07.03.2005

DEBATTEWenn Nacktheit subversiv ist

In vielen Ländern versuchen die Machthaber, Pornografie zu unterdrücken - und machen Sexfilme zu Ikonen der Freiheit. Von Salman Rushdie
Natürlich gibt es überall Pornografie, aber wenn sie in einer Gesellschaft auftritt, in der es für junge Männer und Frauen schwer ist, sich zu treffen und das zu tun, was junge Männer und Frauen oft gern tun, dann befriedigt sie ein noch allgemeineres Bedürfnis. Und solange sie das leistet, wird sie manchmal gewissermaßen zum Bannerträger für die Freiheit, ja sogar für die Zivilisation. Würden die Restriktionen, die derartige Gesellschaften gegenüber normalen sozialen, romantischen und sexuellen Beziehungen aufbauen, zerfallen, ginge das Bedürfnis nach Pornografie aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls zurück.
In Pakistan besuchen mehr als 60 Prozent aller Internet-Nutzer pornografische Websites. In Tausenden Internet-Cafés im ganzen Land ist der Zugang zum Netz möglich, und er kostet nicht viel; ungefähr 20 Cent für eine Stunde. Im Jahr 2003 sperrte die pakistanische Regierung über 3000 pornografische Websites, die sie als "korrupte und bösartige Einflüsse" bezeichnete. Die Benutzer werden mehrheitlich als "Jugendliche" beschrieben, was nicht sonderlich überrascht.
Wie schwierig es ist, derartige Websites zu unterdrücken, gestand der leitende pakistanische Telekommunikationsbeamte Zahir Mohammed Khan unausgesprochen ein, als er erklärte, es handele sich hierbei um einen "kontinuierlichen Vorgang ... Wir werden diese Sites immer wieder blockieren".
Im Klartext heißt das, die neuen Sites schießen ebenso schnell aus dem Boden, wie die alten gesperrt werden. Hunger ist Hunger, und die Hungrigen wollen gefüttert werden. Unlängst fand in Peschawar, der konservativsten und am meisten von den Taliban geprägten Stadt Pakistans, eine "englische Filmnacht" statt, bei der amerikanische Hardcore-Pornografie aus den Siebzigern gezeigt wurde. Der Leiter des Kinos behauptete, seine Filmvorführungen verhinderten, dass seine Zuschauer an Qaida-ähnlichen Unternehmungen teilnähmen. "Wenn dieses Kino schließt, werden ihre Gedanken mehr um den Terrorismus kreisen", behauptete er. "Wenn sie diese Filme sehen, sind sie zufrieden." Pornos für den Frieden. Was für eine Parole. Ich vermute, sie würde Larry Flynt, dem alten "Hustler" persönlich, gefallen.
Anderswo in der Welt des konservativen Islam werden die Dämme gegen die Pornografie immer höher gebaut - was ebenso zwecklos ist. In Iran entsteht ein enger Zusammenhang zwischen der Pornografie
und der Idee einer Revolution gegen die Mullahs. (Porno für die Freiheit! Das würde Larry Flynt noch besser gefallen.)
Die iranische Regierung sperrt immer wieder den Zugang zu Websites mit "pornografischen und regierungsfeindlichen Inhalten". Das ist übrigens eine interessante Wendung. Als Chomeini 1979 an die Macht kam, haben seine verurteilungsfreudigen Ajatollahs, wie etwa der 2003 verstorbene Chalchali, zahlreiche Prostituierte hinrichten lassen. Und nun scheinen die Porno-Königinnen die Stoßtrupps der Opposition zu bilden!
In der iranischen Provinz Hamadan, die für ihre ultraharte Linie bekannt ist, gelang es irgendwem 2002 tatsächlich, das Programm des islamischen Nachrichtensenders zu unterbrechen und einen dreiminütigen Porno-Clip einzuspeisen, den ein Zuschauer später als "das Obszönste, was ich je gesehen habe" beschrieb. Man kann über den Mut des sexuellen Revoluzzers, der diese Nummer abgezogen hat, nur staunen.
Im heutigen Iran ist die Verbreitung von Pornografie ein Verbrechen, das mit dem Tode bestraft wird. Dennoch reißt die Flut nicht ab. In einem Bericht über die Verzweiflung der Islamisten zitiert die "New York Times" den Verleger einer mit den Ansichten des religiösen Führers Ajatollah Chamenei sympathisierenden Zeitung, der das Scheitern der versuchten Verbote eingesteht: "Es ist, als würde man eine Leiter entfernen, die am Gebäude angelehnt ist, um zu verhindern, dass ein Vogel auf dem Dach davonfliegt."
Indien besitzt natürlich eine viel offenere Gesellschaft als Pakistan oder auch Iran, aber die sexuelle Prüderie hat dort ebenfalls schwer gelitten. Porno-Filme sind eine rasch wachsende Branche in der indischen Filmindustrie. In den meisten indischen Städten gibt es Kinos, die illegal Filme "für Erwachsene" zeigen, meistens bei heimlichen Sexfilmsessions am Morgen.
Vor einiger Zeit hat der damalige Chefzensor Indiens zur Verblüffung der kulturell Konservativen vorgeschlagen, die indische Porno-Filmindustrie zu legalisieren, damit Hardcorefilme offen in Kinos vorgeführt werden könnten. Der Name dieses radikalen Herren war Vijay Anand, er war der Vorsitzende des Central Board of Film Certification (einer indischen Zensurbehörde), eines Ausschusses, von dem es in einem Bericht der BBC hieß, er sei "ein designierter Hüter der gesellschaftlichen Moral, der Regisseure regelmäßig dazu auffordert, alles zu entfernen, was er als anstößig ansieht, einschließlich Sex, Nacktheit, Gewalt oder Themen, die als politisch subversiv gelten".
