28.02.2005

„Der stärkste Trieb der Welt“

Die US-Anthropologin Helen Fisher über die Hormone der Liebe, die Ehe mit Verfallsdatum und den Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Verliebtheit und dem aufrechten Gang
Fisher, 59, ist Anthropologin an der Rutgers-Universität in New Brunswick, New Jersey, und eine der weltweit bekanntesten Liebesexpertinnen. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben, darunter die Bestseller "Anatomie der Liebe" (1992) und "Das starke Geschlecht" (1999), in dem die Rolle der Frau in der Gesellschaft beleuchtet wird. Ihr neues Buch "Warum wir lieben" (Walter Verlag, Düsseldorf; 340 Seiten; 19,90 Euro) beschäftigt sich mit dem Gefühl des Verliebtseins, dem Drama enttäuschter Liebe und der Chemie der Leidenschaft.
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SPIEGEL: Frau Fisher, vor dem Altar versprechen sich Eheleute Liebe bis in den Tod. Sie sagen: Oft ist schon nach vier Jahren Schluss?
Fisher: Ja. Ich habe mir demografische Daten aus 58 Staaten angesehen. Dabei zeigt sich: Die Hälfte derer, die sich scheiden lassen, tun dies innerhalb der ersten vier Jahre ihrer Ehe. Dann scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, sich nach Alternativen umzusehen.
SPIEGEL: Woher kommt dieser Hang zum Partnerwechsel?
Fisher: Eigentlich müsste die Frage andersherum lauten: "Warum bleiben wir überhaupt so lange zusammen?" 97 Prozent aller Säugetiere bilden keine Zweier-Teams. Warum der Mensch? Die simple Tatsache, dass wir uns als Paare zusammenfinden und überhaupt treu sein können, ist das wirklich Erstaunliche - und die Ursache dafür ist diese seltsame Anziehungskraft, die wir Liebe nennen.
SPIEGEL: Sie versuchen, dieses Phänomen zu erforschen. Wie geht so etwas?
Fisher: Wir haben Männer und Frauen mit allen Symptomen schweren Verliebtseins im Kernspintomografen untersucht, um festzustellen, in welchen Hirnarealen sich die Liebe abspielt.
SPIEGEL: Woher wissen Sie, ob jemand wirklich verliebt ist?
Fisher: Ich brauche ihn doch nur zu fragen, wie lang er täglich an seine Geliebte denkt. "95 Prozent der Zeit" war die gängige Antwort. Liebe ist eben pure Obsession. Diese Sehnsucht, dieses Rasende ist der Kern des Verliebtseins. Es ist äußerst hartnäckig, kaum zu kontrollieren und sehr schwer zu beenden. Ich glaube, die Liebe ist der stärkste Trieb der Welt, weit stärker noch als der Sex-Trieb. Wer im Bett zurückgewiesen wird, wird den Partner nicht töten. Aber die Zahl der Menschen, die einen Ex-Partner töten, weil ihnen Liebe versagt wird, ist groß - vor allem unter Männern.
SPIEGEL: Sie schreiben, jedes dritte weibliche Mordopfer in den USA werde von einem Ex-Partner umgebracht. Enttäuschte Frauen sind aber nur bei vier Prozent der Morde an Männern die Täter. Bringen sich Frauen aus Liebeskummer eher selbst um?
Fisher: Nein, auch beim Selbstmord liegen Männer vorn. Drei von vier Menschen, die sich aus enttäuschter Liebe selbst töten,
sind Männer. Frauen haben oftmals bessere Beziehungen zu Eltern und Freunden und erfahren daher in Krisenzeiten mehr Unterstützung. Männer dagegen sind oftmals sehr abhängig von der Beziehung zu einem einzigen Partner. Das endet dann schnell fatal. Aber zweifellos kann auch bei Frauen die Liebe den Lebenswillen ausschalten. Ich habe meine Probanden gefragt, ob sie für ihre Geliebten sterben würden. Viele von ihnen, besonders die jungen, die kaum über 20 waren, sagten ja - und ich selbst hätte in dieser Lebensphase wahrscheinlich auch ja gesagt.
SPIEGEL: Was tut sich denn nun in den Köpfen von Menschen im Liebesrausch?
