25.01.1947

Chefregisseur über den Wellen

Der Nordwestdeutsche Rundfunk hat sich einen Chefregisseur zugelegt. Er wird über den Funk-Aetherwellen der britischen Zone schweben und in Hamburg, Berlin und Köln inszenieren. Nur der Titel ist neu. Der ihn führt, ist ein alter Bekannter vom Mikrophon: Otto Kurth, bisher Leiter der Hörspielabteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks.
Otto Kurth, noch jung an Jahren, ist ein alter Theaterhase. Er hat bei Erich Ziegel in den Kammerspielen in Hamburg begonnen. Gustaf Gründgens holte ihn als Regisseur nach Berlin. Nach der Kapitulation kam Kurth in seine Vaterstadt Hamburg zurück. Im Nordwestdeutschen Rundfunk baute er die Hörspielabteilung auf.
Kurth hat die Aufgabe, in Berlin jeden Monat ein Hörspiel zu inszenieren. Der Nordwestdeutsche Rundfunk kann auf diese Weise den großen Kreis Berliner Schauspieler auch ohne Interzonenpaß vor sein Mikrophon bekommen.
Der Nordwestdeutsche Rundfunk vereinigt heute auf einer Welle die drei Sendestationen Berlin, Hamburg, Köln. Aus Köln kommt über Kabel fast die Hälfte
aller Musiksendungen nach Hamburg. Berlin baut nun einen Sendebetrieb am Heidelberger Platz auf.
Hörspiele, aktuelle Sendungen, Kunstsendungen, auch politische Talks werden von Berlin auf Band oder über Kabel- nach Hamburg importiert: Eine der ersten Inszenierungen Kurths wird das Stück des Amerikaners Saroyan "Mein Herz ist im Hochland" sein.
Die Hörspielplanung des Nordwestdeutschen Rundfunks bleibt in Hamburg. Der Regisseur Ludwig Cremer hat ihre Leitung übernommen.
Auch Cremer kommt vom Theater. Essen und Bremen waren die ersten Bühnenstationen. Im Gefangenenlager in England inszenierte er mit Deutschen Robert Ardreys "Leuchtfeuer". Das machte ihn bekannt. Man holte ihn bald nach der Kapitulation nach Hamburg.
Cremer sagt: "Wir wollen ein anspruchsvolles Programm und lehnen im Hörspiel die leichte Unterhaltung ab. Wir wollen echte Hörspiele bringen. Die funkische Form ist Voraussetzung. Wir wollen einen eigenen Hörspielstil entwickeln."

DER SPIEGEL 4/1947
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