14.02.2005

ZEITGESCHICHTEDer Goldzug aus Budapest

Mai 1945: US-Offiziere entdeckten Waggons voller Kostbarkeiten aus jüdischem Besitz - und bedienten sich daraus. Ein Gericht in Miami rollt jetzt den Fall verspätet auf.
Die Fälle, mit denen es Patricia Seitz üblicherweise zu tun bekommt, sind selten spektakulär. Bislang ging es um sechs tote philippinische Seeleute, die bei einer Explosion an Bord eines norwegischen Frachters im Hafen von Miami gestorben waren, oder um lokale Größen der Unterwelt, die Justizbeamte bestochen hatten. Alltagsverbrechen eben für die Richterin am Bundesbezirksgericht in Florida.
Diesmal aber geht es um mehr, diesmal leitet Seitz, 59, einen Prozess, in dem es um große Mengen an Gold, Silber und Kunstschätzen geht, dazu um Habgier und ein Verbrechen von historischem Ausmaß - "um einen der größten Diebstähle der Weltgeschichte", wie Historiker, die nicht unbedingt zu Übertreibungen neigen, diesen Gerichtsstoff bezeichnen.
Im Mittelpunkt der Verhandlung vor dem Gericht in Miami steht ein legendenumwobener Eisenbahnzug aus 24 Wag-
gons, der wegen seiner wertvollen Fracht "der Goldzug" genannt wird. Er fuhr vor über 60 Jahren in Budapest los und blieb im Tauerntunnel bei Böckstein in Österreich stehen. Entdeckt haben ihn am 11. Mai 1945 - Nazi-Deutschland hatte drei Tage vorher bedingungslos kapituliert - amerikanische Besatzungssoldaten.
Was für ein Fund: Waggons, beladen mit Gold und Silber in allen nur erdenklichen Ausprägungen, Kisten mit Eheringen und Kerzenhaltern, Diamanten, Juwelen, mit handgeknüpften Orientteppichen, Meißener Porzellan und Kristallglas, dazu mehr als 1200 Gemälde. Hab und Gut wohlhabender Leute, Aristokraten und Bürger.
In wessen Besitz diese erstaunlichen Reichtümer einmal gewesen waren, ließ sich unschwer herausfinden: Die Nazis und ihre Helfershelfer in Budapest hatten sie bei reichen ungarischen Juden konfisziert. Das ging aus Inventarlisten hervor.
Die amerikanischen Soldaten bugsierten den Goldzug zu einem ihrer militärischen Lagerhäuser im 60 Kilometer ent-
fernten Salzburg. Dort erregte die Sammlung erlesener Gegenstände erst das Interesse und dann die Begierde höherer Offiziere. Die verfielen auf die Idee, sie könnten damit ja die Villen, Landsitze und Schlösser ausstatten, in denen sie jetzt residierten.
Weit davon entfernt, den Goldzug zu sichern, damit Überlebende der beraubten Familien womöglich irgendwann das Gut, das ihnen zusteht, zurückbekommen können, wie es amerikanischem und internationalem Recht entsprochen hätte, traf Mark Clark, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Österreich, eine historisch bemerkenswerte Entscheidung: Die ursprünglichen Besitzer seien "nicht zu identifizieren". Der Schatz wurde zusätzlich als "Feindbesitz" deklariert und auf diese Weise für den Armeebedarf requiriert.
Den Goldzug, den die Nazis mit Raubgut hatten beladen lassen, plünderte jetzt ausgerechnet jene Besatzungsmacht, die ebendiese Nazis besiegt und Europa befreit hatte. Und die ungarischen Juden wurden auf diese Weise gleichsam zum zweiten Mal beraubt.
General Morrille Ross zum Beispiel hatte genaue Vorstellungen davon, was ihm in seiner österreichischen Residenz noch fehlte: 20 Teppiche, mehr als 200 Stücke aus feinstem Glas und Porzellan, dazu annähernd 250 Silbergegenstände. Generalmajor Harry Collins, der Kommandeur der 42. Infanteriedivision ("Regenbogen"), gab
eine detailreiche Bestellung für seine Dienstvilla auf: Neben Tafelporzellan und Silberbesteck orderte er Trinkgläser für 90 Personen, 30 Tischtücher und 60 Sätze Badehandtücher sowie 13 Teppiche, alles "von allerbester Qualität und Handwerkskunst, die es im Land Salzburg gibt". Die Bestände wurden prompt geliefert, der Goldzug gab sie her.