Fisher: Wir haben den Testpersonen im Kernspintomografen zunächst ein Foto ihrer oder ihres Geliebten und dann das einer für sie neutralen Person gezeigt. Wenn Sie die beiden Hirnscans vergleichen, lassen sich zwei Hirnregionen identifizieren, die offenbar für das Gefühl des Verliebtseins zuständig sind: das ventrale Tegmentum, das auch beim Orgasmus aktiv ist, und das Limbische System. Hohe Konzentrationen der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin und ein niedriger Serotonin-Spiegel charakterisieren das Gehirn Verliebter. Hitzige Energie, freudige Erregung bis hin zu Ekstase und Raserei, vermehrtes Schwitzen und Schmetterlinge im Bauch sind die Folge des Hormonrauschs.
SPIEGEL: Das Ergebnis kannte schon Homer: "Dort drinnen war Liebeskraft", so schrieb er, "die auch den verständig Denkenden den Sinn raubt." Was soll der ganze Wahnsinn?
Fisher: Tatsächlich habe ich lange gedacht, dass es die Natur bei der Liebe übertrieben hat. Inzwischen aber glaube ich, dass Verliebtsein entstanden ist, damit wir uns bei der Fortpflanzung auf einen Partner konzentrieren. Das spart Zeit und Energie.
SPIEGEL: Der Sexualtrieb reicht da nicht?
Fisher: Eben gerade nicht, denn der Sexualtrieb allein lenkt unsere Aufmerksamkeit auf zahlreiche mögliche Partner. Verliebtheit befördert die Lust nur in Bezug auf den Geliebten. Die erhöhte Dopaminkonzentration kurbelt dabei die Produktion des Sexualhormons Testosteron an. Frisch Verliebte verlassen deshalb das Schlafzimmer ja auch nur ungern.
SPIEGEL: Woher kommt die enorme Intensität der Gefühle? Wie Sie selbst in Ihrem Buch schreiben, finden sich Ratten nur für Sekunden attraktiv, Elefanten wahrscheinlich für etwa drei Tage. Selbst bei Schimpansen ist die Liebe nur von kurzer Dauer. Wie konnten sich da Wesen entwickeln, die für den jeweils anderen sterben würden?
Fisher: Ich glaube, dass der aufrechte Gang alles verändert hat. Unsere Vorfahren waren höchstwahrscheinlich noch promisk - ähnlich wie Schimpansen oder Bonobos heute. Sie liefen auf vier Beinen, lebten auf Bäumen. Die Weibchen trugen ihre Jungen auf dem Rücken, hatten beide Hände frei und brauchten keine Männchen, die sie beschützten und unterstützten. Vor sechs bis sieben Millionen Jahren jedoch erfanden unsere Vorfahren den aufrechten Gang. Damit begann das Dilemma. Denn nun mussten die Weibchen ihre Jungen auf dem Arm tragen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine frühe Hominidin das Äquivalent eines Bowlingballs auf dem einen Arm transportieren konnte, während sie mit dem anderen nach Nahrung suchte und sich verteidigte. Sie brauchte einen Partner, um ihr Kind groß zu bekommen.
SPIEGEL: Und die Männer?
Fisher: Auch für sie war die Einehe von Vorteil. Sie waren vermutlich damit überfordert, für mehrere Weibchen zu sorgen.
Kinder, die von einem Elternpaar umsorgt wurden, hatten offenbar die größten Überlebenschancen. So konnten sich die Hirnschaltkreise für Liebe entwickeln.
SPIEGEL: Wie lange dauert das Verliebtsein an?
Fisher: Studien sprechen von 18 Monaten bis drei Jahren. Allerdings kann es viel länger anhalten, wenn der Liebesbeziehung Widerstände entgegenstehen, wenn die Liebenden etwa in verschiedenen Ländern leben oder einer der beiden verheiratet ist. Auch das entspricht einer Eigenschaft des Dopamin-Systems: Bleibt die Belohnung aus, arbeitet es nur umso heftiger ...
SPIEGEL: ... und erhöht damit die Leidensfähigkeit.
Fisher: Genau. Allerdings ist das System definitiv nicht dafür gebaut, ewig zu arbeiten. Im Glücksfall wird irgendwann aus Verliebtsein Liebe. Dann übernehmen Hormone, die ich Kuschelhormone nenne, die Regie: Oxytocin und Vasopressin erzeugen Gefühle von Nähe, Gemeinsamkeit und Bindung. Sie unterdrücken wiederum die Produktion von Dopamin - aber auch von Testosteron. Und das ist auch gut so. Denn wer ein Baby hat, der sollte seinen Partner nicht mehr die ganze Nacht durch das Schlafzimmer jagen.
