07.03.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEWas zu beweisen war

Wie ein spanischer Arzt die Abseitsregel bekämpft
Es ist wissenschaftlich nicht zu belegen, aber es entspricht menschlicher Erfahrung, dass sich die Welt ab und zu, für 90 und ein paar Minuten, nicht um die Sonne dreht, sondern um den Fußball. Das klingt nach Kopernikus und Galileo Galilei, und zwar zu Recht, sagt Francisco Belda Maruenda. Denn obwohl es hier um Sport geht, sagt er, "geht es doch vor allem um den unaufhaltsamen Fortschritt durch Erkenntnis".
Schwer zu sagen, wann genau die Geschichte dieses tapferen Spaniers beginnt. Schwer zu sagen, welche Fehlentscheidung, welches aberkannte Tor, welcher zu Unrecht angerechnete Treffer den Ausschlag gab, dass er im Stillen sein großes Werk begann. Aber es waren viele. Und viele dieser Fehlurteile taten bitter weh.
Als Belda Maruenda ein Kind war, liefen in den Farben von Real Madrid, seiner lebenslangen Liebe, Spieler aufs Feld, die zu aktiven Zeiten Legenden waren wie heute Zidane, Figo und Raul. Sie hießen Amaro Amancio, Zoco, Gento, Weltberühmtheiten ihrer Zeit, und auch sie waren oft schneller, als es die Schiedsrichter glaubten und erlaubten.
Damals schon, in den späten sechziger, siebziger Jahren, regte sich des kleinen Franciscos Gespür für Gerechtigkeit, wenn ein Radiokommentator ungläubig schrie: "Abseits? Gento? Abseits?" Oder wenn der "Goooooal"-Gesang dröhnte, gegen Madrid, obwohl der Feind aus Barcelona oder München gar kein Recht auf einen Torschuss hatte.
Abseits. Kaum ein Wort schnitt tiefer in die Seele des Spaniers als dieses. Keines, das galligere Debatten mit Freunden und Kollegen auslöste, obwohl nach dem Regelbuch die Sache so klar schien.
Abseits, das ist in Kurzfassung, wenn ein angreifender Spieler im Moment, in dem ein Pass in seine Richtung geschlagen wird, näher zum Tor steht als der letzte Verteidiger. Das ist die Theorie. Sie klingt einfach.
Die Wahrheit aber liegt auf dem Platz. Und die Wahrheit ist, so erfuhr es leidvoll Belda Maruenda, dass die Schiedsrichter keine Entscheidung öfter vergeigten als jene über das Abseits. 31 Jahre alt war er vor 14 Jahren, ein praktischer Arzt, und er fühlte, dass die Zeit für ihn gekommen war, in dieser Sache etwas Wesentliches zu unternehmen.
Er sagte sich, wie Brecht seinen Galilei sagen lässt, dass bei so viel Unklarheit nur die Wissenschaft helfen könne, wie sie "handelt mit Wissen, gewonnen durch Zweifel". Belda Maruenda zweifelte. Nicht nur bis kurz nach dem Abpfiff. Er ging mit dem Zweifel in eine quälend lange Verlängerung. Was ist Abseits? Was ist falsch? Der Linienrichter? Die Regel selbst?
Er tat, damals wie heute, seinen Dienst im Centro de Salud von Alquerías, Provinz Murcia, werktags von 8 bis 15 Uhr. Ein ruhiger Alltag nahe der spanischen Ostküste, wo die Dörfer ringsum Namen haben, die vertraut nach Fußball klingen: Santa Cruz, Molina de Segura. An seinen Vormittagen behandelte Belda Maruenda Kinder mit Erkältungen und Erwachsene mit kleinen Blessuren. Nach Feierabend behandelte er große Fragen.
Er bestellte sich Literatur. Er stöberte in Archiven. Er zapfte elektronisch die Bibliotheken an in London, Berlin, Washington, Paris. Er zeichnete Tabellen. Er fand Studien von Kollegen, die Arbeit von Jaime Sanabrias Gruppe über "okulomotorische Bewegungen und die Abseitsregel", er fand den Aufsatz von Raôul Oudejans' Amsterdamer Team über optische Täuschungen des Linienrichters auf dem Spielfeld. Aber er fand nicht, wonach er suchte: den letztgültigen Beweis.
Jahre gingen ins Land. Weltmeisterschaften. Abstiegskämpfe. Verpfiffene Spiele. Belda Maruenda forschte. Grub sich ein in die Physiologie des menschlichen Auges. Lernte das Organ von Grund auf verstehen, wie viele Millisekunden es braucht, um von A nach B zu schauen; wie viele Millisekunden es braucht, um dazu noch ein C und ein D und womöglich ein E, ein F, ein G zu verarbeiten.
A, das war der Spieler, der den Pass schlägt. B, das war der Stürmer weiter vorn. C, das war der Ball. D der letzte Verteidiger, E, F, G, das waren beliebig viele Spieler mehr, gedrängt am Strafraum oder verteilt übers halbe Feld. Sie alle, mindestens vier, womöglich zehn, zwölf bewegliche Körper muss ein Linienrichter, und alle gleichzeitig, erfassen, um über die Abseitsfrage gerecht urteilen zu können. 14 Jahre rechnete Belda Maruenda. Dann kannte er, lächelnd, die Wahrheit.
Wusste nachweisbar und unwidersprochen veröffentlicht im berühmten "British Medical Journal": Die Abseitsregel ist zu viel für das menschliche Auge. Der Linienrichter kann unmöglich sehen, was er der Regel nach sehen können müsste. Das Haus des Fußballs - gebaut auf Sand. Die Religion um den Ball, gebaut auf Irrglauben.
Belda Maruenda beschloss sein Werk und wartete. Er erhielt Dankesschreiben von Kollegen, nicht von Fußballclubs, nicht von Funktionären, sein Name ging durch die Presse weltweit. Belda Maruenda, Reformator. Galilei des Weltfußballs. Kopernikus des Abseits. Ein Einsamer, hämmernd an die Tore des Weltfußballverbands Fifa, des Vatikans in Sachen Fußball.
Aber der Vatikan schwieg. Und schweigt. Er will es nicht hören. Erst neulich hat er getagt und wollte wieder nicht wissen.
"Eines Tages", sagt Francisco Belda Maruenda, und er klingt am Telefon verzweifelt wie ein Galilei, "werden sie es akzeptieren müssen. Müssen!" Dass der Ball, auch er, keine Scheibe ist. Sondern rund. ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 10/2005
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