10.12.1979

KOMMUNISTENPrinzip Geld

Die maoistische Splitterpartei Kommunistischer Bund Westdeutschland hat sich ein Millionenvermögen erwirtschaftet -- mit einer kapitalistischen Unternehmensgruppe, die aus KBW-Mitgliedern Profit schlägt.
Wenn Funktionäre von K-Gruppen
politische Positionen und Postulate formulieren, haben sie immer dieselben Feinde im Visier -- "Bourgeoisie" und "Kapitalismus". "Die soziale Revolution", heißt es deshalb im Programm des "Kommunistischen Bundes Westdeutschland" (KBW), "hebt das Privateigentum an Produktionsmitteln auf" und "überführt sie in gesellschaftliches Eigentum".
Die Gesellschaft, die sie meinen, hat ihren Sitz in der Mainzer Landstraße 127 zu Frankfurt und die Rechtsform einer Kommanditgesellschaft. Die Kühl KG (Einlage: 505 000 Mark) nimmt, wie Hans Gerhard ("Joscha") Schmierer, Sekretär des KBW-Zentralkomitees (ZK) es nennt, "am normalen Wirtschaftsleben" teil -- und handelt dabei gerade so wie einer jener kapitalistischen Konzerne, die der KBW am liebsten abschaffen möchte: "Abgerechnet wird nach dem Prinzip Ware gegen Geld."
Während die westdeutsche Wirtschaft unter der Rezession litt, mauserten sich die maoistischen Sektierer, deren ZK sämtliche zwölf Kommanditisten der "Kühl KG Verlagsgesellschaft Kommunismus und Klassenkampf" stellt, zur finanzstärksten K-Gruppe der Republik. Im Verbund mit drei Tochtergesellschaften setzte das Unternehmen vergangenes Jahr knapp sieben Millionen Mark um und erwirtschaftete bislang ein Vermögen von rund zehn Millionen Mark.
So wohlhabend ist eine erst 1973 gegründete Gruppierung westdeutscher Maoisten, deren knapp 2500 Mitglieder in ungezählten Zellen, 38 Bezirks- und drei Regionalverbänden organisiert sind. Straff geführt vom ZK, wollen die von Verfassungsschützern als "besonders militant" eingeschätzten KBW-Aktivisten den "bürgerlichen Staatsapparat" zerschlagen und über die "soziale Revolution" "mit Waffengewalt" die "proletarische Diktatur" erkämpfen.
Wo die Millionen der Mini-Partei (Bundestagswahlergebnis 1976: 0,1 Prozent) herkommen, hält der KBW geheim. Es scheint jedoch sicher, daß vor allem die Mitglieder selbst durch Arbeit und Geld die Kassen von KBW und Kühl KG füllen.
Der Kühl KG gehören mittlerweile neben dem KBW-Zentralbau in Frankfurt (Kaufpreis: 2,7 Millionen Mark) Immobilien in der Berliner Oranienstraße 159, der Gröpelinger Heerstraße 261 a und 263 in Bremen und in Hamburgs Kleiner Rainstraße 21. KBW-Firmen erwarben Druckereien, nachrichtentechnische Anlagen und einen aufwendigen Fuhrpark inklusive Unimog -- und alles wurde bar bezahlt.
Der Unternehmensbereich des Politkonzerns ist weit gefächert. Die Kühl KG handelt mit Baustoffen wie Spanplatten, Verbundglasfenstern und Türblättern, druckt und vertreibt das KBW-Blatt "Kommunistische Volkszeitung" ("KVZ", Preis: 70 Pfennig, Auflage 32000), Broschüren und Flugblätter und baut auch schon mal ein Fertighaus.
Gute Geschäftslage und Millionenvermögen verdankt das Unternehmen einem Gewinnstreben, das eklatant gegen die eigene Ideologie verstößt: Die "Interessen der werktätigen Massen" kommen dabei zu kurz; das "Proletariat" muß Profit abwerfen. Ein hoher westdeutscher Verfassungsschützer: "Der KBW beutet seine Mitglieder aus!"
"Die Zellen", sagt Funktionär Schmierer, "formulieren die Bedürfnisse der Organisation" und "diskutieren", was der einzelne von seinem Verdienst behalten darf. Dabei dienen die Bezüge von Sekretär Schmierer, monatlich 1000 Mark, als "Richtlinie".