SPIEGEL: Für viele Paare ist genau dieser Verlust von Sex ein Riesenproblem.
Fisher: Deshalb empfehle ich, auch in Langzeitbeziehungen nicht auf regelmäßigen Sex zu verzichten. Wir sind ein Tier, dass dafür gebaut ist, regelmäßig zu kopulieren. Die Menschen in Jäger-Sammler-Gesellschaften schlafen meistens täglich miteinander. Die damit verbundene Testosteron-Ausschüttung hebt den Dopamin-Spiegel im Gehirn an. Das fördert auch die Bindung. Allerdings kenne ich auch viele Ehen, die phantastisch funktionieren, obwohl die Partner keinen Sex mehr miteinander haben. Ohnehin werden die Qualitäten der langfristigen Bindung in der westlichen Welt weit unterschätzt. Wir lieben die romantische Liebe. Dabei ist sie ein sehr einfacher Trieb, eine Art blinder Wahnsinn. Das Gefühl der Bindung dagegen ist ein sehr edles Gefühl, vielfältig wie das Muster eines orientalischen Teppichs, voller Respekt, Humor und gemeinsamer Erinnerungen.
SPIEGEL: Und trotzdem kann auch dieses System ganz unvermittelt wieder in sich zusammenbrechen.
Fisher: Schon wahr und doch erklärbar: Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, nur so lange mit einem Partner zusammenzubleiben, bis ein gemeinsames Kind aus dem Gröbsten raus ist. Die Frauen der !Kung-Buschmänner im südlichen Afrika oder der Yanomami in Amazonien bekommen ihre Kinder heute noch meistens im Abstand von vier Jahren - und oftmals von verschiedenen Männern. In modernen Gesellschaften spiegelt sich dies in der hohen Scheidungsrate um das vierte Hochzeitsjahr herum wider. Der Mensch scheint dafür gebaut zu sein, jeweils ein Kind mit einem Partner zu haben und dann weiterzuziehen. Und ich glaube, dass unser Leben dem unserer Vorfahren in dieser Hinsicht wieder ähnlicher wird.
SPIEGEL: Warum das?
Fisher: In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften kamen die Frauen mit 80 Prozent der täglichen Nahrung nach Hause. Sie hatten wirtschaftliche Macht und waren deshalb unabhängiger. Die Frau eines heutigen Bankmanagers dagegen, ohne Ausbildung und Arbeit, wird ihren Mann nie verlassen, weil sie es wirtschaftlich nicht kann. Doch in vielen Gesellschaften auf der Welt ändert sich gerade die Lage. Frauen gewinnen zunehmend wirtschaftliche Macht und damit die Möglichkeit, unglückliche Beziehungen einfach zu beenden ...
SPIEGEL: ... oder öfter fremdzugehen?
Fisher: Nein, das nicht unbedingt. Interessanterweise scheinen die Leute heute eher weniger Seitensprünge zu machen als früher - einerseits weil sie sich schon in der Jugend austoben können, andererseits weil Beziehungen ohnehin schneller beendet werden.
SPIEGEL: Wird sich dieser Prozess fortsetzen? Werden die Scheidungraten also weiter steigen?
Fisher: Davon bin ich überzeugt. Und es wird neue Formen des Zusammenlebens geben. Was spricht beispielsweise gegen eine Art Hochzeitslizenz, eine Ehe auf Zeit mit automatischem Verfallsdatum? Dann würden viele auch härter an ihren Beziehungen arbeiten. Heiraten werden die Menschen jedoch garantiert immer wieder - auch ein zweites und drittes Mal. Das ist der Sieg der Hoffnung über die Erfahrung. Wir versuchen es immer wieder - und Schuld sind diese Verkabelungen und Hormonsysteme im Gehirn.
SPIEGEL: Sind wir tatsächlich so machtlos, wenn es um die Liebe geht? Wie frei ist der Wille bei der Wahl des Partners?
Fisher: Offensichtlich ist zumindest, dass wir willentlich verhindern können, uns zu verlieben. Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade ein Kind bekommen, lieben Ihre Frau und finden dennoch bei der Arbeit jemanden überaus charmant. Sie sind in der Lage zu sagen: "Nein, ich bin glücklich, diese Person ist verheiratet, diese Beziehung würde nie funktionieren." Solch ein Verzicht ist hart, aber möglich. Auf Sex zu verzichten ist übrigens noch einfacher. Ich glaube, wir treffen ständig Menschen, mit denen wir gern schlafen würden, und schütteln ihnen dann doch nur die Hand.
