gefallen.
Das Geständnis, das Robert Hoyzer am vorvergangenen Freitag in der Essener Kanzlei seines Verteidigers Stephan Holthoff-Pförtner vor den Ermittlern ablegte, ist natürlich mehr als das persönliche Drama eines jungen Mannes. Es zeigt, wie Blauäugigkeit, falsche Kameraderie und Gier selbst in einen Lebensbereich vorgedrungen sind, auf den Deutschland so stolz war wie auf den Mercedes-Stern und die Deutsche Bundesbank.
Am Tag, an dem Deutschlands größter Sportskandal ins Rollen geriet, war Ante S. bester Laune. Es war Mittwoch, der 19. Januar 2005, und Ante, der Profi-Zocker aus Berlin, hielt einen Bestellschein des örtlichen Porsche-Zentrums in den Händen. Für 173 000 Euro hatte er sich ein 996 Turbo Cabrio bestellt, sealgrau, mit Fußraumbeleuchtung und Edelstahl-Endrohr.
Am selben Tag, 500 Kilometer weit entfernt, ging in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt am Main der Hinweis ein, dass ein gewisser Robert Hoyzer, Schiedsrichter aus der Hauptstadt, Spiele manipuliert
habe, um daraus Geldvorteile zu ziehen. Vier Schiri-Kollegen hatten ihn angezeigt. Hoyzer, so die Zeugen, soll geprahlt haben, dass man durch Schiebung "echt Kohle" machen könne. Dass er in fünf Jahren so viel verdiene wie andere im ganzen Schiedsrichterleben.
Gut zwei Wochen später ist die Republik in den Grundfesten ihres Sportsgeistes erschüttert. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) wähnt den deutschen Sport im Würgegriff der "Organisierten Kriminalität", von der Trainer Klaus Toppmöller behauptet, sie hätte seinen ehemaligen Verein Bayer Leverkusen die Deutsche Meisterschaft gekostet; und von der Hoyzers Anwalt Holthoff-Pförtner sagt, ihre Hintermänner seien wohl im osteuropäischen Geheimdienstmilieu zu suchen.
Eine große Verschwörung? Ein internationales Mafia-Komplott?
Eine der wenigen Wahrheiten, so viel scheint in den Wirbeln immer neuer Enthüllungen, Dementis und Vernebelungstaktiken gewiss, ist die schlichte Tatsache, dass es nicht viel braucht, um den deutschen Profi-Fußball mit all seinen Instanzen, Gremien und Kontrollmechanismen zu überlisten. Dass ein paar risikosüchtige Fußballzocker ausreichen, um das System an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen: der Verführbarkeit von Schiedsrichtern.
Hoyzer, so erklärte er seinem Anwalt, habe sich von den Luxusautos verführen lassen, die seine Milieu-Kumpels fuhren, obwohl sie doch eigentlich arbeitslos gewesen seien und in ihrer Kneipe herumgehangen hätten.
Eine Weile hofften die Macher des Fußballs, dass wenigstens ihr Premiumprodukt Bundesliga verschont bliebe vom unfassbaren Bestechungsvorwurf. Doch diesen Gefallen tat Hoyzer, den sein Anwalt in die Rolle des geläuterten Sünders mit Kronzeugen-Status zu rücken versucht, dem Establishment nicht. Er nannte den Namen eines Erstliga-Schiedsrichters, Jürgen Jansen, und das Spiel Kaiserslautern gegen Freiburg, für das der Unparteiische womöglich 25 000 Euro kassiert habe. Es ist eine Aussage vom Hörensagen, die Jürgen Jansen energisch zurückwies. Der Mann, der es wissen muss, Ante S., schweigt dazu beharrlich.
Die Dimension des Wettgeschäfts von Ante S. sowie seinen Brüdern Milan, 39, und Filip, 37, wurde bei den Hausdurchsuchungen am vorvergangenen Freitagabend deutlich: Wettscheine von Oddset wurden, wie ein Zeuge beschreibt, "gleich säckeweise" bei Ante S. gefunden, darunter allerdings auch zahlreiche Nieten sowie ein höflich verfasstes Schreiben der staatlichen Sportlotterie:
Einen Tag vor Heiligabend, sozusagen als vorgezogene Bescherung, bescheinigten die Wettanbieter, "dass Herr Ante S. in der 49./50. Oddset-Wettrunde vom 2.12. bis 6.12.2004 auf die Losscheinnummer ,Diverse Gewinne'', Schecknummern 86 bis 91, entfallenden Gewinn in Höhe von 1 030 810 Euro am 23.12. erhalten hat".
