01.02.1947

Auf der Quarantäne-Insel

In Hamburg sind auf drei Schiffen 1500
Leute angekommen, die siebeneinhalb Jahre in Gefangenschaft waren und denen es in dieser Zeit doch besser ging als manchen Deutschen, die nicht in Gefangenschaft waren. Es sind Internierte aus Indonesien, die in Bombay zu ihrer Fahrt nach Deutschland starteten.
Am 10. Mai 1940 rückten die deutschen Truppen in Holland ein. Am 10. Mai wurden die deutschen Männer in Niederländisch-Indien von eingeborenen Polizisten unter Leitung jeweils eines Weißen interniert. Es blieben ihnen zehn Minuten, um sich von ihren Angehörigen zu verabschiedden und Zahnbürste und Rasierzeug einzupacken.
Die Quarantänestation für Mekkapilger, die Insel Ontrust, jetzt allerdings durch starken Stacheldraht gegen Freiheitslustige gesichert, war die erste Station dieser unfreiwilligen Pilgerfahrt. Nach drei Monaten Aufenthalt ging es weiter in das Camp Allas Valley auf Nord-Sumatra. Das Essen war schlecht, das Klima ungesund und die Erinnerung der Internierten an Allas Valley ist nur deshalb eine angenehme, weil dort durch Rote-Kreuz-Postkarten die erste Verbindung mit Deutschland hergestellt wurde.
Im Dezember 1941, als Japan in den Krieg trat und sich seine Truppen Niederländisch-Indien näherten, wurden die Internierten unter strengster Bewachung mit Lastwagen an die Westküste von Sumatra gebracht und auf Dampfer verladen die nach Britisch-Indien fuhren.
Das im Frühjahr 1943 erreichte letzte und endgültige Lager Dehra Dhun war dagegen ein Paradies. Magen und Geist wurden von der Lagerleitung mit reichlicher Nahrung versorgt. Für den Magen sorgten neben dem Lagerkoch die Landwirte unter den Internierten, die in dem Lagergarten Gemüse zogen. Die Schuhmacher, und Schneider brachten die Garderobe in Ordnung, außerdem konnte man im Lagershop die notwendigsten Dinge kaufen. Allerdings war der Eitelkeit kein Spielraum gelassen, da z. B. ein Paar Schuhe 20 bis 30 Rupien kosteten, das monatliche Taschengeld aber nur 60 Rupien betrug.
Der geistigen Beweglichkeit waren, im Gegensatz zur körperlichen, keine Grenzen gesetzt. Es wurden Sprach- und Abiturientenkurse abgehalten sowie eine Ingenieurschule eingerichtet. Zur ernsthaften Weiterbildung wurden wissenschaftliche und kulturelle Vorträge gehalten, und für Unterhaltung und Zeitvertreib sorgten ein Orchester von 50 Mann, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
Sogar Freiheit, die auch das schönste Lagerleben nicht ersetzen kann, wurde zweimal wöchentlich "ausgeteilt". Dann bekamen nämlich die Internierten für ein paar Stunden Urlaub in die wildromantische Umgebung des Lagers, das in 600 Meter Höhe am Fuße der Vorberge des Himalaya liegt.
Das Dauerthema aller Gespräche war trotz dieses verhältnismäßig angenehmen Lebens die Entlassung. Zwei Kameraden schrieben nach einer geglückten Flucht aus Japan eine Karte an das Lager. Sie hatten es geschafft. Aber es war eine Fehlspekulation. Die "Zurückgebliebenen" sind heute in Deutschland, die Ausreißer nicht.

DER SPIEGEL 5/1947
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DER SPIEGEL 5/1947
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