Von Klawitter, Nils
Im Augenblick will Michael Nikoley in die Sendung von Oliver Pocher. Er arbeitet an einem Bewerbungsvideo, um den ProSieben-Moderator zu einem Hausbesuch zu bewegen - in seiner kleinen Dachmansarde in Hamburg-Schnelsen. Es wäre nicht das erste Mal, dass hier zwischen Heimorgel und Kuckucksuhren Kameras aufgebaut würden. Nikoley, 29, ist schon seit sieben Jahren mehr oder weniger im TV-Geschäft. Eher weniger.
Er hatte Talkshow-Auftritte zu Themen wie "Lasst uns heute peinlich sein" und "Ich schocke gern". Bei "Deutschland sucht den Superstar" wurde er sogar ausgezeichnet - als einer der fünf schlechtesten Bewerber. Dabei hat sich der gelernte Einzelhandelskaufmann bei seinen Auftritten nie geschont.
Für eine Sat.1-Sendung aß er sogar einen Haufen Würmer, ein Auftritt, der sich "dann irgendwie hochgeschaukelt hat", erinnert sich Nikoley. Schließlich landete er bei "Eurotrash", einem dem TV-Bodensatz verpflichteten Format des englischen Senders Channel 4. Dort sang er sein Lied "Hol dir einen runter", trank aus einer Bierflasche, die unter der freigelegten Brust seiner Freundin klemmte und taperte für eine Homestory nackt durch den Hamburger Hafen.
Im vergangenen Jahr lief es dann nicht mehr so gut. Nikoley war nur kurz als Freierdarsteller in einer Gerichtsshow zu sehen. Deshalb setzt er nun alles auf seine Bewerbung bei "Big Brother" ("BB") auf RTL II. Wenn die Quote stimmt, soll die vergangene Woche gestartete sechste Staffel nicht mehr 100 Tage laufen oder ein Jahr, sondern ewig. Eine Reality-Seifenoper in Endlosschleife, wie es der Hollywood-Film "Die Truman Show" einst vormachte.
Immer wieder sollen Kandidaten in das mit Nato-Stacheldraht gesicherte Miniaturdorf auf dem Gelände in Köln-Ossendorf nachrücken können. Warum also nicht er, Michael Nikoley, der arbeitslose Einzelhandelskaufmann? Muss ein "Abbild der Gesellschaft", das die Produktionsfirma Endemol verspricht, nicht auch aus Hartz- IV-Opfern wie Nikoley bestehen?
Der neuerliche Start der Serie führte zu einer wahren Völkerwanderung von Menschen, die - wenn schon sonst nirgends - beim Unterschichtensender RTL II eine kleine Karrierechance witterten: 26 000
meldeten sich zu den Castings. Wie Nikoley, der nun jeden Tag auf einen Anruf hofft, dass er in den TV-Knast darf.
Was er zurücklassen würde - Familie, Freundin, die gemeinsame Wohnung -, scheint ihm überschaubar, verglichen mit der wachsenden Furcht, einfach nicht mehr wahrgenommen zu werden in einem Land voller Arbeitsloser wie ihm.
"Big Brother" dabei gleich als Fanal der Niveaulosigkeit zu brandmarken, nur weil die Show in der trüben Perspektivlosigkeit der Menschen fischt, wäre so trivial wie das Format selbst. Vielmehr ist "BB" doch eine "Informationssendung über die Deutschen von heute" ("Tagesspiegel"): Die Bereitschaft, sich für diesen Schauprozess öffentlich preiszugeben und so zumindest für Minuten irgendjemand zu sein, war selten so ausgeprägt. "Grundloses Selbstbewusstsein" nennt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz diese Exhibitionismus-Epidemie, sich einen Weg aus der eigenen Ausweglosigkeit zu bahnen.
Statt 12 Prozent Marktanteil hätte die Show "eigentlich 40 bis 50 Prozent verdient", glaubte Borris Brandt, Geschäftsführer von Endemol, als er vor dem Start seiner neuen "BB"-Staffel durch die Dorfkulisse führte. Er trug dazu eine Art Wehrmachtmantel mit passenden wadenhohen Stiefeln und sah aus wie frisch aus dem Schützengraben abkommandiert.
