25.01.1947

Die 65. Tote

Im Krankenhaus Bückeburg erfolgte der 65. Todesfall eines Deportierten-Transports aus Schlesien. In vier Krankenhäusern, Hameln, Stadthagen, Rinteln und Bückeburg, liegen noch 120 Mitdeportierte, die alle an einem Tag eingeliefert wurden: am Heiligabend des Jahres 1946. Ursprünglich waren es 160, aber 30 von ihnen sind trotz pfleglicher Behandlung inzwischen verstorben. 35 waren gestorben, bevor ein Krankenhaus sie aufnehmen konnte.
Anfang Dezember wurde- England -in Warschau vorstellig, die Ausweisung der Deutschen bis nach der Schlechtwetterperiode zu verschieben. Am 16. Dezember rollte aus dem Breslauer Bahnhof der Deportiertenzug Nr. 514. Er bestand aus einer Lokomotive, einem geheizten Personenwagen und zweiundfünfzig ungeheizten Viehwägen.
In dem geheizten Wagen fuhren fünf Mann polnisches Bewachungspersonal, in den ungeheizten Wagen 1543 ausgewiesene Deutsche. Von ihnen waren 80 Prozent Frauen und - Kinder und 60 Prozent über sechzig Jahre alt. Der jüngste Ausgewiesene war drei Monate alt; die Außentemperatur betrug minus 15 Grad Celsius.
Die Viehwagen waren ausgestattet wie für den Transport von Seefischen: Es gab in ihnen weder Stroh noch' Torf. Offenstehende Luken und Ritzen sorgten für gute Durchlüftung. Fünfunddreißig Menschen nebst Gepäck füllten einen Wagen
Dr. Probst, ehemaliger Chef der Universitäts-Frauenklinik in Breslau, war offizieller Transportarzt. Er hatte die Erlaubnis, aber weder Instrumente noch Medikamente. Dr. Loch, vordem Chefarzt des St. Josefskrankenhauses in Breslau, besaß einige Medikamente und eine Injektionsspritze, aber keine Erlaubnis: Er hatte sich mit seiner Frau in den Transport eingeschlichen, weil er seine Verhaftung erwartete. Er war der inoffizielle Transportarzt.
Die Tätigkeit der beiden Aerzte begann schon auf dem Bahnsteig in Breslau. Dort fiel ein älterer Mann um und sagte nichts mehr. Das war der erste Tote. Es gab aber noch mehr Tote, bis die Reise beendet war.
Am ersten Tag fuhr der Zug Nr. 514 bis Malsch. Malsch liegt 22 Kilometer von Breslau entfernt. Er hielt weit von der Station entfernt, auf einem Abstellgeleise ohne Rampe.
Der Zug hielt noch oft auf Abstellgeleisen. Auf Stationen hielt er nie. Die Aerzte hatten nicht nur mit Durchfall zu tun, vier Fünftel des Transports erlitten. Kälteschäden. Es gab Erfrierungen ersten, zweiten und dritten Grades. Am dritten Tag zählte man schon sechs Tote. Zwischendurch gab es drei Entbindungen und zwei Fehlgeburten. Eine Frau mit Fehlgeburt war am Waggonboden festgefroren. Dr. Loch taute sie mit Hilfe eines Spirituskochers ab. Während dieser Hilfeleistung wurde Dr. Loch selbst Patient. Ihm erforen beide Füße. Seine Frau verstarb an den Folgen des Transports.
Die 65. Tote war Frau Hedwig Deichsel, 77 Jahre alt. Sie ist in dem Augenblick, als der Photograph die Aufnahme machten gestorben. Sie besaß in Breslau zwei Zimmer und war nach Aussagen ihrer Bekannten rüstig wie eine Sechzigjährige. In den vierzehn Tagen nach ihrer Abfahrt ist sie um zwanzig Jahre gealtert, sie wollte nicht länger leben.
Auch die 86jährige Maria Kuntschke will sterben. Ihr Mann hatte eine Schweißerei in Breslau. Sie besaßen, zwei Häuser. Den Mann haben die Polen fortgeschafft, sie weiß nicht, wo er geblieben ist. "Wo soll ich noch hin?", meint sie: "Ich habe keine Familie mehr. Niemand will die Deutschen haben."
Georg Queck (siehe Titelbild) besitzt nichts mehr als ein Päckchen dickverschnürter Papiere. Diese letzten Beweise seines früheren Lebens als Kaufmann gibt der 75jährige nie aus der Hand. Was er sonst noch besaß, wurde ihm in Breslau auf dem Bahnsteig weggenommen. Am Kopfende hat er eine Schachtel Streichhölzer liegen, denn manch einer der zahlreichen. Besucher schenkt ihm eine Zigarette. Vor ihnen schämt er sich, unrasiert wie er ist, und will den letzten Mark-Schein in dem Bündel für einen Barbier aufwenden.
"Georg Queck will nach Süddeutschland zu seiner Frau. Er muß nur warten, bis seine erfrorenen Füße wieder heil sind.
Der Niedersächsische Landtag hat sich mit dem Erfrierungs - Transport befaßt. Verschiedene Partei-, Frauen- und Wohlfahrtsorganisationen haben protestiert. Das Montgomery-Krankenhaus in Bückeburg schickte Wolldecken, Flanellhemden und Nahrungsmittel.
Die Militärregierung hat angekündigt, daß sie keine ungeheizten Transporte mehr annehmen wird. Von Polen ist noch keine Stellungnahme eingegangen.
Sie möchte sterben
Frau Maria Kuntschke
Sie starb
Frau Hedwig Deichsel

DER SPIEGEL 4/1947
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