Den Rest und mehr schöpft die Partei ab. Da werden schon mal 430 Mark pro Mitglied "Sonderumlage" fällig, wenn, wie kürzlich in Hamburg, die Kühl KG ein zweistöckiges Gelbklinkerhaus ersteht. Da führt -- um "alle Brücken zur Bourgeoisie" (KBW) einzureißen -- die Frankfurter Zentrale Bausparverträge, Bankguthaben, Lebensversicherungen, Grundbesitz und Erbschaften von KBW-Mitgliedern in Parteieigentum über. "Richtig ist", bestätigt Schmierer, "daß verschiedene Mitglieder Vermögen, das ererbt ist oder sonst was, der Organisation zur Verfügung stellen" -- "alles freiwillig", versteht sich.
Was Schmierer unter freiwillig versteht, liest sich in der "KVZ" so:
Durch die Notwendigkeit dieses Kampfes und dieser Kampfmethode ist auch der Zeitpunkt festgelegt, an welchem der Besitz, der einige Genossen noch mit ihrer Herkunft aus der Bourgeoisie verbindet, in Eigentum der Organisation und damit der Arbeiterklasse verwandelt werden muß ... Die Beseitigung von Erbschaften und dementsprechend die Verwandlung von Erben in gewöhnliche Lohnabhängige ist dann ein unumgängliches Erfordernis wenn diese Erben Mitglieder des KBW sind.
Auch ein Bauer aus Schleswig-Holstein ist ein solcher Erbe. Noch ist das Gut, auf dem 650 Schweine gemästet und 27 Kälber aufgezogen, Raps und Roggen, Weizen und Wintergerste angebaut werden, Eigentum des studierten Landwirts. Doch die Partei ist immer dabei, weil, so der Landwirt, "er sonst gar nicht die Zeit hätte, sich politisch zu betätigen, beispielsweise die "KVZ" zu verkaufen".
Genossen vom KBW reparieren defekte Landmaschinen, helfen bei Mast und Saat und chauffieren einen 100 000-Mark-Unimog der Kühl KG über die Äcker, der auch schon bei einer Demonstration in Flensburg auftauchte.
Und die kommunistische Kommanditgesellschaft hat sich auf dem Hof bereits häuslich niedergelassen. "Für den Bau des Ferienhauses" suchte die "KBW Regionalleitung Nord" in ihrem internen "Dokumentations- und Beschlußdienst" unter den Genossen nach "Maurern, Tischlern und Zimmerern", die inzwischen auf dem Gut letzte Hand an das zweistöckige Gebäude legen. Eigentümer: Kühl KG.
Die Einsatzkommandos auf Baustelle und Bauernhof arbeiten nicht nur zum Nulltarif, sondern müssen -- "Essen kostet ja schließlich auch Geld" -- zudem noch acht Mark pro Mann und Tag für Verpflegung berappen.
Wie gut der KBW verdient und welches Vermögen die Kühl KG auf dem "Weg für eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse" gebildet hat, lassen die Parteifunktionäre im dunkeln. Zum Fuhrpark verlautbarte beispielsweise Chefideologe Schmierer, daß "wir eine Anzahl von 11 Fahrzeugen anstreben". Verfassungsschützer zählten dagegen insgesamt 52 Autos der schwedischen Nobelmarke Saab. Und weil es "bei einem Auto nicht nur auf Wirtschaftlichkeit ankommt" (Saab-Slogan), gönnen sich die Genossen auch einige Spitzenmodelle vom Typ Turbo (Stückpreis: 23000 Mark).
Auch bei Angaben über Ausmaß und Wert ihres elektronischen Kommunikationssystems "Redactron" (Neupreis: 30 000 Mark) neigt Schmierer zur Untertreibung: Weltweit seien lediglich "rund zwanzig Geräte im Einsatz". Doch allein in einer einzigen Untergliederung müssen die Mitglieder jährlich Wartungskosten von 37 222,20 Mark für 23 Geräte bezahlen.
Das Rätsel, warum ausgerechnet Maoisten .sich wie Kapitalisten gebärden, glauben Staatsschützer gelöst zu haben: "Wenn es mit der Revolution nicht klappt", sagt ein Verfassungsschützer über die millionenschwere KBW-Führung, "sind sie wenigstens Kommanditisten."

DER SPIEGEL 50/1979
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