SPIEGEL: Ist Liebe und Verliebtsein nebeneinander möglich?
Fisher: Im Prinzip schon. Die drei Gehirnschaltkreise für Lust, Verliebtheit und langfristige
Bindung können parallel arbeiten. Wir sind fähig, mit jemandem zusammenzuleben und uns gleichzeitig wie verrückt in jemand anderen zu verlieben. Diese Fähigkeit macht auch evolutionär Sinn, weil sie uns eine doppelte Fortpflanzungsstrategie ermöglicht. Auf der einen Seite steht die sozial akzeptierte Langzeitbeziehung. Ein zweiter Partner jedoch verspricht zusätzliche Babys mit möglicherweise besserem Genset. Die Wahrheit ist doch, dass wir selbst in guten Beziehungen ständig nachts wach im Bett liegen und uns fragen, ob wir nicht doch noch eine bessere Partie machen könnten. Das ist die destabilisierende Kraft des Gehirns ...
SPIEGEL: Wenn diese destabilisierende Kraft irgendwann zur Trennung führt, ist der Schmerz oft genauso intensiv wie zuvor die Lebensfreude, als man sich verliebte. Sie haben auch Menschen untersucht, die kurz zuvor verlassen worden waren. Was haben Sie bei ihnen beobachtet?
Fisher: Ich habe vor allem zwei Gefühle in ihrer denkbar stärksten Ausprägung gesehen: Wut und Verzweiflung. Tatsächlich durchläuft, wer verlassen wird, zwei sehr unterschiedliche Phasen. Zunächst kommt eine Phase des Protestes; man versucht, den Partner zurückzubekommen. Das Ende der Beziehung treibt das Dopamin-System im Hirn zu Höchstleistungen an, weil die Belohnung ausbleibt. Ungeahnte Energien werden frei. Der Ex-Partner wird nochmals zum Mittelpunkt allen Handelns, die Liebe intensiviert sich noch. Um mit Plato zu sprechen: "Der Gott der Liebe ist dem Mangel allzeit zugesellt." Ich nenne das Frustrationsattraktion. Im Extremfall kann sie sogar in Hass umschlagen ...
SPIEGEL: ... Hass scheint eine merkwürdige Methode, eine Person zurückzugewinnen.
Fisher: Es ist der letzte Versuch. Immerhin kämpft hier jemand um seine eigene genetische Zukunft. Und tatsächlich funktioniert dieses Mittel ja häufig. Partner kommen mitunter wieder zusammen, wenn der eine den anderen emotional sehr stark unter Druck setzt. Wenn eine Frau zum Beispiel einem Ex-Partner damit droht, sich umzubringen, ist das ein echter Verhandlungsvorteil.
SPIEGEL: Allerdings fragt sich, wie lange eine solche Beziehung dann noch hält.
Fisher: Zugegeben. Aber Hass und Wut können dem Verlassenen auch dabei helfen, sich aus der Bindung zu lösen und nach anderen Reproduktionspartnern Ausschau zu halten. Zuvor allerdings findet häufig noch eine Phase tiefer Verzweiflung statt. Die ganze Welt ist grau, niemand ruft an. Viele Liebende fallen in Depressionen, wenn sie verlassen werden.
SPIEGEL: Warum hat uns die Natur die Trennung so schwer gemacht? Wäre es nicht viel sinnvoller, einfach wieder mit neuem Mut ins Leben einzusteigen?
Fisher: Ich glaube, dass auch Depression einen evolutionären Sinn haben kann. Wer verlassen wird, braucht Hilfe, weil die Unterstützung des Partners plötzlich wegbricht. Es ist nicht besonders überzeugend, mit einem Lachen auf dem Gesicht zu seinen Freunden zu laufen und um etwas zu essen oder Unterschlupf für die Nacht zu bitten. Eine Depression jedoch ist ein glaubhaftes Zeichen an die Außenwelt, dass etwas richtig im Argen liegt. Außerdem erleichtern manche Depressionen die Selbsterkenntnis. Leicht depressive Menschen können sich selbst und andere realistischer einschätzen.
SPIEGEL: Gibt es Tricks, um den oder die Verflossene schneller zu vergessen?
