07.03.2005

RECHTSRADIKALE„Ihr hört noch von mir“

Mit Molotowcocktails wollten zwölf Rechtsextreme ihre Region in Brandenburg ausländerfrei brennen. Ihre braune Gesinnung war Lehrern, Bürgermeisterin und Eltern kein Geheimnis.
Der Abiturient Christopher H. war ein Schüler, wie ihn sich ein Schuldirektor wünscht. Sauber, pünktlich, höflich - und immer "ordentlich gekleidet".
Dieter Thürmer, Leiter des Goethe-Gymnasiums im brandenburgischen Nauen, fällt auf Anhieb nichts Schlechtes ein, wenn er an seinen früheren Zögling denkt. Ein "unscheinbarer Typ" sei H. gewesen; ein Außenseiter, "rechts angehaucht" zwar, aber einer, der sich problemlos einzufügen wusste in die "ländlich-sittlichen" Werte der besenrein preußischen Lehranstalt, 20 Kilometer vor den Toren Berlins.
Nur einmal hat es der Gymnasiast mit der ordentlichen Kleidung und dem rechten Hauch wohl etwas übertrieben: Es war bei einer Feier zum letzten Schultag auf der Freilichtbühne des Nauener Stadtparks, und H. hatte zu schwarzen Uniformhosen blank polierte Springerstiefel angezogen, dazu Hosenträger in den Farben Schwarz-Rot-Gold sowie eine szenetypische Bomberjacke über weißem Hemd.
So richtig gestört hat die Nazi-Montur kaum einen an jenem Tag im April 2004. Die meisten Lehrer und Schüler übersahen die Provokation einfach, ließen sie geschehen - wie so viele offenbar so vieles geschehen ließen im Leben von Christopher Robert Paul H., Spitzname "Bombi".
Die Biografie des 20-Jähri- gen scheint wie eingebettet in ein Polster aus systematischem Wegschauen und kollektiver Nachsicht, in dessen Schutz aus dem unscheinbaren Schüler der Anführer einer rechten Brandstiftertruppe werden konnte.
In dieser Woche will der 1. Strafsenat des Brandenburgischen Oberlandesgerichts entscheiden, ob sich H. der "Bildung einer terroristischen Vereinigung" schuldig gemacht hat. Gemeinsam mit elf mutmaßlichen Komplizen wird er von der
Staatsanwaltschaft beschuldigt, eine Terrorzelle namens "Freikorps" gegründet zu haben, die zwischen August 2003 und Mai 2004 insgesamt zehn Brandan- schläge auf ausländische Imbissstuben und Restaurants verübt und Eigentum im Wert von mindestens 600 000 Euro zerstört haben soll.
Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg wirft den Jugendlichen nicht weniger vor als den Versuch, im Havelland genau das zu schaffen, was Neonazis eine "national befreite Zone" nennen. Ziel der Gruppe sei es gewesen, so die Anklageschrift, "ein Fanal zu setzen, um auch andere in der Region ansässige Ausländer aus Sorge um das eigene Wohl von dort zu vertreiben". Geplant hätten die zwölf die "Vernichtung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage der Betroffenen". Dazu schufen sie eine "Untergrundorganisation" mit eigener Hierarchie - inklusive Gründungsurkunde, Schriftführer und Kassierer, außerdem besorgten sie sich Gesichtsmasken und Armbinden mit der Aufschrift "Freikorps".
Die Ankläger beantragten für den Hauptbeschuldigten H. viereinhalb Jahre Haft, für die anderen mehrmonatige Bewährungsstrafen. Die Neonazis sind teilgeständig - den Terrorismusvorwurf aber bestreiten sie. Wie eine "Jungbullenherde" hätten sie gehandelt, so die bizarre Erklärung eines Verteidigers, nicht jedoch wie Terroristen.
Das Strafrecht mit seinen Kategorien Täter, Opfer und Zeuge mag über juristische Schuld oder Unschuld richten. Die Frage jedoch, wie es um eine Gesellschaft steht, die es einem Trupp rechter Jugendlicher erlaubt, in ihrer Mitte monatelang ungestört Feuer zu legen, muss sich ein ganzer Landstrich gefallen lassen.
