10.12.1979

Amerika und der Schah - zusammengekettet

Acht amerikanische Präsidenten waren dem Schah verbunden. Als ihn Washington einreisen ließ, bescherte es sich eine beispiellose politische Krise. Es wurde den Schah nicht mehr los, und in Teheran wurde jener Spionage-Prozeß gegen gefangene US-Bürger angekündigt, den Washington „nicht ungestraft“ hinnehmen will.
Nacht in Manhattan. 25 Wachmänner des New York Hospital-Corneu Medical Center schritten noch einmal die Gänge ab. Dann, vorletzten Freitag um 4.10 Uhr, war es soweit.
Der Patient -- in dunklem Anzug, weißem Hemd, dunkler Krawatte -- aus der schußsicheren Suite 1719 wurde in einen Krankenstuhl gesetzt und durch Flure, Fahrstühle und Gänge zu dem wartenden Auto, einem blaugrünen Chevrolet-Kombi, Baujahr 1976, gerollt.
Das Auto hatte psychedelischen Anstrich, sogar die Fenster waren bunt bemalt, nach Ansicht der New Yorker Reporter wird es üblicherweise von Drogenfahndern benutzt. Jetzt lieferte es den persischen Staatsbürger Mohammed Resa Pahlewi, ehemals Schah seines Landes, zum Flughafen.
Um 4.50 Uhr, 25 Minuten nach der Abfahrt aus dem Krankenhaus-Komplex, erreichte der Konvoi New Yorks LaGuardia-Flughafen, wo eine um 3.42 Uhr gelandete DC-9 der U.S. Air Force wartete. Bereits an Bord: Frau Farah, ehemals Schahbanu des Iran, und seine Kinder, die während Mr. Pahlewis Krankenhausaufenthalt in einem teuren Town House am Beckman Place wohnten, das der Familie gehört.
Stunden später landete die Maschine auf der Kelly Air Force Base in Texas. Die persischen Insassen wurden unter großen Sicherheitsvorkehrungen in das Hospital des Luftwaffenstützpunktes Lackland bei San Antonio geschafft.
Ein Ex-Kaiser auf der Flucht -- sorgfältig beschützt wie der Kronzeuge der Anklage in einem Mafia-Prozeß.
Ein Ex-Kaiser auf der Flucht -- nicht nur bei Nacht und Nebel, sondern auch wie ein Bankrotteur, nämlich unter Hinterlassung einer teilweise unbezahlten Krankenhausrechnung von rund 100 000 Dollar. Bankier David Rockefeller, nebst Kissinger wichtigster Fürsprecher bei der Aufnahme des Schah in die USA, mußte öffentlich dementieren, daß er die Krankenhausrechnung gegengezeichnet habe.
Ein Ex-Kaiser auf der Flucht -- das heißt schließlich, daß Amerika mit der seit Watergate schlimmsten wie absurdesten Affäre auch in der nunmehr sechsten Woche nicht fertiggeworden ist, daß dieses große, mächtige Amerika nicht weiß, wohin mit dem Schah, will sagen, wohin mit einem einzelnen Menschen, einem abgesetzten, jeder Macht entkleideten und dennoch zur Weltgefahr gewordenen morgenländischen Potentaten.
Acht amerikanische Präsidenten waren dem Schah von Persien politisch oder gar freundschaftlich verbunden gewesen, hatten ihm Respekt oder gar Bewunderung gezollt. Etwa: "Wir sind Waffenbrüder" (Franklin D. Roosevelt 1943). Oder: "In seinen Plänen und Träumen für den Iran verkörpert er das Hoffen und Streben seines Volkes" (Dwight D. Eisenhower 1959). Oder: "Der Schah hat die Bürde seines Amtes 20 Jahre getragen und muß sie wohl noch weitere 20 Jahre tragen" (John F. Kennedy 1962). Oder: "Wenn wir solche Männer haben, wachsen die Chancen für den Frieden" (Richard Nixon 1973).
Vor gut zwei Jahren stimmte auch noch Amerikas derzeitiger Präsident Jimmy Carter in die Lobgesänge seiner Vorgänger ein. Auf die Frage, wo er denn am liebsten den Silvesterabend 1977 verbringen würde, antwortete Carter: "Am liebsten beim Schah von Persien in Teheran." Und so geschah es auch. Politisch beurteilte Carter die Lage so: "Unter der großen Führung des Schah ist der Iran eine Insel der Stabilität in einer sonst unruhigen Weitgegend."