Fisher: Ich empfehle das Zwölf-Punkte-Programm der Anonymen Alkoholiker auch für liebeskranke Menschen. Verbannen Sie alles, was an die Ex-Liebe erinnert, aus Ihrem Leben. Keine Briefe, keine Karten, auf keinen Fall anrufen ...
SPIEGEL: Die Liebe ist also eine Art Droge?
Fisher: Genau, deshalb halten Sie sich fern von Ihrer Droge. Die Entzugserscheinungen sind genau dieselben wie etwa bei einem Kokain-Entzug: heftiges Verlangen, Melancholie, Erschöpfung, Verstörtheit. Es gibt allerdings einige Unterschiede zu anderen Drogen. Wer kein Kokain mehr bekommen kann, tötet sich nicht. Das kann im Fall der Liebe anders sein. Andererseits scheint die Abhängigkeit von der Droge Liebe mit der Zeit abzunehmen. Wer Kokain nimmt, verspürt fortan an jedem Tag dieselbe Gier nach Kokain. Doch wer einmal einen Liebhaber gewonnen hat, will ihn meistens irgendwann nicht mehr jeden Tag sehen.
SPIEGEL: Sie schlagen vor, Liebeskummer auch mit Pillen zu kurieren. Die allermeisten Deutschen würden nicht im Traum daran denken.
Fisher: Nun, in Amerika greifen die Menschen eben viel schneller zu Medikamenten als in Europa. Über sieben Millionen Amerikaner nehmen Pillen, die den Serotonin-Spiegel im Gehirn anheben und dadurch Depressionen bekämpfen. Warum sollten diese Tabletten nicht auch bei Liebeskummer helfen? Sie können sicherlich nicht die Beziehung retten, aber sie können verhindern, dass sich jemand aus Verzweiflung umbringt. Allerdings warne ich davor, solche Medikamente zu lange zu nehmen. Ich glaube, dass sie, gewohnheitsmäßig eingenommen, Liebe verhindern.
SPIEGEL: Wieso das?
Fisher: Weil der ansteigende Serotonin-Spiegel die Dopamin-Produktion im Gehirn hemmt. Neulich habe ich zum Beispiel Post von einer Frau bekommen, die in einer guten Partnerschaft lebte. Nachdem sie jedoch Antidepressiva verschrieben bekommen hatte, verlor sie die Lust auf Sex. Vor allem aber hörte sie auf, ihren Mann zu lieben. Scheiden ließ sie sich nur deshalb nicht, weil sie von ihrem Partner finanziell abhängig war. Drei Jahre lang schwieg sie. Dann reduzierte sie die Dosis ihrer Medikamente - und nicht nur die Lust kehrte zurück, sondern auch die Liebe zu ihrem Mann. Die beiden haben jetzt ein Kind.
SPIEGEL: Wie weit sollte man denn beim Einsatz von Medikamenten gehen? Sollten zum Beispiel auch Stalker, also Menschen, die andere aus Liebe verfolgen und belästigen, mit Pillen behandelt werden?
Fisher: Wieso nicht? Dass die Chemie des Körpers das Verhalten beeinflusst, weiß jeder, der schon mal ein Bier getrunken hat. Beim Stalking ist es das System der romantischen Liebe, das aus dem Ruder läuft. Allerdings müssen auch noch andere krankhafte Verhaltensweisen hinzukommen. Ich glaube, dass die meisten enttäuschten Liebhaber ihrem Ex-Partner am liebsten nachstellen würden. Doch sie lassen es, weil sie gelernt haben, es nicht zu
tun. Stalker jedoch können ihre Impulsivität nicht kontrollieren.
SPIEGEL: Tabletten, die unsere Lust ankurbeln, gibt es längst. Wird es mit dem wachsenden Wissen um die Chemie der Liebe bald auch Medikamente geben, die unsere Leidenschaft verstärken oder womöglich überhaupt erst wecken?
Fisher: Wer bestimmte Formen von LSD nimmt, verliebt sich leicht. Deshalb haben wir in meinen College-Jahren immer gescherzt: Nimm niemals LSD zusammen mit jemandem, in den du dich nicht verlieben willst. Aber im Ernst: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es solche Medikamente in näherer Zukunft geben wird. Es muss so viel zusammenkommen, damit man sich verliebt: das Timing, eine Vielzahl von Reizen, auf die zu reagieren wir während unserer Kindheit gelernt haben. Allerdings glaube ich, dass wir irgendwann Medikamente haben werden, die den Dopamin- oder den Noradrenalin-Spiegel beeinflussen und damit zumindest die Chance erhöhen können, sich zu verlieben. Wenn das Gehirn einmal auf Liebe eingestellt ist, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit enorm, sich auch tatsächlich zu verlieben.