Dass der Mann bereits seit geraumer Zeit "das ganz große Rad" drehte, wie ein Ermittler beschreibt, zeigt auch das diskrete Ermittlungsverfahren 83 Js 354/04 bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Finanzermittler des Berliner Landeskriminalamts (LKA) gingen bereits im Juni 2004 mehreren "Geldwäscheverdachtsanzeigen von Banken" nach - und trafen ins Schwarze: Auf dem Konto des Studenten Ante S. bei der Citibank waren allein in den drei Monaten zwischen dem 27. März und dem 25. Juni 2004 weit mehr als vier Millionen Euro umgesetzt worden. Doch die wochenlangen Recherchen und eine Wohnungsdurchsuchung bei Ante S. am 14. September brachten offenbar wenig: Die Fahnder mussten dem Profi-Zocker
wohl oder übel glauben, dass es sich bei
seinem Geld um "ehrlich" verdiente Wettgewinne handele, da das Gegenteil nicht zu beweisen war.
Inzwischen beziffern die Ermittler den Schaden, den das Trio aus dem Café King verursacht haben könnte, auf rund vier Millionen Euro. Vermögenswerte in Höhe von knapp 2,44 Millionen Euro, teils als Festgeld, teils auf Girokonten, stellten die Fahnder bis Mitte dieser Woche sicher. Außerdem fiel ihnen der Kraftfahrzeugbrief des brandneuen Porsche in die Hände. Das Fahrzeug selbst war bislang nicht aufzutreiben.
Dass ein Zocker so viel Geld mit manipulierten Fußballwetten verdienen konnte, führte zu Wochenbeginn zu wechselseitigen Schuldzuweisungen. Wer hatte einen Anfangsverdacht verschlafen? Oddset, die Staatsanwälte, die Polizei, der DFB oder gar dessen Boss Gerhard Mayer-Vorfelder? Viele Herren verbrauchten viel Energie, um ihre Haut zu retten. Dabei ist die Wahrheit offenbar von ernüchternder Schlichtheit: Als Oddset im August Hinweise über ungewöhnlich hohe Einsätze auf Außenseiter registrierte, die allesamt in der Hauptstadt platziert worden waren, informierte man den zuständigen regionalen Anbieter, die Deutsche Klassenlotterie Berlin.
Die wiederum gab die Meldung nicht an das für Geldwäsche-Ermittlungen verantwortliche LKA weiter, sondern wohl nur mündlich an die Berliner Polizei - wo man den brisanten Hinweis offenbar nicht mehr findet.
Antworten auf die Frage, wie es kommen konnte, dass mindestens ein Schiedsrichter sich hat korrumpieren lassen, finden sich jedoch nicht in den hektisch gezimmerten Bulletins von Fußballverbänden oder Lottogesellschaften. Sie stehen in dem Vernehmungsprotokoll, das Hoyzers Aussagen vor der Berliner Staatsanwältin Petra Leister und drei LKA-Beamten zusammenfasst. Sie sind zu suchen in der Persönlichkeit des Schiedsrichters, in der Faszination eines kroatischen Clans - und in den Entwicklungen des hochprofessionalisierten Fußballs.
Denn um eine Wette sicher zu gewinnen, muss man in die Zufallsdramaturgie des Sports eindringen. Robert Hoyzer gelang dies, indem er wie ein Raubvogel sein Terrain belauernd den Spielverlauf auf Handlungsmöglichkeiten absuchte.
Ein Abwehrspieler, dem der Ball im Strafraum gegen die Hand springt wie in der Zweitliga-Partie LR Ahlen gegen Wacker Burghausen am 22. Oktober - schon war die Chance zum Eingriff da. Eigentlich war der Burghausener Abwehrspieler selbst gefoult worden, doch Hoyzer, dem 30 000 Euro für einen Ahlener Sieg versprochen waren, entschied frech auf absichtliches Handspiel und Elfmeter gegen Burghausen. "Ich habe meinen Ermessensspielraum eben voll ausgenutzt", gab er der Staatsanwaltschaft zu Protokoll - dazu gehörte auch noch die gelb-rote Karte für den vermeintlichen Sünder. Ahlen gewann wie geplant 1:0.
