07.03.2005

PSEUDOMEDIZINGalilei aus Gelsenkirchen

Ein Professor behandelt neurodermitiskranke Kinder mit einer Mischung aus Diät und Psychokursen. Experten warnen, die Methode sei nicht nur nutzlos, sondern auch riskant.
Wir ändern Weltbilder", verkündet Ernst August Stemmann den gespannt lauschenden Eltern in der Kinderklinik Gelsenkirchen. "Sie lernen hier, wie Menschen funktionieren."
Vier Mütter und ein Vater bilden sein Publikum, und noch gucken sie etwas skeptisch drein. Doch Stemmann ist sich seiner Sache sicher: "Es ist mir verboten zu lügen. Ich habe seit Jahrzehnten nicht gelogen." Dann kommt er zu jenem Kernsatz, der die verzweifelten Eltern hierher gelockt hat: "Neurodermitis ist heilbar."
Stemmann ist Leitender Arzt der Umweltabteilung der Gelsenkirchener Klinik, bis letztes Jahr war er Ärztlicher Direktor. Er trägt einen Professorentitel der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und eine große Wut auf die Wissenschaft im Herzen. "Die haben versucht, mich zu vernichten", erzählt er empört.
Stemmann behandelt vor allem Kinder mit schwerer Neurodermitis, und zwar nach dem "Gelsenkirchener Behandlungsverfahren". Entwickelt hat der Professor diese Methode höchstpersönlich, und er ist sich sicher: Sie wird die Medizin revolutionieren. Deshalb scheut er sich nicht, seinen Namen in einem Atemzug mit dem Galileo Galileis zu nennen.
Neurodermitis ist eine Krankheit, die oft noch vor dem ersten Geburtstag ausbricht. Schon Babys scheuern sich den juckenden Rücken auf dem Wickeltisch wund. Sobald sie gelernt haben, ihre Hände einzusetzen, kratzen sie sich Arme und Beine blutig.
Bei der Neurodermitis richtet sich das Immunsystem gegen die eigene Haut. Die genauen Ursachen sind unbekannt; sicher aber ist, dass Gene eine wichtige Rolle spielen. Solange die Krankheit andauert, lassen sich nur die Symptome behandeln, etwa mit Kortison. Das ist der Stand der Wissenschaft.
Stemmann behauptet, weit darüber hinaus zu sein. Nach eigener Aussage behandelt er jährlich 2000 Patienten - hinsichtlich der PR mit großem Erfolg: Regelmäßig wird er von der lokalen Presse lobend erwähnt. Sogar NRW-Gesundheitsministerin Birgit Fischer (SPD) hat sein Konzept schon empfohlen.
Auch einen Selbsthilfeverband gibt es, der sich für die Verbreitung seiner Methode einsetzt. Erster Vorsitzender ist Ulrich Neumann, Regionaldirektor der AOK. Dessen Krankenkasse übernimmt die Kosten für die Therapie routinemäßig.
Doch Fachmediziner sind entsetzt, sie warnen vor gefährlicher Quacksalberei. Der Hamburger Kinderarzt und Dermatologe Peter Höger etwa warnt vor Stemmanns Ansatz: "Das ist okkulte Medizin."
Die Theorie des selbsternannten Revolutionärs: Chronische Krankheiten wie die Neurodermitis werden grundsätzlich durch Stress ausgelöst. Alle anderen Faktoren - ganz gleich ob Gene, Viren oder Giftstoffe - sind von nachrangiger Bedeutung.
Neurodermitis sei deshalb "nicht als eine Hauterkrankung zu betrachten", doziert Stemmann in einer Broschüre des Selbsthilfevereins. Es handle sich um eine psychische Erkrankung: "Minutiöse Analysen haben ergeben, dass dem erstmaligen Auftreten einer Neurodermitis meist ein traumatisches
Trennungsereignis vorausgegangen ist", schreibt Stemmann in der Februarausgabe der Zeitschrift "Naturarzt". Als Trauma muss dabei wahlweise die Geburt, das Abstillen oder das Weggehen der Mutter im falschen Augenblick herhalten.
Stemmanns Schlussfolgerung: Nur der Patient selbst kann seine Krankheit heilen. Zwei Maßnahmen sollen ihm dabei helfen: eine komplizierte Diät und ein "Trennungstraining", bei dem die Mutter üben soll, ihrem Kind fern zu bleiben, selbst wenn dieses schreit.
Seit mehr als 20 Jahren schon praktiziert Stemmann unbehelligt seine Form der Behandlung - und dies, obwohl sie unter Kollegen nicht nur als nutzlos, sondern auch als gefährlich gilt. "Stemmanns Theorien sind wissenschaftlich eindeutig widerlegt", erklärt Uwe Schauer von der Universitätskinderklinik Bochum. "Zwar ist richtig, dass mit der Neurodermitis psychische Probleme bei Kindern und Eltern auftreten; die Krankheit wird aber nicht durch diese ausgelöst."
