22.01.1979

„Wir haben moderne Methoden“

Ich hatte das Gefühl, das alles meinen
Händen entglitt. Ich kam mir vor wie eine Marionette, an deren Fäden andere ziehen und die keinen eigenen Willen mehr hat."
Worte des Schah nach seinem ersten Sturz im Jahre 1953. Sie könnten auch jetzt gesprochen worden sein, nachdem der Perserkaiser sein Land zum zweitenmal, wohl endgültig, verlassen hat.
Dazwischen aber liegt über ein Vierteljahrhundert einer absoluten Herrschaft, wie sie in neuer Zeit keinem anderen Politiker gegönnt war. Dazwischen gab es einen Schah-in-Schah Arjamiehr, der sich und seine Macht so sah: "Durch meinen Gesichtsausdruck, meinen Blick oder den Ton meiner Stimme allein habe ich jede Diskussion unter Kontrolle."
So erlebte ihn auch jeder Besucher in seinem zwei Tennisplätze großen gold-, kristall- und spiegelglitzernden Arbeitszimmer im Niawaran-Palast hoch über Teheran: ein moderner Herrscher mit scheinbarem Computer-Gedächtnis und weltpolitischen Analysen, die selbst Amerikas Henry Kissinger imponierten.
Aber zur Beurteilung der weiten Welt hatte er Grundlagen, die ihm für den Iran nicht zur Verfügung standen: objekte Informationen.
Der Schah, das zeigt sein schwacher Abgang, hat über sein Land nichts mehr gewußt und gar nichts über sein Volk, mit dem er sich "eins" sah und als dessen "Vater" er sich fühlte, mit dem er aber, im Ausland erzogen, in seinen Palästen verbarrikadiert, zeitlebens nie zusammengekommen war.
Und während seinen Vater, den Dynastiegründer Resa, niemand anlog, traute sich dem Junior niemand die Wahrheit zu sagen.
Wenn der Schah vor Jahren mal sagte, sein Leben sei "wie ein wunderbarer Traum", so war dies dem Wort nach wahrer, als er ahnte: Er war ein Traumtänzer, ob er nun verkündete, daß sein Land "1985 zu den fünf größten Mächten der Welt" zählen würde, oder ob er sich gar um die Dekadenz der westlichen Demokratien sorgte und deren "geistige Leere mit neuen Werten erfüllen" wollte.
Daß die eigenen Hofschranzen, die sich ihm nur hände- oder gar füßeküssend nahten, um hinterher rücklings wieder zur Tür hinauszubuckeln, ihm nichts darüber berichteten, welche persische Realität sich unter den rosa Wolken verbarg, auf denen er hoch am Kaiserhimmel schwebte, ist ihnen kaum übelzunehmen. Sie hätten's nicht lang überlebt.
Daß sich aber fremde Staatsoberhäupter, selbst als sie noch nicht ums Öl oder um Aufträge zu bangen brauchten, als Statisten für das 2500jährige Reichsjubiläum in Persepolis hergaben (Bürger Heinemann ließ sich entschuldigen), daß später, als die
Ölmilliarden in des Kaisers Kasse klingelten, etwa Frankreichs Giscard oder Uno-Chef Waldheim sogar beim Ski-Touristen Pahlewi in St. Moritz die Klinke putzten (Hanseat Schmidt freilich blieb fern), all das muß ihn noch in seiner Megalomanie bestärkt haben.
Er selber hat noch im November düster prophezeit, daß, wenn er gehen müsse, auch Europa in drei Monaten tot sein werde. Aber er war ja auch vor wenigen Monaten noch der Meinung, "ich habe die Macht und kann nicht gestürzt werden".
Doch da hatten ihn schon seine amerikanischen Beschützer auf einen Weg gebracht, auf dem er ausgleiten mußte. Denn der Schah, von seriösen Biographen stets als labiler, sentimentaler Charakter beschrieben, herrschte mit geborgter Stärke: der des Terrors seines Apparates, so wie auch der Ölboom, der ihn zu seinem verhängnisvollen Höhenrausch verleitete, nicht sein eigenes Werk war - die Araber erstreikten ihm den Ölpreissprung von 1974.
Menschenrechtler Carter hatte dem Perserkaiser Ende 1977 eine Liberalisierung nahegelegt. Des Schah Tragödie: Als er Druck vom Kessel nahm, flog der Deckel weg, wurde die iranische Wirklichkeit sichtbar, die mit dem Idealbild nichts zu tun hatte.
Mag sein, daß der Schah sein Land im D-Zugtempo modernisieren wollte, weil er ein baldiges Ende des ölrausches fürchtete, aber dann hat er souverän am Volk vorbeimodernisiert. Er hat schließlich mehr Zeit gehabt, seine Ideen von der "Großen Zivilisation" des Iran in die Tat umzusetzen, als jeder andere lebende Machthaber - 37 Jahre, eine volle Generation - und mehr Geld noch dazu.
Der Schah gab eine Landreform, die für die "New York Times" ein "Witz" war, als epochemachende "Weiße Revolution", als Ende der Knechtschaft des iranischen Landproletariats aus. Der Schah, dessen Vater sich 2000 Dörfer angeeignet hatte, und die übrigen Großgrundbesitzer ließen sich satt entschädigen, während die landlosen Pächter hungernde Wüstenbauern wurden, die sich eine funktionierende Bewässerung nicht leisten konnten. Der einstige Agrar-Selbstversorger Iran kann sich 15 Jahre nach dieser Revolution nicht mal mehr zur Hälfte selbst ernähren.