So war es denn ein schwerer Affront nicht nur gegen Carter? sondern auch gegen dessen Vorgänger, als Präsidentschaftskandidat Edward Kennedy den bis dahin schrillsten Ton in Amerikas Wehklagen über seine persische Connection ausstieß: Der Schah habe "eines der gewalttätigsten Regime in der Geschichte der Menschheit" geführt.
Die groteske Fehleinschätzung. die Amerika sich seit Jahrzehnten mit dem Schah leistete, kommt die USA heute teuer zu stehen: 50 Mitglieder der Teheraner US-Botschaft in den Händen der moslemischen Fanatiker des Ajatollah Chomeini lebende Demonstrationsobjekte dafür, daß der bärtige Alte eine Supermacht zur Ohnmacht verurteilen kann, weil sie ihre Stärke nicht zu gebrauchen vermag, ohne das Leben der Geiseln zu gefährden.
Aber ohnmächtig war Amerika auch, weil es den Schah nicht einfach seinen islamischen Feinden ausliefern konnte, um seine Geiseln zurückzubekommen, ohne mit seinen moralischen Prinzipien und Rechtsgrundsätzen zu brechen. "Wir können ihn doch nicht in ein Boot setzen und aufs Meer schikken", klagte Washingtons Außenamtssprecher Hodding Carter mit dem Unterton, daß man genau solches am liebsten schon getan hätte.
Während die Flugzeugträger "Kittyhawk" und "Midway" nahe der Einfahrt zum Persischen Golf auf Warteposition kreuzten und Washington seine Warnungen an Teheran verschärfte, ohne daß diese Drohgebärde mit militärischer Stärke den Ajatollah und seine Geistlichen sonderlich beeindruckte, braute sich in den USA eine militante, aber gleichermaßen hilflose anti-iranische Stimmung zusammen.
Iranische Flaggen brannten, persische Studenten wurden angerempelt, die Hurra-Patrioten vom Ku-Klux-Klan kündigten Gegenaktionen an, falls Chomeini-Anhänger es wagen sollten, gegen die Anwesenheit des Schah in seinem neuen texanischen Asyl zu demonstrieren.
Der Ex-Schah war zu einer Bürde geworden, die den USA niemand mehr abnehmen wollte. Allein Ägyptens Präsident Anwar el-Sadat, selbst Außenseiter in der nahöstlichen Staatenwelt, bot dem Perser eine dauernde Bleibe am Nil, aber die USA winkten ab.
Sie sind nicht daran interessiert, die durch den Frieden mit Israel ohnehin gefährdete Lage ihres Freundes noch zusätzlich durch den Aufenthalt eines Mannes zu belasten, der die Feindschaft aller Chomeini-folgsamen Moslems auf Sadat ziehen würde. Eine Explosion in Nahost mit unabsehbaren Folgen wäre dann nicht auszuschließen.
"Eine Situation gefährlicher als die Kuba-Krise", urteilte Uno-Generalsekretär Waldheim, und das wegen eines einzelnen Menschen, einmalig in der Geschichte des Exils verjagter oder abgedankter Machthaber.
Unangefochten durfte sich Deutschlands Kaiser Wilhelm 11. im Exil auf seinem holländischen Besitz Doorn durch Holzhacken fithalten und sogar noch Hitlers Sieg über Frankreich relativ wachen Geistes miterleben, die Revanche für 14/18. Als die Mächte der Entente aufgrund des Versailler Vertrags seine Auslieferung verlangten, wies die niederländische Regierung das Ansinnen entschieden zurück, und dabei blieb es.
Als Ägyptens König Faruk 1952 zur Fahrt ins Exil an Bord seiner Jacht ging, gab es keinerlei Gefahr für ihn. Auf Capri und an der Côte d?Azur freute sich der Dicke im Kreise schöner Frauen als Senior-Playboy seines Lebens, bis er 1965 in Damenbegleitung in einem römischen Luxusrestaurant nach allzu üppigem Mahl einem Schlaganfall erlag.
