07.03.2005

AUTOREN

Hochhuth verdient Respekt

Der Schriftsteller Martin Walser, 77, über eine ihm gewidmete Ausstellung im Münchner Literaturhaus und den Streit um seinen Kollegen Rolf Hochhuth

SPIEGEL: Herr Walser, am Dienstag wird in München eine Schau zu Ihren Ehren eröffnet. Ist es der Clou, dass Sie dort zum ersten Mal aus Ihren Tagebüchern lesen wollen, deren erster Band im Herbst bei Rowohlt erscheinen soll?

Walser: Ja, ich werde erstmals versuchen, dieses Abenteuer Tagebuch vorzuführen. Der erste Band wird die Jahre 1951 bis 1963 umfassen, Titel: "Leben und Schreiben". Wenn man einen Roman schreibt, übt man einen Beruf aus - als Tagebuchschreiber nicht. Der Schreibanlass kann zum Beispiel ein Seminar mit Henry Kissinger 1958 in Harvard sein; und dann braucht der Nasenflügel einer indischen Teilnehmerin mehrere Seiten, während Kissinger gar nicht vorkommt. Die Tagebücher sind der wichtigste Ort für diese Lebensart.

SPIEGEL: Wie stark soll die Münchner Schau, die neben Tagebuchseiten und Kinderfotos von Ihnen auch Dokumente zu öffentlichen Auftritten zeigt, die politischen Reaktionen auf Ihre Arbeit in den Vordergrund stellen?

Walser: Für mich ist das der wichtigste Punkt dieser Ausstellung. Mein Drama "Der schwarze Schwan" etwa war 1964 ein Stück über Schuld, die deutsche Schuld, das in Warschau, Paris, Rom, Dresden und sonst wo gespielt worden ist. Das wurde lebhaft diskutiert damals.

SPIEGEL: Das war lange vor Ihrer umstrittenen Rede in der Paulskirche. Haben Sie bisweilen das Gefühl, in verschiedene Personen zu zerfallen, wenn Sie Ihr Leben betrachten?

Walser: Nein, man wird zerteilt, von anderen.

SPIEGEL: Jetzt sieht sich Rolf Hochhuth, der Autor des Stücks "Der Stellvertreter", nach umstrittenen Äußerungen in einem Interview von Paul Spiegel als "geistiger Brandstifter" hingestellt. Was würden Sie Hochhuth raten?

Walser: Ich würde ihm raten, Herrn Spiegel in Sachen Hochhuth Nachhilfeunterricht zu erteilen.

SPIEGEL: Immerhin hat sich Hochhuth über den britischen Holocaust-Leugner David Irving, mit dem er befreundet ist, positiv geäußert.

Walser: In seinem Interview ist auch von Auschwitz als dem größten Verbrechen die Rede, da gibt es Sätze, die Missverständnisse eigentlich ausschließen sollten. Ich kenne Hochhuths Arbeiten und halte ihn für den geschichtsmächtigsten Autor unserer Generation. Da wäre Respekt angebracht.


DER SPIEGEL 10/2005
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