01.02.1947

Fritz von Unruh kommt

Fritz von Unruh ist der erste deutsche Dichter, der auf die Einladung aus Deutschland erklärt hat: Ja, ich komme. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb hatte ihm einen Brief geschrieben und ihn gebeten, nach Frankfurt zurückzukehren. Jetzt kam die Antwort.
Das Schreiben Fritz von Unruhs ist datiert vom 28. Dezember und mit dem Absender New York City, 456 Riverside Drive, versehen. Es enthält einige wunderbare Sätze, und der schönste ist dieser:
"Wenn Sie, hochverehrter Herr Oberbürgermeister, einen würdigen Wohnsitz zur Verfügung stellen wollen, so möchte ich dazu bemerken: Jeder Wohnsitz, -in dem heute würdig gebliebene Deutsche wohnen, wird auch gut genug für mich sein - und wäre es eine Ruine. Denn wer wie ich nun schon über 13 Jahre im Exil lebt, in Lagern und Flucht, der verlangt nur noch nach der einen Wohnstätte - nach jener, darin Gott und der Genius zu Hause sind."
Fritz von Unruh gehört zu Frankfurt. Der preußische Offizier von einst, der im ersten Weltkrieg mit seinen Dramen gegen die preußische Erziehung rebellierte, ist später ein guter Bürger der liberalen Stadt Frankfurt geworden. Die Stadt hatte zwei uralte historische Türme ausgebaut und sie zwei großen Künstlern zum Wohnsitz auf Lebenszeit zur Verfügung gestellt: Paul Hindemith wohnte im Kuhhirtenturm und Fritz von Unruh im Rententurm. Die Nazis machten diesem "auf Lebenszeit" ein jähes Ende.
Der Turm des Dichters Unruh ist ausgebrannt. Er lag am Main mitten in jener Straßenzeile, dem Ufer, in dem die Gontards ihr Palais hatten die Bankiersfamilie, die durch Hölderlins Liebe zu Frau Susette Gontard im die Literargeschichte kam. Und in der Marianne von Willemer lebte, die große Liebe des alten Goethe, seine Suleika des "West-östlichen Divans". Und in der der sonderbare Herr Schopenhauer, dero pessimistische Philosoph, mit seinem Pudel heimisch war.
Unruh, den viele junge Leute von heute nicht, mehr kennen, gehörte in den Kreis der "Frankfurter Zeitung". Die meisten seiner Dramen, von jenem berühmten Nachkriegsstück "Ein Geschlecht" bis zu dem theaterskandalumtobten "Napoleon", wurden in Frankfurt uraufgeführt.
Vergessen ist aber fast, daß Unruh eine Frau vom Todesurteil rettete. In der Mitte der zwanziger Jahre war in Frankfurt die Krankenschwester Flessa zum Tode verurteilt worden. Sie hatte den Frauenarzt Dr. Seitz in einem wilden Anfall von Eifersucht erschossen.
In einem öffentlichen Brief an die "Frankfurter Zeiturig" wies Fritz von Unruh auf einen Formfehler hin und forderte stürmisch eine Revision. Sie erfolgte.
Das erste Urteil wurde kassiert, und in einer schwierigen, langen Verhandlung wurde die von dem berühmten Rechtslehrer Prof. Sinzheimer verteidigte Krankenschwester zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wurde bald begnadigt und lebt heute unter einem anderen Namen.

DER SPIEGEL 5/1947
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