Brandt marschierte durch die spakige Küche des Armenhauses, in dem sechs Bewohner als Knechte Wand an Wand mit Kühen, Ziegen und Schweinen leben werden. Niederländischen Kameraleuten erklärte er, das Image der Sendung in Deutschland sei "nicht so groß, wie die Show eigentlich ist".
Kritiker, so seine Dolchstoßlegende, hätten mit Berichten über die Parallelwelt in der Fernsehkulisse für ein schlechtes Werbeumfeld gesorgt. Die Werbeblöcke sind nicht ausgebucht, was Brandt "tierisch nervt". Kein Zuschauer könne schließlich besser von der Industrie angepeilt werden als der "Big Brother"-Konsument: "Der geht nicht auf die Katastrophen der Welt ein und lässt sich durch nichts irritieren."
Auch der Psychologe Ulrich Schmitz war bei der Dorfbesichtigung dabei. Er prüfte die Bewerber auf deren seelische TV-Stabilität, was, wie Brandt immer wieder betont, "sehr ernst" genommen werde.
"Die Seele ist doch überall, wo wir hingehen", sagte Schmitz so geheimnisvoll wie unverständlich. Für die letzte Staffel hatte er im Casting eine junge Berliner Mutter durchgewunken, auf die - während sie sich nackt im Container räkelte - zu Hause ein kleines Kind wartete. Da dort zu Hause aber "Ruhe" gewesen sei, spricht für Schmitz nichts gegen die Wiederholung eines derartigen Einsatzes.
Der Psychologe liefere nichts anderes als "wissenschaftliche Gefälligkeit", sagt Norbert Bolz. "Er ist der vermeintliche Wächter der Humanität, obwohl es darum gerade nicht geht: Man wartet doch auf den Skandal, den Ausbruch."
Live-Piercing, Sex unter der Dusche und auch die nächtens gesendeten Judenwitze in der fünften Staffel sind im Grunde nur die Spitze der Inszenierung. Natürlich schrie "Bild" der jungen Berlinerin irgendwann auf dem Titel lautstark entgegen, sie sei eine "Herzlos-Mutter" - aber nicht, ohne sich vorher an deren Strip-Fotos delektiert zu haben.
Um nun auch im Dorf - einer Mischung aus rheinischem Freilichtmuseum und Möbelhaus-Tristesse - genügend schlagzeilenträchtige Bordellatmosphäre zu schaffen, fragten die Oberspielleiter von Endemol schon im Casting-Fragebogen nach "sexuellen Vorlieben". Vor allem die Kandidatinnen durften sich dann gleich mal ausziehen. Wann das neue "Latina-Luder" ("Bild") Juanita - wie die meisten anderen Probanden bisher als Tänzerin über Gelegenheitsjobs nicht hinausgekommen - zum ersten Mal nackt an der Table-Dance-Stange in der Dorfdisco hängt, scheint nur eine Frage von Tagen.
"Nackt gehört sich nicht", findet dagegen Anna Poliakowa. Sie ist 19 Jahre alt und saß vor kurzem in einem Besprechungszimmer von Endemol in Köln-Ossendorf. Aus dem Fenster war in der Ferne die Dorfkulisse zu erkennen, in die sie bald einziehen soll. Anna Poliakowa ist in Moskau geboren. Sie ist groß und blond und glaubt, im Dorf "nach meinen Regeln zu spielen".
Als sie 14 war und schon lange in Deutschland lebte, haben ihre Eltern begonnen, Fotos von ihr an Kaufhäuser zu schicken. So wurde sie Fotomodell. Sie laufe inzwischen viel für große ausländische Designer, "die hier aber keiner kennt",
sagt Poliakowa. Unterwäsche für Versace durfte sie immerhin auch schon vorführen.