Die Budapester Juden gehörten zu den wohlhabendsten und wirtschaftlich einflussreichsten Gemeinden in Europa. Die Nazis brachten sie im März 1944, nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen, um ihr Vermögen. Auf ihre Anordnung erließ das Marionettenregime in Budapest eine Flut antijüdischer Dekrete. Alle Juden sahen sich gezwungen, Gold und Silber und Juwelen und andere Besitztümer abzuliefern. Dafür bekamen sie sogar Quittungen - wie zum Hohn hielt die Bürokratie auf Ordnung in Zeiten der Barbarei.
Der Enteignung folgte die Deportation. Dabei setzten die Nazis in Ungarn die "Endlösung" besonders zügig und besonders konsequent durch. Ein deutsches Sonderkommando unter SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann trieb die ungarischen Behörden zur Eile. Von Mitte Mai bis zum 9. Juli ließen sie mehr als 430 000 Juden deportieren und zumeist ermorden, vor allem in Auschwitz-Birkenau.
Dann aber näherte sich die Rote Armee der ungarischen Hauptstadt, und die Nazis überlegten sich, wie sie ihren Raub in Sicherheit bringen konnten. So beginnt die abenteuerliche Fahrt des Goldzuges im Dezember 1944: Zunächst zuckelten die reichbeladenen Waggons nach Sopron in Westungarn. Dann, Ende März 1945, das Kriegsende nahte, ging es über die Reichsgrenze nach Österreich.
Und immer wieder bedienten sich während der Irrfahrt mal ungarische Soldaten, mal SS-Marodeure, mal österreichische Zivilisten an der Fracht. "Es war eine kollektive Fledderei", sagt der Budapester Historiker Krisztián Ungváry. "Keiner war unschuldig, auf verschiedene Weise haben sich alle beteiligt."
Der ungarische Zugkommandeur Árpád Toldi zum Beispiel schaffte einige der wertvollsten Stücke zur Seite, lud sie auf Lastwagen, um sich in die Schweiz abzusetzen. Doch der Versuch schlug fehl, französische Soldaten nahmen ihn fest. Sie beschlagnahmten große Teile der wertvollen Fracht. Die Pariser Regierung gab sie nach Kriegsende an die neue ungarische Regierung zurück.
Dass amerikanische Generäle und Besatzungsoffiziere ihre Villen mit gefundenem Gut ausstaffierten, war sogar zulässig. Theoretisch handelte es sich um Leihgaben an die Armee, die später hätten zurückgegeben werden müssen. Oberbefehlshaber Clark erhob allerdings mit seinem Entscheid Selbstbedienung zum geduldeten Prinzip. Kein Offizier musste seinen schönen Besitz zurückerstatten.
Trotz der Beschlagnahme blieben noch Teile der Ursprungsbeute übrig. Sie wurden endlich gesichert und nach Übersee verfrachtet. 1948, drei Jahre nach Kriegsende, wurden die Kostbarkeiten kistenweise im renommierten New Yorker Auktionshaus Parke-Bernet versteigert. Der Erlös ging an die Uno. Er kam jüdischen Flüchtlingen zugute, die Auschwitz und andere Konzentrationslager überlebt hatten.
Nur die tatsächlichen Eigentümer gingen leer aus: Tausende ungarischer Juden oder ihre Nachkommen warten noch immer auf Entschädigung für das Geraubte.
Zu ihnen gehört Lajos Erdélyi, der auf späte Wiedergutmachung hofft. Er ist 75 und lebt in einem kleinen Haus im 12. Budapester Bezirk. An den Wänden hängen Bilder, Grafiken, Ölgemälde. Das sind die Restbestände eines einst ausgedehnten Besitzes. "Musik und Kunst spielten immer eine große Rolle in unserer Familie", sagt Erdélyi. "Wir hatten damals 42 Ölbilder, mein Vater war Sammler. Davon sind uns 3 geblieben. Einige habe ich dazugekauft." Die anderen 39 Gemälde seien vermutlich, meint er bedächtig, auf dem Goldzug gelandet.
Erdélyis Vater war Anwalt und Besitzer der Drogerie "Ideal". Vater, Mutter, die zwölfjährige Schwester und er selbst wurden im Mai 1944 ins Ghetto von Marosvásárhely (dem heute rumänischen Tirgu Mures) deportiert. Nach wenigen Tagen ging der Transport weiter, nach Auschwitz, es war Lajos Erdélyis 15. Geburtstag. Die
Nazis ermordeten insgesamt 62 Angehörige seiner Familie.