Nach einer Analyse, in der das Potsdamer Innenministerium die Aussagen von Bürgern aus dem Umfeld der "Freikorps"-Truppe auswertete, gaben fast alle Befragten an, von den rechten Umtrieben zumindest etwas "geahnt" zu haben - vom Nachbarn bis zur Bürgermeisterin, vom Lehrer bis zum Schuldirektor. In der Gegend, so das Fazit des internen Papiers, sei es "allgemein bekannt" gewesen, "dass der Haupttatverdächtige und andere Tatverdächtige rechtsextreme Ansichten vertraten".
Im benachbarten Schönwalde soll eine Lehrerin der Gesamtschule ausgesagt haben, dass es ein offenes Geheimnis gewesen sei, wer für die Anschlagserie verantwortlich war.
Ein ehemaliger Freund des Hauptbeschuldigten H. gab der Polizei zu Protokoll, dass sein früherer Kumpel ein bekennender "Judenhasser" sei und davon gefaselt habe, eine "Untergrundorganisation" gründen zu wollen. Zudem habe H. mit "Brandanschlägen" geprahlt.
Ein anderer Jugendlicher, der inzwischen ebenfalls angeklagte Bennet B., 20, erklärte dem Staatsschutz lapidar, dass sich "Bombi" bereits im September 2003 - neun Monate vor seiner Verhaftung - damit gebrüstet habe, für die Zerstörung des Döner-Imbisses am Nauener Norma-Markt verantwortlich zu sein, und dass ihm der Gymnasiast einmal eine Liste mit 20
"Objekten" gezeigt habe, die er gleichzeitig "abzufackeln" gedachte.
Dabei ist das Dorf Pausin, in dem Christopher H. wohnte, kein guter Platz für Guerilleros: ein überschaubarer Ort mit 743 Einwohnern, akkuraten Jägerzäunen und einem Jugendclub des Arbeiter-Samariter-Bundes. Jeder kennt hier jeden, Probleme klärt man am liebsten unter sich. Und für den Notfall gibt es den Revierpolizisten, der jeden vierten Donnerstag, von 15 bis 17 Uhr, eine Sprechstunde im benachbarten Schönwalde abhält.
Wie konnte es hier, in dieser kleinen Welt, verborgen bleiben, dass "Bombi" und seine Leute in der Scheune der Familie H. beschlossen hatten, militant zu werden?
Ortsbürgermeisterin Bärbel Eitner, 59, weiß keine rechte Antwort auf diese Frage. Sie sitzt an einem grün eingedeckten Tisch in der Pausiner Gaststätte "Waldschule", im Saal nebenan singen alte Damen Volkslieder. "Sicher", sagt Bärbel Eitner, "dass der Christopher rechts war, wusste man schon." Aber Terrorismus? Das hätte niemand geglaubt, wenn es nicht in der Zeitung gestanden hätte.
"Früher", erzählt die Sozialdemokratin, sei H. mal ins Gerede gekommen, weil er eine Hand voll "kleine Pimpfe" aus dem Dorf in alten Feuerwehrklamotten antreten ließ und mit ihnen im Gleichschritt durch den Wald marschierte. Aber damals habe sich doch keiner etwas Böses dabei gedacht. "Die spielen halt Armee", hätten die Leute gesagt - und damit gut.
Die Sache mit der Bombe war da schon etwas heftiger: Nach einem missglückten Sprengstoffexperiment im Jahr 2001 hatte der junge Christopher Besuch von der Polizei bekommen. Dabei sollen die Beamten einschlägige Nazi-Utensilien entdeckt haben. Von einer Strafverfolgung sah die Justiz damals ab.
Und Christophers Eltern? Konnten sie ernsthaft übersehen, wie der Sohn unter
ihrem Dach generalstabsmäßig Angriffe gegen Ausländer plante?