Anna hat einen armenischen Manager. Sie lernte ihn in einer Kölner Disco kennen. Er saß dort in der Jury einer Miss-Wahl. Poliakowa hatte schnell den Eindruck, dass er über "Drähte" verfüge, die ihr weiterhelfen könnten. Der Armenier hatte ihr erzählt, Manager des in Vergessenheit geratenen englischen Busenwunders Samantha Fox zu sein.
Irgendwann im vergangenen Jahr saßen das Model und der Manager nach einem Termin in Los Angeles im Flugzeug, und Poliakowa wollte nicht mehr. "Ich war ausgelaugt", sagt sie. "Dann geh doch zu ''Big Brother''", habe ihr Manager sie ausgelacht.
"Wenn man nicht mehr weiterweiß", wirft Borris Brandt ein, "dann ist ''BB'' ein gutes Forum." Poliakowas Manager verdient während ihres Dorflebens sogar weiter an seinem Model: Von den künftigen "Big Brother"-Preisgeldern, die sie in "Matches" gewinnen kann, sowie der monatlichen Aufwandsentschädigung bekommt er seinen Teil ab. Jeden Abend kann er zudem sehen, was sie so treibt.
Was die 19-Jährige am meisten fürchtete, war das "Exil", in das sie wenige Tage vor ihrem Einzug musste: Abgeschnitten von der Außenwelt, wurde sie in ein von Endemol gemietetes Haus geschickt - der anschließende Gruppenvollzug im Hochsicherheitstrakt wird ihr nun wie eine Erlösung vorkommen.
Marion Münzer aus Recklinghausen, 32, hatte es vergangenes Jahr bis ins Exil geschafft, vier Wochen lang. Die Sozialversicherungsfachangestellte war immer kurz davor, in den Container der fünften Staffel zu ziehen. "Über sieben Monate
ging es hin und her", sagt ihr Mann Ludger**, gelernter Landwirt und jetzt in der Fitnessbranche tätig.
Immer wieder habe Endemol sie "heiß gemacht". Acht Monate nahm Marion Münzer unbezahlten Urlaub. Als sie im "Vorbereitungscamp" war, log ihr Mann Freunden und Verwandten vor, sie sei zur Kur. Eine Freundin wollte das nicht glauben und kam zu dem Schluss, Marion sei in der Psychiatrie. "Einmal kam ein Anruf ''Montag geht''s los''", erzählt Ludger. "Da habe ich geheult." Ihren Kinderwunsch stellten die Münzers erst mal zurück.
Als im vergangenen November die endgültige Absage kam, hätten sie "die Kinderproduktion wieder aufgenommen", sagt seine Frau. Kurz darauf schickte sie ihre insgesamt dritte Bewerbung an Endemol. Sie wollte jetzt mit ihrem Mann ins Dorf ziehen. "Sie kennen mich aus dem Exil", schrieb sie in ihrem Brief, "aber Sie kennen meinen Mann noch nicht." Der komme nämlich vom Bauernhof. Da sie ahnte, dass dies nicht reichen würde, schrieb sie noch von ihrer Babyplanung, die sie auch ins Dorf verlegen würden. Ein paar Tage später kam die Zusage von Endemol.
Die Münzers sind seit der ersten Staffel von "Big Brother" als Zuschauer dabei. Nun warten sie wieder. Sie kennen die TV-Casting-Maschine, die in immer kürzeren Abständen Sternchen backt, deren Zukunft alt aussieht, bevor sie beginnt. Sie wissen um die Kurzzeitstars der ersten Folgen, die immer kürzer werdende Halbwertszeit ihres Ruhms und deren bemitleidenswerte Versuche, gegen das Vergessen anzukämpfen. "Man schenkt schon sein Leben hin", sagt Marion Münzer leise.
In ihrer kleinen Wohnung, die früher ein Kuhstall war, läuft jetzt Musik, "Atlantis is Calling" von Modern Talking. "Wir haben doch nichts zu verlieren", sagt Ludger Münzer. NILS KLAWITTER
DER SPIEGEL 10/2005
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