Daß das ägyptische Außenministerium von Rom Faruks Ausweisung verlangte, war wohl nur eine Formsache: Kairo gab sich mit der Versicherung der Italiener zufrieden, der Exkönig werde Ägypten keinen Schaden mehr zufügen können.
Hellenenkönig Konstantin, derzeit hauptberuflich Playboy, meldete von seinem Londoner Exil aus sogar Entschädigungsansprüche für seine griechischen Liegenschaften bei der Athener Regierung an.
Selbst Machthaber, die für ihre Skrupellosigkeit und blutige Despotie berüchtigt waren, wie Ugandas Ex-Feldmarschall Idi Amin oder Bokassa 1., ehemals zentralafrikanischer Kaiser von eigenen wie Frankreichs Gnaden, oder Nicaraguas Somoza leben heute relativ ungefährdet in ihren Exilen. Ihre Auslieferung betreiben die neuen Regierungen nur mit mäßigem Eifer.
Doch keiner der Abgesetzten hatte auch einen Ajatollah Chomeini zum Nachfolger, dessen Lebensziel es ist, am Schah Rache zu nehmen, wohl selbst um den Preis, dabei noch mehr Blut zu vergießen als der Herrscher in seinen 37 Autokraten-Jahren.
Am Haß des alten Mannes in Ghom läßt sich nachträglich ermessen, welche Herausforderung die Herrschaft des Schah für Persien war -- im Ausland gern übersehen, weil Pahlewi im Verhältnis zu anderen orientalischen Machthabern so aufgeklärt und westlich wirkte, obschon er Macht und Pracht wie kaum ein anderer besessen hatte.
Wirklichkeitsfern eingesponnen in Träume von einem glanzvollen Persien, dessen militärische und wirtschaftliche Kraft, wie er hoffte, nur noch von den Supermächten der Welt übertroffen werden sollte, lenkte der Herrscher seine 35 Millionen meist bettelarmen Untertanen.
Gold und Edelsteine sollten der Welt 1971 bei jener glanzvollen, peinlich historisierenden Show in den Ruinen von Persepolis die Einmaligkeit der Pahlewi-Dynastie und ihres Sprosses Resa unauslöschlich einprägen.
Huldvoll reichte der Schah Generälen Goldmünzen, die dankten ihm mit Handküssen. Sein Washington-Botschafter Sahedi verteilte Spenden, unter denen Washingtons Society heute leidet (siehe Seite 215).
Offen zeigte der Herrscher seine Arroganz gegenüber dem in seinen Augen dekadenten, durch Inflation, Streiks und studentische Rebellen erschütterten Westen. Wortreich pries er das eigene Regiment, sogar noch im Herbst 1978, als er dem Exil schon nahe war: "Ich habe die Macht und kann nicht gestürzt werden."
Er weigerte sich konstant, anderes in Rechnung zu stellen als die scheinbar unbegrenzte Zunahme des eigenen Einflusses, begründet auf dem gewaltigen Reichtum an Öl.
Was Wunder, daß er den Amerikanern als einer mit dem rechten Fortschrittsglauben erschien, als idealer Wächter am Golf, dessen Gewicht und Ansehen sie gern durch Lieferung von schimmernder Wehr verstärkten, durch das größte Arsenal an modernsten Waffen zwischen Israel und Japan.
Alles, alles sank dahin, nicht weil ein mächtigerer Feind im Land oder im Golf einfiel, sondern weil ein mürrischer Greis es so wollte -- diesen Gedanken hat weder der Schah noch Amerika bislang akzeptiert.
Phantastisch erscheint der Sturz aus der lichten Höhe des Niawaran-Palastes im Norden Teherans in die texanische Provinz -- und dieser Sturz ist wohl noch nicht zu Ende, die Sorge ums Überleben vielmehr Hauptbeschäftigung des Exkaisers, seit er am 16. Januar seine silbern und blau gestrichene Boeing 707 namens "Schahin" (Falke) bestieg und die Maschine selbst nach Ägypten steuerte.
Viel Auswahl hatte er nicht. Schon früh gaben die Schweiz und Spanien zu verstehen, daß sie nicht bereit seien, den Flüchtling aufzunehmen. Die USA, damals noch guter Hoffnung, sich mit den neuen Herren zu arrangieren und ihren Stützpfeiler Persien nicht zu verlieren, hatten gleichfalls abgewinkt.
