10.12.1979

Die Damen-Wahl

Nur ein Eiskunstlauftrainer weiß die gefüchteten Preisrichter richtig zu behandeln -- der Italo-Amerikaner Carlo Fassi aus Denver.
Vor dem Wettbewerb kommt Carlo
mit Blumen beim Kampfgericht vorbei. Die Männer unter den Zensoren begrüßt er kameradschaftlich, die Da-men küßt er chevaleresk. Wo es Spaß macht, auf den Mund, wo es Pflicht gebietet, auf die Hand. Doch jeder Kuß sitzt.
Wie gut, das merkt Eiskunstlauftrainer Carlo Fassi aus Denver hinterher an den Noten. Sie liegen bei seinen Läufern meist um ein paar Zehntel höher als bei der grimmig blickenden Konkurrenz. Die Fassination der Zensoren spürten bei der Weltmeisterschaft 1978 auch die Deutsche Dagmar Lurz und die Schweizerin Denise Biellmann, die im Preisrichterlager keine Lobby besitzen.
Dagmar Lurz wagte und stand in ihrer Kur zwei dreifache Sprünge, die Schweizerin als erste Läuferin der Welt gar vier, doch beide rückten nicht in die Medaillenränge auf. Dafür aber bekam die Fassi-Schülerin Susana Driano Bronze, obwohl sie nicht einen dreifachen Sprung riskiert hatte. "Das ist Betrug", empörte sich der frühere Weltmeister Donald Jackson.
Doch Fassis Susana erhielt einen Notendurchschnitt von mehr als 5,5, die Deutsche Lurz nur von 5,5. Wortführerin im Kampfgericht: die Italienerin Sonia Bianchetti-Garbato. Den Olympischen Spielen im Februar 1980 in Lake Placid kann Charmeur Fassi ruhig entgegensehen.
Inzwischen sind nämlich fast zwei Drittel aller Preisrichter im Eiskunstlauf Frauen. Auch in der Bundesrepublik sind von 168 lizensierten Notengebern 107 weiblich. Und "die Tendenz steigt ständig weiter zugunsten der Frauen", erklärt die deutsche Preisrichterin Erika Schiechtl.
Fur internationale Preisrichtereinsätze eignen sich vor allem Hausfrauen, deren Kinder aus dem Hause sind. Männliche Eiskunstlauf-Experten hält oft der Beruf vom Notenverteilen ab. Denn der Weltverband zahlt den Preisrichtern zwar Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten, aber keinen Verdienstausfall.
Trainer Carlo Fassi erkannte als erster und immer noch als nahezu einziger, was kleine Aufmerksamkeiten und Küsse für die Richter-Damen wert sind. Der smarte Italiener in Amerika baute in Denver zwei Eishallen, in denen seine Läufer üben. Bei ihm kostet eine Trainerstunde, die nur 20 Minuten dauert, 16 Dollar, bei seiner Frau, der früheren Frankfurter Eiskunstläuferin Christa von Kirschkowski 15 Dollar.
Der Chef arbeitet von "morgens um sechs bis Mitternacht", um künftige Medaillengewinner zu schulen. "Merkwürdigerweise kommen zu mir mehr Damen als Herren, denen ich die Exaktheit in der Pflicht und die Ausstrahlung in der KUr vermitteln soll." Für die Choreographie engagierte er einen Ballettmeister, der in Fassis eigenem Ballettsaal Beinstellungen und grazile Handbewegungen individuell einstudiert.
Bisher stellte Fassi, der selber zweimal Europameister und einmal Dritter der Weltmeisterschaft gewesen ist, drei Olympiasieger: den Engländer John Curry sowie die Amerikanerinnen Peggy Fleming und Dorothy Hamill. Dabei brachte er mehrmals sogar sonst eher chauvinistisch Noten gebende Sowjetrussinnen und DDR-Preisrichter dazu, seinen Läufern entscheidende Beliebtheits-Zehntel zuzubilligen. In einem Interview für das Ost-Berlin.er "Sport-Echo" bemerkte Fassi vor einer internationalen Veranstaltung: "Übrigens darf ich den DDR-Kampfrichtern ein Kompliment aussprechen: Sie haben jederzeit korrekt gewertet."
So was zieht dann -bei den Fassi-Läufern gute Noten auch in der starken Ostblock-Richterlobby nach sich. Auch wer chauvinistisch Zensuren gibt, findet bei Fassi sympathische Kandidaten. Für ihn starten beim nächsten Olympia Emi Watanabe aus Japan, Kristina Wegelius aus Finnland, Claudia Kristofics-Binder aus Österreich, Karena Richardson aus England und Susana Driano aus Italien, etliche Amerikanerinnen sowieso. "Zu Fassi kommt die halbe Damenwelt", schrieb der bundesdeutsche "Sport-Informations-Dienst".
Der Dortmunderin Dagmar Lurz bot Fassi an, bei ihm in Denver zu trainieren und "Weitmeisterin zu werden". Doch sie lehnte ab: "Ich habe keine Lust, in einer .Eislauf-Fabrik zu trainieren."
Statt dessen kam die in Santa Ana lebende Deutsche Garnet Ostermeier in Fassis "West Point des Eiskunstlaufs". Die Beliebtheit bei den Kampfrichtern übergeht Carlo Fassi ("Ich bin ein höflicher Mensch, das ist alles") und nennt sein eigentliches "Erfolgsgeheimnis": zwei Dutzend Läufer und Läuferinnen der Weltklasse, die bei ihm schon im Training höher springen, schöner tänzeln und besser Pirouetten drehen wollen als die anderen. Fassi: "Bei mir ist jeden Tag Olympia." Auch der beste Kürläufer der Welt, Robin Cousins, probt bei Fassi für Olympia und hofft insgeheim auf den Beliebtheits-Rabatt seines Trainers bei den Preisrichtern.
Nur einmal nützte auch Fassis Charme bei der Damen-Wahl nichts mehr. Als der Fassi-Läufer John Curry erklärt hatte, er sei homosexuell, wichen ihm die Blicke der Preisrichterinnen aus. Curry trat vom Wettkampfsport zurück.

DER SPIEGEL 50/1979
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