25.01.1947

Ravensbrücker Mory-Taten

Zwei Frauen sind es, die in Hamburg in dem Prozess um das Konzentrationslager Ravensbrück, das größte Frauengefängnis der Geschichte, die Gemüter besonders bewegen: die schwarzhaarige Carmen Mory und die brünette Tschechin Vera Salvequart. Beide sind selbst ehemalige Häftlinge des Lagers, beide stehen unter der Anklage, ihre Mitgefangenen mißhandelt zu haben. Die hübsche Tschechin soll außerdem als Schwester tödliche Pulver an Kranke ausgegeben haben.
Wer sind diese Frauen und wie kamen sie in das Konzentrationslager? Wer ist Carmen Mory, an deren Namen sich ein zweifelhafter Ruhm zu knüpfen beginnt? In England und Holland erzogen, wurde die heute vierzigjährige Schweizerin französischer Abstammung später Journalistin. Sie spricht sechs Sprachen fließend und war unter anderem bei der Ullsteinpresse und für den "Manchester Guardian" in Berlin tätig. Sie taucht mal hier, mal dort auf und hat überall Verbindungen.
Anfang 1940 wird sie in Frankreich verhaftet, weil sie Spionage für die Deutschen in der Maginot-Linie getrieben hat. Sie wird zum Tode verurteilt. Doch wenige Monate später ist sie schon wieder frei: Staatspräsident Lebrun hat sie begnadigt. Eine kleine Bedingung knüpft er an die Freilassung, sie soll Gegenspionage für Frankreich leisten. Die Pariser Presse schreibt sich die Finger wund. "Mata Hari des zweiten Weltkrieges" wird sie genannt.
Carmen Mory hat kein Glück. Schon im Herbst des gleichen Jahres wird sie wieder verhaftet, diesmal von den Deutschen. Sie wird mit dem Flugzeug nach Berlin gebracht. Heydrich, der berüchtigte Chef der Gestapo, verhört sie persönlich drei Wochen lang. "Dann hatte ich ihn endlich soweit daß er mich freiließ" gibt sie in ihrem Verhör an. Wieder eine Bedingung: sie darf Deutschland während des Krieges nicht verlassen. Daß Heydrich mit dem Gedanken spielt, sie in der deutschen Rundfunkpropaganda für das Ausland unter William Joyce einzusetzen, verrät er ihr nicht, das erfährt sie erst später.
Sie mag aber plötzlich nichts mehr von Politik wissen und versucht nun doch zu entfliehen, um sofort wieder verhaftet zu werden. Jetzt nützen ihr weder Intelligenz, weibliche Schlauheit noch Charme mehr, Heydrich ist schwerhörig und schickt sie nach Ravensbrück.
Auch hier spielt sie keine unbedeutende Rolle, denn schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit anvanciert sie zur "Blockältesten". "Selbst die SS schien Angst vor ihr zu haben", sagte eine Zeugin vor Gericht aus. Sie soll geschlagen haben, nicht nur Gesunde, sondern sogar Geisteskranke. "Das stimmt nicht", betont sie, "aber wenn es nötig gewesen wäre, hätte ich es sicher getan. Und dann hätte ich das jetzt auch zugegeben."
Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Schlagartig, wohlüberlegt und klug begegnet sie allen Vorhaltungen. Es ist sehr schwer, ihr etwas nachzuweisen. Sie benimmt sich nicht wie eine Angeklagte. Bevor sie aufgerufen wurde, drängte sie sich zur Zeugenbank vor, und mußte wieder zurückgeschickt werden. Sie wartet oft die Fragen, die an sie gestellt sind, gar nicht ab, sondern erzählt genau das, was sie will. Sie spricht fließend Englisch.
Nach der Befreiung des Lagers meldet sie sich bei britischen Militärbehörden. Vorsichtshalber hält man sie wieder fest. Man bittet sie, bei der Auffindung und Verhaftung einiger der im Lager Ravensbrück stationiert gewesenen Aerzte mitzuhelfen. Sie tut es.
Die Geschichte Vera Salvequarts ist nicht ganz so aufregend. Sie wollte eigentlich Medizin studieren. Weil das Geld nicht mehr reichte, wurde sie Krankenschwester.
