28.02.2005

INVESTORENGegenwind aus dem Kreml

Ein russischer Energiebaron will in der Nordsee einen Windpark bauen. Doch Putins Regierung hat mit dem Ex-Gasprom-Aufsichtsrat noch eine Rechnung offen.
Im Emdener Rathaus ist der Vorgang als "Chefsache" klassifiziert. Seit Großinvestor Arngolt Bekker mit seinen zwei Geschäftsführern und einer Dolmetscherin vor Weihnachten zu Besuch war, träumt die politische Elite des Ostfriesenstädtchens vom ganz großen Geld.
Die geheime Unterredung mit Oberbürgermeister Alwin Brinkmann dauerte von 11 bis 12.30 Uhr. Dann sah sich der SPD-Politiker einmal mehr bestätigt, die Region "zu einem bedeutenden Standort für regenerative Energie" zu entwickeln. Sein Gast aus Bremen denkt in gigantischen Dimensionen. "Herr Bekker will vor der Küste bis zu 200 Windkraftanlagen installieren", sagt Brinkmann. Er plane da draußen ein riesiges Kraftwerk. Und seine Bonität sei exzellent.
Nördlich von Borkum sollen in einer ersten Phase für über 500 Millionen Euro 80 Generatoren installiert werden. Für Fertigung, Vormontage, Wartung und Seetransport plant Bekkers Firma Bard Engineering einen Basishafen in Emden.
Ob Bekker das Mammutprojekt allerdings ungestört durchziehen kann, scheint fraglich. Denn er gehört nicht zu den üblichen Verdächtigen der ökobeseelten Windkraftszene, sondern zur Fraktion russischer Energiebarone: Das sind schillernde Geschäftsleute, die unter dem Ex-Präsidenten Boris Jelzin Milliarden verdienten - und jetzt von Wladimir Putins Regierung torpediert werden. Obwohl Bekker und seine Familie seit zwei Jahren in Deutschland leben, fürchten sie Moskaus Rache offenbar mehr denn je.
Der Ex-Aufsichtsrat des Energieriesen Gasprom heuerte kurz nach Neujahr eine private Sicherheitsfirma an und schaltete auch die Polizei ein. Über einen befreundeten Major des Geheimdienstes soll Bekker zuvor erfahren haben, dass er in russischen Regierungskreisen scharf kritisiert wird. "Wir haben entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen", bestätigt Wilhelm Weber, Leiter der Abteilung Gewaltdelikte im Landeskriminalamt Bremen.
Der Gegenwind aus dem Kreml trifft Bekker nicht zufällig. Das Zerwürfnis hat eine lange Vorgeschichte.
Mit dem Ende der alten Sowjetunion witterte auch Bekker seine Chance. Er räumte seinen Stuhl als hoher Funktionär im Gasministerium und stieg Anfang der neunziger Jahre mit der frischgegründeten Firma Stroitransgas ins Energiegeschäft ein. Dank exzellenter Beziehungen in den Moskauer Machtapparat liefen die Geschäfte bald blendend.
Für den Gasmonopolisten Gasprom verlegte Bekkers Truppe etliche Pipelines und kassierte dabei fürstlich. Dank Großaufträgen von Gasprom boomte das Unternehmen. Doch nach dem Machtwechsel im Kreml mutierte auch die Erfolgsgeschichte von Stroitransgas zum Skandal.
"Gasprom im Kreuzfeuer", titelte das US-Magazin "Business Week" Ende 2000. Es bestand der Verdacht, dass der Monopolist von einem familiären Netzwerk mit Hilfe überhöhter Rechnungen systematisch ausgenommen worden war. Tatsächlich saß Bekker zu diesem Zeitpunkt immer noch im Aufsichtsrat von Gasprom. Die Tochter von Gasprom-Chef Rem Wjachirew hielt eine Beteiligung an Stroitransgas.
Eine zentrale Rolle in der Affäre spielte zudem der ehemalige Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin. Vor seiner Berufung in die Regierung hatte er als Chef von Gasprom die Fäden in der Hand.
Kurz vor seinem Abgang aus der Regierung hatte Tschernomyrdin im Februar 1998 Stroitransgas noch einen staatlichen Großauftrag für den Bau verschiedener Pipelines zugeschanzt. Darüber konnten sich auch seine Söhne freuen, die ebenso wie Bekkers Kinder Aktien des Unternehmens besaßen.
Der Pipelinebauer war zudem bereits 1995 in den Besitz einer Beteiligung an Gasprom gekommen. Für lächerliche 2,5 Millionen Dollar wechselte ein 4,8-Prozent-Paket in die Bücher von Stroitransgas.
Obwohl Bekker alle Vorwürfe bestritt, musste er auf einem Aktionärstreffen von Gasprom im Juni 2001 kapitulieren. Er verlor seinen Posten als Aufsichtsrat, Putins Mannschaft gewann endgültig die Kontrolle über das Gremium.
Laut Insidern soll der Kreml in den folgenden Monaten von ihm umgerechnet über 170 Millionen Euro gefordert haben, um die Affäre zu vergessen. Doch Bekker weigerte sich offenbar und bekam daraufhin unmissverständliche Drohungen vom russischen Geheimdienst. Schließlich verkaufte er seine Stroitransgas-Anteile und setzte sich mit Familie und Vermögen nach Deutschland ab.
Allein an einem Tag im Dezember 2002 flossen auf neun Bremer Konten des Clans insgesamt 83,6 Millionen Dollar. Das Geld kam direkt aus Moskau, was hierzulande entsprechende Ermittlungen wegen des Verdachts auf Geldwäsche auslöste. Entgegen der üblichen Vorgehensweise startete die Deutsche Botschaft in Moskau beim Innenministerium eine Anfrage, die allerdings nichts Illegales zutage förderte.
Wollen russische Kreise jetzt alte Rechnungen einkassieren? Bekker schweigt dazu. "Er will nichts mit der Presse zu tun haben", blockt sein Assistent ab.
Oberbürgermeister Brinkmann schwärmt von seinem Investor jedenfalls weiter in den höchsten Tönen: "Er wirkt sehr seriös und weiß genau, was er will." Das nächste Treffen ist für Anfang März geplant.
BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 9/2005
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