Wie fast alle Spiele, bei denen die deutsch-kroatische Zocker-Schiri-Connection manipuliert haben soll, hat Ante S. auch diese lukrative Partie höchstpersönlich von der Tribüne aus verfolgt. Laut Hoyzer habe er ihm danach 15 000 Euro gezahlt, von denen der Schiedsrichter 12 000 Euro zunächst seinem besten Freund, einem Hamburger Polizisten, geliehen habe. Die zweite Tranche will Hoyzer erst Mitte Januar erhalten haben,
ebenfalls in bar. Von dem Schmiergeld waren bei seiner Vernehmung noch 13 900 Euro übrig, die der Delinquent - offenbar als Zeichen guten Willens - der Kripo übergab.
Dass ein Spiel wie jenes in Ahlen so simpel zu verpfeifen war, hat etwas mit dem ausgeglichenen Niveau der heutigen Profi-Mannschaften zu tun. Über Sieg oder Niederlage entscheiden oft die von den Trainern so gern bemühten "Kleinigkeiten". Das kann ein kleiner Stellungsfehler des Verteidigers sein oder das falsche Abseits-Urteil eines Schiedsrichter-Assistenten.
Es gibt heutzutage mehr Ermessensentscheidungen denn je. Seit die Dreier- oder Viererketten von Verteidigern geschlossen vorrücken oder zurückweichen, häufen sich die Grenzsituationen, die mit bloßem Auge kaum noch zu beurteilen sind. "Oft stehen Stürmer und Verteidiger haarscharf auf einer Linie und kämpfen um die Poleposition auf dem Weg zum Tor", klagte schon vor geraumer Zeit Lutz Michael Fröhlich, einer der Berliner Schiedsrichter, die Hoyzers Machenschaften dem DFB gemeldet hatten.
Gelegenheiten, den Spielausgang zu beeinflussen, gibt es mindestens so reichlich wie unübersichtliche Strafraumsituationen, das Repertoire der Profis an Tricks und Täuschungsmanövern ist inzwischen immens. "Früher stand ein Sturz noch im Zusammenhang mit einer Ursache", meint Fröhlich, "heute fallen Spieler, nachdem sie sich zur Täuschung selbst in die Hacke geschlagen haben."
Mit den Anforderungen stieg für die Schiedsrichter die Verantwortung. Gleichzeitig verschärfte sich jedoch auch die Kontrolle. Der sogenannte Schiedsrichter-Manager auf der Tribüne ordnet dem Spiel einen Schwierigkeitsgrad von 1 ("normal") bis 3 ("sehr schwierig") zu, notiert Anmerkungen zur Regelauslegung, Spielkontrolle, zum Umgang mit Spielern, zu der körperlichen Verfassung und Persönlichkeit des Unparteiischen und gibt ihm eine Gesamtnote. 9.0 bis 10 ist "hervorragend", unter 5.0 bedeutet "ungenügend".
Manche Beobachter wirken bisweilen einschüchternd. Nach der Partie MSV Duisburg gegen Greuther Fürth am 26. September erhielt Robert Hoyzer zwar die von Ante S. versprochenen 5000 Euro für den gewünschten Duisburger Sieg. Der Berliner Referee hatte jedoch nach eigener Aussage gar nicht ins Geschehen eingegriffen - auch weil er sich nicht traute: Er sei von einem "strengen Beobachter" inspiziert worden, Dieter Pauly, 62.
Der frühere Fifa-Schiedsrichter, bis 1990 zehn Jahre lang in der Bundesliga an der Pfeife, gab ihm im als "normal" bewerteten Spiel die Note 8 und hatte erst recht keinen Verdacht. "Man guckt einem halt immer nur vor die Stirn und nicht dahinter."
So wird es Robert Hoyzer auch ergangen sein, als er die Brüder S. kennen lernte, diese jovialen, großzügigen, fußballvernarrten Charmeure, die einen Zusammenhalt vorlebten, den Hoyzer nie erfahren hatte. Milan und Filip S. wurden in einem Dorf an der dalmatinischen Küste geboren. Kurz nachdem die Familie nach Berlin übergesiedelt war, kam Ante zur Welt. Der Vater starb früh an Krebs, die Mutter brachte ihre Söhne als Putzfrau eines Kreuzberger Krankenhauses durch.