Ägyptens Sadat erinnerte sich der öl- und Geldspenden des Schah und empfing ihn mit allen Ehren, während im Iran die Schah-Denkmäler von den Sockeln stürzten.
Der Ägypter nahm den Schah auf, erbaute sich mit ihm in der Moschee und suchte ihn auf einer Nil-Bootsfahrt zu zerstreuen. "In dieser Lage", so meinte ein Sadat-Vertrauter mitfühlend, "braucht ein Mann einen Freund." Diesen einen, aber nur ihn, verlor er nicht.
In Ägypten standen der unfreiwillige Gast und sein Gastgeber noch gleich zu gleich, erinnerten die äußeren Umstände noch an den gewohnten kaiserlichen Lebensstil, stand noch die gewohnte Boeing nebst Besatzung auf dem Flughafen. Sogar noch eine Einladung kam, von König Hassan von Marokko, überbracht von Botschafter Abd el-Latif Laraki.
Der Schah nahm an, flog schon nach einer Woche Entspannung in Ägypten weiter nach Marrakesch. Doch Hassan behandelte den ex-kaiserlichen Gast schon wesentlich kühler. "Als Privatmann", erklärte er, dürfe der Perser bleiben. Und der Schah blieb. Bewacht von marokkanischen Soldaten, eingehegt und eingeengt.
Unterdessen verschärfte Chomeini seine
Drohungen gegen Marokko König Hassan wurde nervös. Eines Tages entschwand die Besatzung der Schah-Maschine samt Boeing in Richtung Teheran, an Bord auch jene drei Koffer mit Wertpapieren und Bankunterlagen, die der Schah nicht ausgeladen hatte, weil er seinen marokkanischen Gastgebern mißtraute.
Noch während des Marokko-Aufenthaltes kamen erste Meldungen über eine ernsthafte Erkrankung des Schah: Sein Gehirn sei angegriffen, wurde verbreitet, eine Krankheit, die auch schon die letzten Entscheidungen des Herrschers in Teheran beeinflußt habe und seinen schwächlichen Widerstand erkläre. Nun treffe Schah-Gattin Farah alle Entscheidungen im Haushalt.
Dann hieß es, der Schah sei auch herzkrank. König Hassan, der seinen Gast gern wieder losgeworden wäre, ließ sich von den Krankheitsmeldungen nicht beeindrucken. Schon Mitte Februar rief er den Schah morgens um neun Uhr an: "Lieber Bruder, wir müssen leider Abschied nehmen. Vielleicht sehen wir uns nie wieder." Hassan sprach, wie Vertraute erzählen, "in bewußt geschäftsmäßigem Ton".
Es war ein Hinauswurf. Kein Land in der Nähe wollte es sich leisten, einen von Chomeini zum Feind nicht nur Persiens, sondern der Moslems und gar der ganzen Menschheit erklärten Flüchtling aufzunehmen. Gewisse Hoffnungen scheint der Schah auf Englands Margaret Thatcher gesetzt zu haben, noch bevor diese im Mai Premier wurde. Die Britin, spekulierte der Schah, habe ein Herz für Verfolgte.
Diese Hoffnung reichte ihm offenbar, ein prächtiges Landhaus, das er in der Grafschaft Surrey besitzt, mit Millionen-Aufwand zu einer Festung ausbauen zu lassen.
Aber bis Margaret Thatchers Herz sprechen würde, brauchte er eine Bleibe. Am 30. März landete er auf der Bahama-Insel Paradise Island, diesmal, sichtbarer Abstieg, mit Familie und Gefolge in einer geliehenen Maschine der Royal Air Maroc.
Es war keine schlechte Wahl, denn die Bahamas, speziell Paradise Island, sind gutbetuchte Gäste gewohnt, die sich sonst nirgendwo mehr blicken lassen können oder wollen. Dort lebte der menschenscheue Howard Hughes, dort fand unter anderen der von den US-Behörden gesuchte Finanz-Künstler Robert Vesco Zuflucht.
Für den Schah bedeutete diese Station den endgültigen Abstieg von einer politischen Ebene, auf der er mit anderen Staatsmännern Verbindungen pflegen konnte, in den Dämmer von Geschäftemachern und Abenteurern.
