Von Matussek, Matthias
Womöglich hatte sich Prinz Charles ja gedacht, er könne seine Hochzeitspläne einfach so an der Öffentlichkeit vorbeinuscheln, im Windschatten dieser Hühnergeschichte, die die Gemüter im Commonwealth erregte wie nichts sonst an jenem Morgen.
Die BBC brachte die Story am vergangenen Donnerstag in den Neun-Uhr-Nachrichten: Irgendeiner hatte tiefgefrorene Hühnchen auf Häuser im australischen Newcastle abgefeuert und erheblich beschädigt. Vom Flugzeug aus, meinten die einen, mit einem Riesenkatapult, meinten die anderen. Oder aus dem All? Auf jeden Fall fehlte von den Tätern noch immer jede Spur, aber die Hühnchen, so ein Polizeisprecher, sähen ziemlich "zermanscht" aus.
Die Branche titelte sich - "It''s raining hen" - zu beträchtlicher Form hoch. Bis um 9.10 Uhr. Dann war nichts mehr, wie es war.
Vergessen die Hühnchen, vergessen übrigens auch Nordkoreas Drohung mit der Atombombe. BBC und die Insel produzieren jenen royalistischen Fieberanfall, der sich immer dann einstellt, wenn "Windsor" und "Hochzeit" in einem Satz vorkommen.
Breaking news: Der Prince of Wales kriegt seine Camilla! Ob das gut geht? Die kennen sich doch gerade erst 35 Jahre, und jetzt soll alles hopp, hopp gehen und schon am 8. April die Ringe getauscht?!
Es gibt nur eine einzige Medienstrategie bei solchen Events, und zwar die, dass jeder seinen Senf abgibt. Jeder wird gerade bedrängt um seinen Senf.
Wie immer am schönsten dieser willkürlich herausgegriffene Rentner in der Fußgängerzone, der so ganz spontan sagen soll, ob er das gut findet, die Tüte aus dem Baumarkt in der Hand, im Regen, mit Käppi, und der dann mit sich ringt vor der Kamera und schließlich sagt: "Meinetwegen, sollen sie glücklich werden." Puh, Charles, noch mal Glück gehabt.
Immer wieder hübsch auch die Marktfrau, die nachsichtig schmunzelt: "War doch letztlich unvermeidlich, das hat sich doch angebahnt." Die verfolgt die Sache nämlich schon eine ganze Weile.
Alle im Lande sind sich zunächst mit den Experten im Studio einig: Diesmal geht es gut. Beide interessieren sich für Oper, beide lieben den langen Blick übers schottische Moor, beide mögen Füchse lieber tot als lebendig. Das ist solide, das hat Griff, das ist nicht so ''n schnell verlodernder Flitterkram wie beim letzten Mal.
Sicher, ein Ersatz für Diana wird sie nicht werden im Volke, und als Königin wird man sie nie anreden, und die Souvenir-Branche hat zunächst mal Mühe zu taxieren, wie hoch der Bedarf an Goldrand-Tellern mit Camilla-Aufdruck ist. Madame Tussaud setzt erst mal weiter auf Lady Di.
Das Lächeln der TV-Experten fürs Gefühl wirkt durchaus unentschieden an diesem Tag. Man stochert nach der geeigneten Erzählspur. Immerhin handelt es sich bei den beiden Turteltauben um Leute kurz vor der Pensionsgrenze. Die brauchen die Brille beim Lesen, und auch das Gedächtnis spielt seine Streiche, da hält sich das Schwärmen in Grenzen.
Die glühenden Berichte vom ersten Kuss, vom ersten Händchenhalten, die ja durchaus gutmütig versucht werden von den Experten, kommen nicht sehr überzeugend rüber, eben weil das alles so weit zurückliegt wie die normannische Invasion.
Allmählich aber schält sich heraus: Das ist die Story! Liebe als Ausdauertest, als Härteprüfung, Camilla und Peppone im Rumpelmarathon!
Vergiss die Märchenhochzeit, die war beim letzten Mal, und sie war eine Lüge.
Jetzt muss es die Wahrheit tun, und die hat nun mal Runzeln. Die beiden sind die Liebesgeschichte der Methusalem-Gesellschaft, und die ist nicht ohne Größe - kann es eine schönere Apotheose der ewigen Geliebten geben? Warten lohnt sich wieder!
Zunächst mal hat Charles auf sympathisch disfunktionale Weise alles falsch gemacht. Seine spektakuläre erste Ehe war so kurzlebig wie eine Affäre, und seine Affäre so langlebig wie eine Ehe. Aber sind Zerstreutheiten dieser Art nicht logisch, wenn man vom Daddy vor versammelter Mannschaft ständig wegen der Pubertätspickel verhöhnt wurde und von den übrigen, weil man Cello spielte und Da-Vinci-Zeichnungen und Shakespeare mochte?
Er lernte Polo, lernte, über Hundezucht zu reden, ohne die Oberlippe zu bewegen. Doch daneben ist er ein beachtenswert unabhängiger Kopf, der sozial aktivste Royal. Er spricht mit Pennern unter Londoner Brücken, mit schwarzen Ghettokids, mit Arbeitslosen in den Suburbs, und er gibt ihnen Stimme und echte Hilfe. Das war schon in Thatchers England so, und so ist es immer noch.