Sie war mit einem Juden verlobt und wurde aus diesem Grunde im Laufe der Jahre in die verschiedensten Gefängnisse gesteckt. Zuletzt gelangt sie nach Ravensbrück, während ihr Verlobter in Dresden zum Tode verurteilt und erschossen wird. Das war 1941.
Im Lager war sie Schwester. Belastungszeugen sagen: "Wir hatten alle Angst vor ihr, denn sie hat viele von uns getötet." Sie selbst meint: "Es mußte den Anschein haben, aber ich hatte keine Schuld an alle dem. Ich bin ja noch viel schrecklicher behandelt worden. Mich bedrohte die SS und drohte mir täglich mit einem Genickschuß. Ich habe niemanden getötet. Ich habe geholfen, wo ich konnte, den Kranken unter den gegebenen schrecklichen Umständen und Zuständen im Hospital ihr Los zu erleichtern."
Das wird auch von Zeuginnen bestätigt. Vera Salvequart wird sogar schließlich im Lager zum Tode verurteilt, weil sie Listen gefälscht hat und Hunderte von Häftlingen vor dem Transport in die Gaskammern bewahrte. Sie flieht auf abenteuerliche Art. Männer aus dem angeschlossenen Männerlager helfen ihr dabei. Sie wird in einem Spind verborgen und mit Wolldecken umwickelt. So verläßt sie das Lager.
Sie meldet sich bei amerikanischen Behörden. Sie steht sich überhaupt gut mit den Amerikanern, einem "on dit" zufolge. Als sie schließlich verhaftet wurde, soll sie amerikanische Kleider getragen haben. Jedenfalls hatte sie einen eigenen Wagen.
Vera Salvequart ist stiller im Zeugenstand als Carmen Mory. Wenn sie spricht, so tut sie es: mit leiser, leicht dialektgefärbter Stimme. Man traut ihr eigentlich nichts Schlechtes zu. Sie hat das Pech, daß die von ihr gewählten Entlastungszeuginnen sie zum Teil unerwartet belasten. Der einen hat sie selbst einen Brief geschrieben, von dessen Existenz ihr Anwalt nichts wußte. Die Zeugin aber legt ihn plötzlich dem Gericht vor. Für Vera ist das nicht schön. Es macht nie einen guten Eindruck, wenn das Gericht dahinterkommt, daß eine Angeklagte sich in Zeugenbeeinflussung versuchte, was hier offensichtlich der Fall ist. "Jedenfalls hat sie ein schlechtes Gewissen", ist die allgemeine Meinung. Von Vera Salvequart weiß man wenig, um so mehr von der Schweizerin.
Zwei Brüder der Mory dienten während des Krieges in der Royal Navy, ein Schwager ist bei der britischen Regierungskommission im Fernen Osten. Sie selbst aber ist mit einem ehemaligen Offizier des Intelligence Service verlobt. Er ist aus Shrewsbury, und der Briefwechsel zwischen beiden ist trotz Gefängnis und Anklage nicht im mindesten unterbrochen worden.
Carmen Mory ist nicht gut zu sprechen auf diejenigen, die sie ihrer Freiheit beraubten. "Ihr englischen Schweine", schimpft sie oft, "auch ihr werdet noch drankommen". Das spielt sich aber natürlich nicht vor Gericht, sondern hinter den Kulissen ab.
Noch viele andere Dinge dringen an die Oeffentlichkeit. Weihnachten hat sie ihre Mahlzeit einem Wärter an den Kopf geworfen. Zwei Tage lang war sie in Hungerstreik. Man hätte ihr tatsächlich zugemutet, sagt sie, sich mit der weiblichen Hauptangeklagten beim Transport zwischen Untersuchungsgefängnis und Gericht mit Handfesseln zusammenzuketten. Als man auf ihre Beschwerde nicht achtete, trat sie eben in Hungerstreik. Sie siegte.
Ob sie aber im Prozeß so gut durchkommen wird? In etwa vierzehn Tagen wird das Urteil verkündet werden. Dann wird es sich entscheiden, ob Carmen Mory und Vera Salvequart für schuldig befunden werden oder nicht. Bis dahin sitzen sie auf ihrer Anklagebank: die Schweizerin mit überlegenem Lächeln und aufmerksam gespanntem Gesicht, die Tschechin mit ruhigem und interessiertem Ausdruck.
Sie hatte Angst vor der SS
Vera Salvequart
Die SS hatte Angst vor ihr
Carmen Mory

DER SPIEGEL 4/1947
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