10.12.1979

„Die USA nehmen keine 3000 Schahs“

Zwei Wochen brauchten saudiarabische Polizisten und Soldaten, um die Große Moschee von Rebellen freizukämpfen: Beweis für die Schwäche des saudischen Herrscherhauses, das sich wachsender politischer Opposition gegenübersieht. Sagenhafte Korruption hat das Regime ausgehöhlt, die Prinzen haben Angst vor der Zukunft.
El-hamdu lillah, el-hamdu lillah",
(Allah sei gepriesen) war der einzige Kommentar des Prinzen Salman Abdel-sis. Reporter hatten den Emir der saudiarabischen Hauptstadt nach seiner Ansicht über den blutigen Ausgang der Moschee-Besetzung im heiligen Mekka gefragt.
"Der Herr hat die abtrünnigen Ketzer besiegt", formulierte Innenminister Naif Ibn Abd el-Asis schon deutlicher. Er selbst hatte zwei Wochen lang den Kampf gegen den ersten Volksaufstand im Familienbetrieb Saudi-Arabien geleitet. Erst dann waren die letzten Rebellen in der Moschee besiegt.
Die definitive Erfolgsmeldung der saudischen Sicherheitsbehörden gipfelte in der Angabe, 60 Soldaten und 135 "Abweichler von der wahren Religion" hätten den Tod gefunden.
Doch die Saudis scheinen sich verzählt zu haben: Schon eine Woche nach dem Anschlag auf die Kaaba sprachen Sicherheitsbeamte in Mekka bereits von "über 300 Toten". Auch von 300 Gefangenen war vorher die Rede gewesen. In der Schlußbilanz will der Beduinen-Staat aber nur noch 170 Angreifer in Gewahrsam haben. Ein Großteil der Tempelschänder konnte offenbar unerkannt entkommen.
Vollends. unglaubwürdig waren die Erklärungen des Königsbruders und Innenministers Naif. Hatte er anfangs noch "mehrheitlich Saudi-Araber" festgestellt, kam er später auf "gewisse Nationalitäten" zu sprechen und stellte jedesmal ängstlich klar, daß "weder Amerikaner noch Perser" in die Affäre verwickelt seien.
Nach Abschluß der Kämpfe gab das Innenministerium dann bekannt: "Die meisten Renegaten kamen aus arabischen und islamischen Ländern, vor allem aus Ägypten, Kuwait, Nord- und Südjemen, Marokko und Pakistan."
Also doch keine Saudi-Angelegenheit? Mußten die Mekka-Schänder doch ausländische Teufel sein? Die Ölprinzen haben in den vergangenen drei Wochen die bestürzende Erfahrung gemacht, daß sie ihr Land nicht mehr so fest im Griff haben wie bisher: >ln der ölreichen Ostprovinz des Königreichs demonstrierten Tausende Saudi-Bürger gegen die Unterdrükkung durch die Dynastie.
* In el-Hufuf, Ras Tannura am Persischen Golf und in Dhahran und el-Chubar gefährdeten erregte Schiiten das friedliche Nebeneinander mit der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit, indem sie die islamische Revolution des Schiiten-Idols Chomeini hochleben ließen.
* In Sihab bei Katif Iynchte eine erregte Menge einen Polizisten und einen Angestellten der allmächtigen "Arabian American Oil Company" (Aramco).
In der von Unterprivilegierten, von Schiiten bewohnten Ostprovinz waren schon seit Jahren Sabotageakte begangen worden, ließen regierungsfeindliche Kommandos Pipelines und Bohranlagen in die Luft gehen, ohne daß Meldungen darüber nach außen drangen (SPIEGEL-Titel 34/1979). Um Schlimmerem zuvorzukommen, schickte die Regierung in Riad die halbe Armee in die unsicheren Landesteile, 20 000 Soldaten, natürlich Sunniten.
Der Rest wurde in Mekka gebraucht. Doch von einigen Eliteeinheiten des Heeres und der Nationalgarde abgesehen, verließ sich die Prinzenriege in der heiligen Stadt lieber auf die "Weiße Garde" -- eine 10 000 Mann starke Spezialarmee absolut verläßlicher Beduinen, "die außer Allah nur den König kennen", so ein amerikanischer Erdölfachmann mit 14jähriger Landeserfahrung. Diese Truppe ist allein der Beduinengarde des Jordanierkönigs Hussein vergleichbar.
