Von Mascolo, Georg und Stark, Holger
Das Haar, an dem ein wichtiger Teil der deutsch-amerikanischen Beziehungen hängt, ist etwa 20 Zentimeter lang, tiefschwarz, und Khaled el-Masri, 41, trug es meist mit Pomade nach hinten gekämmt. Die Strähne aus Masris Schopf liegt derzeit in der bayerischen Staatssammlung für Geologie und wird mit Hilfe hochmoderner Geräte seziert. Isotopenanalyse nennt sich die Methodik, für die die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität international berühmt ist und mit der schon manch kniffliges Kriminalistenrätsel gelöst worden ist.
Das kräftige Haupthaar ist das wichtigste Beweisstück in einem der ungewöhnlichsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: der Entführung des deutschen Staatsbürgers Khaled el-Masri, der behauptet, vor einem Jahr von amerikanischen Agenten als vermeintlicher Qaida-Terrorist gekidnappt und von Mazedo-nien nach Afghanistan verschleppt worden zu sein.
Die bayerischen Wissenschaftler sollen im Auftrag der Staatsanwaltschaft München prüfen, ob der Vater von vier Söhnen im vergangenen Jahr wirklich in Afghanistan war. Die Forscher können im Haar anhand abgelagerter Spuren von Elementen wie Schwefel zumindest grob bestimmen, wann sich ein Mensch wo auf der Welt aufgehalten hat.
Vieles deutet nach ersten Ergebnissen darauf hin, dass Masris Geschichte tatsächlich wahr ist. Aus Angst vor weitreichenden diplomatischen Konsequenzen möchte die Bundesregierung den Fall diskret behandelt sehen - schließlich richten sich die Vorwürfe nicht gegen irgendeinen Schurkenstaat, sondern gegen die Regierung der mächtigsten Nation der Welt. Keinesfalls, darauf haben sich die Regierungsbeamten intern verständigt, dürfe das brisante Problem die transatlantischen Beziehungen belasten, die erstmals seit dem Irak-Krieg wieder auf spürbare Wiederannäherung ausgerichtet sind.
Nichts soll den Besuch von US-Präsident George W. Bush in Mainz in der kommenden Woche überschatten, nachdem zur Erleichterung der Regierung Schröder gerade erst eine Strafanzeige gegen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wegen des Folterskandals im Gefängnis Abu Ghureib vom Generalbundesanwalt zurückgewiesen worden ist.
Andererseits kann es kein Staat der Welt einfach so hinnehmen, wenn eine fremde Nation seine Staatsbürger verschleppt, als wären sie vogelfrei. Doch als Außenminister Joschka Fischer öffentlich gefragt wurde, ob er den Fall Khaled el-Masri bei seinem Gespräch mit Außenministerin Condoleezza Rice angesprochen habe, knurrte er nur ungehalten: "Nein."
Berlin möchte eine Erledigung in aller Stille und schickte vorvergangene Woche Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) vor. Dezent sondierte Schily, der als einziger deutscher Minister auch während des Irak-Kriegs der Bush-Regierung als treuer Freund galt, bei CIA-Chef Porter Goss in Washington wohl auch, wie verhindert werden kann, dass ein ähnlicher Fall erneut vorkommt. Berlin will eine Zusicherung, dass es sich um einen einmaligen Fehltritt handelt. Zuvor hatten auf Wunsch von Bundesjustizministerium, Auswärtigem Amt und Kanzleramt die Geheimdienste den Vorfall abgeklärt. Dabei hatten die Amerikaner das Kidnapping unter der Hand eingeräumt und vage angedeutet, wie ihnen die Sache aus dem Ruder gelaufen war.
Der Drahtzieher der tödlichen Anschläge vom 11. September 2001, der Hamburger Jemenit Ramzi Binalshibh, hatte der CIA bei seinen Vernehmungen von einer zufälligen Begegnung während einer Zugfahrt berichtet. Dabei habe ein Mann, der sich "Khalid al-Masri" nannte, die späteren Todespiloten um Mohammed Atta animiert, sich in Osama Bin Ladens afghanischen Trainingscamps ausbilden zu lassen. Auch habe er ihnen einen Kontakt zu einem führenden Qaida-Anhänger in Duisburg vermittelt.
Wer der große Unbekannte ist, dessen Name sogar in dem offiziellen Report der US-Kommission zur Untersuchung der Anschläge des 11. Septembers auftaucht, wurde nie geklärt. CIA und FBI suchen den mutmaßlichen Hintermann bisher vergebens.