Während des Balkankriegs schmuggelten Milan und Filip die Großmutter im Kofferraum aus dem Krisengebiet und holten sie nach Deutschland. Milan, ein resoluter Macher-Typ und Frauenschwarm, entwickelte ein Talent zum Geschäftsmann. Er verdiente Geld als Automatenaufsteller, eröffnete das Café Mississippi in Moabit und später das King, das sich schnell zum Szenetreff entwickelte. Er griff dem zeitweilig abgebrannten BWL-Studenten Ante finanziell unter die Arme und beschäftigte den stillen Filip, der bei Partys nie Alkohol trinkt, als Elektriker.
Über den Amateurclub SD Croatia, für den die Brüder kickten, kam viel Prominenz ins King - auch Spieler mit jugoslawischen Wurzeln wie der Cottbusser Torwart Tomislav Piplica oder Herthas Verteidiger Josip Simunic. Der Inner Circle hatte einen eigenen Raum, ein Nebenzimmer, wo man in Ruhe über Fußball, Autos und Frauen redete. Hier landete bald auch Hoyzer.
Vor etwa einem Jahr begegnete er Tomislav C., den er als Nachwuchslehrer mit zum Schiedsrichter ausbildete. Als sich C. auch noch Hoyzers Heimatverein Hertha BSC anschloss, kam man schnell ins Gespräch. Beide verabredeten sich im Café King, wo C. Geschäftsführer war. Bald war der Kontakt zu Milan S. hergestellt, dem Besitzer, und zu dessen Bruder Ante; bald bekam der neue Stammgast den ersten Spielschein mit einem Gewinnbetrag von 47 000 Euro zu sehen. C. war der Anwerber, der Schein ein Köder.
Hoyzer zeigte sich beeindruckt, dass man für so wenig gewettete Spiele so viel Geld gewinnen konnte. Er begann sich für die Beträge zu interessieren und für die teuren Autos, die die Kroaten fuhren. Als er einmal im Café King zu viel Alkohol getrunken hatte, fragte ihn Ante, ob er Spielresultate beeinflussen könnte, und er antwortete erst mal mit Ja. Im Rausch glaubte Hoyzer an eine echte Freundschaft.
Der damals 24-Jährige galt als Aufsteiger des deutschen Schiedsrichterwesens. Reif genug, den Verlockungen des Alltags zu widerstehen, war er offenbar nicht. Die Diskussion, ob Deutschlands Elite-Schiedsrichter heute zu jung für das Maß der zu tragenden Verantwortung seien, hat nicht erst der Berufsnörgler Paul Breitner bei "Sabine Christiansen" vom Zaun gebrochen. Heute pfeift ein 22-Jähriger bereits in der 2. Liga, einer der Bundesliga-Referees ist noch keine 30.
Das hat mit der von 50 auf 45 Jahre herabgesetzten Altersgrenze für Fifa-Schiedsrichter zu tun - wer da ein paar Jahre international Karriere machen will, muss rechtzeitig Profi-Erfahrungen sammeln. "Die müssen früh hochkommen, um den Reifeprozess durchzumachen", sagt der Pfeifenveteran Pauly. Der DFB fördert diese Jugendwelle und senkte das Limit für die Profiligen von 50 auf 47.
Guten Nachwuchs zu finden ist jedoch nicht immer leicht. Als DFB-Lehrwart Eugen Strigel und Obmann Volker Roth 1995 das Schiedsrichterwesen übernahmen, gingen sie an Schulen, um Talente zu rekrutieren, man lockte mit einem neuen Anforderungsprofil und neuen Lehrinhalten, führte Kurse zur Stressbewältigung, Motivation und Medienschulung ein. Die
Schiedsrichter sollten wie die kickenden Stars nach dem Abpfiff Interviews geben. Strigel: "Wir sind Teil des Betriebs geworden, weil wir der Auffassung sind, dass wir dazugehören."
In Berlin war Robert Hoyzer längst selbst ein kleiner Star. Im Zockermilieu zwischen Ku''damm-Glanz und Schummerlicht, jener anachronistischen Halbwelt, deren Realität aus lauter aneinander gereihten Klischees zu bestehen scheint, fühlte er sich erkennbar wohl.
