25.01.1947

Ein Mann kommt in der Nacht

Die Möglichkeit des Unmöglichen

Des Franzosen, des Parisers Jean Cocteau neues Stück: "L'Aigle à deux têtes" ("Der doppelköpfige Adler") wurde im Theater Hebertot in Paris aufgeführt. Man hatte lange darauf gewartet. Eigentlich sollte der neue Cocteau schon im Oktober des vorigen Jahres aufgeführt werden. Aber Jean Cocteau ist abergläubisch.

Es gab viele widrige Zwischenfälle während der Proben (u.a. brach der rückwärtige Teil des Zuschauerraumes zusammen, zum Glück ohne Verluste zu verursachen). Cocteau glaubte sich, und sein Stück vom Schicksal verfolgt und ließ die Uraufführung zurückstellen.

"L'Aigle à deux têtes" ist ein romantisches Stück. Es spielt in einem Schloß irgendwo in Tirol. Christian Bérard, der Bühnenbildner, hat den Schauplatz durch Dekorationen neugotischen Stils zu einer Art düsteren Tropfsteingrotte umgestaltet.

Auf diesem Schloß wurde einer jungen Königin in der Hochzeitsnacht der König getötet. Sie zieht sich in unantastbare innere Einsamkeit zurück.

Doch in einer Gewitternacht erscheint ein junger Bursche. Er sieht dem ermordeten König erstaunlich ähnlich. Er ist ein Anarchist, der gekommen ist, die Königin zu töten.

Der innere Kampf zwischen beiden beginnt, von Haß und Unnahbarkeit zu einer seltsam verworrenen Liebe hinüberwechselnd, von geheimnisvollen Intrigen untermalt. Am Schluß sterben sie beide, die schöne junge Königin und der schöne junge Revolutionär.

Edwige Feuillère, von Christian Bérard wunderbar angezogen, ist vielleicht manchmal etwas zu wirklichkeitsnahe. Aber sie beherrscht mit ihrem großen Können jede Situation. Die Kritik lobt ihre Art, eine Toilette zu tragen, ihre Kunst, die feinsten Nuancen auszudrücken und vieles andere.

Jean Marais hat wundervolle Szenen, wenn er sich wie ein von großen Gefühlen überraschter Knabe zeigen kann. Roger Dornes schreibt im "Spectateur", er glaube nicht, daß es in Europa viele Schauspieler gebe, die das Sterben darzustellen vermöchten wie Marais: "Als er zum letztenmal die Bühne betritt, vergiftet, glaubt man während des ganzen Restes des Stückes das Leben wie in Fetzen entfliehen zu sehen. Es ist der erstaunlichste Tod, den ich je auf der Bühne gesehen habe."

Eine unglückliche, nonnenhaft lebende Königin, ein junger schöner Revolutionär, Vorhänge, hinter denen man sich, Unheil planend, versteckt, wilde Liebe, Selbstmord, Mord - das sind schwierige Klippen der Banalität, und sie könnten gefährlich werden. Aber Cocteau vermag wiederum die Zuschauer in eine irreale Welt hinüberzuziehen.

Das Stück versetzt wieder in eine geistreich schillernde Welt des Absurden, in eine Welt der Illusion - wie schon der letzte Film Cocteaus "La Belle et la Bête" (der unter dem deutschen Titel "Es war einmal" auch schon in Deutschland gezeigt wurde).

Das Theaterstück "Der doppelköpfige Adler" und der Film "Es war einmal" sind Märchen für große Kinder. Jean Cocteau rettet die Möglichkeit des Unmöglichen.

Man rühmt - unter anderm! - Edwige Feuillères Kunst, eine Toilette zu tragen

Er weiß zu sterben - Jean Marais (Zeichnung von Georges Bastia im "Spectateur")


DER SPIEGEL 4/1947
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