21.02.2005

ZEITGESCHICHTEDie ungleichen Väter

Willi Mohr über seinen Vater, den Gestapo-Beamten Robert Mohr, der die Widerstandskämpferin Sophie Scholl verhörte
SPIEGEL: Herr Mohr, glauben Sie wirklich, dass Ihr Vater, der Gestapo-Beamte Robert Mohr, Sophie Scholl eine "goldene Brücke" ins Leben gebaut hat?
Mohr: Ja, weil er Frauen und Mädchen von vornherein für unpolitisch hielt und zunächst wohl wirklich glaubte, dass Sophie nur Mitläuferin ihres Bruders war. Dass er sie dann zu einem Lippenbekenntnis überreden wollte, halte ich auch für plausibel. Ich bin sicher, dass mein Vater sie retten wollte.
SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
Mohr: Mein Vater hat Notizen hinterlassen. Darin zeigt er sich ungemein beeindruckt von ihrer Charakterstärke, aber auch sehr enttäuscht darüber, dass sie sein Angebot ausgeschlagen hatte.
SPIEGEL: Für wen waren diese Aufzeichnungen gedacht?
Mohr: Für Robert Scholl, den Vater von Hans und Sophie.
SPIEGEL: Die beiden hatten Kontakt?
Mohr: Ja. Nach dem Krieg bemühten sich die Scholls, die letzten Tage ihrer Tochter zu rekonstruieren. 1950 gab es einen Briefwechsel zwischen Robert Scholl und meinem Vater, in dem Scholl ihn bat, seine Begegnung mit Sophie niederzuschreiben, was mein Vater dann auch tat. Scholl war dafür sehr dankbar: Ein Brief besagt, dass er sogar zehn Mark als Vergütung beilegte. Außerdem bot er meinem Vater, der sich nach dem Krieg als Aushilfsarbeiter durchschlug, von sich aus eine Stelle bei einem befreundeten Notar in Ulm an.
SPIEGEL: Sind sie sich auch persönlich begegnet?
Mohr: Mein Vater hat Robert Scholl kurz nach der Hinrichtung seiner Kinder verhört. Aus Scholls Briefen geht hervor, dass mein Vater dessen politische Meinung, die der seiner Kinder entsprach, nicht zu Protokoll genommen hat. Das hat Robert Scholl vermutlich vor dem KZ bewahrt.
SPIEGEL: Sie selbst waren zum Zeitpunkt dieser Verhöre 19 Jahre alt und Soldat an der Ostfront. Kannten Sie Sophie Scholl?
Mohr: Nein. Von Sophie Scholl und der "Weißen Rose" habe ich erst nach dem Krieg in der Zeitung gelesen. Dabei wurde auch immer wieder der Name meines Vaters genannt. Erst dadurch habe ich gemerkt, dass er etwas damit zu tun hatte.
SPIEGEL: Ihr Vater hatte Ihnen nicht von dem Verhör erzählt?
Mohr: Nein. Von beruflichen Dingen hat er nie gern gesprochen. Noch lange nach dem Krieg hat er so getan, als müsste er Dienstgeheimnisse bewahren. Ich weiß aber, dass die Ermittlungen zur Weißen Rose, mit denen mein Vater im Sommer 1942 betraut wurde, ihm körperlich sehr zugesetzt haben: Ende 1942 hatte er einen lebensgefährlichen Magendurchbruch.
SPIEGEL: Ihr Vater starb 1977. Was geschah mit ihm nach dem Krieg?
Mohr: 1947 inhaftierten ihn die Franzosen in Landau, weil er 1944/45 im Elsass Dienst getan hatte. Nach einem Jahr wurde er straflos entlassen. Für seine Ermittlungen zur Weißen Rose haben sich die Franzosen nicht interessiert. Ab 1948 arbeitete mein Vater bei der Kurverwaltung in Bad Dürkheim. Zur Polizei ging er nicht zurück.
SPIEGEL: Der Film vermittelt den Eindruck, Ihr Vater habe am Nationalsozialismus gezweifelt. Historiker wenden ein, Mohrs freundliches Auftreten gegenüber den Mitgliedern der Weißen Rose spreche nicht gegen seine Systemtreue. War Ihr Vater, der von Mai 1933 bis Kriegsende Mitglied der NSDAP war, ein überzeugter Nazi?
Mohr: Ich glaube schon. Kritisch hat er sich nie geäußert. Er war eben pflichtbewusst.
SPIEGEL: Im Film wird Ihr Vater meist ruhig und besonnen dargestellt, aber auch plötzlich jähzornig. Inwiefern erkennen Sie Ihren Vater darin wieder?
Mohr: Mein Vater war ein geselliger Typ, der gut mit Menschen umgehen konnte und als geschickter Verhörer bekannt war. Zu Hause konnte er zwar schon aufbrausend sein - ich glaube aber nicht, dass er im Dienst jemals die Beherrschung verlor. Dazu war er zu diszipliniert.
SPIEGEL: "Ich hätte ein Mädel wie Sie anders erzogen", sagt Mohr im Filmverhör zu Sophie Scholl, die nur zwei Jahre älter war als Sie. Wie hat Ihr Vater Sie, sein einziges Kind, erzogen?
Mohr: Streng. Als Junge habe ich gelernt, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen: Wenn ihm etwas nicht gefallen hat, hat er mir ganz schnell eine gewischt. Ich habe immer einen gewissen Abstand zu ihm gehalten, damit er mich nicht erreicht.
SPIEGEL: An einer Stelle des Films sagt Mohr zu Sophie Scholl, auch sein Sohn, also Sie, habe "Flausen im Kopf" gehabt. Was ist damit gemeint?
Mohr: Womöglich meine Haltung zum Krieg. Im Sommer 1942 habe ich zu meinem Vater gesagt, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen kann. "Sag das bloß nicht zu anderen Leuten", hat er darauf geantwortet. Recht gegeben hat er mir nicht - aber auch nicht widersprochen.
INTERVIEW: MERLIND THEILE
Willi Mohr,
81, ist der Sohn des Gestapo-Mannes Robert Mohr (siehe Foto rechts im Bild), der im Februar 1943 die Münchner Studentin Sophie Scholl nach einer Flugblattaktion gegen die NS-Diktatur verhörte. Die Vernehmungsszenen stehen im Mittelpunkt des Films "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (SPIEGEL 6/2005), der gerade auf der Berlinale gefeiert wurde und diese Woche in die Kinos kommt. Robert Mohr, im Film gespielt von Alexander Held, versucht Sophie Scholl (Julia Jentsch) vor der Hinrichtung zu retten, indem er sie zur Abkehr von den Ideen der "Weißen Rose" bewegen will.
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 8/2005
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ZEITGESCHICHTE:
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