Einmal, so berichten Zeugen, habe er nach durchzechter Nacht mittels Ohrfeigen vom Tresen des Café King "gekratzt" werden müssen. Bei anderer Gelegenheit hat er im Keller des Lokals beim Pokern mitmachen wollen - und mangels Routine böse verloren. Vergnügt erinnern sich Bekannte auch an eine gemeinsame Spritztour in ein Etablissement im Hochtaunuskreis, das mit seinem Ruf als größter FKK-Club der Republik wirbt und seinen Gästen eine "lockere und freizügige Atmosphäre" verspricht, "mit viel individueller Zeit, um vom Stress des Alltags abschalten zu können". Was auch immer den Kroaten einfiel, Hoyzer gehörte einfach dazu.
Trotzdem: Wenn es um besonders hohe Beträge ging, sicherten Hoyzers Auftraggeber ihre Wetten vorsichtshalber zusätzlich ab. Nach Hoyzers Aussage wurde vor dem Pokalspiel, das der SC Paderborn am 21. August gegen die Profis des Hamburger SV gewinnen sollte, auch Thijs Waterink, der Mannschaftskapitän der Ostwestfalen, eingeweiht. Ein angeblich mit Ante S. kooperierender Zweitliga-Profi habe den Kontakt zu dem Niederländer hergestellt. Waterink habe den Tipp erhalten, sich bei Zweikämpfen im gegnerischen Strafraum bei einem Widersacher einzuhaken, um Hoyzer so die Chance zum Elfmeterpfiff zu servieren.
Als der HSV bereits nach 30 Minuten eine unliebsame 2:0-Führung erzielt hat, will Hoyzer dem Spieler Waterink zugerufen haben: "Mach doch mal was." Kurz darauf hakt sich der Paderborner tatsächlich im HSV-Strafraum bei einem Gegenspieler ein - und fällt. Hoyzer empfindet das als Bestätigung, dass Waterink mit im Boot war. Er pfeift Elfmeter.
Und dass der belgische HSV-Stürmer Emile Mpenza ihn nach dem Strafstoß gleich zweimal "Arschloch" nennt, ist für Hoyzer nur eine weitere willkommene Gelegenheit, die Hamburger zu schwächen. Er schickt Mpenza vom Platz.
Waterink schilderte die Umstände der rätselhaften Pokalpartie anders. Er sei von einem Fremden angerufen worden, mit dem er sich dann Stunden vor dem Anpfiff in Stadionnähe getroffen habe, um 10 000 Euro in Empfang zu nehmen: eine Siegprämie für die gesamte Mannschaft, die für den Fall einer Niederlage gegen den HSV hätte zurückgezahlt werden müssen. Waterink will das Geld nach der Partie ohne Angabe der Herkunft unter den Kameraden verteilt haben.
Der Fremde sei ein "unbekannter südländisch anmutender Mitbürger" gewesen, so zitierte Paderborns Präsident Wilfried Finke den Kapitän, den er nach Bekanntwerden der Geschichte von der wundersamen Sonderprämie umgehend beurlaubte.
Hoyzer allerdings will den unbekannten Geldboten nur zu gut kennen. Es sei Filip gewesen, der mittlere der Balkan-Brüder, der das Geld direkt aus Berlin hergebracht habe. Auch Ante sei persönlich erschienen und vor dem Spiel in Hoyzers Hotelzimmer aufgetaucht, um die Einzelheiten der Schieberei zu besprechen.
Nach geglücktem Plan, so Hoyzer, sei er dann mit Filip im Auto zurück in die Hauptstadt gefahren, um seinen Anteil - 20 000 Euro - in cash zu kassieren. Die Fahrt muss sehr vergnüglich gewesen sein.
Die Kroaten, so Hoyzer lapidar, seien über den Spielverlauf sehr zufrieden gewesen.
Der kreativen Gewinnoptimierung der kleinen Wettgemeinschaft diente auch eine andere Variante. Sie bestand nach Hoyzers Darstellung darin, einen zweiten Schiedsrichter anzustiften. Das war die Schieber-Version für Kombi-Wetten mit mehreren Spielen.