Beduinen stehen in dem Ruf, auch gegen sunnitische Glaubensbrüder zu kämpfen. In Medina, der zweiten heiligen Stadt des Islam, wurden die Wüstenstoßtrupps mit meuternden Sympathisanten der Moschee-Stürmer an einem einzigen Tage fertig. Die Schlacht um das Mekka-Heiligtum hingegen dauerte volle 14 Tage.
"Wir wollten verhindern, die Heilige Moschee zu beschädigen", rechtfertigte Saudi-Kronprinz Fahd wenig überzeugend die langwierige Operation.
Denn die Soldaten schossen unbekümmert drauflos. Sie hielten mit schweren Mörsern, zuletzt sogar mit Kanonen in die Moschee. Sie beschädigten zwei Hauptminarette und die Säulen der Wandelgänge.
Den 900 Moschee-Besetzern hatten sich in einer Spontan-Reaktion noch gut zweitausend bis dahin unbeteiligte Gläubige angeschlossen, die im Heiligtum beteten. "Gerade die Mekkaner warten nur auf eine Gelegenheit, mit den verhaßten Saudi-Emiren abzurechnen", sagte ein Armeeoffizier aus der heiligen Stadt.
Je länger die Kämpfe dauerten, desto deutlicher wurde das Ausmaß der Revolte. Offenbar in genauer Absprache mit zahlreichen Stadtbewohnern besetzten die Rebellen tagelang zwei Häuserzeilen gegenüber der Moschee. Frauen und Kinder übernahmen den Transport von Waffen und Proviant, weil sie bis zum Ausbruch der Kämpfe von der Polizei nicht gefilzt wurden.
Folge: Vom ersten bis zum letzten Tag der Kämpfe durfte keine Frau die Stadt verlassen, sind unter den 7000 Verdächtigen, die in Mekka verhaftet wurden, mehr Frauen als Männer.
Die libanesische Zeitung "An Nahar" berichtete von "Waffen- und Munitionslagern in allen Stadtteilen, die ausgereicht hätten, eine ganze Stadt dem Erdboden gleichzumachen".
Weil hunderte von Zöglingen der "islamischen Universität" von Medina und die Studenten des islamischen Studienzentrums in Mekka entweder bei der Rebellion mitmachten oder den Aufständischen zur Flucht verhalfen, ordnete die Regierung die Schließung der beiden Bildungsstätten an.
Auch dabei leistete sich die Regierung Widersprüche: Mal sollte der mekkanische Instituts-Schüler Mohammed Ibn Abdallah der religiöse Führer der Gruppe gewesen sein, mal der Medina-Student Dschuhaiman.
Von den Kämpfen in Mekka wie den Ausschreitungen in der schiitischen Ostprovinz ermuntert, meldeten sich unterdessen auch andere Regimegegner zu Wort. In Beirut behauptete der Vorsitzende der "Union der Völker der arabischen Halbinsel", Nassir el-Said, seine Organisation sei an den Kämpfen beteiligt und erstrebe die Abschaffung der Monarchie. "Alle Volksschichten, Leute aus Armee, Polizei, Regierung und Arbeiterschaft" seien in seiner Refreiungsunion vertreten, die "keinen Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten" mache.
Schon seit einem Jahrzehnt hatte sich eine andere, vom Irak ausgehaltene "Befreiungsfront der arabischen Halbinsel" auf die Saudi-Dynastie eingeschossen. Desertierte saudiarabische Offiziere und Mannschaften gingen gelegentlich über die Grenze in den Irak, Exil-Saudis arbeiteten heimlich an Zukunftsprojekten zum Sturz des Herrscherhauses.
Die offenbar sorgfältige Vorbereitung und Durchführung des Angriffs lassen erkennen, daß die offizielle Saudi-Version, es handele sich um die Wahnsinnsaktion eines kameltreibenden Wüstenstammes, falsch war.
Die marokkanische Zeitung "El-Muharrir" beruft sich auf einen marokkanischen Augenzeugen, der sogar die Ausrufung eines "Mahdi" (Rechtgeleiteten) durch die Rebellen als Erfindung der Saudi-Behörden abtut, mit dem Ziel, die politische Seite der Rebellion durch die religiöse zu verdecken.
Trotz der religiösen Motive im Spiel war der Fall Mekka durch das politische Klima offenbar schon vorbereitet. Der Kommandant eines Militär-Flughafens bei Riad: "Ich weiß, daß ein mutiger Offizier in einem Handstreich meinen Stützpunkt in seine Gewalt bringen kann. Für die korrupten Emire lassen sich meine Soldaten nicht totschießen."