Nach dem großen Öl-Reibach von 1974 modernisierte der Schah sein 35-Millionen-Einwohner-Land zur bisher gewaltigsten Investitionsruine in der Geschichte - und er kann die Verantwortung dafür auf niemanden abwälzen, denn er regierte Persien in einer Ein-Mann-Schau, getreu seinem Motto: "Um etwas voranzubringen, braucht man Macht, und Macht heißt, daß man niemanden um Erlaubnis zu fragen, niemandes Rat annehmen muß."
Jeden vierten Petro-Dollar verplemperte er für eine Wahnsinns-Rüstung, deren Folgekosten keine persische Regierung bezahlen kann. Der Rest versikkerte in einem Land ohne Infrastruktur in viertelgaren Phantasieprojekten, einer Korruption ohne Beispiel, eine Inflation, die Spitzenwerte erreichte, und in den von Schweizer Banken verwalteten Schatzkammern der Kaiserfamilie, deren Oberhaupt undementiert ließ, daß er, der Schah, "einer der zwei oder drei reichsten Männer der Welt" sei, und der dafür verantwortlich ist, daß ein Prozent der Perser 80 Prozent allen Privatvermögens im Land besitzt.
Für alle war er eine Symbolfigur, für seine Verehrer wie für seine Feinde. Während einer Deutschland-Reise 1967 wurde er ungewollt zum Katalysator jener Apo, deren extreme Splitter schließlich den deutschen Terrorismus organisierten. Daheim wetteiferte der Herrscher in der Zahl der offiziellen Hinrichtungen lange Zeit nur mit Südafrika. Seine Geheimpolizei Savak erprobte alles, was an Folter bewährt war, und verfeinerte es um persische Varianten.
Zeugenaussagen von Betroffenen belegen die Vergewaltigung von Kindern in Gegenwart der Eltern, das Grillen von Opfern auf elektrisch erhitzten eisernen Bettgestellen, Einläufe von kochendem Wasser in den Anus, Ausreißen sämtlicher Finger- und Zehennägel sowie der Zähne. Der iranische Dichter Resa Baraheni berichtet in einem Buch über seine Gefängnis-Erfahrungen sogar von Kannibalismus.
Etwa 300 000 Menschen kamen auf solche oder ähnliche Weise mit der "Organisation für Sicherheit und Informationen des Landes" in Berührung, wie die Savak sich nannte. Mindestens 50 000 Menschen dienten dem Geheimdienst im In- und Ausland.
Der Schah, dessen Vater noch eigenhändig Minister aus dem Fenster geworfen hatte, pflegte auf Fragen nach Folter in seinem Land müde zu lächeln: "Wir haben modernere Methoden."
Besonders gern widmeten sich die Folterer allen, die lesen und schreiben konnten. Denn in der "Großen Zivilisation" des Reformkaisers hatte der "Geist", mit dem Pahlewi den Westen beleben wollte, keinen Platz.
Der Besitz eines Werkes von Brecht und gar von Jack London war in dieser Außenstelle des Westens mit jahrelanger Haft bedroht. Zeitungen standen unter schärfster Zensur. Kein Schriftsteller, kein Dichter von Rang, der nicht mindestens einmal im Gefängnis gesessen hätte. Viele starben dort, andere gingen, wie ihre Kollegen aus Sowjet-Union oder DDR, ins Exil.
Kein westlicher Staatsmann kann behaupten, er hätte von all dem nichts gewußt. Berichte, nach denen der Freund des Westens ein Großmachtsträumer sei und seine Superrüstung zur Gefahr für seine Nachbarn wie für Amerika selbst werden könnte, verfaßten sogar CIA-Spezialisten. Sie wurden freilich, wie ein ehemaliger Iran-Experte des Dienstes, Jesse Leaf, enthüllte, von der Führungsspitze als "konträr zur Politik der USA" zu den Akten gelegt.
CIA-Chef Helms ging schließlich selber als Botschafter zum Pahlewi-Hof. Und er fand noch im Dezember 1978, als im Schahpalast schon das große Kofferpacken begonnen hatte, Worte wie "Der Schah braucht gerade jetzt jede Unze unseres moralischen und politischen Beistandes!"
"Wir haben den Schah gemacht, wir haben 1953 eine verfassungsmäßige Regierung gestürzt, um ihn wieder an die Macht zu bringen, für uns waren er und der Iran eben eins", schrieb die "New York Times" zur amerikanischen Persien-Politik.
Pahlewi selbst bleibt Amerika wahrscheinlich als Pensionär erhalten: Seine Sendboten kauften seit Monaten in den USA festungsartige Refugien auf.
"Sollte ich meinen Thron verlieren", so hatte der Schah seinem Biographen Gerard de Villiers anvertraut, "weiß ich, daß ich meinen Unterhalt als Pferdezüchter verdienen könnte."
Das wird er nicht nötig haben.

DER SPIEGEL 4/1979
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