Einmal glaubten sie fündig geworden zu sein: in Neu-Ulm, wo der gebürtige Libanese Masri wohnt, der seit 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und dessen Kinder in einem christlichen Kindergarten untergebracht sind. Er gilt den süddeutschen Behörden als gut integriert, aber auch als Sympathisant des Multikulturhauses, das vom Verfassungsschutz als Islamisten-Treffpunkt beobachtet wird. Dort soll Masri Kontakte zu dem Qaida-Verdächtigen Reda Seyam unterhalten haben. Terrorismus-Nachweise fanden sich indes nicht.
Das reicht in Deutschland nicht einmal für ein Ermittlungsverfahren. US-Präsident Bush aber hatte nach dem 11. September 2001 die amerikanischen Agenten ermächtigt, im weltweiten Kampf gegen den Terror auch jenseits aller Maßstäbe eines Rechtsstaats zu agieren.
Also sollte bei erster Gelegenheit auch der Verdächtige aus Neu-Ulm in einem der Geheimgefängnisse in Afghanistan verhört werden. Als Masri am 31. Dezember 2003 in München in einen Bus nach Mazedonien stieg und den serbisch-mazedonischen Grenzübergang passierte, holten ihn Grenzer aus dem Bus. Nach einem heftigen Streit mit seiner Frau habe er eine Auszeit nehmen wollen, erklärte Masri seine Reise - eine Woche Urlaub in Skopje.
Drei bewaffnete mazedonische Männer in Zivil brachten ihn in ein Hotel. Nach drei Wochen Verhör eröffnete ihm sein mazedonischer Vernehmer: "Die Sache ist nun nicht mehr in unserer Hand." Masri behauptet, dass ihm sieben bis acht schwarz vermummte Männer eine Windel und einen dunkelblauen Trainingsanzug angezogen und ihn dann in ein Flugzeug verfrachtet, mit Gurten fixiert und schließlich mit einer Spritze ruhig gestellt hätten.
Vermutlich in Kabul, das glaubt jedenfalls Masri, sei er von mehreren Vermummten mit amerikanischem Akzent geschlagen worden. In Handschellen und mit Fußketten gefesselt, habe ihm ein Mann libanesischer Herkunft eröffnet: "Du bist in einem Land, in dem keine Gesetze für dich gelten."
Nach endlosen Verhören, einem Hungerstreik und ständigen Unschuldsbeteuerungen sei er eines Tages abgeholt, nach Albanien geflogen und von dort mit dem Auto nach Mazedonien zurückgefahren worden. An Bord des Flugzeugs hätten ihm die Begleiter noch eine wichtige Personalie erzählt: Deutschland habe vor ein paar Tagen einen neuen Bundespräsidenten gewählt. Es war der 28. Mai 2004.
Vielleicht wäre der Fall nie zu einem Politikum geworden, hätten die deutschen Fahnder nicht so akribisch gearbeitet. Der Münchner Staatsanwalt Martin Hofmann, der offiziell gegen unbekannt ermittelt, ist inzwischen weitgehend überzeugt davon, dass Masri nicht lügt: "Es gibt keine Anzeichen dafür."
Der Strafverfolger hat die Eckdaten der Aussage Masris überprüft. Der Busfahrer beispielsweise bestätigte, dass Masri tatsächlich in jenem Wagen saß, der am Silvestertag 2003 von München losfuhr. Bis zur mazedonischen Grenze sei Masri dabei gewesen - fortan aber nicht mehr. Und Masris Pass enthält den mazedonischen Einreisestempel vom 31. Dezember 2003 und einen Ausreisestempel vom 23. Januar 2004, jenem Tag, als er offenbar nach Afghanistan geflogen wurde.
Über das Bundeskriminalamt verschickte der Staatsanwalt anschließend Anfragen an die Polizeibehörden der mutmaßlich beteiligten Länder: an das FBI natürlich, aber auch an die mazedonischen Behörden, die albanischen und die afghanischen. Die US-Bundespolizei erklärte, sie werde so weit wie möglich kooperieren - und vermied jede konkrete Antwort.
Die Ermittler sind allerdings auch so schon weitergekommen. Weil der Gefangene ausgesagt hatte, er habe in der Haft ein Beben gespürt, gingen sie die Erderuptionen des vergangenen Jahres am Hindukusch durch. Für Kabul und Kandahar vermerkten die Seismografen mehrere Erschütterungen. Dazu passt auch das Zwischenergebnis der Isotopenanalyse. Es liefert Anhaltspunkte, dass Masri tatsächlich in dieser Region gewesen ist - für die Ermittler "ein ganz wichtiges Puzzlestück".
Staatsanwalt Hofmann ist deshalb optimistisch, doch noch aufzuklären, was eigentlich nicht aufgeklärt werden soll: "Es schaut ganz gut aus." GEORG MASCOLO,
HOLGER STARK
DER SPIEGEL 7/2005
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