Die Firma Resort International gewährte dem Flüchtling für 50 000 Dollar die Woche ein Heim, wie es von nun an zum Schah-Standard gehörte: mit raffiniert versteckten elektronischen Überwachungsanlagen, hochempfindlichen Infrarotgeräten, Zäunen, Beobachtungsposten.
Tag und Nacht suchten Wächter mit Ferngläsern Himmel und Meer ab, ob nicht etwa Chomeinis Rächertrupps schon an Land gingen, keine übertriebene Furcht, da Ajatollah Chalchali, Chefrichter der Revolution, eine Belohnung für jeden ausgesetzt hatte, der den Schah töten würde.
Ein Verleger in der Heiligen Stadt Ghom lobte für dieselbe Tat sogar eine Gratis-Pilgerreise nach Mekka aus, Palästinenserführer Jassir Arafat versprach, den Schah lebend zu fangen und in den Iran zu schaffen.
Die Qualität der Besucher nahm schon auf den Bahamas ab. Diplomaten und Politiker kamen kaum noch, Schah-Freund Henry Kissinger schickte lieber seine Frau Nancy vorbei. Da waren die Pahlewis schon dankbar, daß Dracula-Darsteller George Hamilton die Einladung zu einem Drink annahm. Hamilton erzählte, der Schah sei von seinem letzten Film "Love at First Bite" (Liebe auf den ersten Biß) beeindruckt gewesen, wo ein heimatvertriebener Graf Dracula schließlich Exil in den USA findet.
Das Vampir-Schicksal sei dem Schah sehr nahegegangen, er habe Parallelen zu sich selbst gezogen, erzählte Hamilton. Besonders bewegt habe den Schah, als Film-Dracula Hamilton ausrief: "Was wollen Sie, doch nicht etwa mein Blut?" -- schaurige Mär von einem Blutsäufer mit Gefühl.
Abenteuerliche Gerüchte gingen durch die Presse: Der Schah wolle sich die berühmte Adlernase, Wahrzeichen seiner Familie, begradigen lassen, er plane seine hohlgewachsenen Wangen mit Silikon zu polstern.
Die Bahama-Regierung war den Wirbel um den hohen Gast bald leid. Trotzig bot sich wieder Amerikas Sorgen-Partner Sadat an: "Ich empfinde tiefes Mitleid mit jenen, die sich fürchten, Asyl zu gewähren."
Mexiko fürchtete sich zunächst nicht. In der noblen Privatstraße del Rio in der mexikanischen Stadt Cuernavaca fand der Schah ein halbwegs standesgemäßes Unterkommen: drei Häuser auf einem großen Grundstück, Riesen-Swimming-pool, italo-amerikanische Leibwächter, von den Nachbarn "Mafiosi" gescholten, dicke Tore, hohe Mauern, viel Überwachungselektronik.
In Mexiko hatte der Schah Muße, seine Erinnerungen zu schreiben -- sie sind auch eine Abrechnung mit Amerikanern, dem General Robert Huyser etwa, damals Vizechef der US-Truppen in Europa.
Der hatte laut Schah die persischen Generäle im Januar bei einem Besuch in Teheran überredet, den Schah-Premier Bachtiar nicht mehr zu unterstützten. Der persische General Rabi später vor seinen Richtern: "General Huyser hat den Schah wie eine tote Maus aus dem Land geworfen."
In Mexiko? konnte der Schah freilich auch die Genugtuung erfahren, daß es noch Amerikaner gibt, "die ihren Freundschaften treu bleiben, anders als jene, die "den Kaiser wie eine tote Maus aus seinem Land warfen"?: Ex-Präsident Nixon und Ex-Außenminister Kissinger. Die beiden besuchten den Heimatvertriebenen.
Schah-Verehrer wie Kissinger und Bankier David Rockefeller waren es denn auch, die den Präsidenten drängten, dem Schah die Einreise in die USA zu gestatten -- nur zur Behandlung seiner inzwischen als Lymphdrüsenkrebs diagnostizierten Krankheit.