Während Hoyzer die Regionalliga-Partie Wolfsburg gegen Düsseldorf leitete, war Kollege Dominik Marks nach seiner Schilderung ebenfalls im Auftrag der Wettfreunde unterwegs. Ante S. habe, über Hoyzer als Mittler, Marks 5000 Euro für einen Sieg der Hertha-Amateure gegen Arminia Bielefelds Amateure geboten - sogar 7000 für den Fall, dass zeitgleich Hoyzers Partie mit dem gewünschten Düsseldorfer Auswärtssieg enden würde. Die Wette platzte, weil Düsseldorf trotz Hoyzers Beistand nur ein 1:1 erreichte. Marks jedoch habe 5000 Euro erhalten, behauptet Hoyzer. Bielefelds Manager Thomas von Heesen bezeichnet die 1:2-Niederlage gegen Hertha als "Skandal", weil ein Arminia-Tor keine Anerkennung fand. Marks, dessen Wohnung am Mittwoch durchsucht wurde, will den klaren Treffer aus seiner Position nicht erkannt haben.
Hoyzer hat den Kollegen gegenüber der Staatsanwältin jedoch schwer belastet. Im Sommerlehrgang der DFB-Schiedsrichter 2004 will er den damals 28-Jährigen angeworben haben. Etwa Ende August hätten er und Ante S. sich dann mit Marks beim Nobel-Italiener Ciao Ciao am Ku''damm getroffen; da habe sich Marks endgültig bereit erklärt, bei den Manipulationen mitzumachen. Einmal habe Ante S. dem Sportskameraden 7000 Euro geliehen - wohl um das Abhängigkeitsverhältnis zu festigen.
Nach dem Duisburger 3:0-Sieg in der Zweitliga-Partie beim KSC, so hat es Hoyzer in seinem Generalgeständnis behauptet, soll Marks dann 30 000 Euro von Ante und Milan S. erhalten haben. Gespielt worden sei, so Hoyzer, eine "Handicap"-Wette: auf mindestens zwei Tore Differenz im Resultat. Marks soll ein Duisburger Foulspiel unmittelbar vor dem Treffer zum 2:0 geflissentlich übersehen haben. Von dem Geld habe er seiner Frau einen VW Touran gekauft. Eine Version, die Marks bestreitet: "Ich schwöre, dass ich absolut nichts mit Wetten zu tun habe."
Zu dieser Zeit will Hoyzer bereits auf dem Absprung gewesen sein. Denn es hat mal wieder eine Panne gegeben. Hoyzer war für das Zweitligaspiel Unterhaching gegen den 1. FC Saarbrücken eingeteilt, die Berliner Freunde setzten auf den bayerischen Gastgeber.
Am Abend vor dem Match, zu dem alle Brüder S. angereist sind, will Hoyzer 50 000 Euro erhalten haben. 35 000 für das anstehende Match plus 15 000 Restzahlung für die Partie in Ahlen fünf Wochen zuvor. Der folgende Tag gerät zum Desaster. Schon nach 22 Minuten führt Saarbrücken 2:0. In der Pause funkt angeblich einer der Kumpane eine SMS auf Hoyzers Handy, erhöht die Prämie auf 50 000 Euro.
Unterhaching erzielt den Anschlusstreffer, dann sieht Hoyzer ein Foul der Saarländer, doch die Bayern verschießen den Elfmeter. Das Spiel gibt nichts her für einen Schiedsrichter, der mit gewinnen will. Saarbrücken siegt 3:1. Die drei kroatischen Brüder werfen Hoyzer Tatenlosigkeit vor, so hat er es seinem Rechtsanwalt erzählt. Doch zu diesem Zeitpunkt sei es ihm schon egal gewesen. Er habe damals den Entschluss gefasst auszusteigen.
Ihm ist klar, dass seine bewussten Fehlurteile sich irgendwann niederschlagen müssen. In der offiziellen Benotung stürzt er binnen einer Saisonhälfte unter 22 Zweitliga-Schiedsrichtern von Platz 6 auf Rang 20 ab. Vom Verband wird er ermahnt.
Mitte Januar sagt Hoyzer seinem Führungsoffizier Ante, den er den "Navigator" nennt, dass für ihn Schluss sei. Ante reagiert nach Hoyzers Darstellung vor der Staatsanwältin gefasst: Dann könne Marks auch nicht mehr beteiligt werden.