Vor dem hell verputzten Einfamilienhaus der H.s, am nächstgelegenen Laternenpfahl, pappen die Reste eines Aufklebers der "Deutschen Volksunion". Im Windfang steht das Schuhwerk der Familie in Reih und Glied. Auf ihren Sprössling angesprochen, beginnt Mutter Margit zu weinen und will nichts sagen, "weil die Presse ja doch nur alles verdreht". Gegen die Hausfrau, die sich im örtlichen Kirchenrat engagiert, wird inzwischen auch ermittelt - die Staatsanwaltschaft Potsdam wirft ihr vor, "zu begangenen Brandanschlägen Beihilfe geleistet zu haben". Die Neonazis hatten das Auto der Familie - einen Skoda - genutzt. Zeugen haben die Mutter zudem beschuldigt, einmal sinngemäß zu ihrem Sohn gesagt zu haben, er solle sich nicht erwischen lassen.
Anders als die "Freikorps"-Kumpels "Basti", "Kalle", "Preußi" und "Wutti" genoss ihr Anführer humanistische Gymnasialbildung. Konnte Christopher H.s Hass den studierten Lehrbeamten verborgen bleiben?
Direktor Thürmer, 64, sitzt in seinem Büro mit altmodischer Strukturtapete vor einer eingetopften Azalee. Nächstes Jahr, erzählt der Pädagoge, werde er pensioniert. Müde nimmt er seine Brille ab. "Wissen Sie, wie das war, im Jahr ''89?", fragt er plötzlich. "Da kam ein Schulrat aus dem Westen und erklärte uns: ,Erziehung ist nicht mehr eure Aufgabe.''"
Thürmer tippt auf das "Schulgesetz des Landes Brandenburg", das vor ihm auf dem Tisch liegt. "Es ist ja nicht so, dass wir weggucken - aber auf das, was die Schüler außerschulisch machen, haben wir heute keinen Einfluss mehr. Das ist nicht unser Bier." Dass der Abiturient H. ein Doppelleben als rechter Brandstifter führte, habe doch keiner geahnt.
Und seine rechten Sprüche?
Einmal, erklärt Thürmer, habe er Christopher beiseite genommen, im Vorbereitungsraum des Chemiesaals, und ihn gefragt, was das solle. "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg", habe der Schüler geantwortet. "Soll ich so etwas der Polizei melden?", fragt der Direktor.
Christopher, der erst nach einem anonymen Hinweis aufflog, hatte durchschnittliche Leistungen. In Chemie zählte der Junge, der in seiner Freizeit als "Freikorps-Führer" aus Ottokraftstoff und Öl brandgefährliche Molotowcocktails mixte, zu den Besten. Nach der Schule wollte er Soldat werden, als Unteroffizier eine Ausbildung zum Chemielaboranten beginnen.
In der Abiturzeitung, die wenige Wochen vor H.s Festnahme entstand, ist ein Bild, auf dem er in "Lonsdale"-Jacke und "Thor Steinar"-Mütze - Erkennungszeichen der Skinhead-Szene - in der Klasse sitzt. Darunter die Kommentare, die Mitschüler über ihn abgegeben haben. Ein "introvertierter" Bombenleger sei er, "gefährlich unauffällig" und mit einem "Drang zur Weltherrschaft"; "Ähnlichkeiten zu einem österreichischen Diktator", "Größenwahn" und "explosive Gedanken". Am Ende steht die Befürchtung: "Wird uns alle in die Luft jagen."
Christopher selbst hat in die Rubrik "Wünsche und Träume" den Satz geschrieben: "Ein freies Deutschland."
Und auf die Frage, "Was die Welt noch wissen sollte": "Ihr hört noch von mir!"
STEFAN BERG, SVEN RÖBEL
* Im Jahrbuch des Abiturjahrgangs 2004 des Nauener Goethe-Gymnasiums. * Auf einen Imbisswagen auf dem Parkplatz des Supermarkts Norma am 31. August 2003.
Von Stefan Berg und Sven Röbel

DER SPIEGEL 10/2005
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