Ungeachtet seiner Pflichten als Hüter der Moral meinte Herr Anand: "Pornos werden überall in Indien heimlich vorgeführt ..., und der beste Weg, um dieses Bombardement durch Sexstreifen abzuwehren, besteht darin, sie offen in Kinos zu zeigen, mit legalen Freigabezertifikaten." Und weiterhin behauptete er: "Es gibt in Indien eine Nachfrage nach solchen Filmen, und wir als Zensoren können nicht ständig unseren Daumen auf die Pornografie halten. Indem wir solche Kinos einrichten, würden wir Menschen, die derartige Filme sehen möchten, ein Ventil bieten." Und das ausschlaggebende Argument: "Kinos hätten dadurch die Möglichkeit, konkurrenzfähig gegenüber dem Kabel- und Satellitenfernsehen zu bleiben."
Vyjayantimala Bali, eine altgediente Tanzfilmkönigin, die heute politisch aktiv ist, meint, Indien benötige keine weitere "Freizügigkeit". Vielleicht irrt sich die legendäre Lady aber, und es ist genau andersherum; vielleicht hat eine freizügigere Gesellschaft weniger Bedarf an Pornografie, auf jeden Fall hat sie es nicht nötig, aus Sexfilmen Ikonen der Revolution oder des Friedens zu machen. Denn eine Gemeinsamkeit aller bisher geschilderten Geschichten ist, dass sie aus antifreiheitlichen Gesellschaften stammen.
Prostitution, die hässliche Stiefschwester der Pornografie, ist in sexuell repressiven Gesellschaften ebenfalls eine gewaltige Industrie, obwohl selten über sie gesprochen wird. In Bombay gehen Schätzungen zufolge mehr als zehn Prozent aller Frauen in der Stadt im berüchtigten Rotlichtviertel Kamathipura und Umgebung auf den Strich.
Schauen Sie sich Mary Ellen Marks Fotos von indischen Prostituierten an, schauen Sie sich Mira Nairs Film "Salaam Bombay!" auf Video an, oder besuchen Sie selbst einmal Kamathipura. Sie werden bald feststellen, warum das vielleicht so ist. Wenn Sie hinter die grellen, neonbeleuchteten Häuser von zweifelhaftem Ruf schauen, werden Sie ein riesiges Meer von schmuddeligen Zelten sehen, im Schatten einer Dunkelheit, die ebenso grell ist wie die Neonlichter der Bordelle. In diesen Zelten leben die Angehörigen - die sehr alten, die sehr jungen, die verkrüppelten, die gebrechlichen und die arbeitslosen Ehemänner, Töchter, Kusinen, Großmütter, Babys, die alle auf den kümmerlichen Tageslohn der Mädchen angewiesen sind. Porno für die Wohlfahrt: eine weitere Verirrung, die aus einer Gesellschaft entstanden ist, die die Augen vor den Bedürfnissen ihrer ärmsten und schwächsten Mitglieder verschließt.
Um noch mal auf Iran zurückzukommen: Dort sahen sich die Mullahs gezwungen, "vorübergehende Ehen" zuzulassen, gegen Gebühr, in eigens für diese Zwecke bestimmten Gebäuden, die wir im korrupten alten Westen als Bordelle bezeichnen würden.
Welcher Prozentsatz der Frauen, die in dieser unersprießlichen Umgebung arbeiten, sich mit Geschlechtskrankheiten oder Aids infiziert - ganz zu schweigen von ihren vorübergehenden Ehemännern -, lässt sich unmöglich abschätzen, aber er ist vermutlich erschreckend hoch. Wenn man so tut, als würde ein Problem nicht existieren, kann man es nicht lösen.
Wenn westliche Pornografie ein Symptom westlicher Dekadenz ist, dann ist östliche Pornografie eine Begleiterscheinung der östlichen Repressionen. Pornografie ist fast immer das Ergebnis - oder das dramatische Symptom - eines nichtpornografischen sozialen Unbehagens. Sie ist fast nie dessen Ursache.
Salman Rushdie
zog sich vor gut 16 Jahren den erbitterten Zorn muslimischer Fundamentalisten zu. Nachdem sein Roman "Die satanischen Verse" erschienen war, warf Irans Ajatollah Chomeini dem Schriftsteller Gotteslästerung vor und rief in einer Fatwa alle Glaubensbrüder dazu auf, den unliebsamen Autor zu töten.
Nun reizt der in Indien geborene Rushdie, 57, der jahrelang unter Polizeischutz in wechselnden Verstecken lebte, erneut die Fundamentalisten in der arabischen und asiatischen Welt. Sein Thema diesmal: Pornografie.
In einem Essay für den Bildband "XXX 30 Porn-Star Portraits" (Bulfinch Press, New York/Boston) des amerikanischen Fotografen Timothy Greenfield-Sanders behauptet Rushdie, dass Pornografie in repressiven Gesellschaften wie etwa Iran oder Pakistan "zum Bannerträger für die Freiheit, ja sogar für die Zivilisation" werden könne.
Rushdies Plädoyer gegen Prüderie und Unterdrückung machte in Indien und Großbritannien bereits Schlagzeilen. Der SPIEGEL druckt den umstrittenen Essay als erstes europäisches Medium. Die Porträtfotos von Timothy Greenfield-Sanders, auf denen 30 der bekanntesten weiblichen und männlichen Darsteller der US-Porno-Industrie - jeweils bekleidet und nackt - zu sehen sind, stellt vom Donnerstag dieser Woche an die Münchner Galerie Bernd Klüser aus.
Von Salman Rushdie

DER SPIEGEL 10/2005
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