Lady Di eine Provokation fürs Königshaus? Aber die wollte doch nur Sisi sein! Dieser verquere, traurige Prinz dagegen mit seinem grünen Architekturfimmel, den selbstkreierten Ökoshampoos und den Zwiegesprächen mit dem Gemüse in seinem Garten, das ist der Aufstand in Person.
Man hat seinen Frieden mit ihm gemacht. Diesmal hat er sich durchgesetzt, gegen Mama und die Regierung und die Meinungsumfragen. Und wer Camilla Parker Bowles kennt, der berichtet von einer warmherzigen, witzigen, geistig ebenso unabhängigen Person.
Sollen sie es hinter sich bringen, sagt die Bevölkerung. Mehr Enthusiasmus ist nicht drin. Sollen sie, sagt auch Prinz Harry, der überhaupt nicht nachtragend ist. Kürzlich noch war er wegen dieses Hakenkreuzscherzchens von Daddy kräftig auf den, sorry, Thron gesetzt worden. Jetzt gibt er ihm seinen Segen.
Gemeinsam mit Prinz William lässt er verlauten, er sei "entzückt". Der Prinzen-Spezialist
unter den Buckingham-Spezialisten im BBC-Studio, die diese doch eigentlich abgestandene Suppe endlos zu verlängern suchen, interpretiert: "Wenn ihr Vater glücklich ist, sind sie auch glücklich." Ach soooo! Die anderen in der Runde nicken ernst.
Natürlich hat die Kirche von England auch diesmal ihre biegsame Rolle gespielt. Seit Heinrich VIII. (1491 bis 1547) muss sie tun, was der Monarch will. Der trennte sich bekanntermaßen von der katholischen Kirche, weil die ihm die Wiederheirat verbot, und er machte seinen eigenen Laden auf, der seither Schwierigkeiten hat, ernst genommen zu werden im atheistischsten aller europäischen Länder.
Es ist aber auch ein Gewese mit diesen königlichen Ehen auf der Insel. Georg IV. (1762 bis 1830) heiratete heimlich eine Katholische, was streng verboten war. Zur Strafe musste er danach Caroline von Braunschweig ehelichen, die, Gemälden zufolge, als historischer Gegenentwurf zu einer Königin der Herzen gelten kann.
Während Georgs Krönung rüttelte sie an der Kirchenpforte und rief: "Ich will hier rein" - man hatte ihr, perfides Albion, mit konstitutionellen Winkelzügen den Titel einer Königin vorenthalten.
Bei Eduard VIII. kam es erst gar nicht dazu. Er dankte ab, weil er die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson liebte. Diese Secret-Service-Gerüchten zufolge einst Edelkurtisane in einem Hongkonger Bordell hätte durchaus das Zeug zur Volkskönigin gehabt. Die öffentliche Meinung mochte die beiden. Doch damals legte sich das konservative politische Establishment um Churchill quer.
Jetzt dagegen scheint alles hingebogen. Die Staatskirche hatte mit einer flinken Statutenänderung vor zwei Jahren die Wiederheirat von Geschiedenen erlaubt und damit die größten Hindernisse beseitigt. Und selbst wenn Charles regierte, würde Camilla nicht den Königinnen-Titel tragen, das ist alles längst ganz oben ausgekaspert worden.
Und Tony Blair? Das letzte Mal, dass er sich zur Königsfrage äußerte, war nach Lady Dis Tod. Da hatte ihm sein Boulevard-Terrier und Spin-Doctor Alastair Campbell die antiroyalistisch-vulgärdumme Parole von der "Königin der Herzen" zugespielt, die der junge Premier hin und her geknetet hatte, mit zitternder Stimme, Ewigkeiten lang.
Jetzt tat es ein wohlwollend-verschmitzter Zweizeiler. "Und auch vom Kabinett die besten Wünsche". Und die Tories protestierten schon mal prophylaktisch gegen die Terminplanung, hinter der sie Wahlkampfstrategie der Regierung vermuten.
Allerdings, so enorm wird der Feelgood-Faktor dieser Hochzeit für die im Mai erwartete Wahl nicht sein. Die beiden sind nicht das Material, aus dem hysterische Massenspektakel gemacht sind.
Diesmal werden die Durchschnittsehemänner der Welt nicht gedemütigt durch kostspieligen Prinzessinnen-Schmarren und teure Prozessionen und Glockengeläut in St. Paul''s Cathedral. Die beiden Senioren heiraten auf Windsor, in der Totenkapelle von Queen Mum erhalten sie den kirchlichen Segen. Im kleinsten Kreis, ein paar Gebete, vielleicht ein Choral, siehst du wohl, geht doch auch!
Dazu passt, dass bereits am Tage nach der angekündigten Vermählung den Postillen auf der Insel die Luft ausging. Sie produzierten endlose Specials, auf der einen Seite. Auf der anderen aber hatten sie bereits die Geduld mit ihren eigenen Schlagzeilen verloren. "Zwei langweilige Alte heiraten, na und?", titelte der "Daily Star" unter seiner obligatorischen Halbnackten.
Der republikanische "Independent" schaffte eine völlig hochzeitsfreie Titelseite. Unter der Überschrift "Was Sie alles verpasst haben könnten" präsentierte er der Insel die wirklich wichtigen Nachrichten der letzten 24 Stunden.
Also, wie war das jetzt mit den Hühnchen ...
DER SPIEGEL 7/2005
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