14.02.2005

TIEREFrackträger vom anderen Ufer

Sind sie schwul? Oder irregeleitet? Im Zoo von Bremerhaven leben Pinguinmännchen als Pärchen und bebrüten sogar Steine. Nun sollen schwedische Weibchen sie verführen.
So richtig gut scheinen die Schwedinnen bei der Bremerhavener Männerwelt noch nicht anzukommen. Extra aus dem schwedischen Kolmarden sind die Pinguin-Damen per Lkw herangekarrt worden. Doch Charley, Links-Pfeil, Sechs-Punkt, Schrägstrich und die anderen nach dem Muster ihres Brustgefieders benannten Kerle haben trotzdem nur Augen für einander.
"Die Männchen würdigen die Weibchen bislang keines Blickes", sagt Janna Fautz, Biologin des Bremerhavener "Zoos am Meer". Schon seit knapp drei Wochen protokolliert die Forscherin minutiös, "wer mit wem wann was macht" im Humboldtpinguin-Gehege des Zoos direkt an der Weser. Das bisherige Ergebnis der Studie ist ernüchternd: "Die Männer hätten ja jetzt die Möglichkeit, tun es aber trotzdem nicht", sagt Fautz mit Blick auf den Schwedinnen-Import. Stattdessen kuscheln sie einstweilen lieber weiter untereinander.
Bremerhaven hat eine neue Attraktion: Während bislang Fischbrötchen und Deichbummel als touristische Höhepunkte der Hafenstadt an der Wesermündung gelten durften, sind seit kurzem Pinguine mit schwulem Gebaren fester Bestandteil des Lokalkolorits. Gleich drei der fünf Pinguin-Pärchen des örtlichen Zoos sind reine
Herrenrunden. Zoodirektorin Heike Kück höchstselbst outete ihre Humboldtpinguine, um auf das Nachzuchtproblem der bedrohten Tierart aufmerksam zu machen. "Wir wissen schon länger, dass sich einige unserer Pinguin-Männer zu Paaren zusammenfinden", sagt Kück. Der Import von vier Pinguin-Weibchen aus dem schwedischen Zoo in Kolmarden sei der erneute Versuch, das Brutgeschäft der Alteingesessenen doch noch anzukurbeln. Kücks zentrale Frage: "Sind unsere Pinguine wirklich schwul, oder liegt es nur an mangelnder Gelegenheit?"
Die herzerwärmende Geschichte um die Frackträger vom anderen Ufer begann bereits vor vier Jahren. DNA-Analysen enthüllen damals, was Humboldtpinguinen äußerlich nicht anzusehen ist: Im Bremerhavener Pinguin-Pool herrschte krasser Damenmangel. Zwar balzten die Tiere jährlich neu, dass es für Besucher und Pfleger eine Freude war, erinnert sich Kück. Zwölf der Humboldtpinguine jedoch entpuppten sich als Männchen, nur einer war weiblich.
Inzwischen hat sich die Quote durch fleißiges Brüten eines heterosexuellen Paares und den Tod zweier Tiere auf zehn zu vier verbessert. Immer wieder jedoch verhageln die Männerpaare der Direktorin den ersehnten Nachwuchs: "Zwei Paare haben in den vergangenen Jahren sogar Steine als Eierersatz bebrütet", sagt Kück. Die Biologin weiß: Sind die Vögel wirklich schwul, werden sie sich auch von Schwedinnen nicht verführen lassen.
Denn tatsächlich sind homosexuelle Neigungen im Tierreich oftmals ähnlich stabil wie beim Menschen - und zudem gar nicht selten. Der amerikanische Forscher Bruce Bagemihl widerlegte schon 1999 mit einem Standardwerk zum Thema all jene, die Homosexualität
immer noch für unnatürlich halten. Mehr als 450 Tierarten dokumentierte Bagemihl, bei denen es die Individuen auch mal bunt gewürfelt treiben: Von lesbischen Warzenschweinen ist da die Rede, von schwulen Emus und von Amazonas-Delfinen, die ihren Penis ins Blasloch der Kumpanen stecken.
Und auch bei Pinguinen gehört die gleichgeschlechtliche Liebe zum Verhaltensrepertoire. Bagemihl etwa weiß von lesbischen Eselspinguinen zu berichten, die sich zunächst mit Steinchen oder Grasbüscheln für den Nestbau beschenkten, nur um schließlich gemeinsam - vergebene Liebesmüh - ein unbefruchtetes Ei zu bebrüten. Im Zoo von Edinburgh waren es die Königspinguine Eric und Dora, die ihre Pfleger lange mit leidenschaftlicher Hingabe erfreuten. Am Ende legte indes nicht Dora, sondern Eric ein (unbefruchtet gebliebenes) Ei. Erica wurde sie fortan gerufen. Das Lesbenglück blieb ungebrochen.
Die schwulen Kehlstreifpinguine Roy und Silo wiederum sind im Central Park Zoo in Manhattan Legende. Von "ekstatischem" Balzverhalten und homosexuellem Pinguin-Sex bereits im siebten Jahr in Folge ist die Rede. Selbst ein befruchtetes Ei haben die Pfleger den beiden schon untergejubelt. Silo und Roy bebrüteten es für 34 Tage. Dann kam Tango zur Welt. Die beiden seien vorbildliche Eltern gewesen, berichtet Tierpfleger Rob Gramzay.