Was Hoyzers Rückzug für die Wettbetrüger bedeutet, ist schwer einzuschätzen. Hatten die Brüder längst Ersatz herangezogen? Diente ihnen der ehemalige Dresdner Fifa-Schiedsrichter Wieland Ziller als Kontaktmann für andere Referees? War Jürgen Jansen schon in ihren Fängen - oder haben sie sich mit der Namensnennung dieses bekannten Schiedsrichters nur gegenüber Hoyzer wichtig machen wollen?
Unklar ist auch, ob Spieler als Komplizen angeworben wurden - oder ob es beim Versuch geblieben ist. Der Torwart Georg Koch zum Beispiel berichtet von einem unmoralischen Angebot, das er im Mai 2004, kurz vor dem letzten Saisonspiel seines damaligen Vereins Energie Cottbus, erhalten habe. 20 000 Euro seien ihm offeriert worden, falls er für eine Cottbusser Niederlage gegen Jahn Regensburg sorge. Koch lehnte entrüstet ab.
Am vorigen Sonntag teilte der gebürtige Rheinländer dem DFB den Vorgang mit - und nannte auch den Namen, unter dem sich die Person gemeldet hatte: Steffen Karl. Gehört Karl, Ex-Profi in Dortmund, Berlin und Manchester und heute Kapitän und Co-Trainer beim Regionalligisten Chemnitzer FC, zur Betrügerbande um die Brüder S.? Steffen Karl weist alle Anschuldigungen zurück.
Sicher scheint hingegen, dass die Kroaten ein Gutteil ihrer Geschäfte gar nicht in Deutschland getätigt haben. Milan S. war so etwas wie der Außenwirtschaftsmann im Familienbetrieb. Ständig stand er mit den Service-Hotlines von Lufthansa, Germanwings oder der Swiss in Kontakt, um seine Reisen in die Wettmärkte Italien, England, Belgien und natürlich Kroatien zu organisieren. Besonders aber interessierten sich die Gebrüder S. für die Fußball-Ligen in Griechenland und Österreich. Dort hatte es ihnen, so Hoyzer, vor allem der Verein Casino SW Bregenz angetan.
Auch wenn Robert Hoyzer den Ermittlern weitere Kooperation zugesagt hat, bleibt vieles diffus. Aufklärung könnte die Auswertung der Durchsuchungen bringen, die Berlins Staatsanwaltschaft vergangenen Mittwoch an 32 Orten vornehmen ließ. Manche Behauptungen Hoyzers, der um Personenschutz bat, konnten inzwischen durch Belege gestützt werden.
Als Haupttäter des Kriminalstücks hat die Staatsanwaltschaft "Fußball-Freaks" ausgemacht, "die ans große Geld glaubten". Doch mit deren Bestrafung wird die alte Ordnung nicht wiederhergestellt sein. Der Ansehensverlust Deutschlands geht längst über die Fußballbranche hinaus. Für die größte spanische Zeitung "El País" ist die Beckenbauer-Republik "zu einer Heimstätte von Korruption und Skandalen geworden".
In den letzten Tagen erkundigten sich bei den Berliner Behörden zahlreiche Reporter aus China nach dem Stand der Causa Hoyzer. Im Reich der Mitte sorgt der Skandal für reichlich Irritationen.
Millionen chinesischer Wettfans hatten zuletzt begeistert auf deutsche Spiele gesetzt. Von den Matches der Proficlubs im eigenen Land haben sie sich abgewendet. Die Liga dort ist ihnen zu korrupt.
STEFAN BERG, JÖRG KRAMER, GERHARD PFEIL,
SVEN RÖBEL, JENS TODT, ALFRED WEINZIERL, MICHAEL WULZINGER
* Beim Spiel Kaiserslautern gegen Freiburg (3:0) am 27. November 2004; rechts: am vorigen Mittwoch in Essen. * Oben: Hertha BSC Amateure gegen Arminia Bielefeld Amateure (2:1) am 11. August 2004; unten rechts: bei der Hausdurchsuchung vorigen Mittwoch in Laußnitz. * Am 21. August 2004.
Von Stefan Berg, Jörg Kramer, Gerhard Pfeil, Sven Röbel, Jens Todt, Alfred Weinzierl und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 6/2005
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