Die Saudi-Prinzen hat inzwischen erkennbar die Furcht gepackt. Am Tage nach Ausbruch der Kämpfe in Mekka ließ die Regierung die Polizei und ganze Truppenteile der Armee indirekt entwaffnen: Sie ließ die Munition einziehen und die Munitionsdepots versiegeln. "Wenn ein paar Diebe mit Messein in unsere Polizeiwache eingedrungen wären, hätten wir die Flucht ergriffen", gesteht ein altgedienter Wachtmeister in Dschidda.
Selbst Taxi-Fahrer finden, daß es gute Gründe gebe, gegen das Regime aufzustehen. Ohne vorherige Bekanntschaft drängen Hotelangestellte und Ladenbesitzer frisch Zugereisten die Meinung auf: "Mekka ist hier überall."
"Wir wollen uns der Diktatur der Saudi-Dynastie entledigen", gelobt der Chef der "Union zur Befreiung der Völker der arabischen Halbinsel", und er meint damit Befreiung von Willkürherrschaft, Korruption und religiöser Engstirnigkeit.
Die Schiiten im Osten und Süden fühlen sich als Menschen zweiter Klasse behandelt, die kulturell höher stehenden Einwohner des Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina sehen in den Saudis nur Statthalter der Beduinen-Stämme aus dem Nedschd, dem zentralen Wüstengebiet. Die puritanische Moslembruderschaft äußert gerade jetzt, da die volksweite Empörung über innere Mißstände sich nicht mehr verheimlichen läßt, ernste Kritik am System und an den Prinzen selbst.
Vetternwirtschaft und Korruption haben in den letzten Jahren ein Ausmaß angenommen, das selbst für eine Scheichokratie kaum noch tragbar erscheint. Zum Wahrzeichen der Korruption wurde der überdimensionale Wasserturm von Dschidda, der eigentlich das Wahrzeichen der Hafenstadt werden sollte.
Der riesige Betonturm mit dem pilzförmigen "Wasserkopf" kostete offiziell 21 Millionen Rial, verschlang daneben aber weitere 60 Millionen Rial. Obendrein ist er noch falsch konstruiert und war daher von Anbeginn unbrauchbar, so daß die Stadtverwaltung inzwischen einen Ersatzturm bauen mußte.
Insider bringen auch ausländische Firmen in Zusammenhang mit den saudischen Finanzskandalen. Verwaltungsbeamte in Dschidda fragen zum Beispiel, wie man sich wohl erklären könne, daß eine bundesdeutsche Firma seit zwei Jahrzehnten für Millionenbeträge das Abwässersystem der Stadt in den Griff zu bekommen versucht, diese Aufgabe aber noch nicht einmal im Geschäftszentrum der Stadt bewältigt hat.
"Nur die Spitze eines Eisberges war das Ding mit Prinz Ahmed Ibn Abd el-Asis", berichtet ein städtischer Bauingenieur aus Mekka: Der Unterstaatssekretär des Innenministeriums (so der offizielle Titel des Prinzen), baute eine Autostraße quer durch ein Elendsviertel von Mekka. Ein hundert Meter von der Straße entfernt gelegenes Grundstück hatte es ihm angetan. Flugs wurden die mittellosen Bewohner des Viertels zwangsevakuiert, Bulldozer rückten an, Entschädigung gab es nicht.
Mohammed Ibn Abd el-Asis steht im Ruf, sich aus der Staatskasse nach dem Self-Service-Prinzip zu bedienen. Der alternde Königssproß, der eigentlich an Stelle Chalids den Thron besteigen sollte, aber seinen Brüdern wegen raffinierter Stammesintrigen zu gefährlich erschien, unterhält die größte der Prinzen-eigenen Privatarmeen, ein teurer Spaß.
Typische Szene: Prinz Mohammed wird vor seiner Palastpforte in Riad von einem seiner Beduinen-Krieger um eine "Sarga", "eine Blaue", angegangen. Der verhinderte König schenkte dem einfachen Mann mit dem ergebenen Gesichtsausdruck auf Anhieb "die Blaue": einen Buick Electra. Kein Wunder, daß Prinzen sich ins Budget nicht einplanen lassen.
Auch sonst werden die Beduinen, die einzigen verläßlichen "Schwerter der Sippe", gehätschelt, sie genießen beinahe Narrenfreiheit. Von Alkohol und Glücksspiel spricht kaum noch jemand -- zu alltäglich sind diese Themen für die Herrscherschicht, obwohl normale Saudis dafür hart bestraft werden. Selbst dem vielen Beten widmen sich die meisten der Saudi-Prinzen vor allem, weil es nützlich ist. Gepriesene Ausnahme:
König Chalid gilt beim Volk als weiser Staatschef unter Wölfen, weil er seine Tugendappelle selbst befolgt. Doch gegen die Sippe ist er zu schwach, verlassen kann er sich im Grunde nur noch auf die "Weiße Garde".
