28.02.2005

FORSCHUNGTüftler zu mieten

Regensburger Chemiker haben eine Marktlücke entdeckt: Sie entwickeln neue Ideen und Produkte für kleine Firmen, die sich keine eigenen Entwicklungslabore leisten können.
Wenn der Chemiker Robert Nusko Dampf für einen Brennstoffzellenversuch erzeugen will, kramt er erst einmal im Keller. "An der Uni hätte ich extra einen Antrag ausfüllen müssen, um für 20 000 Euro einen Reinraum-Dampferzeuger genehmigt zu kriegen", sagt Nusko, einer von vier Geschäftsführern des Unternehmens "Rent a Scientist".
In den Firmenräumen im Osten Regensburgs steht deshalb neuerdings ein ausgemusterter Schnellkochtopf auf einer Campingkochplatte. Mit etwas Heimwerkergeschick hat Nusko das Gerät an die zu untersuchende Brennstoffzelle angeschlossen. Kosten: unter 200 Euro, hundertmal billiger als im Fachhandel.
Die improvisationsfreudigen Chemiker haben eine Marktlücke entdeckt: Sie entwickeln neue Ideen und Produkte für Kleinunternehmen und Mittelständler, die sich keine eigenen Entwicklungsabteilungen leisten können.
Den Trend zum Outsourcen in der Forschung bestätigt auch der wirtschaftsnahe Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der vorigen Dienstag seinen neuesten Bericht über Forschung und Entwicklung (FuE) in der Wirtschaft veröffentlichte. "Die Zahl der kleinen und mittelständischen Unternehmen, die externe Entwicklungsaufträge vergeben, nimmt zu", erklärt Christoph Grenzmann vom Stifterverband.
Seit 1979 wächst der FuE-Markt in Deutschland beständig, lediglich für das Jahr 2004 wird mit einem leichten Rückgang gerechnet; im Jahr 2003 wendete allein die Wirtschaft 46,7 Milliarden Euro auf. Immerhin 8,8 Milliarden Euro zahlten die Unternehmen davon an externe Dienstleister. "Die verstärkte Nutzung von externer Forschung und Entwicklung ist eine grundlegende Tendenz seit etwa zehn Jahren", bestätigt Knut Koschatzky vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Die mit Abstand forschungsintensivste Branche ist die Automobilindustrie. Von ihr stammt mehr als ein Drittel des gesamten FuE-Budgets.
Die Rent-a-Scientist-Firmengründer Robert Nusko, Raimund Brotsack und Georg Maier waren 1995 gerade mit ihren Doktorarbeiten beschäftigt, als eine Regensburger Textilreinigung einen Chemiker suchte. Die Wäscher wollten Jeans mit Effekten veredeln: Von Jugendlichen aufgebrachte Schriftzüge und Muster sollten im Disco-Schwarzlicht
leuchten, bei der nächsten Wäsche aber wieder verschwinden. Brotsack, Nusko und Maier erfuhren von dem Problem und fragten an, ob sie die Aufgabe nicht gemeinsam lösen könnten: Die Geschäftsidee für Rent a Scientist war geboren.
Ob die Firma langfristig Erfolg haben wird, ist noch ungewiss. Für die Auftraggeber von FuE-Dienstleistungen ist unter anderem wichtig, dass die Entwicklungszeiten kürzer sind als im eigenen Unternehmen.
Die Rent-a-Scientist-Chefs geben sich jedenfalls zuversichtlich. Eine von ihnen entwickelte antibakterielle Zutat für Lacke und Farben auf Silberbasis wird bereits von einem Lack- und einem Spielzeughersteller eingesetzt. "Damit können Sie Kliniken genauso streichen wie Holzspielzeug für Kinder", sagt Adi Parzl, der Betriebswirt in der Geschäftsführung. "Und Sie können sicher sein, dass darauf so gut wie keine Krankheitskeime siedeln können."
Erfolgreich sind die Tüftler auch mit ihrem "E-Blocker": Das Spezialgarn schirmt Handystrahlen ab. Für Hypochonder weben verschiedene Herrenausstatter den E-Blocker bereits in Anzuginnentaschen ein.
"Wir wollten immer an praktischen Dingen arbeiten", beschreibt Georg Maier die Motivation der Firmengründer. "An der Uni arbeitet man an eng begrenzten Fragestellungen, die in den seltensten Fällen eine Bedeutung für das Alltagsleben haben."
Ihre ganze Hoffnung setzen sie auf einen Zwitter aus Strom- oder Datenleitung und einem Textilgarn. "Unser Garn ist hochelastisch, knickfähig, waschbar und leitet dennoch Strom und Daten. Wir sind gerade dabei, das Problem der Stecker an der Kleidung zu lösen", erklärt Robert Nusko. Anwender für die Entwicklung sind beispielsweise Rettungsdienste: An einer Stelle speisen Funkgeräte, Telefone und Computer Daten in die Notarztjacke ein, an anderer rufen Kopfhörer und Bildschirme die Informationen ab.
"Wir arbeiten günstiger als staatliche Forschungseinrichtungen", sagt Parzl, "können aber genauso effektiv die Machbarkeit der Ideen überprüfen. Das ist für unsere Auftraggeber wichtig, zumal uns viele bestätigen, wir arbeiteten näher an der Umsetzung als Fraunhofer- oder Uni-Institute."
In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen getestet, wie viel ihrer Entwicklung sie an externe Anbieter vergeben können, ohne zu viel Kernkompetenz zu verlieren. "Manches wurde zwar wieder ins Unternehmen zurückgeholt", sagt Fraunhofer-Experte Koschatzky. "Doch am generellen Sinn der externen Forschung gibt es keine Zweifel mehr. Für die Auftraggeber erscheinen die Dienstleister billiger und flexibler als eigene Angestellte."
Viele Unternehmen befürchten andererseits, dass sie durch das Auslagern von Forschung auch vertrauliches Wissen unkontrolliert nach außen geben. Außerdem drohen Reibungsverluste bei der Wissensüberführung vom FuE-Dienstleister zum Auftraggeber.
Während zahlreiche private Forschungsdienstleister entweder staatlich gefördert werden oder als gemeinnützige GmbH funktionieren, ist Rent a Scientist eine Ausnahme: "Wir wollten nie öffentliche Gelder", sagt Raimund Brotsack. "Seit unserer Gründung wachsen wir nur aus uns selbst heraus." Acht festangestellte Mitarbeiter hat die Firma heute, dazu noch ein gutes Dutzend freier Mitarbeiter.
Dass die Mietwissenschaftler in der Lage sind, gestern für Autoreifenhersteller, heute für die Textilbranche und morgen an Brennstoffzellen zu forschen, hat mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund zu tun. Zwei der Gründer promovierten auf dem Gebiet der analytischen Chemie - einer Disziplin, die in fast allen Bereichen der chemisch-technischen Produktion Anwendung findet.
"Wir können mit Spezialisten, die sich bei uns bewerben, normalerweise wenig anfangen. Wir brauchen Leute, deren Gehalt sich aus den Projekten finanziert, an denen sie forschen. Die müssen mit Spaß und Verstand an ganz unterschiedlichen Themen arbeiten", sagt Georg Maier. Ob ein Wissenschaftler ins Team passt, finden die Firmenchefs durch Praktika heraus.
Von Globalisierung ist in dem Unternehmen allerdings noch nichts zu merken: Fast alle Mitarbeiter wurden von der Universität Regensburg und der Fachhochschule in Deggendorf rekrutiert.
DENNIS BALLWIESER
Von Dennis Ballwieser

DER SPIEGEL 9/2005
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