Doch so schön der New Yorker Fall auch ist: Ebenso deutlich dokumentiert er das Problem der Forschung am homosexuellen Pinguin. Denn in den meisten Fällen wird die Bruthöhle nur bei Zootieren zum Darkroom. Zwar sind einige Pinguine auch schon in freier Wildbahn beim gleichgeschlechtlichen Sex erwischt worden. Forscher um den neuseeländischen Zoologen Lloyd Davis etwa pirschten sich auf Ross Island in der Antarktis so nah an ein Paar männlicher Adeliepinguine heran, dass sie sogar den Samenerguss des einen Männchens in den Hintern des anderen protokollieren konnten. Pinguin-Experten wie der Zoologe Rory Wilson von der University of Wales Swansea halten derlei Vergnügungen jedoch für die Ausnahme.
"Es gibt in Pinguin-Kolonien in der Wildnis so gut wie gar keine Nester ohne Eier oder nur mit unbefruchteten Eiern, die auf homosexuelles Verhalten hinweisen würden", sagt Wilson. Zwar gehöre eine Menge "hanky panky" zum typischen Verhalten der Tiere, etwa wenn es gleich mehrere Männchen mit einem Weibchen trieben. Schwule oder lesbische Pinguine jedoch hat Wilson trotz jahrelanger Forschung in freier Wildbahn noch nicht beobachtet.
Und selbst bei Zootieren meldet der Forscher Bedenken an. "Ich glaube, die sind gar nicht schwul oder lesbisch, sondern spulen einfach ihr Verhaltensrepertoire ab", sagt Wilson. Allein mangels geeigneter Partner richte sich das Balzverhalten im Zoo auf Vertreter des eigenen Geschlechts.
"Es kann durchaus sein, dass beide Partner denken, sie wären das Männchen und der andere das Weibchen", sagt der Forscher mit Blick auf die Bremerhavener Männerbünde. Auch dass die Tiere gemeinsam Nester bauten, beweise gar nichts: "Bei Humboldtpinguinen sind die Männchen immer an Nestbau und Brutpflege beteiligt."
Sind die liebestollen Bremerhavener Pinguine also doch nicht schwul, sondern
nur irregeleitet als Folge von Weibermangel? Zoodirektorin Heike Kück ist sich noch unsicher. Ob beim Balzen, beim "Stöckchen schleppen" für den Nestbau oder beim Verteidigen ihrer Bruthöhle: Immer deute das Verhalten der Tiere auf echte Männerliebe hin.
"Die putzen sich sogar gegenseitig das Gefieder", sagt Kück. Und auch beim Pinguin-Sex, bei dem normalerweise das Männchen das Weibchen besteige, herrsche homoerotisches Durcheinander: "Mal ist der eine Pinguin oben, mal der andere."
Andererseits will Kück auch die Hoffnung auf - bevorzugt weiblichen - Pinguin-Nachwuchs nicht aufgeben. Die Nachzucht der auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten geführten Humboldtpinguine, die an den Küsten Chiles und Perus zu Hause sind, ist ihr eine Herzensangelegenheit. Noch hofft sie daher auf die Wirkung der schwedischen Frauentruppe.
Für die diesjährige Brutsaison seien die vier Weibchen aus Skandinavien zwar wohl zu spät in Bremerhaven eingetroffen, fürchtet Kück. Die Paarbildung im örtlichen Herrenclub sei bei ihrer Ankunft bereits abgeschlossen gewesen. Für die kommende Brutsaison jedoch sieht sie durchaus Chancen, einige der Männer umzudrehen.
"Einer der vermeintlich schwulen Pinguine hat sich bereits in dieser Saison entschieden, wieder mit einem Weibchen zu brüten", berichtet Kück. Zick-Zack heißt der neue Liebhaber von Pinguin-Weibchen Tapsi. Früher war er innig mit dem Männchen Links-Pfeil verbandelt.
Links-Pfeil wiederum hält noch nichts von der holden Weiblichkeit und macht jetzt Charley glücklich. Aneinander gekuschelt sitzen die beiden Vögel in einer der künstlich angelegten Bruthöhlen des Bremerhavener Pinguin-Geheges und lassen sich die frische Seeluft um den Schnabel wehen.
"Es kommt halt, wie es kommt", sagt Kück, und blickt etwas wehmütig über ihre Pinguin-Schar. "In der Natur ist doch sowieso alles Kraut und Rüben." Leicht erschöpft wirkt die Zoodirektorin ob des Rummels, der sie nach dem Pinguin-Outing überrollte. Selbst Schwulenverbände haben bereits bei ihr protestiert.
Warum denn die Pinguine nicht in aller Ruhe ihre Homosexualität ausleben dürften, fragten die Herren besorgt. Da kann Kück beruhigen: "Wenn die Pinguine wirklich schwul sind, dürfen sie natürlich auch schwul bleiben." PHILIP BETHGE
* Im Bremerhavener "Zoo am Meer". * Oben: zwei der möglicherweise schwulen Humboldtpinguine im "Zoo am Meer" in Bremerhaven; unten: vor den künstlich angelegten Bruthöhlen im Pinguin-Gehege.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 7/2005
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