SPIEGEL: Ist es auch möglich, diesen Zustand ohne Medikamente gezielt herbeizuführen?
Fisher: Aber ja. Ich rate allen Singles, die sich endlich wieder verlieben wollen: Geht raus in die Welt, lasst die Menschen wissen, dass ihr auf der Suche seid, und spielt das Paarungsspiel. Der Trick, sich zu verlieben, ist, das Dopamin-System in Schwung zu bringen. Wer einen möglichen Partner entdeckt hat, muss neue, spannende oder sogar gefährliche Dinge mit ihm unternehmen. Auch Intimität und Sex erhöhen den Dopamin-Spiegel im Gehirn, weil Testosteron die Produktion von Dopamin ankurbelt. Deshalb sage ich meinen Studenten immer: "Geht nicht mit jemandem ins Bett, den ihr nicht wirklich leiden könnt. Ihr könntet euch in ihn verlieben."
SPIEGEL: Haben Sie noch ein paar Tricks auf Lager, um die Liebe anzukurbeln?
Fisher: Schon Baudelaire hat gesagt: "Wir lieben die Frauen umso mehr, je fremder sie uns sind." Deshalb rate ich Frauen, ein bisschen mysteriös zu bleiben. Ohnehin ist es hilfreich, die Vorlieben des anderen Geschlechts zu erfüllen. Männer reden nie wieder so viel wie in den ersten Wochen einer neuen Liebesbeziehung. Viele Frauen dagegen gucken nur so lange Fußball, bis sie schließlich verheiratet sind. Auch im Gehirn haben wir Unterschiede festgestellt. Bei verliebten Männern etwa sind Gehirnareale besonders aktiv, die visuelle Reize verarbeiten.
SPIEGEL: Das ist keine Überraschung, oder?
Fisher: Nein. Aber der evolutionäre Hintergrund ist interessant. Männer gucken Frauen an, um herauszufinden, wie gebärfähig sie sind. Deshalb versuchen Frauen auch ihr ganzes Leben lang, für Männer gut auszusehen. Wenn Frauen dagegen herausfinden wollen, ob ein Mann gut für die Kinder sorgen würde, müssen sie seinen Charakter einschätzen. Das ist weitaus schwieriger und erfordert vor allem ein gutes Erinnerungsvermögen. Frauen reden ständig am Telefon darüber, was er gemacht hat oder eben auch nicht gemacht hat. Bei verliebten Frauen waren entsprechend jene Hirnareale besonders aktiv, die mit Erinnerungen zu tun haben.
SPIEGEL: Die Erinnerung allein hält das Feuer der Liebe wohl kaum am Brennen.
Fisher: Nein. Auf Dauer hilft nur harte Beziehungsarbeit.
SPIEGEL: Was genau empfehlen Sie?
Fisher: Eigentlich müsste ich jetzt sagen: Trennen Sie sich regelmäßig einmal im Jahr von Ihrem Partner und fangen Sie danach von vorn an. Gönnen Sie sich eine schöne Affäre nebenbei. Ihr Partner wird Sie dafür zwar hassen - doch er wird Sie auch lieben wie nie zuvor.
SPIEGEL: Das ist aber nicht Ihr Ernst?
Fisher: Nein, natürlich will niemand wirklich so leben. Der Trick ist deshalb schlicht, am Anfang den richtigen Menschen auszusuchen; einen Menschen, der für einen selbst auch langfristig interessant bleibt, einfach durch seine Art. Lassen Sie sich auf den Partner ein, hören Sie zu, stellen Sie Fragen, bleiben Sie attraktiv, äußern Sie Ihre Bedürfnisse. Aber eine Garantie gibt es natürlich trotzdem nie. Denn es ist ja leider so: Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Wir sind auf der Welt, um uns fortzupflanzen.
SPIEGEL: Frau Fisher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Szene aus "Vom Suchen und Finden der Liebe" (2004) mit Moritz Bleibtreu und Alexandra Maria Lara. * Kathleen Turner und Michael Douglas in einer Szene aus dem Film "Der Rosenkrieg" (1989). * Mit Redakteur Philip Bethge in Fishers New Yorker Wohnung.
Von Bethge, Philip

DER SPIEGEL 9/2005
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