Zwar fragte Carter seinen Stab noch: "Und was raten Sie mir, wenn die Iraner unsere Leute in Teheran als Geiseln nehmen?", aber Konsequenzen aus dieser Ahnung wurden nicht gezogen, obschon Chomeinis damaliger Premier Basargan den US-Geschäftsträger Laingen ausdrücklich warnte, Persien werde die humanitäre Begründung nicht akzeptieren. Sehenden Auges stolperte Washington in eine beispiellose außenpolitische Krise.
Niemand dachte offenbar daran, daß Chomeinis radikale Moslems auf ein Ereignis wie die Aufnahme des Schah in den USA nur gewartet hatten, um das Feuer ihrer im Parteienstreit und Bürgerkrieg schmorenden Revolution mit Hilfe des Traum-Gegners USA zu einem Flächenbrand zu entfachen, an dem sich seither klerikale Ultras wie laizistische Kommunisten gleichermaßen wärmen.
Niemand stellte in Rechnung, daß Amerika, das sich wegen seiner Fehleinschätzung des angeblich stabilen Schah-Regimes bereits politisch schwer gestraft fühlte, noch direkt zur Verantwortung gezogen werden könnte, nachdem es doch den Sturz des Freundes tatenlos hingenommen hatte. Abermals dilettantische, realitätsblinde Einschätzung der Lage führte zum Debakel.
Niemand kam schließlich auf die Idee, vorher zu untersuchen, ob die Krankheit des Schah nicht auch in Mexiko behandelt werden konnte. Später erklärte ein Arzt des New Yorker Cornell Medical Center dem SPIE-GEL, der Schah leide an einer Krebsart, die ihn nicht unmittelbar gefährde. In "jedem Provinzhospital" hätte er behandelt werden können. In den nächsten sechs bis zehn Jahren brauche er sich um seine Gesundheit keine ernsten Sorgen zu machen.
Am 22. Oktober war der Schah ins Cornell Medical Center aufgenommen worden. Sogleich kündigte der extremer werdende Ton der seit Monaten demonstrierenden Massen in Teheran Schlimmes an. Am 4. November stürmten die Studenten die US-Botschaft, und seither hieß es: den Schah gegen die gefangenen Amerikaner.
Nicht einmal Abschieben des Kranken in welches Land immer hätte erklärtermaßen Washington aus dem Dilemma befreit. Nun war Carter wirklich an den Schah gefesselt, so wie ihn Teheraner Demonstranten darzustellen beliebten.
Aber ein Land, das den Schah aufnehmen wollte, fand sich außer Ägypten auch gar nicht mehr. Offenbar froh, daß es den gefährlichen Flüchtling so erfolgreich weitergereicht hatte, sperrte Mexiko dem Schah die Rückkehr. Nur Major Saad Haddad, selbsternannter Chef des von Israel abhängigen Phantomstaates "Freies Libanon", wäre bereit dazu. Sein Reich mißt nur 700 Quadratkilometer, und geschossen wird dort jeden Tag.
Vergebens bemühte sich Washington, Argentinien zur Aufnahme des Schah zu überreden -- nach dem Kennedy-Verdikt lehnten die Militärs in Buenos Aires ab. Vorigen Freitag erbot sich schließlich die kleine Pazifikinsel Guam, halb autonomes Territorium der USA, kleiner als Hamburg, dem moslemischen Flüchtling "aus christlicher Nächstenliebe" Asyl zu gewähren.
Am gleichen Tag fiel schon das erste Mitglied aus der Ex-Kaiserlichen Familie der Rache des Ajatollah zum Opfer. Vor seiner Pariser Wohnung wurde Scharia Mustafa Chafik, ein Neffe des Schah, erschossen. Chomeinis Chefrichter Ajatollah Chalchali übernahm die Verantwortung.
Ebenfalls am Freitag, während Schulkinder im US-Bundesstaat Maine ihren Gouverneur schon fragten: "Gibt es Krieg?", verkündete Rachegeist Ajatollah Chomeini eine neue, vielleicht die entscheidende Eskalation: Er forderte die Perser auf, "Amerika die Nase in den Dreck zu reiben". Innerhalb von 48 Stunden werde er das Datum für den angekündigten Spionageprozeß gegen einige der 50 gefangenen Amerikaner bekanntgeben.
Einen solchen Prozeß, hatte das Weiße Haus offiziell erklärt, werde der Ajatollah "nicht ungestraft" abhalten können.

DER SPIEGEL 50/1979
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