Der Zentralausschuss der ungarischen Juden drängte gleich nach dem Krieg auf die Rückgabe jüdischer Besitztümer. Das amerikanische Außenministerium weigerte sich jedoch, die Ansprüche anzuerkennen. Es stellte sich auf den Standpunkt, den General Clark als Erster formuliert hatte: Die Eigentümer seien nicht zu identifizieren.
Es herrschte Kalter Krieg, Ungarn stand auf der fal- schen Seite. Präsident Harry Truman entschied 1948, dass amerikanische Stellen beispielsweise keine von den Nazis geraubten Kunstwerke mehr zurückgeben sollten, da kommunistische Regierungen sie ja konfiszieren könnten, anstatt sie den Besitzern zu übergeben.
Im Lauf der Zeit variierte das Außenministerium in Washington die ablehnenden Argumente. Im Jahr 1966 beschied es neuerliche Anspruchsforderungen, da habe es sich um amerikanische "Kriegsbeute" gehandelt. Im Übrigen nannte das State Department die Schätzungen der ungarischen Regierung, im Goldzug seien Besitztümer im Wert von 206 Millionen Dollar unterwegs gewesen - das wären heute zwei Milliarden Dollar -, "weit übertrieben". Mal hieß es auch, die Ansprüche seien mittlerweile verjährt.
Es dauerte bis ins Jahr 1998, dann wurde der Fall endlich aufgerollt. Präsident Bill Clinton setzte eine Kommission ein, die sich damit beschäftigte, wie amerikanische Institutionen nach dem Zweiten Weltkrieg mit jüdischem Besitz umgegangen sind. Dabei kam auch der Goldzug zur Sprache. Die Kommission schrieb in ihrem Abschlussbericht, die Plünderungen seien ein "ungeheures Versagen der Vereinigten Staaten" bei der Restitution jüdischen Vermögens.
Die handelnden Personen im militärischen Warenlager in Salzburg waren damals schon tot. General Clark war 1986 gestorben. Keiner der habsüchtigen Offiziere wurde je belangt. Wer was an sich genommen hatte, ließ sich nicht mehr rekonstruieren.
Auf der Grundlage des Kommissions-berichts reichten 33 aus Ungarn stammende Überlebende des Holocaust Klage auf Entschädigung vor dem Bezirksgericht in
Miami ein. Dieses Gericht kam in Frage, weil einige Kläger wie David Mermelstein heute in Florida leben. Mit der Rechtsfindung ist jetzt Richterin Seitz betraut.
Die amerikanische Regierung hat sich lange auf Clarks windige Rechtsstandpunkte berufen. Jetzt aber will sie offenbar einen Vorschlag unterbreiten, der das Verfahren beenden könnte: Vermutlich wird sie eine Entschädigung von 25 Millionen Dollar anbieten, heißt es im Kreis der Beteiligten. Diese Summe soll in einen Fonds für notleidende ungarische Juden fließen. An Entschädigung für materielle Verluste denkt die Regierung Bush offenbar nicht. Die Kläger hatten ursprünglich je 10 000 Dollar für jeden der rund 50 000 ungarischen Holocaust-Überlebenden gefordert.
Vermutlich muss die Regierung in Washington ihren Kompromiss noch erheblich anreichern, um zum Ziel zu kommen. Auf welche Summe sich die Parteien am Ende auch immer einigen mögen - es kann sich nach 60 Jahren lediglich um eine symbolische Geste der Wiedergutmachung handeln.
Die Richterin in Miami hat den Klägern und den Regierungsvertretern eine Frist bis zum Freitag dieser Woche eingeräumt. Dann müssen beide Parteien einen Vergleich gefunden haben. Können sie sich aber nicht dazu durchringen, bleibt Patricia Seitz das Urteil in ihrem ungewöhnlichsten Prozess überlassen.
AXEL FROHN, MARION KRASKE
* In Budapest. * Mit Ehefrau Anna in ihrer Budapester Wohnung.
Von Axel Frohn und Marion Kraske

DER SPIEGEL 7/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Der Goldzug aus Budapest

  • Brutaler Bandenkrieg in El Salvador: MS13 gegen Barrio18
  • Amateurvideo aus der Sahara: Die Mini-Sandlawine, die nach oben wandert
  • Seit 38 Jahren vermisst: Größte Biene der Welt wieder gesichtet
  • Zahnreinigung unter Wasser: Putzergarnele behandelt Taucher