10.12.1979

Farbig und interessant

Pech fur Werner Herzogs peruanisches Projekt „Fitzcarraldo": Indianer überfielen das Film-Camp des „Freundes der Indianer“ und brannten es nieder.
Die Indianer kamen im Morgengrauen. In zwei Gruppen, über Land und in Booten, griffen mehr als 100 bewaffnete Aguarunas das Camp im peruanischen Dschungel an, Werner Herzogs Basis für seinen geplanten Fünf-Millionen-Dollar-Film "Fitzcarraldo".
Als erstes zerstörten die Indios die Funkstation, fesselten den Funker und attackierten die noch schlafenden Camp-Bewohner, etwa 50 Personen, zumeist Aguarunas. Sie wurden gewaltsam auf die Boote geschafft, das wichtigste Gerät, Stromgenerator, Radio, ihnen übergeben, dann setzten die Überraschungsgäste das Camp in Brand.
"Es fielen keine Schüsse, und Verletzte gab es auch nicht", sagt Werner Herzog, der zur Zeit des Überfalls, am vorletzten Sonnabend, nicht auf seinem Vorposten war. Es fielen keine Schüsse, aber es wurde ein dramatisches Signal gesetzt -- von den in ihrer Würde verletzten, mittlerweile zu allem entschlossenen Indianern.
Der seit Monaten währende Kleinkrieg um Herzogs Film-Projekt (SPIE-GEL 37/1979), der einen Wust von Gerüchten, Verdächtigungen und Verleumdungen produziert hat, ist so in ein Stadium geraten, das Kenner des Landes und der Indianer-Situation voraussahen: Anwendung von Gewalt.
Die phantastischste Szene des Herzog-Films -- ein Dampfer wird, von einem Fluß zum andern, über den Berg geschleppt -- sollte beim Indianer-Dorf Wawaim gedreht werden, an zwei Oberläufen des Amazonas.
Rund 1000 Indio-Statisten "mit langem schwarzen Haar" wollte Herzog für seinen Film verpflichten; dazu brauchte er Arbeiter für das Film-Camp, das er in der Nähe Wawaims aufschlagen ließ, außerhalb des indianischen Terrains.
Von Anfang an gab es Mißverständnisse, Ablehnung bei den Indianern, Fehleinschätzungen beim Herzog-Team. Die Indianer sahen in den Film-Menschen eine Neuauflage weißer Ausbeuter, die ihre Dorfstruktur störten und Zwietracht säten; Herzog, der auf dem Camp eine Sanitätsstation einrichten ließ, Agrar- und Wirtschaftshilfe anbot, gewann nicht das Vertrauen der Gemeinde.
Über peruanische Anthropologen und die deutsche Hilfs-"Gesellschaft für bedrohte Völker" gelangten Nachrichten vom Dschungel-Zwist, auch über den Auftritt eines schießwütigen Militärs, in Herzogs Heimatland -- der Filmemacher stand plötzlich als menschenrechtsverletzender Buhmann da; der "Stern" konterfeite die Aguarunas als halbnackte Wilde.
Die Aguarunas sind einer der bestorganisierten Stämme Perus. Sie haben sich mit einem anderen Stamm zu einer Konföderation zusammengeschlossen, betreiben eigene Schulen und Handel und pochen auf die (vom Gesetz garantierte) Souveränität ihrer Territorien.
Am 30. September waren im Dreh-Dorf Wawaim offenbar die Würfel gefallen. Während einer sechsstündigen Vollversammlung -- der Münchner Ethnologe Manfred Schäfer, 30, nahm daran teil und dokumentierte auf Tonband -- erklärten die Indianer endgültig ihre Weigerung, die Fremden ins Dorf zu lassen und am Film mitzuarbeiten.
Ausschnitte aus dem Protokoll: Die Filmgesellschaft "hat eine Spaltung" in die Gemeinde getragen, durch Abwerbung den ordentlichen Schulbetrieb zum Erliegen gebracht, die kollektive Arbeitsweise des Dorfes gestört, dadurch wirtschaftliche Rückschläge verursacht.
"Hätten sie uns doch respektiert; uns haben sie wie irgendwelche Leute betrachtet, nicht wie vernünftige Leute, sondern wie Tiere." Und: "Wir haben vier Monate mit der Schreibmaschine gekämpft." Schließlich: "Wir werden uns verteidigen bis zu den letzten Konsequenzen."
Der Überfall auf das Camp kam für Herzog offenbar überraschend: "Die Probleme mit den Aguarunas und uns hatten sich weitgehend beruhigt"; es gab "direkte Verhandlungen" mit dem "Rat" der Aguarunas und mit dem "Büro des Staatspräsidenten".
"Mit Vorbedacht" hatte das Team "die Präsenz im Camp heruntergeschraubt", nur der Medizinposten ("bisher über 1000 kostenlos behandelte Fälle") und die Arbeit des Landwirtschaftsexperten wurden weitergeführt.
Die Präsenz sollte gering sein, "weil wir die Dreharbeiten verschoben haben, weil wir uns auch nach anderen, alternativen Drehorten umsehen wollten." Herzog vermutet Drahtzieher und innerpolitische, peruanische Probleme hinter dem Überfall; "wir sind es", sagen die Wawaimer, "die nicht wollen".
Die Brandschatzung, sagt "Freund der Indianer" Herzog, "ist ein schwerer Schlag, aber wir sind ganz kühl dabei". Das Film-Projekt sei jetzt für ihn "farbig und interessant geworden". Das nächste Mal im nächsten Dorf.

DER SPIEGEL 50/1979
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