Hin und wieder greift er schon mal durch: Als die Frau seines Bruders Prinz Turki Abd el-Asis eines Abends in ungewohnter Anwallung von Frömmigkeit die große Moschee besuchen wollte und die Öffnung der Kaaba allein für sich verlangte, machten die Gralshüter des Heiligtums nicht mit, es kam zu einem Handgemenge.
Für König Chalid war der Fall Idar: Prinz Turki wurde samt Gattin ins Pariser Exil geschickt und seiner Funktion als stellvertretender Verteidigungsminister enthoben. Doch solche Kraftakte des Königs haben Seltenheitswert.
Kronprinz und Ministerpräsident Fahd hingegen kann auf starke Verbündete zählen: auf seine königlichen Brüder oder Halbbrüder Naif (Innenminister), Abdallah (Chef der Nationalgarde) und Sultan (Minister für Verteidigung und Flugwesen).
Die Sehnsucht nach des toten Königs Feisal sittenstrenger Herrschaft ist landesweit zu spüren. In Bürostuben und Geschäften hängen immer noch Porträts des vor fast fünf Jahren ermordeten Herrschers, selten Bilder des kranken Nachfolgers Chalid.
Die Revolution im iran, die unsichere Haltung der USA, vor allem die Tatsache, daß sich Edward Kennedy indirekt dafür einsetzt, den Ex-Schah den höheren Interessen der USA zu opfern, flößen den Mekka-geprüften Prinzen schlecht verborgenes Entsetzen ein. "Wenn wir hier kippen, wird es schlimm", gesteht ein Exportkaufmann mit engen Bindungen zu Kronprinz Fahd, "die USA werden keine zusätzlichen dreitausend Schahs aufnehmen wollen.«
Der Gedanke, daß das Dollar-spendende 01 gefährdet sein könnte, läßt lang zurückgestellte Zukunftspläne gedeihen. Am 29. November -- in Mekka tobten die Kämpfe, in der Ostprovinz forderten Demonstranten einen Erdöllieferstop für die USA -- beschloß in Riad der Ministerrat auf geheimer Sitzung, eine neue Pipeline von den Golf-nahen Ölfeldern an die Ägyptennahe Westküste Saudi-Arabiens zu bauen. Eine Schließung der Straße von Hormus oder Unruhen in den Golf-Emiraten würden dann zumindest die Erdöllieferungen nicht wesentlich beeinträchtigen.
Ägypten und Saudi-Arabien kommen angesichts der neuen Gefahr wieder ins Gespräch. Saudi-Geld fließt -- privat -- stärker als je zuvor in Kairos Privatwirtschaft und halbstaatliche Betriebe, wie ägyptische Großunternehmer bestätigen.
Sadat dürfte darüber erfreut sein. Ob er aber vertriebenen Prinzen Asyl gewähren wird, ist keineswegs sicher. Schon am 1. Mai dieses Jahres hatte der Rais die saudische Prinzenclique bloßgestellt, hatte die ägyptische Presse die Zustände in Saudi-Arabien mit einer Akribie beschrieben, wie es bisher nur Marxisten in Beirut getan hatten.
Dann geschah Mekka: Ein Gewährsmann in Dschidda zeigte sich überrascht, daß die Eruption von Mekka so schnell kam: "Mit einem solchen Ausmaß in solch kurzer Zeit hatten wohl selbst die ärgsten Regimefeinde nicht gerechnet."
Eine Bilanz der zweiwöchigen Kämpfe sieht so aus: Mekka hat zwar die Kluft zwischen Chomeinis Schiiten-Extremisten im Iran und der sunnitischen Mehrheit in der arabischen Welt vertieft, aber Mekka gab der Saudi-Opposition auch Hoffnung, das Regime bald stürzen zu können.
Je länger die Kämpfe dauerten, um so deutlicher überwanden auch nichtoppositionelle Volkskreise ihren Unmut über die Verletzung des Tempels, den die Saudi-Prinzen so offenkundig nicht hatten schützen können.
Kairos rechtsliberale Wochenzeitung "El-Ahrar" wagte eine Voraussage: "Die Ereignisse in Saudi-Arabien sind das Vorspiel für einen langen Kampf. Sie werden sich bald wiederholen."

DER SPIEGEL 50/1979
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