Vor allem vor der Gelsenkirchener Diät warnen die Fachärzte. "Die ist Unsinn. Nahrungsmittelallergien spielen nur bei einem Drittel der Kinder eine Rolle, die Rundumschlagsdiät selbst ist das Gefährliche", sagt Dermatologe Höger. Stemmann bestreitet, dass es je zu Problemen gekommen sei. Höger dagegen erklärt, er habe Kinder behandelt, "die als Folge dieser Diät unterernährt und in ihrer Entwicklung deutlich zurückgeblieben waren".
Auch Stemmanns Trennungstraining ruft bei Kinderärzten Unbehagen hervor. Systematisch sollen Eltern in Gelsenkirchen lernen, nicht mehr darauf zu reagieren, wenn sich die Kinder kratzen.
Laut Kinderarzt Schauer kann es für manche Eltern zwar durchaus sinnvoll sein, nicht auf jeden Schrei ihres Kindes sofort zu reagieren. "Problematisch ist jedoch die dogmatische Umsetzung." Ähnlich urteilt Höger: "Die Notwendigkeit der Trennung wird den Eltern eingehämmert, bis sie weinend zusammenbrechen."
Zudem, so die Kritik, würden den Eltern in Gelsenkirchen systematisch Schuldkomplexe eingeimpft. Denn wenn die Neurodermitis trotz Stemmann-Kur nicht verschwindet, habe der Begründer der Trennungslehre natürlich eine Erklärung parat: Verantwortlich seien Mutter und Kind selbst. "Die übliche Methode von Wunderheilern", urteilt Kinderarzt Höger. "Der Heiler gibt nur die Mittel an die Hand, ob es klappt, ist Sache des Patienten."
Rüdiger Szczepanski vom Kinderhospital Osnabrück warnt vor den psychischen Folgen: Finde die Mutter das vermeintlich auslösende Trennungsereignis nicht, könne sie ihr Kind nicht heilen. Die Mutter ist also nicht nur am Entstehen der Krankheit schuld, sondern auch daran, dass das Leiden bestehen bleibt. "Das ist eine ausweglose Situation, die Familien zerstören kann", sagt Szczepanski.
Stemmann indes versichert, er habe seine Form der Behandlung durch umfängliche Forschung untermauert. In angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht hat er indes seit 1989 nicht mehr. Unwirsch reagiert er auf Fragen nach dieser Enthaltsamkeit: "Ich bin Professor, habe alles erreicht. Wer sich für meine Arbeit interessiert, der soll hierher kommen."
Jeden Kritiker könne er mit seinen Ergebnissen "platt machen", versichert er. Gerade das rufe aber die Neider auf den Plan: "Meine Ergebnisse sind zu gut. Wenn Sie etwas wirklich Neues machen, und Sie kommen mit Ergebnissen auf den Markt, werden Sie zerlegt."
Einer, dessen Lehren Stemmann "natürlich studiert" hat, hält sich derzeit in Frankreich auf - im Gefängnis. Ryke Geerd Hamer, so sein Name, hatte Tumorpatienten jegliche Behandlung verweigert, einige von ihnen starben. Wie Stemmann ist auch Hamer der Meinung, ein psychischer Konflikt löse Krankheiten aus; werde der Seelenkonflikt geheilt, verschwinde wie von Zauberhand auch die Krankheit.
Einerseits distanziert Stemmann sich klar von Hamers Ablehnung jeglicher Therapie. Andererseits bot im Internet eine merkwürdige "International Meta-Medicine Association" bis Anfang Januar Stemmanns Dienste als Ausbilder an. Deren Grundlagen basierten laut Homepage "auf den Forschungen und Erkenntnissen von Dr. Hamer". Mittlerweile sind sowohl die Hinweise auf Hamer als auch Stemmanns Name von der Website verschwunden. Stemmann entschuldigt sich, er sei einmal zum Kongress der Metamediziner gefahren, nicht wissend, "was für ein Club das war".
In einer Hinsicht zumindest unterscheidet sich Stemmann von Hamer: Er kann tatsächlich geheilte Kinder vorweisen, die er als Beleg für die Wirksamkeit seiner Methode ausgibt. Fachmediziner allerdings finden das wenig erstaunlich: "Bei 70 Prozent der Kinder verschwinden die Symptome bis zum dritten Lebensjahr von selbst", erklärt Peter Höger, "wir nennen das Spontanremission." DENNIS BALLWIESER
Von Dennis Ballwieser

DER SPIEGEL 10/2005
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PSEUDOMEDIZIN:
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